zur Übersicht
Predigt zu Johannes 3,1-8
15. Juni 2003
Trinitatis
 

Spirituelle Erfahrungen stehen hoch im Kurs. Vor wenigen Tagen stand ein längerer Artikel darüber in der Zeitung. Viele Menschen sind auf der Suche nach tiefen, geistvollen Erfahrungen. Spirituell kommt von spiritus - mit langem u - das heißt auf Deutsch "Geist". Menschen wollen mehr als den täglichen Konsum, als die täglichen Zerstreuungen, als immer neue Events. Der Mensch lebt eben nicht von Brot allein, auch nicht von Spaß und Fun allein. Das spüren viele Zeitgenossen. Sie suchen nach mehr.

Der Zeitungsartikel berichtete, dass dieses Suchen die Menschen in der Regel nicht in die Kirche führt. Sie lassen sich eher von kleinen Gruppen ansprechen. Dort meinen sie das Wehen des Geistes zu spüren. Solche geistbewegten Gruppen scheinen wie Pilze aus dem Boden zu schießen. Manche haben großen Zulauf. Anscheinend haben die Menschen da das Gefühl, dass ihnen der Geist direkt ins Herz weht.

Unseren protestantischen Gottesdiensten wird oft vorgeworfen, sie seien so verkopft. Da könne der Geist nicht wehen. Dabei meine ich, muss das kein Hinderungsgrund sein. Der Geist ist schließlich auch das, was wir im Kopf haben, unser Verstand. Geistreich ist ein Gedanke, der bei anderen Menschen Überraschung und Nachdenken auslöst. Solche Gedanken, die unseren Verstand ansprechen, die berühren auch unser Herz, unser Gefühl.
Der Geist berührt und bewegt den ganzen Menschen, den Kopf genauso wie das Herz, das Ohr genauso wie den Mund, den Bauch genauso wie Hände und Füße.

Wie der Geist über und durch den Kopf ins Herz geht, dafür hat das Johannes-Evangelium viele Beispiel überliefert. Der Evangelist gibt tiefsinnige und höchst geistreiche Gespräche wieder, die Jesus mit anderen Menschen führt. Diese Gespräche haben einen holländischen Theologen auf die Idee gebracht zu sagen: "Das einzige Sakrament, das Jesus gestiftet hat, ist das Gespräch."

Ich bin auch überzeugt: Jedes echte Gespräch ist ein Geheimnis, durch das der Geist wirkt. Dabei muss es in dem Gespräch gar nicht direkt um Gott, die Bibel und den Glauben gehen.

Was ein Gespräch zu einem Geheimnis des Glaubens macht, zu einer Wirkungsstätte des Heiligen Geistes macht, ist mehr die Haltung, in der es geführt führt. Da spüren alle, die an dem Gespräch teilnehmen: Ich bin angenommen und werde ernst genommen. Was von den anderen gesagt wird, spricht mich an. Ich bin gemeint. Denn da redet jemand in meiner Sprache. Wir verstehen uns. Zumindest ist auf allen Seiten das Bemühen da, sich gegenseitig zu verstehen. Man redet nicht aufeinander ein, nicht an einander vorbei, sondern man redet wirklich miteinander. Man sagt, was man denkt und was man auf dem Herzen hat.
Ein solches Gespräch versucht im Grunde jede Predigt zu sein. Es redet hier im Moment zwar nur einer. Aber ich bemühe mich, diese Rede so aufzubauen, dass ich im Gespräch mit Ihnen bin. Ich lausche in mich selbst hinein, um herauszufinden, was mich im Moment bewegt. Ich versuche, mich in Sie hinein zu denken, überlege, welche Fragen Sie wohl haben. So trete ich mit Ihnen gemeinsam in ein Gespräch mit der biblischen Botschaft ein. Oft nimmt dabei das, was ich sage, für mich selbst ungeahnte und überraschende Wendungen. Es ist, wenn ich eine Predigt schreibe, wirklich so, wie in einem Gespräch: Ich weiß am Anfang noch nicht, was am Ende dabei herauskommt. Die Predigt entwickelt sich beim Nachdenken, Schreiben und Sprechen. Und wenn sie gelungen ist, dann hat wirklich ein Gespräch zwischen uns und zwischen uns und Gott stattgefunden.

Wir alle können etwas dazu tun, dass dieses Gespräch gelingt. Wir können uns vernünftig darauf vorbereiten, uns innerlich darauf einstellen, Herz und Ohren öffnen. Ob es gelingt, haben wir letztlich nicht in der Hand. Selbst mit bester Vorbereitung können wir das Gelingen eines Gesprächs nicht machen, nicht erzwingen. Das bewirkt der Heilige Geist, der weht, wo er will. Wir können ihn bitten, dass er zu uns kommt und uns erfüllt. Das tun wir in jedem Gottesdienst. Ob er da ist, das spürt jede und jeder bei sich.

Gemeinsam nehmen wir also nun teil an einem Gespräch zwischen zwei jüdischen Gelehrten. Auf der einen Seite Nikodemus, ein Mitglied des hohen Rates. Man kann vielleicht sagen mit Bezeichnungen, die wir kennen: Ein Professor, der zugleich Mitglied der Kirchenleitung ist. Ein hohes Tier also. Auf der anderen Seite Jesus. Der Gelehrte bezeichnet ihn ehrfürchtig als Rabbi, als Lehrer.

