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Predigt zu Psalm 28,7
9. Juni 2002
Silber-Konfirmation
Gott ist unser Schild
"Der Herr ist meine Stärke und mein Schild; auf ihn hofft mein Herz und ist fröhlich".
 

Damals bei der Konfirmation ist euch ein Wort aus der Bibel zugesprochen worden. Die einen haben sich ihren Konfirmations-Spruch selbst ausgesucht. Bei den anderen hat der Pastor einen Vers ausgewählt, den er euch persönlich zugedacht hat. So haben es manche empfunden: Das hat mir der Pastor als Geschenk mit auf den Weg gegeben. Ein Wort, an das ich mich halten kann, das mich tröstet und leitet.
Anderen war wichtig, sich den Spruch selbst auszusuchen. Eine hat sich zum Beispiel den Vers gewünscht, der hier über der Kanzel an der Wand steht. Sie hat gesagt: "So werde ich immer, wenn ich in der Kirche bin, daran erinnert."
Ob selbst ausgesucht oder vom Pastor, die meisten haben ihren Spruch behalten und aufbewahrt. Damals gab es eine Mappe, in die der Spruch eingelegt war. Jetzt zur Silber-Konfirmation haben viele diese Mappe noch einmal hervorgeholt.
Eine erzählte bei unserem Vorbereitungstreffen, dass der Vers ihr manches Mal geholfen, ihr Mut und Zuversicht gegeben hat. Ihre Mitkonfirmandinnen und der eine anwesende Mitkonfirmand fühlten sich von ihrem Konfirmations-Spruch ebenfalls angesprochen. So haben wir ihn ausgewählt zum Denkspruch für diese Silber-Konfirmation.

"Der Herr ist meine Stärke und mein Schild;
auf ihn hofft mein Herz und ist fröhlich".


Dieser Vers hat etwas Tröstliches und froh Machendes. Tröstlich ist, dass wir nicht allein dastehen. Wir haben einen Gefährten, der uns von Geburt an begleitet. Meistens tut er das still und unerkannt. Wir merken es nicht, weil wir nicht daran denken.
Dieser Tag bedeutet für euch eine Bestätigung der Konfirmation. So habt ihr gesagt. Darum ist heute Zeit und Gelegenheit, darüber nachzudenken: Wo und wie erweist sich Gott als Schutz und Kraft?
Die Bilder, die uns der Psalm anbietet, können uns helfen, eigenen Erfahrungen auf die Spur zu kommen.
Vor allem das Bild von dem Schild hat es einer aus eurem Kreis angetan. "Der Herr ist mein Schild".
Der Schild war zu biblischen Zeiten eine Schutzwaffe im Krieg. Man sieht ihn auch heute noch, wenn Polizisten gegen Steine werfenden Demonstranten vorgehen müssen. Der Schild dient dazu, Attacken des Gegners abzufangen und den eigenen Leib zu schützen.
Gott ist unser Schild. Das soll heißen: Wie ein Schutzschild im Kampf, so schützt uns Gott. Er umgibt unsere Seele mit einem sicheren Schutz, so dass sie behütet und bewahrt bleibt.

