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Predigt zu Matthäus 24,35 und Markus 13,31
2. November 2003
Predigt zur Gold-Konfirmation
 

"Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen."
Diejenigen unter Ihnen, die am 22. März 1953 in der Wanheimer Kirche konfirmiert worden sind, haben zum Andenken diesen Vers mit auf den Weg bekommen. Darum soll er heute an diesem Erinnerungstag im Mittelpunkt stehen. Der Vers befindet sich oben auf der Konfirmationsurkunde. Unten ist, von Pastor Pickert handgeschrieben, der Konfirmationsspruch zu lesen. Darüber ein Bild, das den gekreuzigten Jesus zeigt. Um das Bild laufen die Worte des Bibelverses: "Himmel und Erde werden vergehen..." Das ist ein Wort Jesu. Die Evangelisten Matthäus und Markus haben es überliefert.

Alles wird vergehen, selbst das, was felsenfest und sicher scheint. Das Bild auf der Urkunde macht deutlich: Auch Jesus, dieser irdische Mensch, ist vergangen. Am Kreuz hängend, mit einer Dornenkrone auf dem Kopf, ist er elend und schmerzhaft gestorben.
Sie, die Sie heute Ihre Jubel-Konfirmation feiern, haben in Ihrem Leben eine Ahnung bekommen, was das Vergehen von Himmel und Erde bedeutet. Ein so genanntes "tausendjähriges Reich", das die ganze Welt beherrschen wollte, fiel in sich zusammen. Der von diesem Reich entfachte Krieg ließ Millionen Menschenleben vergehen. Weitere Millionen wurden aus ihrer Heimat heraus gerissen und entwurzelt. Sie mussten erleiden, wie alles verging, was sie sich aufgebaut hatten. Das gleiche Schicksal erlitten viele im Bombenhagel zum Beispiel hier im Ruhrgebiet.

Mitten im Krieg, 1943, sind die konfirmiert worden, die heute ihre diamantene Konfirmation feiern. Pastor Pickert war zu der Zeit zur Wehrmacht eingezogen. Pastor Schindelin aus Wedau vertrat ihn. So weit es möglich war, fand der kirchliche Unterricht in den Kriegsjahren ganz normal statt. Auch die Prüfung, eine Woche vor der Konfirmation, gehörte dazu. Eine erinnert sich, dass Sie während der Prüfung in den Keller mussten. Es gab Bombenalarm. Hautnah haben Sie miterlebt, wie nicht nur Häuser und Städte vergehen, sondern auch der Glaube an menschliche Macht und Größe. Zum Führer, zum Heilsbringer hat sich einer aufgespielt. Viele haben an ihn geglaubt. Dieser Glaube ist ihnen vergangen am Ende des Krieges. Da lag alles in Trümmern lag und es kam heraus, was im Namen des deutschen Volkes geschehen war: Grauenhafte Verbrechen, die manche bis heute nicht wahrhaben wollen. So unsagbar, unvorstellbar schlimm war das, was normale, brave, biedere Menschen anderen Menschen zugefügt hatten.

Die Worte auf der Konfirmationsurkunde 1953 sind wie eine Antwort auf das zuvor Erlebte. "Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen." In allem Vergehen gibt es etwas, das bleibt. Dieses Bauwerk, diese Kirche ist ein steinernes Zeugnis dafür. 1928 sind hier Menschen konfirmiert worden, genauso wie 1933, 1943 und 1953. Ihnen allen ist ein Wort Gottes zugesprochen worden. Segnend sind Ihnen die Hände aufgelegt worden. Ihnen ist gesagt worden, dass Gott uns gütig zugewandt bleibt trotz allem Bösen, das Menschen tun und erleiden.

Die Worte Jesu, die nicht vergehen werden, handeln von Gottes Erbarmen, von seiner Liebe und von der Kraft, die Menschen erfahren, wenn sie an diesen Gott glauben. Die Worte Jesu wecken solchen Glauben, sie stiften Hoffnung und Zuversicht. Jesus gebraucht, wie so oft, ein Bild aus der Natur: "An dem Feigenbaum lernt ein Gleichnis: Wenn jetzt seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, wo wisst ihr, dass der Sommer nahe ist."

Bei uns verlieren die Bäume zur Zeit ihre Blätter. In der Herbstsonne leuchten sie noch einmal auf. Aber das wird bald vorbei sein. Dann ist alles kahl. Die Blätter vergehen, die Blüten sind erfroren, eine dunkle und kalte Zeit steht uns bevor. Doch Jesus will nicht, dass wir Menschen mit unseren Gedanken und Gefühlen hängen bleiben bei dem Dunklen und Kalten. Er lenkt unsere Sinne ins Licht und in die Wärme: In dem Vergehen der Natur sollen wir schon den kommenden Sommer sehen und fühlen.

