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Predigt zu Markus 10,1-16
13. Oktober 2002
Alles entsteht durch Trennung
Vom Zusammenleben und Auseinandergehen
 

"Und Pharisäer traten zu ihm und fragten ihn, ob ein Mann sich scheiden lassen dürfe von seiner Frau."
Eine schwierige Geschichte. Es geht um das Zusammenleben und das Auseinandergehen.
Dass Menschen heiraten und sich wieder trennen, ist alltäglich geworden. Jede dritte Ehe endet heute mit der Scheidung, in manchen Großstädten ist es jede zweite. Der Anteil der Beziehungen von Menschen, die ohne Trauschein zusammen leben und auseinander gehen, dürfte noch höher sein.
Scheidungen, Trennungen sind normal geworden. Aber noch immer empfinden Menschen, die sich scheiden lassen, dies als einen Makel. Sie fühlen sich als Versager. Manche ältere Menschen, die in ihrer Ehe geblieben sind, verstärken dieses Gefühl.
Ein älterer Mann zum Beispiel sagt: "Wenn es mal nicht klappt, dann rennen die doch heute gleich auseinander. Wir hatten´s auch nicht immer leicht in unserer Ehe. Überall kommt ja mal was vor. Aber wird sind durch dick und dünn gegangen. Die jungen Leute von heute, die machen es sich viel zu einfach."
Jesus verweist in seinem Gespräch mit den Schriftgelehrten auf die Schöpfung: "Von Beginn der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau." Zuvor, ganz am Anfang der Schöpfung, gab es das große Auseinandergehen. Die Welt und der Mensch sind durch Scheidung entstanden. Als Gott die Welt schuf, trennte er die Welt von sich. Als Gott den Menschen schuf, trennte er den Menschen von sich. Gott schied das Licht von der Finsternis, so wurde Tag und Nacht. Gott schied die Wassermassen voneinander. So wurde Himmel und Erde. Und Gott schied den Menschen von der Erde, indem er ihm seinen lebendigen Atem einblies. Und er schied die Frau von dem Mann, indem er dem Mann eine Rippe wegnahm und daraus ein neues eigenes Lebewesen formte. Bein von seinem Bein und Fleisch von seinem Fleisch, doch ein von ihm geschiedenes Wesen.
Deshalb halte ich fest: Durch Trennung, durch Scheidung erhält jedes Ding und jedes Lebewesen seine von Gott zugedachte Einzigartigkeit und Besonderheit. Von daher ist und bleibt das Loslassen und Loslösen, das sich Trennen ein großes Thema unseres Lebens.
Unser aller Leben beginnt mit einer Trennung. Bei der Geburt treibt die Mutter ihr Kind aus ihrem Mutterleib heraus. Das erste, was geschieht, wenn das Neugeborene da ist: Die Nabelschnur wird durchtrennt. Fortan wird sich das Kind Stück für Stück von seiner Mutter und seinem Vater abnabeln, wird immer mehr ein eigener Mensch werden. Und eines Tages verlässt das Kind das elterliche Nest, um sich ein eigenes Lebensnest zu bauen. So ist der Lauf der Dinge. So hat Gott es offenbar gewollt. Jeder Mensch soll eine eigene Person werden, sein eigenes Ich zum Vorschein bringen. Das ist die eine Seite.

