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Predigt zu Lukas 1,39-56
22. Dezember 2002
Silbernes Ordinations-Jubiläums von Pfarrer Friedrich Brand
 

Liebe Gemeinde,
da kommt ein Engel zu Maria, sagt: "Sei gegrüßt, du Begnadete." Dieser Gruß ist der Anfang einer Berufung. Maria ist von Gott auserwählt, seinen Sohn zur Welt zu bringen. Der Engel ist gesandt, ihr diese Botschaft zu bringen.
"Wird man zum Pastor berufen?" So bin ich besonders am Anfang meines Dienstes häufig gefragt worden. Ich habe mich das auch selbst gefragt: Bin ich berufen, diesen Dienst zu tun? Am 1. Oktober 1977 habe ich zusammen mit meinem Kollegen Peter Halbach in der Gemeinde Oberhausen-Holten als Pastor im Hilfsdienst, wie das damals noch hieß, angefangen. Als wir kamen, gab es in der Gemeinde noch keinen Gemeindegruß. Es war eine unserer ersten Aktivitäten, ein solches Blättchen herauszubringen und die Verteilung aufzubauen.
Im Gemeindebrief Nr. 1 haben wir uns vorgestellt. In meiner Vorstellung bin ich auf die Frage nach der Berufung eingegangen. Ich habe beschrieben, was mich dazu bewegt hat, Pastor zu werden. Das waren vor allem meine Eltern, die mich von Kind auf mit der Kirche vertraut gemacht haben. Durch sie habe ich erfahren, dass es etwas sehr Schönes und Wichtiges ist, in der Kirche zu wirken. Das haben sie selbst uns Kindern mit ihrem eigenen Beispiel tagtäglich vorgelebt. Christ sein, das lernte ich Zuhause, geht nur in der Gemeinschaft der Christen. Christsein und Kirche gehören zusammen. Nur in der Gemeinschaft der Heiligen, wie wir im Glaubensbekenntnis sagen, nur in der Gemeinschaft der Glaubenden kann ich mein Christsein leben.
Schon meine Kindheit habe ich in enger Verbundenheit mit der Kirche in Gestalt der örtlichen Gemeinde gelebt. Kurt Künhaupt, der Pastor meiner Heimatgemeinde war ein begnadeter Erzähler und Prediger. Durch sein Vorbild habe ich Spaß daran, bekommen, selber ein Prediger des göttlichen Wortes zu werden.
So gibt es einige Menschen, die Freude an dem Beruf des Pastors in mir geweckt haben und mich auf dem Weg dahin ermutigt haben.
Das Wort Berufung empfand ich aber am Anfang meines Dienstes als viel zu groß für mich. In dem Gemeindebrief Nr. 1 der Gemeinde Holten habe ich geschrieben: "Berufungserlebnis oder so etwas habe ich nicht gespürt. Dafür Freude an dem, was ich zu predigen habe und Freude an der Arbeit."
Das Ereignis, das wir heute feiern, ist für mich ein Anlass, zurück zu blicken auf meinen Dienst in den vergangenen 25 Jahren. Ich habe auch noch einmal neu über die Frage der Berufung nachgedacht und überlegt: Wenn es denn eine Berufung gibt, dann muss es auch jemanden geben, durch den sie erfolgt ist. Wer sollte mich berufen haben?
Die Eltern, der Großvater, der bei uns zuhause wohnte, die meiner Berufswahl zugestimmt haben, die sich gefreut haben, als ich anfing, Theologie zu studieren. Vielleicht waren sie es, die mich dazu berufen haben.
Ganz bestimmt nach Abschluss des Studiums die Kirche in Gestalt der Evangelischen Kirche im Rheinland. Sie hat mich ausdrücklich durch die Ordination "in den Dienst der öffentlichen Verkündigung berufen".
Dann die Gemeinde Holten: Anders als heute auf die fertig ausgebildeten Theologen warteten damals auf uns Gemeinden. Wir waren willkommen. Die Gemeinden haben uns gerufen.
Nach nunmehr 25 Dienstjahren empfinde ich es immer stärker als eine Gnade, den Beruf als Pastor ausüben zu dürfen. Ich wage es, den Gruß des Engels an Maria auch auf mich zu beziehen. Begnadet bin ich in dem Sinn, dass Gott mir in reichlichem Ausmaß seine Gnade hat zuteil werden lassen. Manchmal ist es mir gelungen, anderen Menschen etwas davon zu vermitteln.
Ich habe auch Fehler gemacht, manche Anfänger-fehler, das ist klar, auch einschneidende Fehler. Ich habe Menschen verletzt, so dass sie daran zweifeln mussten, ob ich wirklich ein Botschafter der Güte Gottes bin.
Ich bin und bleibe eben in erster Linie ein Mensch und damit unvollkommen, bleibe anderen etwas schuldig, ich bin fehlerhaft, begrenzt in meinen Möglichkeiten und Fähigkeiten. Und ich darf trotzdem diesen Beruf ausüben. Das ist eine große Gnade. Die empfinde ich heute viel stärker als früher. Ich bin zu meinem Dienst berufen trotz meiner Unvollkommenheiten und mit ihnen.
Manchmal geht es mir heute wie der Maria damals. Sie erschrak, als der Engel sie ansprach. Sie dachte in ihrem Herzen: ´Was ist das für ein Gruß?`
So erschrecke ich heute manchmal, wenn mir deutlich wird, in welche Verantwortung ich durch den Beruf gestellt bin. Auch dieses Gefühl, eine große Verantwortung zu haben für die Menschen, die mir anvertraut sind, für die Gemeinde, für die Kirche, in deren Dienst ich gestellt bin, dieses Gefühl der Verantwortung ist mit den Jahren immer stärker geworden.
Und es ist ja in der Tat eine große Aufgabe uns gestellt, ein Auftrag ist uns gegeben, der es in sich hat.
Hören wir auf das Lied, das Maria singt:

