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Predigt zu Offenbarung 3,7-13
9. Dezember 2001 - 2. Advent
Du hast eine kleine Kraft bewiesen
 

"Dem Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe:

Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige,
der da hat den Schlüssel Davids,
der auftut, und niemand schließt zu,
der zuschließt, und niemand tut auf:

Ich kenne deine Werke.
Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan,
und niemand kann sie zuschließen;
denn du hast eine kleine Kraft
und hast mein Wort bewahrt
und hast meinen Namen nicht verleugnet."

Das klingt wie ein Liebesbrief, den Johannes da an die
Gemeinde in Philadelphia schreibt. Und das, obwohl es in Philadelphia nur eine kleine christliche Gemeinde gab. Die Stadt selbst war auch eher unbedeutend. Ein kleiner unscheinbarer Flecken in Kleinasien, im Gebiet der heutigen Türkei. Dieser Flecken lag in einer Gegend, die immer wieder von Erdbeben erschüttert wurde. Im Jahr 17 unserer Zeitrechnung hat ein Beben die Stadt ziemlich zerstört. Die Bewohner lebten auf brüchigem Boden.

Brüchig war der Boden für die Christen in der Stadt auch von der politischen Lage her. Der römische Kaiser regierte über das damalige Zentrum der Welt. Sein Reich erstreckte sich von Südeuropa bis in den vorderen Orient. Er leitete seine Verordnungen ein mit den Worten: "Euer Herr und Gott befiehlt euch." (Grundriß der Geschichte, S.86) Als "Gott und Heiland" ließ er sich von seinen Untertanen verehren. Er verlangte, dass sie vor seinem Standbild niederknieten und ihre Opfer darbrachten. Wer sich dieser Verehrung entzog, hatte mit der Todesstrafe zu rechnen.
Christen glaubten an Jesus Christus als ihren Herrn und Heiland. Wenn jemand als Christ erkannt wurde, musste er mit einer Anklage rechnen. Ihm wurde der Prozess gemacht. Der Statthalter des Kaisers als der zuständige Richter befragte den Angeklagten, ob die Anklage zutreffe. Wer verneinte, musste den Bewies dafür antreten. Vor Götterstatuen und dem Kaiserbild musste er eine Opferhandlung vollziehen. Wer sich zu seinem Glauben bekannte, wurde ein zweites und drittes Mal befragt. Blieb er dabei, sich als Christ zu bekennen, wurde er zum Tode verurteilt. (Klaus Wengst, Pax Romana, S. 149)

Die Mitglieder der christlichen Gemeinde lebten in ständiger Gefahr. Es konnte jeden Tag passieren, dass sie von einem Nachbarn angezeigt wurden. Brüchig war der Boden unter ihren Füßen. Doch die Gemeindeglieder in Philadelphia haben Jesu Wort gehalten und seinen Namen nicht verleugnet. Dafür lobt sie der Seher Johannes. Er schreibt an den Engel der Gemeinde.

Dieser Engel ist so etwas wie das himmlische Gegenüber der Gemeinde, ihr Schutzengel und Botschafter. Die Gemeinde erhält Post von "ganz oben", gleichsam aus der "göttlichen Chefetage". Der da redet, nennt sich der "Heilige und Wahrhaftige". Er hat die Schlüssel zum ewigen Leben. Er sendet der Gemeinde einen Brief mit gutem Inhalt. Ein Brief voll Lob, ein Liebesbrief. Warm klingen die Worte, zu Herzen gehend:
"Du mit deiner kleinen Kraft, mit deiner geringen Dynamik, hast mein Wort bewahrt und meinen Namen nicht verleugnet."
Philadelphia, übersetzt lautet dieser Name "Bruderliebe", eine Gemeinde der kleinen Leute. Sie haben keine überragende Bedeutung, keine außerordentlichen Leistungen, keine weithin sichtbaren Blüten des Glaubens hervorgebracht. Eine in jeder Hinsicht schlichte, einfache Gemeinde. Ihre Mitglieder haben untereinander geschwisterliche Liebe geübt, und sie haben dem Herrn Jesus die Treue gehalten. Mehr nicht, aber auch nicht weniger haben sie getan, um sich vor Gott auszuzeichnen. Von den sieben Gemeinden, an die sich Johannes mit seiner Offenbarung wendet, wird nur noch eine weitere so gelobt wie Philadelphia: Die Gemeinde Smyrna. Sie galt als arm. Die Gemeinde von geringen Dynamik und die arme Gemeinde stehen im Urteil des erhöhten Christus an erster Stelle. Wohl deshalb, weil sie ihm, Christus, am ehesten entsprechen. In ihrer Gestalt spiegeln sie das Bild ihres Herrn. Von dem heißt es: "Siehe, dein König kommt, arm und reitet auf einem Esel" (Sacharja 9,9)