Damals, 1953, war eine Zeit, wo nach der tiefen Dunkelheit über unserem Land Licht am Horizont sichtbar wurde. Es ging aufwärts. Die Trümmer verschwanden aus dem Stadtbild. Neue Siedlungen entstanden. Wie hier in Wanheim an der Bergischen Landwehr und anderswo, wo die Siedler mit viel Eigenarbeit ihre Häuschen bauten.
Bei der Konfirmation haben Sie sich damals ein bisschen wie im Schlaraffenland gefühlt. Es gab ein Kleid für die Prüfung und dann noch eins für die Konfirmation. Für die Jungen eine schwarzen Anzug. Und es gab großzügige Geschenke. Für die Mädchen war es das größte, als der Opa ihnen die ersten Nylons schenkte. Nylonstrümpfe waren das sichtbare Zeichen: Jetzt bin ich kein kleines Mädchen mehr, sondern eine junge Dame. Schöne schlanke Waden und ein bisschen Knie konnten die jungen Damen mit diesen Strümpfen zeigen. Jede hat aufgepasst, dass ja keine Laufmasche die ganze Schönheit zunichte machte. Neben den Geschenken für das Hier und Jetzt gab´s Geschenke für die Zukunft: Sammeltassen, Kuchenplatten, das erste Besteck, alles für das spätere Leben als Ehefrau. Das Besteck wurde dann zu Weihnachten und zum Geburtstag regelmäßig ergänzt.
Die Schenkerei, die heute ein Riesenproblem ist, war damals noch ganz einfach: Was schenken wir dem Mädchen zu Weihnachten? Am besten einen silbernen Löffel mit Messer und Gabel oder eine Tasse mit Teller und Untertasse passend zu dem vorhandenen Geschirr.
Für die Jungen gab´s eine Uhr. Einer erinnert sich an ein ganz besonderes Geschenk: eine Schallplatte mit dem Konzert von Benny Goodman in der Carneby Hall. Mehr und mehr hielten Jazz und die Vorläufer der Rockmusik aus den USA Einzug in Deutschland.
Die Konfirmation war so etwas wie ein Versprechen, eine Ankündigung: Seht, die Blüte eures Lebens ist nahe. Für die meisten endete die Schulzeit, sie gingen in die Lehre. Arbeit war in den fünfziger Jahren für alle reichlich da.
Viele blieben während der Lehrzeit noch der Gemeinde verbunden. Mit "Fräulein Lierhaus", so erinnern Sie sich, haben Sie schöne Zeiten verbracht. Marianne Lierhaus war Gemeindehelferin in Wanheim. Sie leitete den Mädchenkreis. Für die Jungen gab es etwas Ähnliches. Die Angebote der Gemeinde wurden gern angenommen. Denn die Riesenauswahl an Freizeitangeboten bis hin zu zig Fernsehprogrammen rund um die Uhr gab es zu Ihrer Jugendzeit noch nicht. Sie waren froh, dass es die Gemeinde gab. Einer sagte: "Wir hatten Zeit und außer dem Fußballplatz hatten wir nichts. Die Kirche war unser Alles. Mit der Kirche sind wir auch in Urlaub gefahren." Regelmäßig hat Marianne Lierhaus Freizeiten mit den Jugendlichen gemacht. In Ihrer Erinnerung war es eine schöne Zeit.

Ja, es ging aufwärts mit unserem land, der Sommer nahte. Sie, die 1953 Konfirmierten, haben einen nie da gewesenen Wohlstand geschaffen und erlebt. Lange Zeit schien es so, als ob dieser Sommer nie enden würde. Bis heute reden uns die Politiker ein, dass die Wirtschaft stetig weiter wachsen muss. Doch die Grenzen des Wachstums sind längst erreicht. Das wissen wir spätestens seit den siebziger Jahren. Wir sind jetzt im Herbst. Von der Jahreszeit her ist es Herbst geworden. Sie stehen im Herbst Ihres Lebens. Auch in unserem Land hat sich längst eine herbstliche Stimmung ausgebreitet. Es wird kälter.
Obwohl riesige Reichtümer vorhanden sind, stehen davon immer weniger der Allgemeinheit zur Verfügung. Viel zu viel versackt in privaten Taschen, so dass wir heute geradezu groteske Dinge erleben: Die Sparkasse hat eine neue Filiale in Wanheim gegenüber der Hauptschule errichtet. Ihre alte Filiale an der Angertaler Straße hat sie "aufwändig renoviert und umfassend modernisiert" zu einem "Beratungs-Center". Acht Damen und Herren sind dort angestellt, um Kunden "in allen Fragen der Geld- und Vermögensanlage" zu beraten. So heißt es in dem Werbeprospekt. Geld muss also da sein.
Gleichzeitig bittet die Lehrerin in der Schule die Eltern um Mithilfe bei der Reinigung des Klassenraumes nach den Sommerferien. Nicht genügend Geld ist da, die Schule in Ordnung zu halten. Wir als Gemeinde müssen bangen um eine Gruppe in unserem Kindergarten. Nicht genügend Geld ist da, um allen Kindern einen Kindergartenplatz in ihrer Nachbarschaft anzubieten. Die Kinder und die Jugend, die unsere Zukunft sein sollen, zahlen den Preis dafür, dass Leute in den höheren Rängen von Politik und Wirtschaft ungehindert den Rahm abschöpfen. Den Preis zahlen auch Sie, wenn Sie zum Arzt oder ins Krankenhaus müssen. Hinter den schönen Fassaden der Regierungsgebäude, Banken, Versicherungen und Großkonzerne macht sich Armut breit in unserem Land. Damit die Reichen ihren Reichtum behalten und vermehren können, kürzen Bund und Länder an sozialen Aufgaben und Leistungen.
Mir macht das ein Gefühl von zunehmender Kälte in unserem Land. Es wird Herbst, kein schöner, freundlicher Herbst, sondern ein kalter, hässlicher. Meine Befürchtung ist, dass es noch richtig Winter wird, eine soziale Eiszeit, in der nur noch das Geld regiert und den Ton angibt.

