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Apostelgeschichte 9,1-9
2. September 2001,
12. Sonntag nach Trinitatis
 

Liebe Gemeinde,
ich sage das heute Morgen ganz bewusst: Gemeinde. Denn es ist nicht selbstverständlich, dass es uns, die Christengemeinde, gibt. Im Grunde ist es ein Wunder, ein Wunder Gottes. Von Zeit zu Zeit ist es gut, uns das in Erinnerung zu rufen. Woher kommen wir und wozu sind wir da, darum geht es heute Morgen.
Woher kommen wir? Man kann es mit einem Satz sagen: Die Macht des Erbarmens, das ist der Ursprung der christlichen Gemeinde. Die Macht des Erbarmens, des göttlichen und des menschlichen Erbarmens.

Die Geschichte, die uns davon erzählt, fängt sehr gewalttätig an: "Saulus aber schnaubte mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn".
Wer war dieser Saulus? Ungefähr im Jahr 10 nach der Zeitenwende ist er geboren in Tarsos, einer Stadt im heutigen Anatolien. Sein Eltern waren strenggläubige Juden. Sie gaben ihrem Sohn den Namen des ersten israelitischen Königs: Saul, Scha-ul gesprochen. Der Erbetene, so lautet die Deutung dieses Namens.

Zu dem Zeitpunkt, als Jesus hingerichtet wurde, studierte Saul bei dem berühmten Rabbi Gamaliel in Jerusalem. Er hat Jesus nie persönlich kennen gelernt. Das weist darauf hin, dass Jesus ein wenig bekannter Mann war. Der kurze Prozess, der Jesus gemacht wurde, und seine Ermordung waren alltägliche Realität im römischen Reich. Die Öffentlichkeit nahm davon keine Notiz.

Dann aber machten in Jerusalem Leute von sich reden, die behaupteten: Jesus von Nazareth, der am Kreuz gestorben ist, der ist der Messias, der von Gott gesandte Retter der Welt. In ihm hat Gott sich offenbart.

Für einen gelehrten und gläubigen Juden, wie Saul einer war, konnte das nur die blanke Gotteslästerung sein. Sein Name verband ihn mit dem ersten Gesalbten Israels. König Saul hat die verschiedenen Stämme Israels zu einer schlagkräftigen Einheit zusammen geführt. Am Ende ist er an sich selbst gescheitert. Aber er hat einem anderen den Weg gebahnt, dem großen König David. Der hat ein Friedensreich in Israel errichtet. Unter seiner Herrschaft und der Herrschaft seines Sohnes Salomo ging es Israel zum ersten und wohl auch einzigen Mal in seiner Geschichte einige Jahrzehnte lang gut. Nach außen hin hatte das Land Ruhe vor seinen Feinden. Im Inneren blühte es auf, es war für einen begrenzten Zeitraum wirklich das Land, in dem Milch und Honig floss.

Nach Salomo teilte sich das Land in das Nordreich Israel und das Südreich Juda. Beide Königtümer wurden von den wechselnden Großmächten überwältigt. Jahrhunderte lang war das, was von Israel übrig geblieben war, ein Spielball fremder Mächte.

Als Saul heranwuchs, waren die Römer Herrscher im Land. Im jüdischen Volk gab es viele, die das Kommen des Messias sehnlichst erwarteten. Der würde stark sein wie König Saul, klug und umsichtig wie König David. Der würde Israel mit mächtiger Hand von den Römern befreien und ein Reich des Friedens in Israel aufrichten. Da würden alle sicher wohnen und leben können. So hofften viele Juden.

Nun aber traten einige mit der Botschaft auf, ein gewisser Jesus, der selbst der römischen Macht zum Opfer gefallen ist, sollte der Messias sein. Das war für Saul undenkbar. Den dreimal Heiligen Gott mit dem Verfluchten am Kreuz zusammen zu sehen, das war dem Saul unmöglich.

Und er fing an, die zu verfolgen, die sich als Anhänger dieses Jesus zu erkennen gaben. Offenbar hat er sich in eine einflussreiche Stellung hochgearbeitet. Er hatte die Macht, den Jesus-Jüngern viel Böses anzutun (V.13). Sein erklärtes Ziel war, sie zu vernichten (V. 21). Dem ist der gekreuzigte und auferstandene Herr selbst entgegen getreten.

