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Predigt zu Matthäus 4,1-11
9. März 2003
Invokavit
 

Liebe Gemeinde,

gerade haben wir ein Kind getauft. Dabei sind die großen Worte gesagt worden, die einem jeden Menschenkind bei der Taufe zugesprochen werden: "Du gehörst zu Gott. Auf ihn kannst du dich verlassen. Er ist bei dir alle Tage."
Diese Worte sind auch über Jesus ausgesprochen worden, als er getauft wurde. Eine Stimme vom Himmel sprach: "Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe."
Die Taufe verbindet uns mit ihm. Versprochen ist uns, dass Jesus in der Gestalt seines Geistes immer bei uns ist. Wenn wir das glauben, dann werden wir auch dunkle Zeiten im Leben bewältigen. Solche dunklen Zeiten werden uns nicht erspart. Hin und wieder müssen wir durch ein finsteres Tal gehen oder Berge der Angst türmen sich vor uns auf. Manchmal lauert das Böse auch in sehr verlockender, verführerischer Weise auf uns.
Selbst Jesus ist der Weg durch dunkle Zeiten, selbst ihm ist die Auseinandersetzung mit dem Bösen nicht erspart worden.
Taufe heißt also nicht: Nun gehöre ich zur Gemeinde, nun habe ich meinen Glauben, ich brauche nichts mehr dafür zu tun. Sondern im Gegenteil: An seiner Taufe hat man sein Leben lang zu arbeiten, wie Martin Luther gesagt hat. Als Getaufter muss ich mich jeden Tag neu bewähren. Jeder Tag stellt mich vor neue Aufgaben, fordert mich aufs Neue heraus, fordert auch meinen Glauben, mein Getauftsein heraus.
Das erzählt die Geschichte von der Versuchung Jesu. Sie schließt sich direkt an die Taufgeschichte an. Gerade noch hat die Stimme aus dem Himmel zu Jesus gesprochen und ihm gesagt, dass er Gottes geliebter Sohn ist. Im nächsten Vers heißt es dann schon:

Danach wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, wo er vom Teufel auf die Probe gestellt werden sollte. Nachdem er vierzig Tage und Nächte gefastet hatte, war er hungrig.
Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: »Wenn du Gottes Sohn bist, dann befiehl doch, dass die Steine hier zu Brot werden!«

Derselbe Geist, der bei der Taufe in Gestalt einer Taube auf Jesus herabkam, führt ihn nun in die Einsamkeit. Auch wir kennen und erleben solche Zeiten, die wie eine Wüste sind. Zeiten, in denen einem das Leben leer und sinnlos vorkommt. Zeiten, wo wir mit uns selbst zu kämpfen haben. Die Versuchungs-geschichte Jesu zeigt: Es kann durchaus sein, dass Gott uns in solche Zeiten hineinkommen lässt. Das Leben ist nicht nur eitel Glück und Sonnenschein. So wünschen wir es uns vielleicht manchmal. Aber so ist es nicht. Es ist mit Mühe und Arbeit verbunden, mit Anstrengung und Entbehrung. Und offenbar will Gott, dass es so ist. Erst im Paradies werden wir das Leben in seiner ganzen Fülle sehen und schmecken.

