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Predigt zu Apostelgeschichte 16,9-13
3. Februar 2002
Das Evangelium findet ein Zuhause
 

Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht:
Ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!
Am anderen Morgen machte er sich sogleich auf den Weg nach Mazedonien zu reisen; denn er war gewiss, dass ihn Gott berufen hatte, den Menschen in Mazedonien das Evangelium zu predigen.

Mit seinen Begleitern fuhr er von Troas ab. Sie kamen nach Philippi und blieben einige Tage in dieser Stadt.
Am Sabbat gingen sie hinaus vor die Stadt an den Fluss. Sie vermuteten dort eine Gebetsstätte. Und sie setzten sich und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen.

Unter ihnen war eine Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira. Die hörte zu. Und Gott tat ihr das Herz auf, so dass sie aufnahm, was Paulus sagte. Als Paulus seine Rede beendet hatte, ließ sie sich taufen zusammen mit ihren Angehörigen und Bediensteten.
Danach sagte sie zu Paulus und seine Mitarbeitern: "Wenn ihr überzeugt seid, dass ich an den Herrn glaube, dann kommt nun in mein Haus und seid meine Gäste." Sie nötigte die Apostel bei ihr zu bleiben.


Es beginnt mit einer Trennung und mit Misserfolgen
"Das Evangelium findet ein Zuhause." So kann man diese Geschichte überschreiben. Sie erzählt, wie das göttliche Wort zu einem Menschen kommt und sich in seiner Seele einnistet.
Eine spannende Geschichte, wie ich meine, die sich heute und überall wiederholen kann. Darum möchte ich sie Stück für Stück noch einmal nacherzählen.
Ich beginne mit meiner Nacherzählung bei der Vorgeschichte zu unserem heutigem Text. Sie handelt von Paulus. Paulus hat sich zur Lebensaufgabe gemacht, möglichst vielen Menschen das Evangelium von Jesus Christus zu verkünden. Das ist eine gute Botschaft; denn sie macht Menschenherzen froh und zuversichtlich. Sie handelt vom göttlichen Heil, das zu den Menschen kommt. Gott hat Paulus berufen, diese Botschaft in alle Welt hinaus zu tragen.
Drei große Reisen hat Paulus gemacht. Hunderte Kilometer ist er zu Fuß gewandert oder mit dem Schiff gefahren. Kein Weg war ihm zu weit und zu mühevoll. Auf seinen Wegen war er nicht allein. Gott hat ihn begleitet und geführt mit seinem guten Geist. Und Menschen waren an seiner Seite, seine treuen Mitarbeiter.
Nun entschließt Paulus sich, seine zweite Reise anzutreten. Da kommt es zum Streit mit seinem engsten Mitarbeiter. Die Boten der frohen Botschaft geraten so hart aneinander, dass sie sich trennen. So fängt die zweite große Reise des Paulus an. Mit einer Trennung und mit Misserfolgen.
Vielleicht geht es manchen unter Ihnen wie mir: Es ist beruhigend und tröstlich zu erfahren, dass es Konflikte selbst unter engsten Mitarbeitern schon immer gegeben hat. Konflikte, die zu Trennungen geführt haben.
Paulus sucht sich einen neuen Mitarbeiter für seine Reise durch Kleinasien. Sie ziehen durch das Innere der heutigen Türkei. Dort versuchen sie, ihre Botschaft zu verkünden. Doch sie haben keinen Erfolg. Niemand will sie hören. So wandern sie weiter.
Auch das ist also kein Problem unserer heutigen Zeit: Dass Menschen von Gott nichts hören und nichts wissen wollen. Es ist auch kein Problem der Verpackung. Dass wir unsere Gottesdienste nicht attraktiv genug gestalten, dass unsere Angebote nicht genügend an die Öffentlich-keit gebracht werden. Das alles ist nicht das Problem.
Das Problem oder besser: Eine Tatsache ist, dass viele Menschen mit der Botschaft von Jesus Christus nicht zu erreichen sind. Da können wir machen, was wir wollen, da können wir spektakuläre Events auf die Beine stellen, viele kommen einfach nicht. Oder sie kommen einmal zu einem besonderen Anlass und dann nie wieder. Nur eine begrenzte Anzahl von Menschen ist bereit, am Leben der Gemeinde teilzunehmen und dieses aktiv mit zu gestalten. Das ist so. Und ich finde, wir sollten froh über die sein, die da sind. Denn die, die da sind, die sind die Gemeinde, die machen Gemeinde aus, erfüllen sie mit Leben. Die nicht da sind, laden wir ein. Aber wenn sie der Einladung nicht folgen, müssen wir das nicht als unser eigenes Versagen ansehen. Es liegt an der frohen Botschaft selbst, dass sie nicht jeder Mann und jede Frau hören will. Es liegt an Gottes Geist. Der weht, wo er will. Aber er weht nicht überall zu jeder Zeit.

