Silberkonfirmation 20. Juni 2004

 
Rückblick auf 1978 und 1979

F Wir feiern Silberkonfirmation. Dabei blicken wir zurück auf ein Ereignis vor 25 oder 26 Jahren.

A Wahnsinnig, wie die Zeit vergangen ist. Ich kann mir kaum vorstellen, dass das schon so lange her ist. Manches kommt mir so vor, als wäre es gestern geschehen.
F Es sind nicht nur viele Jahre vergangen. Es ist auch viel passiert in dieser Zeit. Zwischen vierzehn und vierzig liegt ein Riesenunterschied. Wenn man vierzehn ist, kann man sich nicht vorstellen, wie das Leben mit vierzig aussieht. Umgekehrt denkt man mit vierzig: Ein Glück, dass ich nicht mehr vierzehn bin.

A Ja, um die vierzehn rum passiert eine ganze Menge. Die Entwicklung, die da in einem vor sich geht, nimmt einen voll und ganz in Beschlag. Man ist hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt und mit Musik. Was da in dieser Zeit sonst noch passiert, interessiert höchstens am Rande.

F Kannst du dich erinnern, welche Musik damals "in" war?

A Abba brachte 1979 "Chiquita" heraus. Die Scorpions hatten viele Fans. Viele junge Leute hörten härtere Sachen. Der Punk war groß in Mode. Die Punk-Bands traten betont aggressiv auf, so war auch ihre Musik. Ich selbst habe gern Soft-Rock gehört.

F Ich will noch ein paar andere herausragende Ereignisse dieser Zeit nennen. Da zur Zeit die Europameisterschaft läuft, beginne
ich mit einer Erinnerung an die Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien. Im letzten Gruppenspiel traf der amtierende Weltmeister
Deutschland auf Österreich. Mit einem Sieg wäre Deutschland ins Halbfinale gekommen. Doch Österreich gewann mit 3:2, beide
Mannschaften schieden aus. Deutscher Meister 1978 ist übrigens - man höre und staune - der 1. FC Köln geworden. Er beendete die Ära von Borussia Mönchengladbach. 1979 gewann der HSV die Meisterschaft.

A Gab´s auch sonst noch was Wichtiges? Fußball ist nicht je-dermanns und schon gar nicht jeder Fraus Sache.

F Ja, 1978 war das Jahr, in dem es drei Päpste gab. Papst Paul VI. starb am 6. August. Drei Wochen später wurde Albino Luciani zu seinem Nachfolger gewählt. Er nannte sich nach seinen beiden Vorgängern Johannes Paul I.
Seine Amtszeit dauerte nur 33 Tage. Ich weiß noch, wie ich morgens im Radio Nachrichten hörte und es plötzlich hieß: Der Papst ist tot. Ganz plötzlich ist er gestorben. Manche munkeln bis heute, dass es kein ganz natürlicher Tod war. Jedenfalls musste schon wieder ein neuer Papst gewählt werden. Es wurde Karol Wojtyla. Der zog am 16. Oktober 1978 als Johannes Paul II. im Vatikan ein.

A Wer regierte eigentlich in Deutschland zu der Zeit?

F Ende der siebziger Jahre regierte noch eine SPD/FDP Koalition unter Leitung von Bundeskanzler Helmut Schmidt. 1982 kam Kohl an die Macht durch den Partnerwechsel von Hanns-Dietrich Genscher und seiner Partei. In Nordrhein-Westfalen übernahm nach dem Rücktritt von Heinz Kühn Johannes Rau am 20. September 1978 das Amt des Ministerpräsidenten. Er erreichte bei der Wahl zwei Jahre später mit 48,4% der Stimmen zum ersten Mal die absolute Mehrheit.

A Und was geschah in der großen weiten Welt?

