zur Übersicht
Predigt zu Römer 7,14-25
23. März 2003
THEMA
 

Liebe Gemeinde,

in der zurückliegenden Woche haben wir uns mit Texten aus dem Römerbrief beschäftigt. Abend für Abend sind Mitglieder unserer Gemeinde mit katholischen Christen zusammen gekommen, um darüber nachzudenken, was diese wichtige Urkunde unseres Glaubens uns heute zu sagen hat.
Dabei haben wir immer wieder festgestellt: Die Texte des Paulus sind schwere Kost. Wenn man sie einfach nur so liest, bleiben sie einem unverständlich. Deshalb muss man, wie auf einem kräftigen Stück Brot, lange auf seinen Sätzen herumkauen, bis sich ihr Sinn erschließt.
Aber das lohnt sich. Denn beim Herumkauen auf seinen Gedanken geht einem plötzlich auf, wie aktuell das ist, was Paulus geschrieben hat.
Er hat gelebt zu einer ganz anderen Zeit in ganz anderen Verhältnissen. Aber die Menschen scheinen von ihrem Wesen und ihrem Verhalten her vor zweitausend Jahren nicht viel anders gewesen zu sein, als wir Menschen heute. Was Paulus schreibt, kann uns helfen, unsere Welt und was in ihr geschieht, zu verstehen.
In der gegenwärtigen Situation kann uns besonders das 7. Kapitel helfen, die Geschehnisse in der Welt zu deuten.

Es geht in diesem Kapitel um die Macht der Sünde.
Sehr negativ klingt das, was Paulus über uns Menschen schreibt. Seine Sicht des Menschen gipfelt in dem Satz: "Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht."
Dieser Satz ist zu einer Art Sprichwort geworden. Menschen benutzen ihn manchmal zur eigenen Rechtfertigung, wenn etwas nicht gelungen ist. "Der Wille war da, aber..." Doch Paulus will nichts rechtfertigen. Er will beschreiben, was die Situation des Menschen ist. Und die sieht er so: Wir finden demnach unser Leben von folgender Gesetzmäßigkeit bestimmt: Ich will das Gute tun, bringe aber nur Böses zustande. Der Gedankengang schließt mit dem verzweifelten Aufschrei: Ich unglückseliger Mensch! Wer rettet mich aus dieser tödlichen Verstrickung?

Jahrhunderte lang hat die Kirche diese Aussagen moralisch gedeutet. Das Gesetz der Sünde hat sie ausgelegt als die Triebhaftigkeit des Menschen. Damit hat die Kirche vor allem die körperlichen Begierden gemeint. So verbreitete sich eine negative Sicht alles Körperlichen. Das "Fleisch" wurde zum Inbegriff der Sündhaftigkeit.

Doch diese Sicht unseres Menschseins, unserer Leiblichkeit entspricht nicht dem, was die Bibel sonst von uns Menschen sagt. Sie sagt, dass wir mit Leib und Seele von Gott geschaffen sind und dass Gott als gut angesehen hat, was er geschaffen hat. Leib und Seele sind gute Gaben Gottes. Aber diese guten Gaben Gottes sind anfällig für das Böse.
Wir sehen gerade jetzt besonders deutlich, welche Macht das Böse in der Welt hat. Wir sehen, wie die Menschen besessen sind von dem Wunsch, ihre Macht zu zeigen und anderen gegenüber auszuspielen. Wir spüren, wie der Krieg die ganze Welt in Atem hält und in Unordnung bringt.
Wenn Paulus von der Sünde spricht, dann geht es ihm nicht um menschliches Fehlverhalten. Es geht ihm um die Verhältnisse, unter denen er selbst und die Menschen seiner Zeit gelebt haben. Es geht um das, was das gesamte Leben seiner Zeit bestimmt hat.
Nach genauer Betrachtung der politischen, wirtschaftlichen, sozialen Zusammenhänge ist er zu dem Schluss gekommen: Das gesamte menschliche Leben steht unter der Weltherrschaft der Sünde.