In der Wüste sind die Entbehrungen besonders groß. Eine lange Zeit hat Jesus nichts gegessen. Kein Wunder, dass er Hunger hat. Die Versuchung liegt nahe, aus Steinen Brot zu machen. "Wenn du Gottes Sohn bist". Genau auf das, was ihm bei der Taufe zugesagt worden ist, spricht der Versucher Jesus an: "Wenn du Gottes Sohn bist, dann hast du doch besondere Kräfte. Dann kannst du aus Steinen Brot machen. Tu´s doch."
In dieser Geschichte können wir uns wieder erkennen. "Brot und Spiele", das haben schon die alten Römer gewusst, sind das Mittel, um das Volk ruhig zu halten. Wenn die Leute satt sind und genug Möglichkeiten haben, sich zu zerstreuen, dann sind sie zufrieden, dann kümmern sie sich um nichts anderes mehr. Das ist immer noch so.
Die höchstbezahlten Angestellten sind heute nicht Personen, die etwas Besonderes für die Menschheit leisten. Es sind Personen, die die Massen unterhalten: Rennfahrer, Tenniscracks, Fußballprofis. Ich habe nichts gegen Sport und Unterhaltung, im Gegenteil. Ich finde nur, die Relationen stimmen nicht. Was diese Menschen bekommen, steht in keinem Verhältnis zu dem, was sie leisten und zu dem, was andere leisten. Das Beispiel zeigt, welchen Stellenwert die Unter-haltung und Zerstreuung in unserer Gesellschaft hat. Längst ist der Sport nicht mehr die schönste Neben-sache der Welt. Längst ist er zu einem gewaltigen Wirtschaftsfaktor geworden. Eine riesige Industrie sorgt dafür, dass wir rund um die Uhr gut unterhalten sind.
Worin besteht da die Versuchung? Sie besteht darin, dass wir ohne Unterhaltung und Zerstreuung gar nicht mehr leben können. Das Leben an sich käme uns öde und leer vor. Die Versuchung besteht darin, dass wir über all der Zerstreuung nicht mehr wahrnehmen, was schief läuft in der Welt, was ungerecht ist und unbedingt verändert werden muss. Vielleicht nehmen wir es noch wahr, aber uns für irgendwelche Veränderungen einzusetzen, dazu fehlt dann die Zeit.
"Wenn es mein Sohn wäre, der in den Krieg ziehen müsste, dann würde ich auch auf die Straße gehen." So denken und reden viele. Nur wenn es ganz direkt einen selbst betrifft, sind Menschen bereit, sich zu engagieren.
Es erfordert Arbeit, Geduld, langen Atem, sich für etwas einzusetzen, das das Leben für alle lebenswerter macht. Doch genau diese Anstrengung ist von uns verlangt, wenn wir Söhne und Töchter Gottes sein wollen.
Jesus antwortete dem Versucher: »In den Heiligen Schriften steht: 'Der Mensch lebt nicht vom Brot allein; sondern von jedem Wort, das Gott spricht.'«

Es geht darum, was Vorrang hat in unserem Leben, was das Wichtigste ist. Wenn wir Jesus folgen, dann bleiben wir in der Spur Gottes. Dann leben wir als seine Töchter und Söhne und setzen uns dafür ein, dass diese Erde ein Zuhause für alle Menschen ist. Denn als
Kinder Gottes sind wir verbunden mit allen anderen Töchtern und Söhnen Gottes und mit allen anderen Geschöpfen; wir sind Teil des großen Lebens auf der ganzen Erde.

Darauf führte der Teufel ihn in die heilige Stadt Jerusalem, stellte ihn auf den höchsten Punkt des Tempels und sagte: »Wenn du Gottes Sohn bist, dann spring doch hinunter; denn in den Heiligen Schriften steht: 'Gott wird seine Engel schicken, und sie werden dich auf Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einem Stein stößt.'«

Die Versuchung, am Leben vorbei zu leben, kann auch in frommen Worten daherkommen. Der Versucher benutzt hier einen Psalmvers, um Jesus zu sagen: ´Lass dich doch einfach fallen, Gott wird dich auffangen. Du brauchst dich gar nicht anzustrengen, du brauchst den mühevollen Weg, den du dir vorgenommen hast, gar nicht zu gehen. Überlass alles Gott. Er wird's schon machen.`
Das klingt sehr fromm. Den Gott, der hier beschworen wird, hat Dietrich Bonhoeffer als "Lückenbüßer-Gott" bezeichnet. Überall, wo wir Menschen nicht weiter-kommen, da schieben wir Gott die Verantwortung zu. Gott soll in unsere Lücken springen. Aber das tut er nicht. Er sorgt nicht von oben herab für Frieden, wenn Menschen alles Erdenkliche tun, um Krieg zu führen.
Gott sagt uns, was er will. Er gibt uns Menschen Kraft und Mut, zu tun, was er will. Aber er nimmt uns das Tun nicht ab. Frieden auf Erden müssen wir Menschen selber schaffen. Und wenn wirs nicht schaffen, dann ist Krieg. Aber nicht Gott ist dafür verantwortlich, sondern wir. Jeder Krieg ist ein Versagen der Politik, ein Versagen der Menschheit. Und wir können unser menschliches Versagen nicht Gott in die Schuhe schieben, indem wir zum Beispiel sagen: Warum lässt Gott das zu?
Die Frage muss vielmehr lauten: Warum lassen wir Menschen das zu, das zum Himmel schreiende Unrecht auf der Welt, den gigantischen Aufmarsch am Golf, der täglich Hunderte von Millionen kostet. Kostbare Mittel, die fehlen zum Aufbau einer gerechteren Welt.

Jesus antwortete: »In den Heiligen Schriften heißt es auch: 'Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht herausfordern.'«

Das heißt: Wir Menschen sollen tun, was unsere Aufgabe und Verantwortung ist. Wir können Gott um Hilfe bitten, um Kraft und Mut und Wegweisung. Aber wir können uns nicht ausruhen mit dem Glauben: Gott wird's schon richten. Er erwartet, dass wir Menschen das Unsere dazu tun, damit unser eigenes Leben gelingt und damit es auf der Erde menschlich und gerecht zugeht.