F Ein anderes Ereignis, dessen Folgen bis heute reichen, war der Gipfel von Camp David. Auf Einladung des amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter trafen der israelische Ministerpräsident Menachem Begin und Ägyptens Präsident Anwar as-Sadat zu Verhandlungen in Camp David zusammen. In schwierigen Verhandlungen einigten sich die drei auf eine Nahost-Friedenslösung. Der Friedensvertrag kam schließlich im März 1979 zustande. Doch er war nicht viel wert. Sadat wurde zwei Jahre später ermordet, wie auch der israelische Präsident Rabin, der noch einmal einen Vorstoß zum Frieden wagte.
Auch der mittlere Osten entwickelte sich zu einem Krisenherd, der sich bis heute nicht beruhigt hat: 1979 marschierte die Sowjetunion in Afghanistan ein. Im Iran übernahm Ayatollah Khomeini die Macht. -
Aber wie sah das Leben einer vierzehnjährigen damals aus?

A Das normale Leben der Vierzehnjährigen unterschied sich sehr von dem der Jugendlichen heute. Es gab noch kein Privatfernsehen. Es gab noch keinen Computer in fast jeder Wohnung. Es gab noch keine Handys in jeder Hosentasche.

F Dafür gab es noch die DDR, die Deutsche Demokratische Republik. Es gab die Mauer quer durch Deutschland und durch Berlin. Es gab Jugoslawien als Vielvölkerstaat. Es gab die Sowjetunion. Es gab den Rüstungswettlauf zwischen West und Ost. Der Westen rüstete auf mit Mittelstreckenraketen, die hier in Deutschland gelagert wurden. Es begann die große Zeit der Friedensbewegung.

A Es gab die D-Mark. Eine Eiskugel kostete zwanzig Pfennig und eine Langspielplatteplatte 19,80 Mark. Zur Konfirmation konnten einzelne immerhin schon dreitausend Mark einnehmen. Im Allgemeinen war der Ertrag aber erheblich niedriger. Die Gemeinde hatte zu der Zeit um die 6000 Mitglieder. Sie war aufgeteilt in zwei Bezirke. Im 1. Bezirk, in Altwanheim, war Helmut Blank Pfarrer. Im 2. Bezirk, Angerhausen, löste Okko Herlyn im Oktober 1977 Wilfried Schlee ab. Ich gehöre zu dem Jahrgang, der mit Wilfried Schlee angefangen hat und von Okko Herlyn konfirmiert wurde.

F Damals, am Ende der siebziger Jahre ereignete sich an vielen Orten ein Umbruch in der Gestaltung des Unterrichts. Die so ge-nannten 68er, Angehörige rebellischer Jahrgänge, kamen in den Beruf. Der Frontalunterricht mit Auswendiglernen war out. Man lernte als junger Vikar in den Pädagogisch-Theologischen Instituten, kreativ auf die Jugendlichen einzugehen.

A Im Knevelshof haben Konfirmanden eine kreative Einheit dazu genutzt, ihren Pfarrer auszusperren. Der hatte eine Müllsam-melaktion gestartet. Die Konfirmanden waren längst alle mit ihrem gesammelten Müll zurück in dem alten Gemeindehaus. Als der Pfarrer kam, fand er die Tür verschlossen vor. Ansonsten ist nicht viel hängen geblieben von dem, was im Konfirmandenunterricht geschah. Selbst von der Konfirmation wissen die meisten kaum mehr etwas. Obwohl es doch für viele ein sehr wichtiger Tag war.
Die meisten sind gern zum Unterricht gegangen sind. Es war eine nette Atmosphäre da. Wir hatten Spaß, dass wir mit anderen zu-sammen kamen. Schade nur, dass so wenige davon heute gekommen sind.

F Die meisten haben den Kontakt zur Gemeinde verloren. Das spiegelt sich heute wieder. Kirche ist einfach im Bewusstsein der Vierzigjährigen weit weg.

A Darum finde ich wichtig, durch solch ein Fest erinnert zu werden: Ich bin konfirmiert und gehöre zur Gemeinde. Noch etwas ist natürlich wichtig an so einem Tag: Man möchte sehen, was aus den anderen geworden ist. Viele hat man ja seit der Konfirmation nicht mehr gesehen. Und es ist schön, den Pastor von damals wieder zu sehen. Ich freue mich auf das, was dieser Tag noch bringt.