Marias Lobgesang

Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;
denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen
alle Kindeskinder.
Denn er hat große Dinge an mir getan,
der da mächtig und dessen Name heilig ist.
Und seine Barmherzigkeit währt von
Geschlecht zu Geschlecht bei denen,
die ihn fürchten.
Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut,
die hochmütig sind in ihres Herzens Sinn.
Er stößt die Gewaltigen vom Thron
und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern
und lässt die Reichen leer ausgehen.
Er gedenkt der Barmherzigkeit
und hilft seinem Diener Israel auf,
wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.

Gott loben, wie Maria es tut, das ist unser Amt. Ihr Lob hat es in sich. Vor allem der Gott, den sie besingt, hat es in sich.
Das erste Wort in dem Lobpreis der Maria, an dem ich hängen bleibe, ist das Wort "angesehen". Er hat Maria in ihrer Niedrigkeit angesehen.
Unser Gott ist einer, der uns Menschen wahrnimmt, der uns freundlich, liebevoll, gnädig ansieht. Er sieht über alles Niedrige, Unvollkommene hinweg, sieht uns als seine Kinder an, die er liebt.
Es ist Teil meiner Aufgabe, das den Menschen zu vermitteln. Die Menschen wahrnehmen, sie annehmen, wie sie sind, ihnen zuhören, so dass sie sich verstanden und angenommen fühlen, ihnen die Botschaft von diesen freundlich zugewandten Gott so weiter zu geben, dass sie die Botschaft verstehen und aufnehmen können - darum geht es mir und darum bemühe ich mich.
Manchmal kommt mein Bemühen, mich den Menschen freundlich zuzuwenden, in Konflikt mit einem anderen Teil meines Auftrags.
Maria singt: "Er, Gott, stößt die Machthaber von ihrem Thron und erhebt die Niedrigen."
Das ist ein eindeutig politischer Satz. Den Auftrag, das Lob Gottes öffentlich zu verkünden, habe ich von jeher auch als einen politischen Auftrag verstanden. Die Barmer Theologische Erklärung von 1934 ist dabei für mich wegweisend. Da heißt es in These fünf: "Die Kirche erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten."
Die Verantwortung der Regierenden und Regierten habe ich von Beginn an konkret benannt. Jahrelang war ich Mitglied im Friedensausschuss der Kreissynode Oberhausen. Der Ausschuss gründete sich, als in unserem Land eine große Diskussion über die Aufstellung von Atomraketen anfing. Wir haben Erklärungen formuliert, Proteste organisiert. Wir - die Mitglieder des Ausschusses - waren eine Handvoll Leute, aber wir hatten Rückhalt in der Synode. Es war eine große Übereinstimmung im Kirchenkreis, dass sich die Kirche für den Frieden engagieren muss. Wir dafür im Friedensausschuss die Vorarbeit geleistet. Zu den jeweils neuen Entwicklungen haben wir Stellungnahmen erarbeitet: Zum Golfkrieg, zu den Kriegseinsätzen im ehemaligen Jugoslawien. Diese Stellungnahmen sind dann als Erklärungen der evangelischen Kirche in Oberhausen an die Öffentlichkeit gebracht worden.