Saul war auf dem Weg nach Damaskus, so erzählt Lukas. Damaskus ist eine im Landesinneren gelegen Stadt, ungefähr 90 km von der Mittelmeerküste und 200 km von Jerusalem entfernt. Sie liegt fast 700 m hoch. Deshalb herrscht dort ein mildes Klima.

Und es gibt da einen ungewöhnlichen Reichtum an frischem Wasser. Von den nahe gelegenen Bergen herab strömt ein Fluss, der sich in sieben Arme verzweigt und die Stadt mit Wasser versorgt. Das "Paradies der Erde", das "Auge der Wüste", die "Perle des Orients", so wurde diese Stadt genannt. Damaskus, so kann man vielleicht sagen, war das Zentrum im Heidenland, so wie Jerusalem das Zentrum der Juden war.

Auf dem Weg von Jerusalem nach Damaskus geht dem Saul im wahrsten Sinnes des Wortes ein Licht auf. Es umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel. Der, der von sich sagt: Ich bin das Licht der Welt, wendet sich dem zu, der bisher blind für dieses Licht gewesen ist.

Saul hört eine Stimme, die zu ihm spricht: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Jesus hat sich von Anfang an mit denen, die zu ihm gehören, in eins gesetzt. "Was ihr getan habt einem von diesen Geringsten unter meinen Schwestern und Brüdern, das habt ihr mir getan." Was verfolgst du mich?, so fragt die Stimme, die mit dem Licht vom Himmel dem Saul erscheint.

Er ist so überwältigt von dieser Erscheinung, dass er auf die Knie fällt. "Herr, wer bist du?", so fragt er zurück. Und der Gefragte antwortet: "Ich bin Jesus, den du verfolgst." Nahtlos schließt sich daran der Auftrag an: "Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst."

Paulus selbst beschreibt das von Lukas so dramatisch geschilderte Ereignis viel nüchterner: "Es gefiel Gott wohl, der mich durch seine Gnade berufen hat, dass er seinen Sohn offenbarte in mir." (Galater 1,16-17). An anderer Stelle erwähnt er nur kurz: "Zuletzt ist Christus auch mir erschienen".

Paulus, wie gesagt, ist Jesus nicht persönlich begegnet. Auch der Auferstandene hat sich ihm nicht leiblich gezeigt, so wie er sich der Maria Magdalena und den Jüngern gezeigt hat. Ausschließlich mit geistigen Auge hat Paulus den Auferstandenen gesehen. Sein leibliches Auge war blind. Das klingt in der Geschichte des Lukas an, wenn es da heißt: "Drei Tage konnte er nicht sehen".
Er, der Eiferer für den Glauben, der seinen Weg ging, immer gerade aus, der immer genau wusste, wo´s lang geht, der muss sich nun führen lassen. Und in der Stadt kommt einer zu ihm, einer aus der Gemeinde, die er verfolgt hat. Hananias, den hat Gott zu ihm gesandt. Und der legt ihm die Hände auf und spricht: "Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Weg erschienen ist, dass du wieder sehend und mit dem heiligen Geist erfüllt werdest."
Die Macht des Erbarmens, die erfährt Saul am eigenen Leib. Er kam, um seine Hand auszustrecken gegen die Anhänger Jesu. Und nun legt einer von diesem ihm segnend die Hände auf. Er meinte, Gott mit Schnauben und Wüten zu dienen und berief sich dabei auf ewige Glaubenswahrheiten. Und nun stellte sich ihm der lebendige Gott in den Weg. Der schenkte ihm die Erkenntnis, dass ein Mensch, der Gott dienen will, erst einmal ganz still werden und sich von Gott an die Hand nehmen lassen muss.

