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Predigt zu Jesaja 42,1-4
13. Januar 2002
Der Knecht Gottes - das Licht der Welt
1. Sonntag nach Epiphanias

Siehe, das ist mein Knecht - ich halte ihn - und mein Auserwählter,
an dem meine Seele Wohlgefallen hat.
Ich habe ihm meinen Geist gegeben;
er wird das Recht unter die Heiden bringen.
Er wird nicht schreien noch rufen,
und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen.
Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen,
und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.
In Treue trägt er das Recht hinaus.
Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen,
bis er auf Erden das Recht aufrichte;
und die Inseln warten auf seine Weisung.

Wir sind Auserwählte Gottes
Epiphanias, so heißt die jetzige Jahreszeit im Kirchenjahr. Sie gibt uns Gelegenheit, noch einmal inne zu halten, bevor wir wieder in unsere alltäglichen Geschäftigkeiten verfallen. Sie gibt uns Gelegenheit zu fragen nach dem woher und wohin.
Epiphanie bedeutet übersetzt das Erscheinen, das Sichtbarwerden. Die Epiphaniaszeit will uns etwas sehen lassen.

"Siehe" - so weist uns ein unbekannter Profet hin auf etwas, das es zu sehen gibt. "Siehe, das ist mein Knecht". Es ist Gott, der hier spricht. Die Szene, die der Profet schildert, erinnert an eine Zeremonie am Hof eines Königs. Gott hält den Knecht an seiner Hand und stellt ihn wie einen Minister seinem Hofstaat vor: "Mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat".

"Siehe" - wen oder was sehen wir, wenn wir von dem Knecht Gottes hören? Wir Christen sehen natürlich Jesus vor uns, auf den alles zutrifft, was von dem Knecht gesagt wird. In ihm hat die profetische Ansage eine Erfüllung gefunden.

Zu der Zeit, als der Profet redete, hat Jesus aber noch nicht gelebt. Mehr als fünfhundert Jahre sollten noch vergehen bis zu seiner Geburt. Angesprochen war das Volk Israel. Genauer gesagt der Teil des Volkes, der im Exil in Babylon lebte. Israel hat sich selbst als Knecht Gottes gesehen. In vielem, was von dem Knecht gesagt wird, kann Israel sein eigenes Schicksal erkennen.

Es ist die Stärke der profetischen Rede von dem Gottesknecht, dass sie offen bleibt für viele Deutungen.
So bleibt sie auch offen für die Gegenwart. Wir hören einen Hinweis aus einer fernen Vergangenheit, 2500 Jahre alt. Doch dieses "siehe" lässt uns auch etwas Gegenwärtiges sehen, nämlich uns selbst.
Wenn in dem Knecht sich Israel wieder erkennt, wenn wir darin Jesus Christus erkennen, dann können wir auch uns, das heutige Volk Gottes und Jesu Nachfolger darin sehen. Ich möchte allerdings nicht von Knechten und Mägden reden, sondern auf Bezeichnungen des Paulus zurückgreifen: Auserwählte Gottes, Heilige und Geliebte (Kolosser 3,12). Das sind wir oder wie der Evangelist Johannes schreibt: Freunde. (Johannes 15,15)

Lassen wir das jetzt so auf uns wirken, dass wir selbst als Gemeinde Jesu gemeint sind: "Siehe, das sind meine Auserwählten, an denen meine Seele Wohlgefallen hat."
Bei der Taufe ist es uns zugesagt worden: Du bist mein geliebter Sohn, du bist meine geliebte Tochter. An dir habe ich Wohlgefallen. Diese Zusage gilt.
Es tut gut, wenn wir uns das am Anfang eines neuen Jahres wieder einmal neu gesagt sein lassen. So groß und so wichtig denkt Gott von uns, dass er uns mit seinem Geist beschenkt und zu seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern macht.

"Siehe" - wir sehen den Knecht, wir sehen Israel, wir sehen Jesus, wir sehen uns. Und wir wissen hinter allen den, der seine Auserwählten mit Wohlgefallen betrachtet und mit seinem Geist begabt. Es ist Gott, der uns beruft und mit einem bestimmten Auftrag in die Welt stellt.

Wir haben einen Auftrag:
Eintreten für das Menschenrecht

Diesen Auftrag bekommen wir nun als nächstes zu hören: "Er, der Knecht, wird das Recht unter die Heiden bringen." Noch zweimal in dem Abschnitt wird das bestätigt: In Treue trägt er das Recht hinaus. Auf der ganzen Erde richtet er das Recht auf.
Das ist der zentrale Auftrag für den Knecht, für die Auserwählten Gottes. Es geht um das Recht. Es geht um das eine Recht auf Leben, in dem alle anderen Recht zusammen gefasst sind.