Das ist Vergangenheit. Die Gegenwart sieht so aus, dass ein neuer Golfkrieg vorbereitet wird, besser gesagt: Er ist unbemerkt von der Öffentlichkeit schon im Gange.
Ich wünsche mir, Gott würde uns das neuerliche Unheil ersparen und den Weltherrscher mit seiner Kriegspolitik vom Thron stoßen, wie Maria in ihrem Lied gesungen hat. Aber das tut Gott nicht, jedenfalls nicht ohne menschliches Dazutun. Aus der Geschichte von Sodom und Gomorrha lerne ich: Ein paar Aufrechte will Gott schon sehen, um das Unheil von der Welt abzuwenden. Es ist bei Gott beschlossene Sache, dass er die Mächtigen vom Thron stößt. Unser menschliches Dazutun ist nötig, damit dieser göttliche Beschluss auch auf der Erde umgesetzt wird. Damit Friede auf der Erde wird, muss es eine breite Bewegung für friedliche und gerechte Verhältnisse geben. Es muss eine Strömung entstehen, die der kriegerischen Politik Einhalt gebietet. Die Kirche hat nach meiner Überzeugung die Aufgabe, an der öffentlichen Meinungs- und Willensbildung mitzuwirken. Sie ist der Öffentlichkeit ihr Friedenszeugnis schuldig.
Wir tun das hier in Wanheim mit unseren begrenzten Mitteln, Gehör zu finden. Es gibt eine Bürgerinitiative, die von der Gemeinde mitgetragen wird. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, die Mächtigen in der Wirtschaft an ihre Verantwortung für die Umwelt zu erinnern. Der Stadtteil Wanheim gehört zu den drei am meisten belasteten Gebieten im ganz Nordrhein-Westfalen. Eine weitere Belastung zu verhindern, ist das erklärte Ziel der Bürgerinitiative. Um sie ist es zwar nach dem durch kriminelle Machenschaften verursachten Dioxin-Störfall vor bald vier Jahren etwas ruhiger geworden. Sie arbeitet aber in der Stille beharrlich weiter.
Auch der Einsatz für den Frieden ist noch nicht ganz zum Erliegen gekommen. Das Presbyterium hat eine Stellungnahme verabschiedet, die sich gegen die amerikanische Kriegspolitik wendet. Ein paar Kirchenkreise in unserer Landeskirche haben das ebenfalls getan, zum Beispiel unser Nachbarkirchenkreis Moers. Auch unser Präses Manfred Kock warnt immer wieder tapfer vor einem neuerlichen Krieg.

Gott loben, das ist unser Auftrag. Mir liegt daran, zusammen mit der Gemeinde schöne Gottesdienste zu feiern. Gottesdienste, wo die Menschen hinterher sagen, wie es ein Besucher mal ausgedrückt hat: "Das war eine Gott-nahe Zusammenkunft". Untrennbar gehört für mich der Gottesdienst im Alltag zu unserem Gotteslob dazu. Im Sinne des Marienliedes haben wir uns einzusetzen dafür, dass die mit Unrecht, Lüge und Gewalt Herrschenden vom Thron gestoßen und die Hungrigen mit Gütern gefüllt werden.
Das Lied der Maria hat es in sich. Der dieses Lied mit seinem Leben erfüllt hat, ist am Kreuz umgebracht worden. Ablehnung muss ertragen, wer sich heute im Sinne des Marienliedes einsetzt.
So Gott will und er mir die Kraft dazu gibt, will ich das dennoch weiterhin tun.