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Predigt zu Hebräer 10,35-37
22. September 2002
Im Vertrauen liegt die Kraft
 

Um unser Vertrauen haben in den letzten Monaten und Wochen die Parteien geworben. Heute ist Wahlsonntag. Da sind wir gefragt, unsere Stimme abzugeben und die Partei zu wählen, der wir unser Vertrauen schenken.
Viele Versprechungen sind uns, den Wählerinnen und Wählern, im Vorfeld gemacht worden. Es ist jetzt schon klar, dass keine Partei die Versprechen halten kann, die sie im Wahlkampf gemacht hat. Denn dann wäre unser Land pleite. Deshalb hört und liest man oft den ironischen Kommentar zu den vielen Versprechungen: "Es gilt das gebrochene Wort."
60% unserer Bevölkerung stimmen dem Satz zu: "Politiker können versprechen, was sie wollen, ich glaube ihnen nicht mehr." Das hat eine Meinungsumfrage ergeben.
Vor zwanzig Jahren war das Vertrauen in die Politiker wesentlich höher. Da lag der Prozentsatz der Politik- verdrossenen noch bei zehn Prozent. Seit Beginn der 90er Jahre ist das Misstrauen in die Politik gleichbleibend hoch und hat sich von einer verdrossenen Stimmung zu einer Grundhaltung der Enttäuschung verfestigt. Viele Menschen haben ihr Vertrauen in die Politiker verloren.
Um das Vertrauen geht es heute in unserem Predigttext.
Mit dem Vertrauen ist das so eine Sache. Vertrauen ist ein Lebensgefühl, das jeder Mensch im Verlauf seiner Lebensgeschichte mehr oder weniger stark ausbildet. Dieses Grundgefühl wird schon in früher Kindheit erworben, wenn ein Kind sich verstanden, angenommen und sicher fühlt. Dann entwickeln sich Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, das jeder Mensch braucht, um sein Leben zu gestalten.
Aus solchem Selbstvertrauen heraus kann ein Mensch einem anderen vertrauen. Voraussetzung dafür ist Verlässlichkeit. Ein Mensch, der hält, was er verspricht, der sagt, was er denkt, und der tut, was er sagt, also einer, der ehrlich und zuverlässig ist, dem kann man vertrauen.
Doch jeder Mensch weiß, wie leicht Vertrauen zu erschüttern ist. Wie ein zerbrechliches Gefäß, so empfindlich ist das Vertrauen.
Wenn es erst einmal beschädigt worden ist, ist es schwer, es wieder zu reparieren. Das ist in der großen Politik genauso wie in unserem kleinen persönlichen Leben: Einmal als Kind allein gelassen.... einmal nicht Wort gehalten... einmal an der Wahrheit vorbeigedrückt... - Vertrauen kann man leicht verspielen. Und enttäuschtes Vertrauen ist schwer wieder zu gewinnen.

Auch wir als Kirche sind von einem wachsenden Vertrauensverlust betroffen. Immer mehr Menschen kehren uns den Rücken. Sie fragen und sagen: "Was habe ich davon, in der Kirche zu sein?" Irgendwann einmal christlich beerdigt zu werden, das ist für einen jungen Menschen von heute kein Grund mehr, in der Kirche zu bleiben. Die Fragen und Zweifel betreffen nicht nur die Einrichtung Kirche. Sie gehen tiefer. Viele Menschen haben auch in Gott ihr Vertrauen verloren. Sie fragen: "Wo ist denn Gott in all dem Unfrieden in dieser Welt? Warum greift er nicht ein in Israel zum Beispiel? Warum hilft Gott nicht, dass Israelis und Palästinenser endlich den Weg des Friedens finden?"
Es fällt auch uns Christen schwer, darauf zu antworten. Auch wir können oft genug nicht erkennen, wo Gott eigentlich ist und was er tut, um all dem Unfrieden auf dieser Erde ein Ende zu machen. Auch wir haben oft genug Mühe damit, Gott zu verstehen, seinen Willen zu erkennen, den Glauben an Gott zu bewahren.

