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Predigt zu Johannes 9,1-7
5. August 2001
8. Sonntag nTr
 
"Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben." So spricht Jesus im Johannes-Evangelium. Viele Eltern wählen diesen Vers als Taufspruch für ihr Kind aus. Das Bild vom Licht des Lebens rührt sie an. Sie wünschen ihrem Kind, dass ihm immer ein guter Stern auf seinem Weg leuchtet, dass immer ein Licht scheint, auch dann und gerade dann, wenn es dunkel ist.

Das hoffen nicht nur Eltern für ihr Kind. Das, so glaube ich, wünschen wir alle uns. Dass Licht unsere Wege hell macht, dass ein heller Schein in unsere Herzen leuchtet.

Ich habe in den vergangenen Tagen mit vielen Menschen zu tun gehabt, die jetzt durch ein finsteres Tal gehen. Sie haben einen Angehörigen verloren, der ihnen lieb und vertraut war. Trauer und Schmerz sind wie ein dunkle Wolke, die das Gemüt bedeckt und schwer macht. Bei den Gesprächen und Trauerfeiern habe ich aber auch erlebt, dass immer wieder ein Lichtschein in das Dunkle fällt. Das Dunkle bleibt nicht dunkel, jedenfalls nicht ständig, es wird immer wieder von einem Licht durchbrochen. Das Licht ist manchmal ganz schwach und zart, kaum wahrzunehmen. Man muss es sehen.

So ist es überhaupt mit dem Licht, das Gott in unsere Welt gesandt hat und jeden Tag auf´s neue sendet. Es ist oft nur schwer zu erkennen, es fällt nicht gleich ins Auge, das Licht, das den Namen Jesus Christus trägt.

Davon handelt der Text, der uns heute zu bedenken gegeben ist. Vom Sehen und vom Nicht-Sehen. Da ist von einem die Rede, der ist blind. Blind schon von Geburt an.

"Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war." Bevor er von diesem Blinden erzählt, spricht der Text von Jesus. Jesus ging vorüber. Er war auf dem Weg irgendwohin. Im Gehen kommt er an einem Menschen vorbei. Und er sieht ihn.

Dies ist wichtig, dass wir es festhalten für uns. Jesus, das Licht der Welt, sieht den Menschen, nimmt ihn wahr. So kommt sein Licht zu dem Menschen.

Gesehen werden, wahrgenommen werden mit ihrem Schmerz, so erleben Trauernde unter uns, wie Licht in das Dunkle kommt. So erleben wir es auch in unserem ganz normalen Alltag, wenn wir anderen Menschen auf der Straße begegnen: Es ist wichtig, dass wir uns gegenseitig sehen und das auch kundtun, zum Beispiel mit einem Gruß: Ich habe dich wahrgenommen. Ich gebe dir einen guten Wunsch, einen Segenswunsch mit auf den Weg.

Diese einfache Geste von Mitmenschlichkeit hat einen unschätzbaren Wert. Sie ist ein Lichtstrahl, der in unser Leben fällt oder den wir in das Leben eines anderen Menschen senden. Mir ist das jetzt noch einmal ganz bewusst geworden bei der Begegnung mit einem Menschen am vergangenen Sonntag Nachmittag. Er stand vor seiner Haustür, wir fuhren mit den Rädern vorbei. Im Vorbeifahren haben wir uns zugewinkt. Am anderen Morgen war dieser Mensch schon nicht mehr da. Er ist einer von denen, die wir in der vergangenen Woche beerdigt haben. Mir ist die kurze Begegnung mit ihm sehr wichtig geworden. Es ist ja so etwas wie ein Abschiedssegen, den dieser Mensch uns zurück gelassen hat.

Gesehen, wahrgenommen werden, wir leben davon, wir brauchen das wie das tägliche Brot. Menschen, die niemand sieht und wahrnimmt, verkümmern, gehen ein, wie eine Blume, die kein Licht bekommt.

Jesus sieht, auch im Vorbeigehen. Und er will die Menschen, er will auch uns zum Sehen ermuntern. Doch da ist einer, der ist blind. Der kann nicht sehen. Jedenfalls nicht mit seinen Augen. Vielleicht sieht er auf andere Weise. Vielleicht sieht er, was Menschen mit gesundem Augenlicht verborgen ist. Der Fortgang der Geschichte wird uns das verraten.

Doch zunächst geht es um das Sehen der Jünger. Beziehungsweise um ihr Nicht-Sehen oder ihr beschränktes Sehen. Beschränkt ist ihr Sehen durch die Raster, die sie im Kopf haben und in die sie diesen Menschen sofort einordnen. Das läuft automatisch ab. Wir kennen das auch von uns selbst: Sehen, einordnen auf Grund von bestimmten Erlebnissen, Vermutungen und Vorurteilen. Die Jünger sehen, der ist blind. In ihrem Kopf läuft das Raster ab: Krankheit, Blindsein ist Strafe für ein Vergehen. Also muss dieser Mensch gesündigt haben. Und wenn er von Geburt an blind ist, müssen seine Eltern irgendwas verbrochen haben.