Schon die Wortwahl des Paulus gibt wichtige Aufschlüsse über das, was er meint. Seine Aussagen über die Sünde haben einen gemeinsamen Nenner: Sie sind in Herrschaftsbeziehungen gedacht.
Paulus schreibt: Die Sünde herrscht als Königin, als Herr. Ihr Herrschaftsraum ist der ganze Kosmos. Sie ist Kriegsherrin, die Sold bezahlt. Ihr weltweites Herrschaftsinstrument ist der Tod. Sie zieht gegen den einzelnen Menschen zu Felde, vergewaltigt ihn, nimmt ihn gefangen.
Die Begriffe, die Paulus benutzt, sind der militärischen Sprache entnommen. Das ist die Sprache des römischen Imperiums. Daraus können wir schließen: Paulus meint die Weltherrschaft des römischen Reiches, wenn er von der Weltherrschaft der Sünde spricht. Die so genannte "pax romana", der römische Friede, und die Weltherrschaft der Sünde sind eins.
Wie er zu dieser Einschätzung kommen konnte, das will ich mit Texten aus der damaligen Zeit kurz erläutern:
Der römische Schriftsteller Tacitus hat in einer Schrift dem britannischen Heerführer Calgacus eine Rede in den Mund gelegt. Darin heißt es:

Die Wirklichkeit ist nicht Freiheit, sondern Sklaverei. Die römische Gier nach Unterwerfung hat nun uns hier am Rande der Welt, uns letzte Söhne der Freiheit erreicht. Denn Räuber der Welt verwüsten alles. Nachdem ihnen die Länder ausgingen, durchspüren sie nun auch das Meer - habgierig, wenn der Feind reich, - ruhmsüchtig, wenn er arm ist. Nicht der Osten, nicht der Westen hat sie gesättigt. Als einziges von allen Völkern begehren sie Fülle wie Leere mit gleicher Leidenschaft. Stehlen, Morden, Rauben nennen sie mit falscher Bezeichnung "Herrschaft". Und wo sie Einöde schaffen, nennen sie das "Frieden". Die ganze Welt, der ganze von Rom beherrschte Erdkreis ist ein alter Sklavenhaufen.

Von einem jüdischen Rabbi ist ein Zeugnis überliefert, wie und zu welchem Zweck Rom die unterworfenen Völker aussaugt: "Mit vier Dingen zehrt dieses Reich an uns: Mit seinen Zöllen, Bädern, Theatern und den Naturallieferungen." (Luise Schottroff, die Schreckensherrschaft der Sünde, in: Befreiungserfahrungen, S. 59-64)

Philo, ein griechischer Schriftsteller, beschreibt, wie sich die Bevölkerung durch ihren Wunsch nach Wohlstand und ihre Feigheit und Dummheit selbst zu Sklaven macht. Die Unterwürfigkeit und Feigheit, mit der die Menschen Grausamkeit zur Wohltat umlügen, ist ihm unerträglich. Wörtlich heißt es bei ihm: "Alle, Männer, Frauen, Städte, Völker, Länder, fast möchte ich sagen, die ganze bewohnte Erde, alles stöhnte zwar unter den Taten des Kaisers, fuhr aber trotzdem fort, ihm zu schmeicheln."

Vielleicht geht es Ihnen so wie mir: Die Beschreibungen der Weltmacht Rom erinnern mich an die heutige Weltmacht. Was wir gerade über das römische Imperium gehört haben, lässt sich ohne Probleme auf das heutige amerikanische Imperium übertragen.
Wort für Wort können wir die Gedanken des Paulus auf uns beziehen, auf unser Verflochtensein in ein weltweites Unrechts-System.
Wir wissen es schon lange: Die Lebensweise der reichen Staaten des Westens bringt weltweites Elend hervor. Wir im Westen leben auf Kosten der Armen. Wir führen einen lautlosen Krieg gegen die Armen. Täglich sterben in diesem Krieg Zehntausende. BROT FÜR DIE WELT hat auf einem Plakat vorgerechnet: Die Zahl der Hungertoten entspricht dem Absturz von 300 Jumbos täglich.

Wir wissen das. Wir wollen das nicht. Und wir tragen doch mit unserer Lebensweise dazu bei, dass es so ist. Das ist die Schreckensherrschaft der Sünde, der wir nicht entkommen. Wir sind verstrickt in das System weltweiten Unrechts. Wir sind verflochten in den Krieg, der jetzt geführt wird. Und wir werden hinterher die Kosten dafür mit zu tragen haben. Die Rüstungsindustrie wird große Gewinne machen. Ebenso andere Konzerne, die damit zusammen hängen. Aber die Völker werden bezahlen. Das irakische Volk mit seinem Blut, die Völker in der so genannten dritten und vierten Welt mit noch größerem Hunger und Elend. Und die Völker in der ersten und zweiten Welt mit wachsender Verelendung.