Hoch aktuell sind diese Worte. Sie behaupten, sie setzen voraus: Es gibt das Recht, das von Gott gegebene Recht auf Leben. Dieses Recht auf Leben beinhaltet weitere Rechte, die wir als die Menschenrechte bezeichnen: Das Recht auf Würde, auf Freiheit, auf Unverletzlichkeit und Sicherheit der Person, auf Erwerbsmöglichkeit und freie Berufswahl, auf Eigentum und Religionsausübung. Diese Rechte sind in viele Verfassungen demokratischer Staaten aufgenommen. Menschen haben diese Rechte. Und Gott setzt sich für sie ein. Das ist die Botschaft des Profeten aus der Exilszeit. Immer noch und immer wieder eine neue, gute Botschaft.

Nun ist immer wieder die spannende Frage: Wie macht das Gott? Wie handelt und wirkt Gott in unserer Welt? Wie setzt er sich ein für die Rechte der Menschen?
Zu hören bekommen wir die Antwort: Er beruft seinen Knecht. Er beruft Menschen. Denen gibt er den Auftrag, das Recht unter die Völker zu bringen. Diesen Auftrag haben auch wir.
Wir sollen auf die Rechte der Menschen hinweisen. Wir sollen die Beachtung und Durchsetzung der Menschenrechte einfordern von den Regierenden. Wir sollen selber mit Wort und Tat für diese Rechte einstehen. Indem wir das tun, bezeugen wir Gott.

Am Anfang eines Jahres gehen wir in uns und vergewissern uns: Wozu sind wir da als Kirche, als Gemeinde? Hier erhalten wir eine Wegweisung: Das Recht unter die Völker bringen, es hinaustragen und keine Ruhe geben, bis es überall aufgerichtet ist, bis es wirklich allen Menschen gewährt wird, das Gott gegebene Recht - das ist unser bleibender Auftrag.

Wenn ich mich umsehe in unseren Gemeinden, erkenne ich: Diesem Auftrag kommen wir nach. Menschen finden in unseren Gemeinden ein Zuhause. Menschen haben bei uns Räume, um sich zu treffen, um Freud und Leid miteinander zu teilen. Mühselige und Beladene können kommen und Trost finden. All das ist eine Weise, wie unseren Auftrag erfüllen.
Es bleibt darüber hinaus der öffentliche, politische Auftrag, das Recht unter die Völker zu bringen. Da müssen wir auch als Kirche beharrlich dran bleiben. "In Treue tragen die Auserwählten Gottes das Recht hinaus."

Wir haben eine Anleitung, wie der Auftrag auszuführen ist

Wie sie das tun, auch das bekommen wir zu hören. Besser wie sie das nicht tun: "Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen."
Der Knecht, der Bote Gottes tritt anders auf als die Boten der weltlichen Herrscher. Die schreien die Befehle der Obersten aus. Der Knecht Gottes macht kein Geschrei. Er wirkt im Stillen.
"Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen." So haben sich die angesprochenen Israeliten damals gefühlt: Wie ein geknicktes Schilfrohr, wie ein Docht, der nur noch glimmt und kurz vor dem Erlöschen ist.
So fühlen sich vielleicht auch manche unter uns. So fühlen sich inzwischen auch viele Hauptamtliche in der Kirche: Ausgebrannt vom dauernden Kampf um Finanzen und Strukturen. Ausgelaugt von den vielen Anforderungen und dem Gefühl, nie genug zu tun.
Auch in den Presbyterien geht es manchen so, dass sie sagen: "Wir reden nur über Geld und Strukturen. Das, was eigentlich unsere Aufgabe wäre, kommt nur noch am Rande vor: Die Sorge um die Seelen, das Feiern und Weitergeben der guten Botschaft. Von unserem öffentlich-politischen Auftrag ganz zu schweigen."
Heruntergebrannt wie eine Kerze am Weihnachtsbaum, die kurz vor dem Ausgehen ist, ich vermute, dies ist das Lebensgefühl vieler Erwachsener unter uns. Nicht nur in unseren Gemeinden. Auch in den anderen Lebensbereichen. Denn die unglaubliche Geschwindigkeit, in der wir leben, unsere sich noch immer weiter beschleunigende Schnelllebigkeit kostet Kraft. Viel Kraft.

Geknickt sind Menschen, wenn sie merken, dass sie nicht mehr mitkommen. Geknickt sind Menschen, die eine Erkrankung aus dem gewohnten Rhythmus bringt. Geknickt sind Menschen, die einen Verlust zu verkraften haben. Selbst zum Trauern ist heute kaum mehr Zeit.