Gott gibt ein Zeichen
Der Geist verschloss Paulus den Mund, so das er aufhörte, in der Provinz Asien zu predigen. Gott führte ihn in die Hafenstadt Troas. Da hatte Paulus in der Nacht eine Erscheinung. Er sah einen Menschen in Mazedonien. Das liegt in Griechenland, von Troas aus gesehen auf der anderen Seite des Mittelmeeres. Der Mann rief Paulus im Traum zu: "Komm herüber und hilf uns."
Paulus deutet dies als ein Zeichen, einen Ruf Gottes. Auf ein Zeichen warten auch wir manchmal. Und ich glaube, Gott gibt auch uns Zeichen. Er zeigt uns immer wieder, wo es lang geht. Er führt uns auf unmerkliche, geheimnisvolle Weise. Ein Zeichen ist für mich, dass Menschen sagen: "Ich habe ja die Gemeinde." Dieser Satz sagt und zeigt, wofür wir als Gemeinde in erster Linie da sind und da zu sein haben: Gemeinde ist dazu da, dass niemand allein bleiben muss. Gemeinde ist für Menschen da, die sonst kaum jemanden haben. Für Alleinstehende, für Traurige, für Menschen, die Halt und Trost suchen. Um es mit einem Wort Jesu zu sagen: Gemeinde ist gesandt zu den Kranken und Schwachen; denn die Starken brauchen keine Hilfe.
Die Menschen hier im Ort, sie zeigen, was sie von der Gemeinde brauchen.
Gott gibt seinen Boten Zeichen. Er führt sie durch seinen Geist. Paulus setzt, vom Geist Gottes geführt, über nach Mazedonien. Zum ersten Mal betritt er europäischen Boden. Er kommt nach Philippi, einer Stadt am Meer.
Bisher hat er es so gemacht, wenn er in eine fremde Stadt gekommen ist: Er hat die Synagoge aufgesucht, das Versammlungshaus der gläubigen Juden. Menschen, die an Gott glauben, hat er von Jesus erzählt, in dem sich Gott auf neue Weise offenbart hat.
Der Glaube braucht etwas, wo er dran anknüpfen kann, einen Anknüpfungspunkt. Paulus sucht solch einen Anknüpfungspunkt, um Menschen in Philippi mit seiner frohen Botschaft anzusprechen.
Doch in Philippi ist keine Synagoge. So geht Paulus an einen anderen Ort, wo er Menschen erreichen kann. Er kennt es aus anderen Städten, dass Menschen an einem Fluss zusammen kommen, um dort zu beten.
Am Sabbat, dem Ruhetag und Versammlungstag der Juden, macht sich Paulus auf die Suche. Wenn er gläubige Menschen finden kann, dann an diesem Tag. Er geht an den Fluss draußen vor der Stadt Philippi. Zehn Männer müssen anwesend sein, damit nach jüdischer Sitte ein Gottesdienst stattfinden kann.
Paulus wartet. Einen weiten Weg hat er gemacht. Er hat Neuland betreten im wahrsten Sinne des Wortes. Auf einem für ihn neuen Kontinent befindet er sich nun. Werden Menschen kommen? So fragt er sich vielleicht an diesem Sabbatmorgen am Fluss vor Philippi. Hat es Sinn gehabt, den weiten Weg zu gehen? Ist der Ruf im Traum wirklich ein Ruf Gottes gewesen?
Letzte Sicherheit haben wir Menschen ja nie, dass etwas, das wir als Zeichen Gottes deuten, wirklich ein göttliches Zeichen ist. Wir müssen es glauben und hoffen. Und das ist immer ein Wagnis. Geduld und Ausdauer sind dazu nötig. Geduldiges Warten.