Wer wird uns retten aus diesem Verfallensein unter das Unrecht?

Hören wir noch einmal, was Paulus schreibt: Gott sei gedankt durch Jesus Christus, unseren Herrn: Er hat uns von der Macht der Sünde erlöst.
Paulus erwartet keine Veränderung der Politik. Er erwartet nicht, dass die Herrschaft des römischen Imperiums gerechter, menschlicher, friedlicher würde. Er erwartet aber einen umfassenden Herrschaftswechsel. Seine Hoffnung richtet sich auf Gott, auf sein endgültiges Eingreifen.
Paulus glaubt, dass Gott mit Jesu Auferweckung von den Toten bereits entscheidend in das Weltgeschehen eingegriffen hat. Für Paulus ist Jesus Christus der Kyrios, der Herr, nicht der Kaiser in Rom. Und Jesu Herrschaft betrifft die ganze Welt, alle Völker, den ganzen Menschen mit Leib und Seele. Dieser Glaube bedeutet eine große Befreiung. Paulus schreibt: Nun diene also ich, ein und derselbe Mensch, mit meinem bewussten Streben dem Gesetz Gottes, aber mit meinen Gliedern dem Gesetz der Sünde.

Ich verstehe seine Worte so: Wir bleiben dem gegenwärtigen Unrechtssystem unterworfen. Denn wir könne nirgendwo hin fliehen, wo dieses System nicht herrscht. Wir sind aber diesem System nicht voll-ständig ausgeliefert. Denn für uns als Glaubende hat ein Herrschaftswechsel begonnen. Wir stehen unter der Herrschaft Jesu Christi. Und wir folgen seinem Gesetz, seinen Weisungen.

Das führte zu Zeiten des Paulus dazu, dass die Glaubenden in ihren Gemeinden als befreite Menschen zu leben versuchten. Hier gilt nicht, was einer ist, schreibt Paulus an anderer Stelle, ob einer Herr oder Diener ist, Mann oder Frau, Jude oder Grieche; hier gilt, dass wir alle eins sind in Christus. (Galater 3,28)
Die Gemeinschaft der Glaubenden versteht sich als Anfang eines neuen Lebens für alle.
Das ist auch heute der Sinn unseres Daseins als Gemeinde: Gemeinsam sollen wir ein Zeichen sein von einer anderen Welt, in der es friedlich unter den Menschen zugeht.
Deshalb ist es gut, wenn wir uns Woche für Woche hier in der Kirche oder drüben im Gemeindehaus versammeln. Denn nur so können wir erleben, dass wir eine Gemeinschaft sind. Als Einzelne verlieren wir leicht den Mut und die Hoffnung. Besonders in dieser Zeit.
Sich zusammen tun, aus der Isolierung herausgehen, das ist bereits Teil des neuen Lebens, zu dem Paulus ermuntert. Es ist Teil des befreiten Lebens unter der Herrschaft Christi.
Ein anderes Element des befreiten Lebens besteht darin wahrzunehmen, was geschieht. Wir dürfen nicht glauben, was uns die Mächtigen mit ihrer Propaganda sagen und sehen lassen. Wir müssen die traurige Erkenntnis aushalten, dass sie uns belügen. Es geht ihnen um ihre Interessen, um die Demonstration ihrer Macht und Stärke, um eine neue Weltordnung, in der sie die Herren sind, die sich keinem Recht und keinem Gott zu fügen haben.
Zum Glauben und zu unserem Leben als Gemeinde gehört schließlich die Hoffnung: Gottes Weisungen sind gut und gerecht, und sie führen uns zum Guten, wenn wir sie befolgen. Und durch alle Zeiten und erst recht am Ende aller Zeiten wird sich Jesus Christus als der Herr erweisen, dem alles und alle dienen müssen.

In dieser Hoffnung können wir leben als Menschen, die dem Unrecht unterworfen sind und zugleich schon befreit sind, das Gute und Gerechte unter den Menschen zu tun.