"Der kam zu ihm bei Nacht", heißt es. Diese kleine Randbemerkung scheint mir höchst bedeutsam. Viel haben heutige Gelehrte darüber spekuliert, warum Nikodemus wohl bei Nacht gekommen ist. Alle müssen zugeben: Letztlich wissen wir es nicht. Darum tue ich einfach so, als würde dieses Gespräch heute stattfinden. Was bewegt einen Menschen, in der Nacht einen anderen aufzusuchen?

Vermutlich kennt das jede und jeder von uns: Plötzlich wird man wach mitten in der Nacht. Man hat noch gar nicht lange geschlafen. Man möchte weiter schlafen. Aber es geht nicht. Gedanken holen einen ein, die einen nicht loslassen. Angst machende, sorgenvolle Gedanken. Gerade im Dunkeln, wenn einen nichts ablenkt, wenn man sich selber nicht ablenken kann mit irgendeiner Beschäftigung, melden sich unbewältigte Geschehnisse aus der Vergangenheit oder Ängste vor der Zukunft werden wach. Manchmal ist die Unruhe so groß, dass man aufstehen muss. Licht anmachen, irgendetwas lesen, sich irgendwie ablenken, um dann wieder zur Ruhe zu kommen. Manchmal gelingt auch das nicht und man spürt: Ich brauch jetzt irgendeinen Menschen. Bei der Telefonseelsorge melden sich gerade nachts Menschen, die von ungelösten Lebensfragen geplagt werden.

Ich glaube, es lässt sich verallgemeinern: Wer in der Nacht das Gespräch mit einem anderen Menschen sucht, der braucht Hilfe, der braucht Trost. Der steckt irgendwo fest mit seinen Fragen und Ängsten. Er kommt allein nicht weiter.

So ist es auch bei Nikodemus. Er sucht Rat. Das wird gleich bei seinem ersten Satz klar. In seiner Begrüßung. "Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen". Als Lehrer will er Jesus in Anspruch nehmen. Als Lehrer, der göttliche Wahrheiten ausspricht, der ihm vielleicht auch die Wahrheit über sein Leben sagen kann.
Nikodemus spricht weiter: "Niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn, Gott ist mit ihm." Hinter diesem Satz verbirgt sich eine Frage. Versuchen wir, dieser Frage nachzuspüren.

Nehmen wir einmal an, Nikodemus überlegt, sich der Jesus-Bewegung anzuschließen. Er ist angetan von diesem Lehrer. Dessen Zeichen haben ihn beeindruckt. Zum Beispiel das Zeichen, das bei der Hochzeit zu Kana geschehen ist. Den Hochzeitsleuten ist der Wein ausgegangen. Jesus tut etwas, gibt ein paar Anweisungen. Und plötzlich ist edelster Wein in Fülle da. Seine Jünger, die das miterlebten, glaubten: Jesus bringt Leben in Fülle.

Etwas Ähnliches wie mit dem Wein geschah mit dem Brot. Fünftausend Menschen waren um Jesus versammelt. Der Tag war lang, sie hatten Hunger. Jesus gibt ein paar Anweisungen. Er nimmt fünf Brote in die Hand, die ein Kind dabei hatte, dankt und teilt sie. Als die Menschen heim gehen, sind alle satt. Es ist sogar noch eine Menge übrig geblieben.

Oder jemand, der blind war, wird von Jesus wahr genommen. Jesus tut etwas, sagt etwas - dem Blinden gehen die Augen auf. Er erkennt: Dieser Jesus ist das Licht der Welt.

Ein anderer war lahm seit 38 Jahren. Jesus spricht ihn an. Er sagt: Steh auf. Und der Lahme steht auf.
In all diesen Zeichen zeigt Jesus etwas von sich. Er zeigt, wer er ist, was er für die Menschen ist, die ihm nahe kommen und denen er nahe kommt: Brot des Lebens, Wasser des Lebens, Tür und Weg zum Leben, zu einem guten, erfüllten Leben, Licht der Welt.

Auf der Suche nach dem wahren erfüllten Leben ist offenbar auch Nikodemus. Er hat die Zeichen, die Jesus getan hat, nicht selbst erlebt. Er hat nur davon gehört. Er fragt sich jetzt: Kann ich mich darauf verlassen, dass Jesus auch mir den Weg weist, den Weg zum Leben?
Nikodemus steht vielleicht an einem Wendepunkt. Er spürt: Wie bisher kann es nicht weiter gehen? Aber wo und wie wird es weiter gehen?

Jesus hört die Frage. Er sagt: Du suchst das Reich Gottes. Man kann statt dessen auch sagen: Das wahre erfüllte Leben. Das suchst du. Du wirst es finden, wenn du neu geboren wirst.
Ich fühle mich wie neu geboren. Das sagt ein Mensch, wenn er von einer Krankheit genesen ist, er sich wieder fit und gesund fühlt.

Oder ein anderer, der dem Tod noch soeben davon gekommen ist, der zählt seine Jahre ganz neu und sagt: Das ist meine zweite Geburt. Die Jahre seitdem sind geschenkte Jahre.
Oder jemand, der eine schwere Zeit überstanden hat und wieder Licht sieht am Horizont. Der spürt wieder, wie das Leben Freude mach.