Dietrich Bonhoeffer hat das im vergangenen Jahrhundert ähnlich erlebt und so ausgedrückt: "Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen, dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern die Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube; und so wird man ein Mensch, ein Christ." (WE S.402)

Gott hat es so gefügt, dass Saul sich ihm in die Arme werfen musste. Blind und mit leeren Händen stand der vor ihm. Und Gott hat ihn verwandelt: Aus einem Eiferer gegen Christus ist ein Eiferer für Christus geworden. Statt Ungläubige zu bekämpfen, wird Saul von nun an seine Intelligenz, seine Energie dazu gebrauchen, Ungläubige für den Glauben zu gewinnen. Seine neue Existenz drückt sich auch in einem neuen Namen aus: Scha-ul oder lateinisch Saulus nimmt den Namen Paulus als zweiten Namen an. Das geschieht nach dem Bericht des Lukas nicht sofort nach dem sogenannten "Damaskus-Erlebnis". Sondern erst, als der Apostel zu seiner ersten Missionsreise aufbricht, nennt Lukas ihn bei seinem zweiten Namen: "Saulus aber, der auch Paulus heißt". (13,9)

Um Menschen zu gewinnen, muss er ihnen gleich werden, muss er ihre Sprache sprechen und sich mit ihnen auf eine Stufe stellen. Das hat Paulus erkannt. Er schreibt an einer Stelle, dass er den Juden ein Jude, den Nichtjuden ein Nichtjude war (1. Korinther 9,20). So ist er den Römern ein Römer geworden, indem er sich einen römischen Namen gab. Paulus heißt auf Deutsch klein, gering. Saulus, der Erbetene, ist zugleich Paulus, der Kleine, Geringe geworden.

Die Redewendung "vom Saulus zum Paulus" ist eine Fehldeutung der Geschichte. Paulus ist immer auch der Saulus geblieben, der Jude mit dem königlichen Namen. Nie hat er seine Zugehörigkeit zum jüdischen Volk verleugnet und in Frage gestellt. Für seine Reisen in die Heidenwelt hat er sich den Namen Paulus zugelegt, um den Menschen zu zeigen: Hier kommt nicht einer, der groß und erhaben sein will wie ein König. Hier kommt einer, der klein und gering ist, und alles, was er hat, das hat er von Gott.

So konnte Gott an ihm und durch ihn wirken. Von Damaskus aus hat Paulus die Botschaft von dem Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat, nach Kleinasien, Griechenland bis nach Rom gebracht. So sind außerhalb von Jerusalem im Heidenland christliche Gemeinden entstanden.

Woher kommen wir? Unser Grund und Ursprung ist, wie es auch hier in unserer Kirche heißt: Jesus Christus. Der hat sich dem Saulus in den Weg gestellt und ihn in seinen Dienst berufen zum Apostel. Bote, Gesandter, das bedeutet das Wort Apostel. Jesus hat ihn für würdig befunden, sein Bote zu sein.

Darin ist dem Saulus die Macht des göttlichen Erbarmens zuteil geworden. Menschliches Erbarmen hat er erfahren darin, dass Menschen seinen Botendienst angenommen und ihm dazu ihren Segen gegeben haben. So wie es Hananias stellvertretend für die ganze christliche Gemeinde getan hat.

Dass Gott sich erbarmungsvoll zuwendet und Menschen in seinen Dienst beruft, das hält bis heute seine Gemeinde am Leben.

Wir sind Gemeinde und als solche dazu berufen, durch unsere Existenz, durch unser Tun und Reden Zeugnis abzulegen von der Macht des Erbarmens. Hände auflegen, segnen, freundlich zusprechen, das ist unser Dienst. Hingehen zu denen, die in der Krise sind, wie Saulus es war, als Hananias zu ihm kam. Und obwohl alle wussten, was für einer Saulus war, nahmen sie ihn bei sich auf als Menschen, den Gott ihnen geschickt hat. So gehört es heute zum Tun der Barmherzigkeit, Menschen vergangene Fehler und Übeltaten nicht nachzutragen.

Mit Saulus-Paulus glauben wir, dass der allmächtige Gott sich mit dem geschundenen Mann am Kreuz verbündet und in ihm offenbart hat. Eben diesem Saulus-Paulus, der selber eine tiefe Existenzkrise durchmachen musste und am Boden lag, verdanken wir diesen Glauben. Wir sind Gemeinde, um in allen Krisen und in allem Leid den Glauben an den Gott zu bezeugen, der sich uns Menschen freundlich und erbarmungsvoll zuwendet, uns tröstet, stärkt und in seinen Dienst beruft.