Auf diesem Hintergrund höre ich die Sätze aus dem Hebräerbrief. Hier schreibt einer an eine Gemeinde, die müde geworden ist - müde im Glauben, müde im Vertrauen auf Gottes Verheißungen. Von der anfänglichen Begeisterung ist nicht mehr viel zu spüren. Zu sehr drücken die Lasten des Alltags, die Angst vor der Zukunft. Zu sehr hat man das Gefühl, nichts wirklich bewegen zu können. Zu wenig sieht man von der versprochenen Erneuerung der Welt. Wo bleibt die Hilfe, wo bleibt die Rettung und die Erlösung, die von Gott ausgehen soll? So fragen immer mehr Menschen. Weil sie nichts davon sehen und erfahren, kehren sie der Gemeinde den Rücken und suchen ihr Heil woanders.
"Werft euer Vertrauen nicht weg!" Es ist immer wieder verblüffend, wie aktuell biblische Sätze sein können. Auch wenn unsere heutigen Gemeinden in vielem ganz anders sind als die Gemeinde, an die sich der Hebräerbrief wendet - an diesem Punkt fühlen wir uns unmittelbar angesprochen. Wir spüren, wie schwer sich das Vertrauen in einen guten Weg der Menschheit durchhalten lässt. Dazu sind auch wir Christen viel zu sehr "Kinder unserer Zeit":
· Wir nehmen die riesigen Probleme wahr, die es auf der Erde gibt und fragen uns, wer da wirklich eine Lösung finden und durchsetzen kann. Manchmal schwindet unsere Hoffnung, dass es noch eine gute Zukunft für die Menschheit gibt.
· Wir nehmen die Uneinigkeit unter den Staatsführern wahr und sind auch als Christen untereinander uneins über den Weg, den unser Land in den Konflikten auf der Erde nehmen soll.
· Wir fühlen uns auch als Kirche oft ohnmächtig, wissen nicht, was wir tun und sagen sollen. Wir haben Angst, uns in aktuelle Tagesfragen einzumischen, wollen uns nicht den Mund verbrennen wollen. Wir fragen uns auch: Was bringt das, wenn wir öffentlich sagen, was wir glauben? Wer hört noch auf die Kirche? Wer nimmt überhaupt zur Kenntnis, wenn sie was sagt?

Aus dem Gefühl heraus, nichts machen zu können, ziehen sich viele Menschen zurück in ihr privates Schneckenhaus. Auf dem Rückzug sehe ich auch uns, die Kirche. Nur noch bei wenigen ist der Mut und das Interesse da, die Welt politisch mit zu gestalten.

"Werft euer Vertrauen nicht weg!" Das ist mehr als eine Ermahnung. Das ist eher ein werbende Liebeserklärung. Wegwerfen kann ich doch nur etwas, was ich habe. So höre ich den Satz ermutigend und einladend: "Besinnt euch auf das, was ihr habt, auf das Vertrauen, das euch hält und trägt!"

Interessant ist es, dem griechischen Wort ein wenig nachzuspüren, das Martin Luther mit Vertrauen übersetzt hat. Die Ausleger des Hebräerbriefes haben sich bemüht, die Bedeutung des hier gebrauchten Wortes zu umschreiben. Etwa so: "Es bedeutet, dass der einmal vom Evangelium ergriffene Mensch nicht anders kann, als der Verheißung eines gütigen Ausgangs der Geschichte zu vertrauen und ihr mit Christus Schritt für Schritt entgegenzuleben."

