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Predigt zu Matthäus 21,1-9
1. Dezember 2002, 1. Advent
Krippe und Kreuz
 

Freude und Leid gehören zusammen in unserem Menschenleben. So sehr wird Gott Mensch, dass er alles mit uns teilt, was unser Leben ausmacht: Geburt und schmerzlichen Tod.
Kreuz und Krippe machen deutlich, dass Gott vor allem das Leben der kleinen Leute teilt. In der Ärmlichkeit eines Stalls wurde das Jesuskind geboren. Einen elenden schmerzhaften Tod am Kreuz ist er gestorben. Diesen Tod am Kreuz hatten die Römer vorbehalten für Leute, die sie als Rebellen verdächtigten. Das konnte jeder sein.
So wie heute russische Todesschwadronen im Kaukasus nachts in die Häuser von Tschetschenen eindringen und die Männer verschleppen. Man findet sie später tot irgendwo liegen, im Hinterkopf ein Einschussloch. Mehr als 1500 solcher Morde sind dokumentiert. Die wirkliche Zahl liegt wahrscheinlich um ein Vielfaches höher.
Die Mächtigen lassen solche Morde verüben, um ihre Herrschaft zu festigen und jeden Widerstand zu brechen. Genau diesem Zweck dienten die Kreuze, die der römische Kaiser aufstellen ließ. Jesus teilt das Schicksal derer, die einen ungerechten Tod erleiden. Und das sind meistens die kleinen Leute.
Die sind es auch, die Jesus zujubeln, als er in Jerusalem einzieht. "Hosianna - oh Herr, hilf doch!" Das ist der flehentliche Schrei derer, die am Ende ihrer eigenen Möglichkeiten sind. Es ist der Verzweiflungsschrei aus einem der Pessachpsalmen.
Zum Pessach oder Passahfest zieht Jesus in Jerusalem ein. Es ist das Fest der Befreiung. Er wird, er muss kommen, der Befreier. So warten und hoffen sie in Israel. Damals, zu Zeiten der Römer, haben sie ganz besonders sein Kommen herbeigesehnt. Denn die Römerherrschaft war grausam und ungerecht. Die erwartungsvolle Stimmung war mit Händen zu greifen. Da lag was in der Luft. In dieser hoch brisanten Situation wagt Jesus eine prophetische Zeichenhandlung. Die notleidenden Massen haben ihn verstanden. Jesus stellt sich mit seiner Handlung in die Geschichte des Königs David.

Der König auf einem Esel

Diese Geschichte spielt in Davids letzten Lebenstagen. Der alte König kann weder leben noch sterben. Er ist am Ende mit seiner Kraft. Sein ältester Sohn bereitet schon den Machtwechsel vor. Er richtet ein festliches Mahl aus. Dazu lädt er alles ein, was Rang und Namen hat. Die Würdenträger aus Kirche und Adel sollen ihn noch vor Vaters Tod zum König und Davidssohn ausrufen. Nicht geladen zu dieser Krönungsfeier sind "kreti und pleti", das einfache Volk. Nicht dabei sind auch die von den hohen Herren Ungeliebten. Allen voran Davids Lieblingsfrau Bathseba, deren Sohn Salomo und seine Anhänger.
Sie hören, was der älteste Königssohn plant und melden dies dem König. David, zwar alt und gebrechlich, aber noch bei vollem Bewusstsein, entscheidet: "Salomo soll nach mir König sein, und er soll für mich auf meinem Thron sitzen." (1. Könige 1,30) Um diese Entscheidung zu veröffentlichen, lässt David seinen Esel aus dem Stall holen und befiehlt: "Setzt meinen Sohn Salomo auf meinen Esel und salbt ihn zum König und lasst ihn auf dem Esel in Jerusalem einziehen." Das Volk versteht diese Symbolhandlung und jubelt Salomo zu: "Es lebe der König Salomo!" So wird der vom Adel Geschmähte und Gemiedene zum "König des Volkes" (1. Könige 1,39-40)

Durch die Jahrhunderte war dies eine Hoffnungsgeschichte für die Unterdrückten und Verachteten. Der Prophet Sacharja gibt davon ein Zeugnis mit seiner berühmten Weissagung:
"Du, Tochter Zion, freue dich sehr,
und du, Tochter Jerusalem, jauchze!
Siehe, dein König kommt zu dir,
ein Gerechter und ein Helfer,
arm und reitet auf einem Esel". (Sacharja 9,9)

Und nun reitet wieder einer auf einem Esel in Jerusalem ein, arm und ohne stolze Pracht. Und die Massen verstehen ihn und jubeln ihm zu. Sie huldigen dem kommenden König auf ihre Weise. Ihr "roter Teppich" ist grün. Sie haben kein Geld für kostbare Stoffe, statt dessen nehmen sie das, was an den Bäumen wächst: Blätter und Zweige. Sie haben auch keine Kapelle zur Hand, um dem König eine Begrüßungshymne zu spielen. Statt dessen benutzen sie ihre Stimmen und loben laut den, der da kommt im Namen des Herrn. Von ihm, dem Herrn aller Herren, erwarten die Menschen ihre Hilfe. Sie richten ihre Hoffnungen in die Höhe. "Hosianna in der Höhe!" So rufen sie.