Zuletzt führte der Teufel Jesus auf einen sehr hohen Berg, zeigte ihm alle Reiche der Welt in ihrer Größe und Pracht und sagte: »Dies alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest.«

Jetzt geht es um die nackte Macht. Der Versucher lässt alle frommen Sprüche beiseite. Er lässt Gott beiseite. Wo es um Macht geht, spielt Gott keine Rolle mehr.
Das können wir gegenwärtig in der großen Weltpolitik gut beobachten.
Die Weltherrschaft, die der Versucher Jesus anbietet, maßt sich heute die Regierung der Vereinigten Staaten an. Verschiedene europäische Politikerinnen und Politiker, darunter auch deutsche, schreiben Briefe an die Weltmacht, um ihre Ergebenheit zu bekunden. Kinder in der Schule sagen zu solch einem unter-würfigen Verhalten: "Die schleimen sich ein." Das will der Versucher, der heute in Gestalt der Weltmacht auftritt: Dass man sich bei ihm einschleimt, dass man sich ihm unterwirft.
Versprochen wird allen, die sich unterwerfen, dass sie zu den Freunden der Weltmacht gehören. Sie dürfen sich mit im Glanze ihrer Macht sonnen. Versprochen wird auch Teilhabe am Reichtum der Weltmacht, den sie sich bei ihren Kriegszügen erbeutet. "Das alles gehört dir, wenn du niederfällst und mich anbetest."

Zu Jesu Zeiten war Rom die Weltmacht. Das römische Imperium regierte mit Gewalt und saugte die Völker aus. Wer sich dieser Macht unterwarf, konnte ein angenehmes Leben führen. Nur: Für Gerechtigkeit oder Erbarmen, für Nächstenliebe und die Königsherrschaft Gottes war in diesem Leben kein Platz mehr.
Das ist heute genauso. Wo die Weltmacht ihre Herr-schaft durchsetzt, ist für Gerechtigkeit und Mensch-lichkeit kein Platz mehr. Denn alles wird dem einen Ziel untergeordnet: Die Reichtümer der Erde an sich zu reißen. Um dieses Ziel zu erreichen, wird hemmungslos gelogen. Mit Hilfe des Fernsehens werden die Massen manipuliert in einer Weise, dass sie nicht mehr wissen, was wahr und was falsch ist.
Zum Glück lassen sich die Völker nicht so verbiegen, wie es ihnen die Regierenden und die, die gerne regieren möchten, vormachen. Zum Glück behalten viele Menschen in dem alten Europa einen klaren Kopf und glauben nicht alles, was ihnen erzählt wird.
Zum Glück sagen viele, wie damals Jesus gesagt hat: »Weg mit dir, Satan! In den Heiligen Schriften heißt es: 'Vor dem Herrn, deinem Gott, wirf dich nieder, ihn sollst du anbeten und niemand sonst.'«

Es kommt also darauf an, dass wir wissen, wohin wir gehören. Sind wir getauft, sind wir Kinder Gottes, dann gehören wir zu Gott und haben ihm allein zu dienen. Dann sind wir misstrauisch gegenüber jeder Form von Weltherrschaft. Dann sind wir misstrauisch gegenüber jeder Form von Macht, die sich mit Gewalt durch-setzen will. Dann stehen wir auf und leisten Wider-stand, wenn das Unrecht Überhand nimmt.
Ich bin überzeugt davon: Wenn die Völker nicht so energisch aufstehen würden, wie sie es tun, dann gäbe es schon längst Krieg.

Nachdem Jesus dem Versucher klar gemacht hat, dass er sich ihm nicht unterwirft, ließ der Teufel von Jesus ab, und Engel kamen und versorgten ihn.
Das ist meine Hoffnung immer noch: Dass die Menschheit insgesamt sich klar darüber wird, wem sie zu dienen und woran sie zu arbeiten hat: Am Aufbau einer Welt, in der es gerecht zugeht, in der die Starken Rücksicht auf die Schwachen nehmen, in der die Regierenden ihre Macht zum Wohl des Volkes ausüben, in der nicht mehr das Recht des Stärkeren gilt, sondern die Stärke des Rechts.
So eine Welt aufzubauen, haben sich die Völker der Erde nach dem 2. Weltkrieg vorgenommen. Leider sind sie von diesem Ziel weit abgekommen. Aber dort müssen sie wieder hinfinden, wenn das Leben auf der Erde eine Zukunft haben soll.
Alle Kinder Gottes auf der ganzen Erde haben mit ihrer Taufe den Auftrag bekommen, ihren Beitrag am Aufbau einer gerechten und friedlichen Welt zu leisten.