Irgendjemand muss schuld daran sein. So fragen sie: "Wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?" Auch diese Frage ist uns wohl vertraut. Wenn eine schwere Krankheit oder ein Unglück einen trifft, dann steht auch unter uns und in uns selbst schnell die Frage im Raum: Warum? Womit habe ich das verdient? Wofür werde ich so gestraft? Was habe ich verbrochen? Wer oder was ist schuld? Diese Frage ist in die Vergangenheit gerichtet. Nehmen wir einmal an, es gäbe eine Antwort darauf. Jesus würde sagen: Die Eltern sind schuld, dass ihr Sohn nicht sehen kann. Was wäre mit dieser Antwort gewonnen? Die Jünger hätten eine Bestätigung für ihr Weltbild. Die Schuldigen sind gefunden. Im Stillen bedauern sie vielleicht noch den Mann, reden noch über die Schlechtigkeit der Eltern und der Menschen im Allgemeinen. Und das wär´s dann. Nichts würde sich ändern, alles bliebe, wie es ist.

Die Frage warum, die Frage nach dem oder der Schuldigen ist selten hilfreich in einer Krankheit oder einem Unglücksfall. Sie ist rückwärts gerichtet in die Vergangenheit. Selten gibt es eine Antwort darauf. Und wenn eine Antwort gefunden wird, dann hilft die auch nicht weiter.

Das ganze Hätte und Wäre und Wenn und Warum bringt keine Hilfe und kein Trost. Deshalb ist es auch eine Art Blindheit, wenn Menschen in diesem Raster verhaftet bleiben.

So wie die Jünger in unserer Geschichte. Ihr Blick geht in die Vergangenheit. Jesu Blick aber richtet sich in die Gegenwart und die Zukunft. Jesus sieht den Blinden. Er fragt nicht nach dem, was war. Er fragt nach dem, was jetzt ist und was in Zukunft sein kann.

Zu einem Blickwechsel von der Vergangenheit in die Gegenwart und die Zukunft fordert Jesus nun seine Jünger auf. Auf die Frage der Jünger, wer ist schuld?, antwortet er: "Niemand hat gesündigt, weder er, noch seine Eltern." So reißt er den Jüngern das Raster aus dem Kopf. Ihre beschränkte Sicht, die sie hindert, diesen Menschen wahrzunehmen mit dem, was er fühlt und was ihm vielleicht gut tun könnte.

 



Jesus lenkt den Blick der Jünger in die Gegenwart. Die ist offen für Gottes Handeln. Die Vergangenheit ist abgeschlossen. Was geschehen ist, ist geschehen, was nicht geschehen ist, ist nicht geschehen. Wir können die Zeit nicht zurück drehen. Aber die Gegenwart ist offen, offen für die Zukunft, offen für Gottes Handeln. Jesus hat fest daran geglaubt, dass hier und jetzt in jedem Moment Gott nahe ist und dass im Vertrauen auf die Nähe Gottes eine Wende zum guten möglich ist. Diesen Glauben hat er gelebt, mit diesem Vertrauen ist er anderen Menschen begegnet.

Er sagt seinen Jüngern mit Blick auf den Blinden: "Die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden." Jesus sieht den Menschen mit den Augen Gottes. Er sieht, wie ihm mit Gottes Hilfe geholfen werden kann. Und er fordert seine Jünger auf, sich dieser Sehweise anzuschließen. "Wir", sagt er und meint damit die Jünger und sich selbst, "wir müssen die Werke Gottes wirken, solange es Tag ist. Es kommt die Nacht, da niemand wirken kann."

Jesus greift damit ein altes Profetenwort auf, das heißt: Gebt dem Herrn, eurem Gott, die Ehre, ehe es finster wird und ihr auf das Licht wartet, während er es doch finster und dunkel sein lässt." (Jer 13,16) Ich verstehe das so: Die jetzt Zeit ist Zeit zum Handeln. Die Gegenwart ist Zeit, in Gottes Sinn tätig zu werden. Wenn diese Zeit verpasst wird und verstreicht, dann kann es irgendwann zu spät sein.

"Wir müssen die Werke Gottes wirken, solange es Tag ist." Nach dem Hinweis, dass es auch eine Nacht und ein zu spät geben kann, fährt Jesus fort: "Solange ich in der Welt bin, ist es Tag; denn ich bin das Licht der Welt."

Damit ist für uns jeder Tag, den wir erleben, ein Tag, die Werke Gottes zu wirken, im Sinne Gottes zu handeln und zu leben. Denn wir glauben: Jesus ist in der Welt. Er ist da durch sein Wort und seinen Geist und in der Gemeinschaft derer, die sein Werk fortsetzen.

"Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden". Es bleibt nicht bei Worten. Jesus unterstreicht was er sagt durch sein tun. Die Werke Gottes sollen offenbar werden. Dem Blinden sollen die Augen geöffnet werden für das Licht der Welt.