 

Nachbetrachtung zur Silberkonfirmation 2004

Elf kamen zur Silberkonfirmation. 118 sind es gewesen, die in den Jahren 1978 und 1979 konfirmiert wurden. Ungefähr 90 von ihnen haben direkt oder über ihre Eltern eine schriftliche Einladung erhalten.
Für die elf war es eine schöne Erinnerungsfeier. Zumal sie ihren Pastor wiedersehen konnten, Helmut Blank bzw. Okko Herlyn. Nach dem bewegenden Gottesdienst ging´s hinüber ins Gemeindehaus, wo pünktlich um halb eins ein Buffet anrollte. Das Essen war reichlich und schmeckte vorzüglich. Die Siedler vom Feld brachten ein Fass Altbier, das bei ihrem Fest am Vorabend nicht ganz leer geworden war. Der frisch gezapfte Gerstensaft fand dankbare Abnehmer und Abnehmerinnen.
Okko Herlyn erinnerte sich an seine Anfänge in Wanheim. Unter den Jubilaren waren ein paar, die zu seiner ersten Konfirmandengruppe gehörten. Etwas ernüchtert war er, so ließ er durchblicken, dass so wenig von seinem Unterricht hängen geblieben ist. Getröstet hat ihn, dass die meisten doch gerne gekommen sind und insgesamt mit guten Gefühlen an die Konfi-Zeit denken. Auch er bedauerte, wie alle anderen, dass so wenige der Einladung gefolgt sind.

Die seit Jahren trotz intensiver Werbung ständig geringer werdende Teilnahme an der Silberkonfirmation kann als ein Zeichen verstanden werden: Menschen, die sich zur Kirche halten, sind eine Minderheit in unserem Land. Das hat eine, die gekommen ist, auch deutlich so gesagt: "Im Betrieb lachen die mich aus, wenn ich sage, dass ich hin und wieder zur Kirche gehe. Oder sie schütteln verständnislos mit dem Kopf. Die meisten in meinem Alter sind längst ausgetreten."
Die Kirche hat schlechte Karten, vor allem bei jüngeren Leuten. Das ist kein Vorwurf gegen die Menschen, die sich von der Kirche fernhalten. Es ist eine nüchterne Beschreibung dessen, was wahrzunehmen ist.
Der Grund dafür liegt sicher zum Teil bei der Kirche selbst. Sie zeigt viel zu wenig von ihrer Botschaft. An ihr selbst, an dem Miteinander in ihren Gremien, an dem, wie Kirchenleitungen mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern umgehen, müsste etwas von der Person erkennbar sein, auf die Kirche sich bezieht. Aber Kirche hat sich in ihren Strukturen zu sehr den herrschenden Marktmechanismen gleich gemacht. Sie ist nicht mehr zu erkennen als eine Einrichtung, in der es anders zugeht als in Betrieben und in der Politik. Wenn es um die Kirche als Arbeitgeber geht, sagen viele Menschen, die sich auskennen: "Hör mir auf mit Kirche. Da wird genauso mit Ellenbogen gekämpft wie anderswo. Darüber wird dann noch ein frommes Mäntelchen ausgebreitet. Man tut so brüderlich, in Wirklichkeit geht es knallhart zur Sache wie überall." Kirche macht sich einfach selbst an vielen Stellen unglaubwürdig. So auch, wenn ihr oberster Repräsentant, der Ratsvorsitzende Bischof Huber, auf die Fragen eines Arbeitslosen Dinge von sich gibt, die so peinlich sind, dass er selbst sie nicht veröffentlicht haben will.
Der andere Grund, warum die Kirchenmitglieder eine Minderheit sind, liegt in der Botschaft der Kirche selbst. Appelle zur Solidarität, zum gerechten Teilen miteinander, zum schonenden Umgang mit der Umwelt passen nicht in eine Zeit, in der möglichst viele Reichtümer anzuhäufen das höchste Ziel ist. Salz der Erde soll die Kirche nach Jesu Worten sein. Das heißt: Er selbst hat damit gerechnet, dass seine Nachfolger immer eine Minderheit bleiben. Denn Salz braucht die Suppe nur in geringem Maße. Zu viel davon macht sie ungenießbar.
Sein Wort ist zugleich eine große Ermutigung, sich als Minderheit kräftig einzubringen in das Ganze. Die Gesellschaft braucht die Kirche. Nicht als eine Einrichtung, die sich gleich macht mit allen anderen. Sondern als eine, die zeigt, wie es anders gehen kann. Die das lebt, was Jesus ihr vorgelebt hat.