Wenn ich mir dieses kleine Philadelphia so anschaue, muss ich unwillkürlich an unsere eher unbedeutende
Gemeinde denken. Wanheim, das wissen wir alle, hat in der Stadt nicht den besten Ruf. Die Gegend hier ist sogar ziemlich in Verruf geraten. Was, wenn an uns ein
solcher Brief geschrieben würde? Wäre es auch ein
Liebesbrief wie an die Gemeinde in Philadelphia? Lassen wir es doch auf einen Versuch ankommen.

"Liebe Gemeinde in Wanheim! Gut, dass es euch gibt.
Schon lange schaue ich euch zu. Eure Kräfte sind beschränkt und oft meint ihr, nur wenig ausrichten zu könne.

Doch seht her, ihr mit eurer kleinen Kraft verleugnet mich nicht. Viele Menschen bei euch engagieren sich, ohne nach dem eigenen Nutzen zu fragen. Sie bieten den Kindern offene Räume an, besuchen alte und kranke Menschen oder helfen mit, die Gemeinde zu leiten. Vieles, was ihr tut, geschieht in der Stille. Kaum jemand nimmt Notiz davon. Doch die kleinen Dienste sind für den einzelnen Menschen, dem sie zugute kommen, unschätzbar wichtig und wertvoll. Ihr Menschen in der Gemeinde Wanheim leistet Lebenshilfe für andere. Durch euch erfahren Menschen, dass ihr Leben lebenswert ist, auch wenn ihr Lebenskreis sich sehr verengt hat.
Ihr trefft euch in verschiedenen Gruppen und ladet andere zu euch ein. Niemand, der in eurem Umkreis wohnt, muss einsam und für sich bleiben.
Ihr gebt euch Mühe, in dieser sich rasant verändernden Welt auf mein Wort zu hören und es zu befolgen. Das ist nicht immer einfach. Denn in eurer Welt gelten andere Maßstäbe und Grundsätze als meine. Da geht es nur noch um Macht und Geld und Ansehen. Wer sich an meine Gebote hält, gilt als verantwortungslos und rückständig. Ihr kommt treu zu den Gottesdiensten, um euch stärken zu lassen im Glauben an mein Wort. Ihr feiert die Gemeinschaft in meinem Geist.
So bewahrt ihr mir die Treue. Darum will ich auch euch bewahren. Durch meinen Geist will ich immer wieder eure Hoffnung stärken und euren Glauben festigen und euch ermutigen zu guten Taten. Haltet euren Glauben fest, dann wird eure Verbindung zu mir nie abreißen."

So könnte heute der Brief eines Sehers an unsere Gemeinde lauten. Klingt doch gut oder? Manche unter Ihnen werden vielleicht denken: Es ist doch ganz normal, was wir hier als Gemeinde tun. Nichts Besonderes. Das muss man doch nicht so hervor heben. So haben vielleicht damals die Mitglieder der Gemeinde in Philadelphia auch gedacht. Sie haben sich wohl auch gefragt hat, was sie denn Tolles geleistet haben, dass sie einen so freundlichen Brief voller Lob bekommen. Das schönste und wichtigste in diesem Brief ist aber nicht das Lob, sondern diese Zusage: "Ich habe vor dir eine Tür aufgetan, und niemand kann sie zuschließen."
Es ist die Tür zum neuen Jerusalem, der Stadt, die von Gott aus dem Himmel herab kommt. In dieser Stadt wird es heißen: "Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen. Denn er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein. Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein". (Kapitel 21,3-4) Für die Gemeinde in Philadelphia steht das Tor offen. Denn sie hat eine kleine Kraft bewiesen und den Namen Jesu nicht verleugnet.