Alles ist auf Gemeinschaft hin angelegt

Die andere Seite, das ist die Bestimmung zur Gemeinschaft. "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei." Das spürt jede und jeder, die oder der allein ist. Es ist nicht gut. Besonders jetzt, wo die Tage kürzer und die dunklen Stunden länger werden, beschleicht Alleinstehende oft ein Gefühl der Einsamkeit. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist, das ist wahr.
Gott hat uns Menschen zur Beziehung geschaffen. Zur Beziehung mit ihm, dem Schöpfer. Als von ihm geschiedene Lebewesen sollen wir doch in Verbindung mit ihm bleiben. Und als unterschiedliche Menschen sollen wir nicht für uns bleiben, sondern in Gemeinschaft mit anderen unser Leben führen. Jeder soll sein eigenes Ich entwickeln, aber kein Ich-Mensch werden. Das Ich soll zum Du finden. So ist es von Gott gemeint und in uns angelegt. Und Gott hat einen großen Antrieb dazu in unser Herz gelegt: Die Liebe. Die Liebe drängt uns, dass wir in Beziehung bleiben zu unserem Schöpfer. Sie drängt uns, dass wir Beziehungen suchen und gestalten mit anderen Menschen.
Gott hat, als er die Menschen in ihrer Verschiedenheit als Mann und Frau schuf, eine große Utopie für ihre Gemeinschaft gehabt. Die zwei werden ein Fleisch sein. Damit ist nicht nur die sexuelle Vereinigung gemeint. Dass zwei ein Fleisch werden, ist in einem Leib und Seele umfassenden Sinn zu verstehen: Als eine vollkommen Lebensgemeinschaft, in der einer den anderen achtet, in der einer den anderen wahrnimmt, für ihn sorgt und für ihn eintritt, in der beide sich gegenseitig helfen und darin fördern, ein jeweils eigener Mensch zu sein und zu werden und in der beide lassen, was den anderen kränkt, verletzt und klein macht. Mit einem Wort: Eine uneingeschränkte und bedingungslose Solidargemeinschaft, das ist Gottes große Utopie für uns.
Ich halte als zweites fest: Wir sind entstanden durch Trennung, als unverwechselbares Ich geschaffen. Wir sind bestimmt zur Gemeinschaft. Auf ein Du hin sind wir von Anfang an bezogen. Auf das Du des Schöpfers und auf das Du des anderen Menschen.

Gemeinschaft kann zerbrechen

Wie nun die Gemeinschaft leben? Darum geht es in dem Text über die Ehescheidung im Markus-Evangelium. Wir wissen alle, dass es nicht gut ist, allein zu sein. Ich nehme an, die meisten Menschen wissen auch, wie beglückend es ist, mit einem Menschen, den man liebt, zusammen sein zu können. Aus dem Grund, weil es so beglückend ist und weil sie das Glück dauerhaft erleben wollen, ziehen Menschen zusammen und heiraten. Jedes Paar, das in der Kirche vor dem Traualtar steht und Ja zueinander sagt, ist voll guter Hoffnung: Wir gehören zusammen und wir bleiben zusammen unser Leben lang.
In Traugesprächen frage ich danach, ob die Traufrage den Satz beinhalten soll "bis dass der Tod euch scheidet". Die Antwort lautet: "Sonst würden wir ja nicht heiraten." Paare, die heiraten, haben den festen Vorsatz, die feste Absicht und den festen Willen, ihr Leben lang zusammen zu bleiben.
Aber dann passiert es, dass das anfängliche Glück verfliegt. Das frische Verliebtsein weicht einem eintönigen Nebeneinanderherleben. Aus wacher Aufmerksamkeit für den anderen Menschen wird Gleichgültigkeit. Aus einer Beziehung, in der einer dem anderen hilft, ein ganzer Mensch zu sein und zu werden, wird ein Gefängnis, in dem einer den anderen einengt.
Als ein Beispiel für viele lese ich, wie die 37-jährige Monika ihre Ehegeschichte schildert:
"Nach ein paar Jahren wurde unser Leben immer eintöniger. Ich war unzufrieden. Als ich anfing, mich zu verändern, hat mein Mann jede Initiative von mir belächelt und abgewertet. Dennoch habe ich den Trainerinnen-Schein gemacht, Kinder und Jugendliche trainiert, viele neue Menschen und auch mir bisher unbekannte Seiten des Lebens kennen gelernt. Ich war neugierig geworden auf mein Leben, auf mich und auf das, was alles in der zweiten Hälfte meines Lebens noch passieren wird. Jahrelang war ich hin und her gerissen zwischen dem Gefühl, mich nicht gegen
die Bewertungen von Gerd wehren zu können, im Alten verharren zu müssen, und dem Wissen, dass ich mich doch verändern darf.
Vor drei Monaten bin ich mit meinen Kindern ausgezogen - an einem Punkt, wo es mir nach dem Tod meiner Mutter klar wurde, dass ich mich entscheiden muss. Ich will endlich auf eigenen Füßen stehen, niemanden mehr Rechenschaft schuldig sein über das, was ich tue oder lasse.
Wenn ich in unserem ehemals gemeinsamen Haus bin, werde ich traurig. Dann merke ich, dass ich irgendwie auch meine Heimat verloren habe. Das tut verdammt weh. Auch wenn ich meinen 14-jährigen Sohn und meine 16-jährige Tochter ansehe, habe ich manchmal ein schlechtes Gewissen. Aber ich kann nicht anders. Wenn ich zu Hause geblieben wäre, hätte ich aus meiner Sicht keine Chance auf Veränderung gehabt."