Aber nun höre ich die freundliche Mahnung Jesu: Lass dich von diesen trüben Aussichten und Gedanken nicht gefangen nehmen. Denn diese Gedanken machen depressiv und lassen einen resignieren. Das aber ist genau das, wovor Jesus die Menschen bewahren will. Er will Menschen herausreißen aus Resignation, aus Lähmung und Depression. Weil Gott nahe ist und mit ihm die Wärme und das Licht des nahenden Sommers. Fromme Gruppierungen versuchen bis heute aus den Worten Jesu eine Zeitbestimmung über das Weltende herauszulesen. Das aber widerspricht dem, was Jesus sagen will. Denn er lebte in der Überzeugung: Gott ist jederzeit nahe, er steht vor der Tür und wartet darauf, dass Menschen sich ihm öffnen.
Jetzt ist die Zeit des Herbstes. Aber es ist zugleich die Zeit, in der die Natur sich vorbereitet auf den nächsten Sommer, auf ein neues Blühen und Frucht Bringen.
Ich habe in den vergangenen Tagen, als es so schön war, einige Blumenzwiebeln in die Erde gelegt. Jetzt sieht man von ihnen nichts. Aber ich weiß, dass sie in einigen Monaten aufgehen und blühende Blumen hervorbringen werden.
So ist es mit Gottes Nähe. Manchmal sehen und spüren wir nichts davon. Aber wir dürfen wissen, dass Gott verborgen unter uns ist. Der Sommer seiner Gnade ist angelegt als ein Keim und wird aufgehen in seiner ganzen Schönheit und Pracht.
Von der heilvollen Zukunft und dem Heil bringenden Eingreifen Gottes war Jesus war vollkommen überzeugt. Sein Vertrauen hat auf andere Menschen ausgestrahlt. Sie haben angefangen, selber zu glauben: Gott ist da, Gott hilft. Und dieser Glaube hat geholfen. Die Bibel ist voller wunderbare Geschichten, die das erzählen: Dein Glaube hat dir geholfen.
Auch wir können es glauben: Gott überlässt die Welt nicht sich selbst. Raffgier, Ungerechtigkeit, Lug und Trug werden keine Zukunft haben. Gott sorgt dafür, dass die Wahrheit ans Licht kommt, dass Unrecht nicht bleibt und die Menschen nicht aufhören, nach Frieden und Gerechtigkeit zu streben.
Konfirmation heißt Stärkung, Kräftigung. Die Erinnerung an die vor fünfzig, sechzig, siebzig oder fünfundsiebzig Jahren erhaltene Stärkung soll Sie heute auf´s neue stärken in dem Glauben: Gott ist auch in meinem persönlichen Leben nahe. Meine Zukunft heißt Gott. Miteinander können wir gleich Gottes Nähe sehen und schmecken, wenn wir das Abendmahl feiern.
Zusammen mit seinen Worten hat Jesus das Mahl als bleibendes Zeichen hinterlassen. Wenn wir uns um den Tisch des Herrn versammeln, von einem Brot essen und aus einem Kelch trinken, dann spüren wir: Niemand ist allein. Jedem und jeder schenkt Gott seine Aufmerksamkeit und Wertschätzung, seine Nähe und Güte.
Auch das andere Zeichen, das wir im Auftrag Jesu gebrauchen, hat mit der Gemeinschaft zu tun: Die Taufe. Sie bedeutet die Eingliederung in die Gemeinschaft Jesu.
Schließlich sei noch daran erinnert: Das erste Wort, das Jesus am Anfang seines öffentlichen Wirkens zu einem anderen Menschen gesprochen hat, war ein Ruf in die Gemeinschaft. Er lud andere Menschen ein, mit ihm zusammen die Nähe Gottes zu leben und sichtbar werden zu lassen.
Aus alledem wird deutlich: Stärkung des Glaubens erfahren wir am besten in der Gemeinschaft. Wer allein ist, den überkommen schnell Zweifel, Resignation und Trübsinn. Die Gemeinschaft der Gemeinde, die Gemeinschaft des Gottesdienstes ist auch so etwas wie der Feigenbaum, der den nahen Sommer ankündigt. Hier im Gottesdienst spüren wir die Nähe Gottes und können uns ihrer immer wieder neu vergewissern.
So möge dieses heutige Jubelfest Sie stärken in dem Glauben: Jesus hat Worte, die Zuversicht wecken, die Glauben stärken und in die Gemeinschaft rufen. An seinen Worten können wir uns festhalten.