Gott beschützt unsere Seele


Das Bild von dem Schutzschild hat etwas Tröstliches. Es lässt uns aber auch an das denken, was das Leben bedroht. Denn wo ein Schutz benötigt wird, da müssen Gefahren sein.
Darum frage ich jetzt weiter: Welche Gefahren sind das, gegen die wir Gott als Schild und Schutz benötigen?
Bei der Suche nach einer Antwort geht mir durch den Kopf, was ihr bei dem Vorbereitungstreffen gesagt habt.
Ihr habt Rückblick gehalten und festgestellt: Früher war das Leben leichter. Ihr konntet Kind sein, frei und unbeschwert euch entwickeln, ihr konntet euch Zuhause fallen lassen, es wurde für euch gesorgt. Einigermaßen sorglos sind die meisten von euch aufgewachsen.
Heute ist alles komplizierter. Ihr seid keine Kinder mehr, ihr seid erwachen. Die Verantwortung für euer Leben tragt ihr nun selbst. Viele von euch haben Kinder, Ehe- und andere Partner, für die sie mit Verantwortung tragen. Das ist manchmal schön und beglückend, manchmal aber auch mühsam, mit Kummer und Leid verbunden.
Auch vom gesamten Umfeld her ist alles schwieriger geworden. Eine unübersichtliche Vielzahl von Möglichkeiten tut sich auf, was die Lebensgestaltung betrifft. So gut wie nichts ist mehr gesellschaftlich vorgegeben. "Alles ist möglich". Der Werbespruch eines Autoherstellers beschreibt unsere heutige Lebenssituation. Die große Auswahl an Möglichkeiten, das Leben zu gestalten, stellt eine große Freiheit dar. Andrerseits aber auch eine große Verunsicherung. Unser Lebensumfeld verändert sich mit rasender Geschwindigkeit.
Nur ein kleines Beispiel: Als die Älteren von euch geboren wurden, 1962, da gab es ein Fernsehprogramm in Deutschland, das Erste Deutsche Fernsehen. Am 1. April 1963 strahlte das Zweite Deutsche Fernsehen seine erste Sendung aus, damals noch in schwarz/weiß. Ich kann mich erinnern, wie Willy Brandt bei der Funk- und Fernsehausstellung 1967 einen Knopf gedrückt hat. Von da an gab´s das Farbfernsehen. Mit zwei Programmen, die am Nachmittag auf Sendung gingen, seid ihr groß geworden. Die Auswahl war überschaubar. Und man konnte davon ausgehen: Alle hatten das gleiche gesehen. Selbst das Fernsehen hatte noch etwas Verbindendes: Es lieferte Gesprächsstoff. Heute sind drei und mehr Apparate in einem Haushalt keine Seltenheit. Jedes Familienmitglied guckt sein eigenes Programm. Unterhaltung findet nicht mehr statt. Die Technik hat das Leben der Menschen in Beschlag genommen.
Ich finde das selbst manchmal beängstigend. Bei der Vielzahl und der Schnelligkeit der Veränderungen beschleicht mich hin und wieder das Gefühl, nicht mehr mitzukommen.
Es gibt noch etwas, das Angst macht: Die große Vielfalt der Möglichkeiten ist für viele Menschen nicht da, wenn es um eine Stelle geht, wo man arbeiten und Geld verdienen kann.
Und wer eine Stelle hat, der merkt: Im Beruf geht es oft richtig hart zur Sache. Ein kollegiales Miteinander, das hört man aus vielen Betrieben, gibt es nur noch selten. Die Menschen vereinzeln. Jeder ist seines Glückes Schmied. Damit sind wir alle mehr oder weniger auf uns selbst gestellt.
Aus all dem ziehe ich die Schlussfolgerung: Gefahr droht unserer Seele. Unsere Gemüter stehen unter einer dauerhaften Belastung und Anspannung. Die Unbeschwertheit eurer Kindheit ist einem ständigen Angestrengtsein gewichen. Das Leben ist anstrengend, und es gibt nur noch wenige Ruhepunkte und Erholungsphasen.
Die Frage war: Wofür brauchen wir heute ein Schutzschild? Was bedrängt und bedroht uns, so dass wir uns dagegen schützen müssen? Ich weiß nicht, ob ich euer Empfinden zutreffend beschrieben habe. Mein Empfinden jedenfalls ist: Bedrängt sind unsere Seelen durch allerlei Unsicherheiten, Ängste und Anforderungen, die oft zu Überforderungen werden.

Gottes Schutz erfahren wir durch den Glauben

Nun lautet die nächste Frage: Wie kann Gott ein Schild sein, der uns schützt?
Eine Antwort gibt uns der Psalm in seiner Gesamtheit.
Der Psalm beginnt so:

"Wenn ich rufe zu dir, Herr,
so schweige doch nicht.
Höre die Stimme meines Flehens,
wenn ich zu dir schreie,
wenn ich meine Hände aufhebe
zu deinem heiligen Tempel."