So weit die Geschichte von Monika. Nun die Frage: Ist das, was diese Frau schildert, was viele Menschen so oder ähnlich erleben, gegen Gottes Gebot?
Wenn wir jetzt die Bibel zu Rate ziehen, muss eins vorher klar sein: Dass eine Frau sich von ihrem Mann trennt, war zu biblischen und zu Jesu Zeiten nahezu undenkbar. Das konnte nur eine Frau tun, die wirtschaftlich abgesichert war. Und das waren die wenigsten. Der umgekehrte Fall kam häufiger vor: Dass ein Mann seine Frau verlässt. Pharisäer fragen Jesus: Darf das sein? Wie so oft, antwortet Jesus mit einer Rückfrage: "Was steht geschrieben bei Mose?" Natürlich wissen die Schriftgelehrten, was Mose geboten hat: "Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden."
Dies war eine Schutzvorschrift für die Frauen. Die Frau war sozusagen in Ehren aus der bisherigen Ehe entlassen. Der Scheidebrief ermöglichte ihr, eine neue Ehe einzugehen. Jesus bestätigt diese Rechtsvorschrift und fügt hinzu: "Um eures Herzens Härte willen hat Gott euch dieses Gebot gegeben." Eigentlich hat Gott es anders gemeint. Nämlich so, dass Mann und Frau zusammen bleiben und solidarisch ihr Leben teilen. Es entspricht dem Wesen der Liebe, die Gott in unser Menschen Herz legt, dass sie Bestand hat, dass sie dauerhaft trägt, auch und gerade in schweren Zeiten. So wie Gott uns Menschen mit seiner Liebe dauerhaft trägt. Jede menschliche Liebe hat etwas von dieser göttlichen Liebe, die niemals aufhören wird. Deshalb entspringt das Verbot Jesu, sich scheiden zu lassen, dem Wesen der Liebe selbst: Was in Liebe zusammen gekommen ist, kann sich nicht wieder trennen.

Nun kennt aber Jesus auch die Herzens Härte der Menschen. Er weiß, wie weit wir Menschen uns von der göttlichen Vollkommenheit entfernen. Oft ist es kein böser Wille, oft ist es einfach nur menschliche Unvollkommenheit und Begrenztheit, dass Eheleute sich entfremden und trotz großer Anstrengungen nicht mehr zusammen finden. Manchmal merken Eheleute nach Jahren, dass es nicht wirklich Liebe war, was sie zusammen geführt hat. Sie erkennen, dass sie im Grunde gar nicht zusammen passen. So schreibt eine 47-jährige Frau: "Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass es ein Fehler war, ihn zu heiraten. Aber auf der anderen Seite musste es wohl so sein. Sonst wäre ich nicht an diesem Punkt meiner heutigen Entwicklung." (Gewagtes Glück, S.27)
Ich halte als drittes fest: Herzens Härte, menschliche Schwäche, menschliches Fehlverhalten - all das gibt es. In einer Beziehung führt es manchmal zu einer Verletzung, die nicht mehr heilbar ist, zu einem Riss, der nicht mehr zu kitten ist. Es führt dazu, dass man sich auseinander lebt. Das ist die Wirklichkeit in dieser noch nicht erlösten Welt.