Spucke wurde zu Jesu Zeiten als Heilmittel für die Augen geachtet und angewendet. Jesus tut nichts Ungewöhnliches. Es sind alltägliche Verrichtungen, durch die das Licht der Welt offenbar wird.

Es kann allerdings nur offenbar werden, wenn der, der es sehen soll, selbst auch tätig wird. Jesu Licht kann nur leuchten, wo Menschen ihre Augen dafür öffnen, wo sie es sehen, sich davon erleuchten lassen, sich in den Lichtschein stellen und diesem Schein folgen. Jesus fordert den Blinden auf: "Geh zum Teich Siloah und wasche dich." Wie alles in der ganzen Geschichte hat auch der Name des Teiches eine Bedeutung. Siloah heißt übersetzt: Gesandt. Der Blinde soll zu einem Gesandten werden, zu einem Boten, der von dem Licht kündet, das mit Jesus in die Welt gekommen ist. Er soll sehend werden in einem umfassenden Sinn.

Damit das geschieht, muss er sich auf den Weg machen, muss selber Schritte gehen. Es ist viel, was Jesus dem Blinden zumutet. Weil er blind ist, hat er Jesus bisher nicht gesehen. Er hat ihn nur gehört.

Darin ähnelt seine Situation der unseren. Auch wir sehen Jesus nicht leibhaftig vor uns. Auch wir hören nur sein Wort und müssen uns darauf verlassen. So ist der Blinde ein Vorbild für uns. Johannes der Evangelist hat ihn bewusst als Vorbild für alle Glaubenden dargestellt.

Der Blinde verlässt sich auf das, was er gehört und gespürt hat und tut, was Jesus ihm gesagt hat. Er hört auf Jesu Wort, geht zum Teich Siloah und wäscht den Brei von Spucke und Erde aus seinen Augen. So wird er sehend. Nicht nur mit den Augen, auch mit dem Herzen hat er erkannt und verstanden: Jesus ist das Licht der Welt. Durch ihn wird Gottes Kraft und Güte offenbar. Jesus hat dem Blinden die Augen geöffnet für die ungeahnten Möglichkeiten Gottes.

Im Johannes-Evangelium folgt nun eine lange Schilderung über das Sehen und mehr noch über die Blindheit der Menschen in der Umgebung des ehemals Blinden.

Ist er es wirklich?, so fragen manche. Andere wollen von ihm wissen: Wie sind deine Augen aufgetan worden? Wer hat dir geholfen? Was hältst du von dem? Sie fragen dessen Eltern: Wieso sieht euer Sohn? Sagt ihr uns, wer ihm die Augen aufgetan hat? Die Eltern sagen: Wir wissen es auch nicht, fragt ihn doch selbst, er ist alt genug, um für sich selbst zu sprechen. Er selbst verweist immer wieder auf Jesus. Doch Jesus, seine Autorität und Vollmacht wird von der Umgebung des ehemals Blinden angezweifelt. Der bekennt: "Wäre dieser nicht von Gott, er könnte nichts tun." Weil er von Gott ist, kann er solche Zeichen und Wunder tun.

Doch es bleibt bei vielen Unverständnis. Sie sind zu sehr mit ihrem Denken gefangen in dem, was sie gelernt haben, in ihrem alten Weltbild und ihren alten Rastern. "Sind wir denn selber blind?", so fragen schließlich einige, die offenbar ahnen, dass Jesus ihnen eine neue Sehweise eröffnen will. Doch viele in der Umgebung des Johannes können und wollen Jesus als das Licht der Welt nicht erkennen.

Ich möchte dabei nicht verweilen, sondern einen Blick in unsere Gegenwart tun. "Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt", sagt Jesus. Und das heißt ja nun auch für uns, dass Jesus unsere Augen öffnen will für die guten Möglichkeiten, die Gott hat. Jeder Tag, den Gott werden lässt, ist ein Tag in seinem Licht. Wir können unser Leben und die Menschen um uns her mit seinen Augen sehen. Dann sehen wir, dass Gott auch an uns seine Werke wirken will, dass er uns trösten will, wenn unser Gemüt schwer ist von Trauer und Leid, dass er uns stärken will, wenn wir uns schwach und hilflos fühlen, dass er uns Mut machen will, wenn wir etwas Schweres vor uns haben.

Dann sehen wir auch, wie es dem anderen Menschen geht. Wir sehen, was ihm fehlt, was wir ihm Gutes tun können. In aller Regel können wir nicht einem anderen eine Krankheit abnehmen. Erst recht nicht können wir einem Trauernden den Menschen wiedergeben, den er oder sie verloren hat. Aber wir können da sein, zuhören, trösten, füreinander etwas tun, was stärkt und hilft. Jesus, das Licht der Welt, ermuntert uns, die Augen offen zu halten für den anderen Menschen und für Gottes gute Zukunft. So wird uns immer etwas einfallen, womit wir uns selbst oder einem anderen Menschen weiter helfen können. So werden wir Gesandte, die Gottes gute Werke wirken. Und das wollen wir als Christen ja auch sein.