Ein Mensch fleht, er schreit, er hebt seine Hände. Wenn einer so etwas tut, ist er in Not. Er ist in einer Krise, wie wir heute sagen. Mit dem, was ihn bedrängt, was ihm große Angst macht, wendet er sich zu Gott.
Die ganze Szene spielt sich im Vorhof des Tempels ab. Der Tempel war von einer großen Mauer umgeben. Innerhalb der Tempelmauer lag der so genannte Vorhof. Dorthin kamen die Pilger, um im Tempel die großen Feste des Jahres zu feiern. Dorthin kamen auch allerlei Notleidende: Bettler und Arme, die auf Almosen warteten, Kranke, die Gott um Hilfe anflehten, Verfolgte, die im Tempel Schutz suchten. Laut und lebhaft ging es im Vorhof des Tempels zu.
Im Kontrast dazu steht die Stille, die im Innersten des Tempels herrschte. Dort im Innersten des Tempels, im so genannten Allerheiligsten, hatte Gott seine Wohnung. Dort, so war Israels Glaube, thronte Gottes Herrlichkeit über der heiligen Lade, dem kostbaren Kasten mit den Gesetzestafeln. Das Allerheiligste durfte nur einmal im Jahr ein Priester stellvertretend für das ganze Volk betreten, um dort ein Opfer zu bringen. In diesem Raum war es vollkommen dunkel und still.
Die Stille im Allerheiligsten gibt ein Zeugnis davon, dass Gott nicht nur ein redender Gott ist, der den Menschen seine Worte und Weisungen eingibt, sondern auch ein hörender Gott. Er stellt sich den Alltagsklagen seines Volkes, hört zu, wenn die Menschen ihm ihr Leid klagen.
In die Richtung des Allerheiligsten hebt der Beter im Vorhof des Tempels seine Hände. Von dort, von dem hörenden Gott her erwartet er seine Hilfe. Und er bekommt sie auch. Nachdem er sein Leid geklagt hat, bricht er in Jubel aus: "Gelobt sei der Herr; denn er hat erhört die Stimme meines Flehens."
Wie kann Gott ein Schutzschild sein für uns? Wie erfahren Menschen seinen Schutz? Das war die Frage. Der Psalm gibt darauf die Antwort: Durch den Glauben. Indem sich Menschen an ihn wenden, erfahren sie, dass sie auf unaussprechliche Weise getröstet und gestärkt werden. Indem sie auf seine Hilfe hoffen, erfahren sie, dass ihnen geholfen wird. "Auf ihn hofft mein Herz, und mir ist geholfen."
Darum halte ich jetzt fest: Der Glaube ist der Schild, der die Seele schützt. Was auch immer die Not, die Gefahr oder die Bedrohung sei, Gott hat für alles ein Ohr. Der Glaube an seine Nähe kann helfen, stärken und trösten in jeder Situation.

Gottes Schutz erfahren wir durch die Gemeinschaft

Gottes Hilfe erfahren Menschen im Gebet. Gottes Hilfe erfahren Menschen in der Gemeinschaft der Gemeinde. In der Gemeinde finden sich Menschen, die tun, was wir von Gott glauben: Sie hören zu, sie sind da, wenn sie gebraucht werden. Beides ist ein wirksamer Schutz gegen Ängste, die uns bedrohen: Der Glaube, dass Gott da ist, der uns behütet. Die Gewissheit, dass Menschen da sind, bei denen ich mein Herz ausschütten kann.
Wenn ihr zurück denkt, was euch in traurigen oder schwierigen Lagen geholfen hat, werdet ihr wahrscheinlich bestätigen: Andere Menschen.
Durch andere Menschen erweist sich Gott als schützender Schild. Und zwar durch Menschen, die in Gottes Sinn leben und handeln.
Was solche Menschen ausmacht, darüber habt ihr in eurem Konfirmandenunterricht gesprochen.
Eine von euch erinnerte sich: Euer Pastor, in dem Fall Wilfried Schlee, hat euch gefragt: "Woran erkennt man einen Christen?"
Die Antwort, die sie in ihr Heft geschrieben hat, lautete:

"Ein Christ trägt ein Kreuz,
er liest in der Bibel,
er geht zum Gottesdienst."