Es gilt, die Schwachen zu schützen

Gott rechnet mit unseren Fehlern. Seine Gebote zielen darauf, die negativen Folgen von menschlichem Fehlverhalten einzudämmen. Sie zielen auf den Schutz des Schwächeren. In der alten von Männern beherrschten Gesellschaft war die Frau in der schwächeren Position. Ihrem Schutz dient der Scheidebrief. Dieses Gebot hebt Jesus nicht auf. Im Gegenteil. Er erweitert den Blick auf die, die auch den Schutz der Gemeinschaft nötig haben: Die Kinder. Sie sind meist die Schwächsten in einer Ehe oder Ehe-ähnlichen Beziehung. Jesus nimmt sie in den Blick und in den Arm. Er segnet sie. Die Geschichte von der Kindersegnung steht im direkten Zusammenhang mit dem Gespräch über die Ehescheidung. Das soll doch wohl besagen: Wenn ein Paar sich scheiden lässt, dann gilt es vor allem, die Kinder zu schützen.
Ich halte als viertes fest: Jesu Weisungen zur Ehescheidung haben den Schutz der Schwächeren zum Ziel.

Gemeinde soll ein verlässliches Umfeld sein

Daraus ergeben sich Folgerungen für uns heute: Es darf nicht sein, dass Väter ihren Unterhaltspflichten nicht nachkommen, wie das vielfach geschieht. Es darf auch nicht sein, dass die Mütter ihren Kindern den Kontakt mit dem Vater erschweren oder unmöglich machen, um dem früheren Ehemann auf diese Weise etwas heimzuzahlen.
Trotz aller Schwierigkeiten, die sie miteinander haben, sollten geschiedene Eheleute das Wohl ihrer Kinder im Auge behalten. Die starke und manchmal auch plötzliche Veränderung des Zusammenlebens bringt Trauer, Verunsicherung, Angst und Wut mit sich. Es ist für die weitere Entwicklung der Kinder wichtig, dass sie diese Gefühle nicht verdrängen müssen, sondern Menschen haben, mit denen sie reden können. In aller Regel lieben Kinder beide Eltern und wollen auch weiterhin Raum für diese Liebe haben. Und Kinder brauchen ein Mindestmaß an Normalitätsgefühl. Sie müssen spüren, dass ihre Umgebung den außerhalb der Familie lebenden Elternteil in seiner Funktion als Vater oder Mutter weiterhin akzeptiert und ernst nimmt.
Die Erfahrung lehrt, dass belastende Gefühle, die gefühlt werden durften und die von der nahen Umgebung verstanden wurden, sich abmildern und vorübergehen.
Deshalb halte ich fünftens fest: Freunde, Verwandte und auch wir als Gemeinde tun gut daran, für die Ehepartner in der Krise einer Trennung und für die Kinder ein verlässliches Umfeld zu sein, in dem sie sich gehalten und gestützt fühlen.
Das Bild von Jesus, der die Kinder segnet, kann für alle Familienmitglieder auch nach einer Trennung etwas Tröstliches sein: Trotz des Scheiterns ihrer Ehe stehen beide Ehepartner weiterhin unter Gottes Schutz und Segen. Dies den Eheleuten zu sagen, die sich von trennen, und niemanden zu verurteilen, das ist auch unsere Aufgabe als Gemeinde.
"Jesus herzte sie und legte ihnen die Hände auf und segnete sie." So etwas brauchen alle Beteiligten gerade in einer Trennungssituation.