Ein Herz tut sich auf
Paulus hat in seiner nächtlichen Erscheinung einen Mann gesehen. Der hat ihn nach Mazedonien gerufen. Er ist dem Ruf gefolgt. Er wartet am Fluss in der Hoffnung, dass sich da ein paar Leute treffen. Zehn Männer müssen es sein, damit ein Gottesdienst stattfinden kann. Die sind weit und breit nicht zu sehen. Dafür ein paar Frauen.
Paulus erkennt, dass er offenbar zu diesen Frauen geschickt ist. Er trauert nicht denen nach, die nicht da sind. Er freut sich über die, die da sind, und kommt mit ihnen ins Gespräch. Er fängt an, ihnen von Jesus zu erzählen.
Aber was er sagt, berührt die Frauen offenbar nicht. Seine Worte haben sprechen nicht an, wecken keinen Glauben in ihnen. Nur bei einer ist das anders. Es heißt: "Lydia, der Purpurhändlerin, tat Gott das Herz auf. Sie hörte den Worten des Paulus gut zu und bewegte sie in ihrem Herzen." Die Predigt des Apostels ging ihr zu Herzen. Und sie ließ sich taufen zusammen mit ihrem ganzen Haus, mit ihren Angehörigen und Bediensteten. So findet das Evangelium ein Zuhause. Ein Mensch nimmt das göttliche Wort in sich auf und fängt an, nach diesem Wort zu leben. Der erste Schritt, den die Frau im Glauben tut, ist, sich taufen zu lassen.
So geschieht es oft, wenn Menschen die frohe Botschaft von Jesus Christus gehört haben: Sie wollen sich taufen lassen. Sie wollen in der Gemeinschaft der Getauften bleiben.
Lydia bittet Paulus und seine Mitarbeiter, bei ihr zu bleiben. Sie nötigt die Männer. Die können nicht anders, als ihre Einladung anzunehmen.
Das Warten des Paulus hat Erfolg gehabt. Ein Herz hat sich aufgetan. Ein Mensch, eine Frau hat sich von seinen Worten anrühren und bewegen lassen. Lydia wird die erste Christin in Europa. In ihrem Haus entsteht die erste Hausgemeinde auf europäischem Boden.
Offenbar kommt es dem Paulus nicht auf große Zahlen an. Es kommt ihm nicht darauf an, alle Menschen zu bekehren. Worauf es ihm ankommt: Dass hier und da eine kleine Zelle entsteht, wo der Glaube gelebt wird, von wo der Glaube weiter geben wird.
Im Nachhinein können wir staunend feststellen: Die Zellen, die Paulus angelegt hat, haben sich geteilt und über die ganze Erde ausgebreitet. Gott selbst hat diesen Zellen eine große Potenz gegeben. Sie haben die Stärke und die Fähigkeit zu wachsen und immer wieder neues Leben aus sich heraus zu schaffen.
Die Urzelle, aus der alles hervorgeht, ist das Wort Gottes. Dieses Wort hat die Kraft, Glauben zu wecken und zu stärken. Es hat die Kraft, Gemeinschaft zu stiften, zu einem Leben im Glauben zu ermuntern. Um die Zukunft des Glaubens brauchen wir uns also keine Sorgen zu machen. Das Wort Gottes wird seine Kraft entfalten, so lange es Menschen gibt, die das Wort hören und weiter geben. Solche Menschen werden immer da sein. Darum wird der Glaube immer wieder ein Zuhause finden.

Der Glaube braucht immer wieder neue Nahrung
Wie bei Lydia, der Purpurhändlerin in Philippi vor 1950 Jahren. Lydia sagt nach ihrer Taufe einen bemerkens-werten Satz zu Paulus und seinen Mitarbeitern: "Wenn ihr überzeugt seid, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus." Sie sagt diesen Satz, nachdem sie sich hat taufen lassen.
Ich höre Menschen unter uns manchmal sagen: "Ich habe meinen Glauben." Offenbar ist der Glaube aber gar nicht etwas, das man haben kann. Er kann einem nur zugesprochen werden. Und dann kann er in einem reifen und Früchte tragen. Der Glaube ist eine Pflanze, die in unserem Inneren wächst. Wie alles, was lebendig ist, braucht der Glaube immer neue Nahrung. Er muss gepflegt und gestärkt werden, sonst verkümmert er. Jeder Gottesdienst ist so etwas wie eine Gabe frisches Wasser für unseren Glauben.
Paulus lässt sich in das Lydias Haus einladen. Er sieht ihren Glauben und zeigt ihr das durch sein
Bleiben.
Wie können wir erkennen, ob wir glauben? Wer kann uns das sagen und zeigen? Die Geschichte weist uns darauf hin, dass wir uns das gegenseitig sagen und zeigen können.
Warum sind wir jetzt hier? Doch aus dem Grund, weil wir glauben. Wir sind hier, um uns in unseren Glauben stärken zu lassen durch unsere Gemeinschaft vor Gott. Darum bin ich gewiss: Das Evangelium, die gute Botschaft von Gottes Heil, hat auch unter uns ein Zuhause gefunden. Wir können getrost und zuversichtlich sein, dass es seine gute, froh machende Wirkung entfaltet.