Diejenige, der dies eingefallen ist, war damals ein schüchternes Mädchen und traute sich nicht, im Unterricht nachzufragen. Sie hätte gern gewusst, ob das denn alles ist, was einen Christen ausmacht. Statt dessen hat sie die Frage in ihr Heft geschrieben: "Ist man dann wirklich ein Christ?" Der Pastor hat irgendwann die Hefte eingesammelt und durchgesehen. Als sie ihr Heft wieder aufschlug, sah sie, dass er eine Antwort unter ihre Frage geschrieben hat. Die Antwort hieß schlicht und einfach "Ja".
Ein Christ trägt ein Kreuz. Damit ist nicht oder nicht nur ein Schmuckstück gemeint, das man an einer Kette um den Hals trägt. Sondern damit ist gemeint, dass man Probleme, Leid im eigenen Leben wie im Leben anderer Menschen aushält und nicht davon läuft, wenn's schwierig wird. Dazu gehört auch, die eigenen Unzulänglichkeiten und die Fehler anderer Menschen zu ertragen.
Es geht um Mitmenschlichkeit. Dass Menschen einander wahrnehmen und wertschätzen mit ihren Macken und Unvollkommenheiten. Dass einer dem anderen freundlich gegenüber tritt, auch wenn ihm dessen Nase nicht passt oder dessen Äußerungen nicht gefallen. Für die bedingungslose Liebe zum Nächsten, dafür ist das Kreuz das Symbol. Und für Gottes bedingungslose Zuwendung zu uns.
Ein Christ liest in der Bibel. Das dient dazu, den Glauben zu stärken. Denn der Glaube ist etwas, an dem man Zeit Lebens lernen und üben muss. Dieses Lernen ist mit dem Abschluss des Konfirmandenunterrichts, mit der Konfirmation nicht zu Ende. Im Gegenteil: Da fängt es erst richtig an. Denn das macht einen mündigen, erwachsenen Christen, dass er sich selbst um seinen Glauben bemüht.
Das dritte, was euch Pastor Schlee mit auf den Weg gegeben hat: Ein Christ nimmt am Gottesdienst teil. Auch da geht es um Stärkung des Glaubens. Im Gottesdienst geschieht diese in Gemeinschaft. Der Glaube braucht die Gemeinschaft, er lebt in der Gemeinschaft. Was wir glauben, wird in der Gemeinschaft erfahrbar.
Indem wir Mitmenschlichkeit üben, auf Gottes Hilfe vertrauen und dieses Vertrauen uns immer wieder stärken lassen, indem wir in der Gemeinschaft der Glaubenden bleiben, erfahren wir Menschen Gott als Schutz und Stärke. Das ist euch damals mit auf den Weg gegeben worden.
Silberkonfirmation feiert ihr, um euch an früher zu erinnern und um heute neu zu bestätigen: Der Glaube, der uns damals zugesprochen wurde, der soll uns weiterhin in unserem Leben begleiten.
"Nun ist mein Herz fröhlich." Auch das ist euch wichtig: Der Glaube macht froh und zuversichtlich. Er weicht vor Problemen nicht aus. Aber er bleibt nicht darin stecken. Deshalb ist es vor allem ein schönes, fröhliches Fest, das wir heute feiern. Eine Art Bergfest. Eine Haltestelle zum Besinnen und Auftanken: Was euch bei der Konfirmation zugesprochen wurde, gilt weiterhin: Gott begleitet euch auf euren Wegen mit seinem Schutz und seinem Segen. Amen.