Oder noch einmal anders: Der Glaube ist eine Herzensregung, die persönliche Angelegenheit eines Menschen. Aber darauf ist der Mensch nicht von sich aus gekommen. Gottes Handeln geht der menschlichen Herzensregung voraus. Der Glaube hat einen Grund, der nicht in unserem Inneren liegt. Er hat einen Grund, der außerhalb von uns selbst ist. Dieser Grund ist Jesus Christus.
Jesus hat sich ganz auf Gott verlassen. Aus der Kraft des Glaubens hat er große Dinge getan. Was niemand für möglich gehalten hat, das hat Jesus vollbracht. Nicht aufgrund einer Zauberkraft, sondern allein aufgrund des Glaubens. Oft hat er zu Menschen gesagt, die durch die Begegnung mit ihm heil geworden sind: "Dein Glaube hat dir geholfen." Einmal kam der Vater eines schwerkranken Mädchens zu ihm. Er zweifelte, ob seinem Kind geholfen werden könnte. Jesus hat ihm versichert: "Alle Dinge sind möglich dem, der glaubt."
Die Kraft des Vertrauens hat Jesus selbst gehalten auf dem schwersten Weg, den ein Mensch gehen muss: Auf dem Leidens- und Sterbensweg. Und Gott hat seinem Vertrauen Recht gegeben, er hat es belohnt. Er hat Jesus von den Toten auferweckt und ihm ewiges Leben geschenkt.
All das schwingt mit in dem Wort Vertrauen: Der Grund des Vertrauens, den Gott selbst gelegt hat in Jesus Christus. Und die persönliche Antwort darauf, die beschwingte Gewissheit, dass auch mein Leben in Gott gehalten ist; der aufrechte Gang in der Zuversicht, dass der Weg des Vertrauens zu einem guten Ziel führt.
"Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat." Uns ist versprochen, dass wir mit Christus leben in Ewigkeit, wenn wir im Vertrauen auf ihn unsere Wege gehen. Die große Belohnung ist aber nicht nur für die Ewigkeit versprochen, sondern auch für die Zeit jetzt und hier.
Jesus selbst hat das Reich Gottes verkündet und gesagt, dass dies hier und jetzt nahe ist. Einen Hauch davon zu sehen, zu erfahren, gehört mit zu der großen Belohnung, die den Glaubenden zugesagt ist. Diese Belohnung werden wir aber nur dann erhalten, wenn wir uns auf den Weg des Vertrauens einlassen. Des Vertrauens zu Gott. Damit stehen wir im Widerspruch zu einem anderen Weg, der immer mehr Anhänger in der Welt gewinnt. Ich meine den Weg des Vertrauens in militärische Macht und Stärke. Dieser Weg wird uns nicht weiter führen. Er wird das Misstrauen in der Welt verstärken und vertiefen.
Wir sehen und merken es alle: Auch der Einsatz ungeheurer Zerstörungskraft reicht nicht aus, das Böse in der Welt zu vernichten. Die Unsicherheit in der Welt bleibt. Die Ängste der Menschen in den mit Amerika verbündeten Staaten werden größer, je härter die Drohungen des amerikanischen Präsidenten werden.
Die Börse ist ein guter Gradmesser für die Seelenlage unserer Weltgemeinschaft. Am Tag nach der Kriegsdrohung des amerikanischen Präsidenten sackten die Kurse erneut ab. Und sie sind in den vergangenen Tagen weiter in den Keller gegangen, nachdem ein Krieg immer wahrscheinlicher geworden ist.
Das Vertrauen in militärische Macht ist trügerisch. Es schafft keine Sicherheit. Es verstärkt den Unfrieden in der Welt. Es verstärkt Ängste, Misstrauen und Hass.

Weil auf der Gewalt kein Segen ruht, sind wir Christen zum Vertrauen in Gottes Frieden stiftendes Handeln aufgefordert. Als Kirche erinnern wir daran, dass unser Leben, das persönliche und wie das öffentliche Leben, mit Gott in Verbindung steht. Alles, was wir erleben, hat etwas mit Gott zu tun. Oder umgekehrt: Gott hat mit uns zu tun, er will mit uns zu tun haben. Er hat sich mit uns Menschen verbündet. Diese Verbundenheit erweist sich darin, dass Gott uns seine Weisungen gibt. Diese zu hören und zu befolgen, auf sein Wort zu vertrauen, das ist Gottes Zumutung an uns.
Wie die Parteien um unser Vertrauen und unsere Stimme werben, so wirbt Gott um uns. Er tut das noch viel mehr als die Parteien. Die werden nach dem üblichen Dank an die Wählerinnen und Wähler erst einmal aufhören, sich für uns zu interessieren. Für Gott aber gibt es keinen Zeitpunkt, wo er damit aufhört. Täglich fragt er nach uns. Täglich wartet er darauf, dass wir ihm unser Vertrauen schenken.
Wenn uns das gelingt, ihm zu vertrauen, dann erfahren wir: Gerade dann, wenn ich schwach bin, werde ich auf geheimnisvolle Weise gehalten und gestärkt. Gerade dann, wenn ich versage oder schuldig werde, sieht Gott mich freundlich an und macht mir Mut, es neu mit mir selbst zu versuchen. Gerade dann, wenn ich verzweifle und nicht weiter weiß, führt Gott mich an der Hand und zeigt mir, wie und wo es weiter geht. Und gerade dann, wenn ich angesichts der Weltlage in Depression zu versinken drohe, kommt von irgendwo neue Hoffnung her.

Politiker haben uns oft enttäuscht und werden uns wieder enttäuschen. Aber deshalb ist die Staatsform, die wir haben, die Demokratie nicht schlecht. Um sie zu erhalten, sollten wir unsere Stimmen abgeben und wählen, auch wenn wir der betreffenden Partei nicht voll und ganz vertrauen.
Vielleicht ist dieser Anspruch auch zu hoch. Denn voll und ganz vertrauen können wir nur Gott. Er lässt manchmal mit seiner Hilfe auf sich warten. Er tut manchmal nicht das, was wir uns wünschen und erhoffen. Aber er wird unser Vertrauen nicht enttäuschen. Er wird bei uns sein alle Tage bis an der Welt Ende.