Ich denke darüber nach, wo heute unsere kleine Kraft gefragt ist. Wir werden nicht verfolgt wie die Gemeinde in Philadelphia. Wir müssen nicht mit der Todesstrafe rechnen, wenn wir uns zu Jesus Christus bekennen. Und trotzdem ist es manchmal nicht einfach, Christ zu sein oder als Christ den Mund aufzumachen.
Ich denke dabei zuerst wieder an den Krieg. Für unsere Regierenden ist es ein Zeichen von Verantwortung, mit dabei zu sein beim Krieg Führen. Sie haben Krieg wieder zu einem Mittel der Politik gemacht. Und die Mehrheit der Medien und die Mehrheit der Bevölkerung folgt ihnen. Selbst die Partei, deren Mitglieder einmal der Friedensbewegung angehört haben, macht dabei mit. Und der Erfolg auf dem Schlachtfeld scheint ihnen Recht zu geben. Sie strahlen wie die Sieger. So als ob es eine Kunst wäre, ein am Boden liegendes Land mit Bombern aus der Luft vollkommen platt zu machen.
Die Zeche bezahlen wie immer die einfachen kleinen Leute. 177 Menschen, vor allem Kinder sind bereits an Hunger und Entkräftung gestorben. So stand es gestern in der Zeitung. Beobachter der Vereinten Nationen schätzen, dass 7,5 Millionen Afghanen vom Hungertod bedroht sind.
Auch bei uns in Deutschland und in Amerika werden die kleinen Leute bezahlen. Jeder Dollar und jeder Euro, der für den Krieg ausgegeben wird, fehlt für soziale Aufgaben, für Bildung, Gesundheit und die Schaffung von Arbeitsplätzen.

All das denken bei uns viele kleine Leute. Eine Frau, mit der ich in der vergangenen Woche gesprochen habe, sagte: "Ich habe das alles mitgemacht: Vertreibung aus Ostpreußen, die Flucht durch Eis und Schnee. Tagelang waren wir auf der Ostsee unterwegs. Das Schiff musste immer wieder anhalten, weil Minengefahr bestand. Heftige Stürme tobten über das Meer. Das Schiff schwankte fürchterlich, und wir haben gedacht: Hoffentlich gehen wir bald unter, dass alles ein Ende hat. Das alles kommt wieder in mir hoch, wenn ich die Bilder von dem Krieg sehe. Ich finde das nicht richtig, was die machen."
Öffentlich sagt so etwas kaum jemand. Unsere Kirche in Gestalt ihrer leitenden Personen und Gremien zum Beispiel riskiert es nicht, die neue Kriegspolitik zu kritisieren. Sie wagt es nicht, sich zur Friedensbotschaft Jesu zu bekennen. Weil sie dann mit heftigen Angriffen zu rechnen hätte.
Worte können wie Schläge sein. Die Worte der Kriegsbefürworter sind voller Verachtung gegenüber denen, die noch nicht begriffen haben, worum es geht.
Es kostet schon eine kleine Kraft, dabei zu bleiben, dass Krieg nach Gottes Willen nicht sein soll.

Ein anderes Beispiel: Auch sich in der Gemeinde nützlich zu machen, erfordert eine gewisse Kraft. Es gibt so viele verlockende Angebote, was wir mit unserer freien Zeit tun können. Wer sich in der Gemeinde engagiert, hat manchmal abfällige Bemerkungen von Nachbarn und Bekannten zu ertragen. Manchmal fragt man sich vielleicht auch selbst: Wofür machst du das eigentlich?
Es ist schon eine kleine Kraft nötig, dabei zu bleiben, immer wieder die Arbeiten zu machen, die kaum jemand sieht, für die es keine große Anerkennung gibt, die aber einfach gemacht werden müssen, weil es sonst nicht läuft.

"Du hast eine kleine Kraft und mein Wort bewahrt". Dies können wir auch uns gesagt sein lassen. Wir hier in Wanheim geben uns jedenfalls Mühe, mit unserer begrenzten Kraft Gottes Wort zu bewahren und danach zu leben. Deshalb glaube ich, dass wir auch die Zusage an die Gemeinde in Philadelphia auf uns beziehen können: "Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan".
Die Tür ist offen, dass wir als Kinder Gottes geschwisterlich in dieser Welt leben. Der Weg durch die Tür will freilich gegangen sein. Es ist ein Weg durch den Alltag, durch unsere Gegenwart, beleuchtet von der kommenden Gegenwart Christi.


(Mit Gedanken aus einer Predigt von Pfarrerin Ursula Kuhn
aus Neunkirchen)