Hilfe kommt von unten

Die Hilfe, die Jesus mit sich bringt, aber ereignet sich in der Tiefe.
Der Sohn Davids ist kein Supermann, der alle in die Knie zwingt, so dass sie ihm bereitwillig gehorchen. Sondern der ist einer, dem nichts Menschliches fremd ist, der die Angst kennt wie die Tränen, der selbst in die Knie geht und als hilfloser Helfer zuletzt jämmerlich stirbt.
An ihm wird deutlich, wie der Allmächtige auf seine Macht verzichtet und menschliche Ohnmacht aushält. Damit nötigt er uns Menschen, uns von unseren Allmachtsphantasien zu verabschieden. Nicht mit himmlischen Heerscharen greift Gott ins Weltgeschehen ein. Er übt Machtverzicht. Auf diese Weise kommt er den Menschen und besonders den Geringsten unter ihnen ganz nah. Er wird ihnen gleich. Mit einem Begriff, der heute gern gebraucht wird, kann man sagen: Gott begegnet uns Menschen in Augenhöhe. Er würdigt uns, seine Partner zu werden, seine Stellvertreterinnen auf Erden. Er traut uns zu, dass wir im Hören auf seine Weisungen das uns Mögliche tun.

Was schwer zu verstehen ist

Aber Gott nimmt dabei in Kauf, dass er verkannt wird. Ein Kind in einer Futterkrippe, von einer armen Mutter in einem Stall geboren - es ist schwer, darin etwas von Gott zu erkennen. Einer, der scheitert mit seiner Mission auf der Erde, der elend am Kreuz zu Tode gequält wird - der soll Gottes Sohn sein?
Es fällt uns Menschen schwer zu akzeptieren, dass Gott sich so klein und unscheinbar macht. Darum machen wir aus Weihnachten ein Riesen-Bromborium. In der Adventszeit jagt eine Feier die andere. Ein Weihnachtsmarkt übertrifft den anderen. Es gibt mittlerweile viele, wo man unbedingt gewesen sein muss. Krippe und Kreuz sind heute Schmuckgegenstände, die vermarktet werden wie alles. Die harte, erbarmungslose Wirklichkeit, die hinter beiden steht, wird vollkommen ausgeblendet.
Dass Gott sich so klein und unscheinbar macht, das fällt besonders denen schwer zu akzeptieren, die in der christlich geprägten Welt das Sagen haben. Die Politik der westlichen Staaten ist bestimmt von Allmachtsphantasien, wie sie extremer kaum sein können. Die kanadische Regierungssprecherin hat den, der sich als Weltherrscher aufspielt, einen "Schwachkopf" genannt. Diese Frau war eine der engsten Mitarbeiterinnen des kanadischen Regierungschefs. Sie ist eine, die Einblick hat in das politische Geschehen. Ihr kann man zutrauen, dass sie mit ihrer Einschätzung nicht ganz daneben liegt. Inzwischen ist sie zurückgetreten. So etwas darf eine öffentliche Person nicht sagen, auch nicht in vertrautem Kreis. Denn die ganze Welt huldigt dem allmächtigen Präsidenten. Es mögen manche so denken, wie die Kanadierin. Allmachtsansprüche und Dummheit liegen oft dicht beieinander. Aber davon wird die Welt gegenwärtig beherrscht.
Der Gegensatz dieser Politik zum Handeln Gottes kann kaum größer sein.
Was soll man denn tun? So höre ich schon die Frage derer, die das Kriegsgetöse für richtig halten. Mit Krieg jedenfalls wird man den Terrorismus nicht besiegen. Im Gegenteil: Je gewalttätiger die Staatsgewalten werden, desto mehr Menschen treiben sie damit in den Terrorismus. Krieg und Terror sind zwei Seiten einer Medaille. Beide verstärken und befördern sich gegenseitig. Deshalb ist die Kriegspolitik, die gegenwärtig betrieben wird, dumm. Sie hilft niemandem. Sie macht das Leben auf der ganzen Erde unsicherer. Sie führt die Welt in eine schlechte Zukunft.
Gott hat mit seinem Tun gezeigt, wie das Zusammenleben der Menschen auf friedliche Weise geregelt werden kann. Krippe und Kreuz stehen für Gewaltverzicht. Sie zeigen, wie Gott für uns Menschen einsteht. Sie ermutigen dazu, dass die Menschen solidarischen füreinander einstehen.

Gott will unter uns wohnen

Krippe und Kreuz sind Teil unserer Kirche. Wir finden die beiden Symbole in unserem Kirchenfenster oben über der Orgel. Es ist das erste, das Weihnachtsfenster vorne links. Im unteren Teil in der Mitte ist die Krippe angedeutet, wie man sie von vorn sehen kann. Darüber erhebt sich ein Kreuz. Das Besondere ist: Aus der Mitte des Kreuzes erstrahlt der Weihnachtsstern. Ein heller gelber Stern, dessen Strahlen in alle Richtungen gehen. Nur deshalb feiern wir Weihnachten und bedenken den Leidensweg Jesu, weil es Ostern gibt. Es bleibt nicht beim Kreuz. Gott lässt sich durch die Gewalt der Menschen nicht zum Schweigen bringen. Jesu Weg geht weiter. Er reicht bis in unsere heutige Zeit. Immer wieder versucht er es neu mit uns. Immer wieder lockt Gott uns Menschen, seinen Weg mitzugehen.
Der helle Stern hüllt die Krippe in ein helles Licht. Die Adventszeit lädt uns ein, die Krippe in unserem Leben zu finden. Sie lädt uns ein, in dem Kleinen, Unscheinbaren unseres Daseins Gott zu erkennen. Ja, wir können es wagen zu denken: Gott will unsere Herzen zu einer Krippe machen, zu einem Ort, wo er einziehen und wohnen kann. In uns und mit uns will Gott etwas bewegen und bewirken.
Vielleicht ist das das tiefste Geheimnis, das sich in Krippe und Kreuz verbirgt: Gott kommt nicht als der große Macher, der von außen alles richtet. Gott kommt, um uns von innen her zu erfüllen und umzuwandeln. So will er die ganze Welt umwandeln, die Menschen friedlich stimmen, sie trösten in ihrem Leid, sie ermutigen, ihm zu vertrauen.