Doch allem entgegen, was unser Gemüt betrübt, heißt es: "Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen." Nicht für ein Scheitern und Versagen steht das Bild von dem geknickten Rohr. So empfinden wir es oft, wenn wir mit unserer Kraft am Ende sind, wenn wir es nicht schaffen, die gestellten Anforderungen zu bewältigen. Wir empfinden es als ein Scheitern. Doch hier steht das Bild von dem geknickten Rohr für eine besondere Erwählung. Gott hält sein kleines versprengtes Volk Israel, Gott hält unsere verunsicherten und immer kleiner werdenden Gemeinden für wert und wichtig.
Das genickte Rohr, das er nicht zerbricht, dürfen wir hören als tröstendes Wort, als Zuspruch an uns selbst. Jesus, in dem der Knecht Gestalt geworden ist, hat geknickte Gemüter aufgerichtet, angeschlagene Seelen geheilt. Was er vor zweitausend Jahren als Mensch unter Menschen getan hat, das tut heute sein Geist. Jesu Geist ist unterwegs, um Betrübte zu trösten, um Verzagten Mut zu machen, um Kraftlose zu stärken.

In Jesu Geist und Namen sind auch Menschen in unseren Gemeinden unterwegs. Da fahren Frauen hin zu einer Nachbarin, die lange dazu gehört hat zum Kreis der Gemeinden und nun nicht mehr kann. Sie besuchen die Frau im Heim, zeigen ihr, dass sie weiter dazu gehört. Und manchmal erleben sie etwas, das wie ein Wunder ist: Dieser glimmende Docht von einem Menschenleben, aus dem kein gesprochenes Wort mehr hervorkommt, der kann noch singen. Der Mensch, der auf Grund seiner Krankheit nicht mehr sprechen kann, singt plötzlich, wenn andere ein bekanntes Lied anstimmen.
Nicht mit Geschrei, dafür mit treuem Dasein, mit Anteilnahme, mit Gebet und Lobgesang, so tragen Menschen aus unseren Gemeinden das Recht hinaus. Dasein bei den Menschen, die uns brauchen, das ist die Weise, wie wir als Auserwählte Gottes wirken können. Damit die, die wie ein geknicktes Rohr sind, spüren: Ich bin nicht abgeschrieben. Ich bin, auch wenn ich selber nicht mehr kann, ein Mensch, der ein Recht hat dazusein, ich bin ein Mensch, an den andere denken, für den andere da sind, der von anderen geachtet und geehrt wird.

Wir haben eine Hilfe

Das Recht hinaustragen überall da hin, wo Menschen abgeschrieben, ausgegrenzt, entmündigt und schlichtweg übersehen werden, als wären sie gar nicht da, dazu hat Gott uns als seine Auserwählten berufen. Auch wenn wir selbst manchmal wie ein geknicktes Rohr oder ein glimmender Docht sind, wir haben diese große Aufgabe.
Mit dieser Aufgabe sind wir nicht allein. Der Knecht, der den Namen Jesus trägt, wird nicht verlöschen und zerbrechen, bis er überall auf Erden das Recht aufgerichtet hat. Er sendet seine Weisung, er sendet seinen Geist, um uns zu stärken, um uns zu ermutigen, seiner Spur zu folgen.

Selbst die Inseln, die entlegensten Ecken der Welt warten auf seine Weisung. Viele, sehr viele Menschen auf der Erde warten darauf, dass sie das Recht bekommen, das sie von Gott her haben, dass ihnen das aller einfachste Recht auf Leben zugestanden wird. Viele auch bei uns warten darauf, als Menschen wahrgenommen zu werden. Damit beginnt jedes Menschenrecht: Dass ein Mensch als Mensch wahrgenommen und sein Recht auf Leben geachtet wird.

Epiphanie, sichtbar werden - was ist sichtbar geworden, was sehen wir? Wir sehen zu Beginn des neuen Jahres, woher wir kommen: Wir sind Auserwählte Gottes, haben eine göttliche Berufung und einen göttlichen Auftrag und Kraft von Gott, den Auftrag auszuführen.
Wir sehen, wohin wir gesandt sind. Das Recht haben wir hinauszutragen. Selber haben wir mitzuhelfen, dass das geknickte Rohr aufgerichtet wird und der glimmende Docht neue Kraft erhält.
Und wenn wir selbst als einzelne oder als Gemeinde müde und traurig sind, sollen wir wissen: Gott sieht uns als wert und wichtig an. Er sendet seine Weisung und seinen Geist, um aufzurichten, zu trösten und Mut zu machen.