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Predigt zu 1. Johannes 4,16-21
20. Juni 2004
Predigt zur Silberkonfirmation
 

Wir feiern ein Ereignis, das 25 Jahre zurück liegt. Wir tauschen Erinnerungen aus, lassen die damalige Zeit vor dem inneren Auge vorüber ziehen. Vieles wird dabei noch einmal lebendig. So vielleicht auch die Frage: Was hatte das eigentlich alles zu bedeuten: Die Konfirmation und der Unterricht? Was ist davon hängen geblieben? Was für eine Bedeutung hat das damals Erlebte vielleicht auch noch heute?

In einem kleinen Kreis ehemaliger Konfirmandinnen haben wir uns vor drei Wochen getroffen. In dem Gespräch wurde deutlich: Die meisten haben sich auf ihre Konfirmation gefreut. Nicht nur des Geldes wegen, das es auch damals schon zum Teil sehr reichlich gab. Die Konfirmation ist für die meisten das einzige Fest im ganzen Leben, wo man als Mensch ganz persönlich gewürdigt, angesprochen und gesegnet wird. Die ganze Familie kommt, um einem ihre Wertschätzung zu erweisen. Das ist gerade in dem Alter um die vierzehn von tiefer Bedeutung.
Denn man hat in diesem Alter oft tiefe Zweifel an sich selbst. Was bin ich eigentlich wert? Gibt es jemanden, der mich mag? Für die Jungen ist natürlich die Frage besonders wichtig: Gibt es eine, die mich mag? Bin ich cool genug, um Chancen bei den Mädchen zu haben?
Um´s Cool-Sein geht es in diesem Alter vor allem. Denn wer cool ist, der ist in, der wird anerkannt, dem laufen die Mädchen oder die Jungen hinterher.
Zwei, die bei Okko Herlyn Unterricht hatten, erinnerten sich, dass sie ihren Pastor damals ganz cool fanden. Denn der machte den Vorschlag, dass alle bei der Konfirmation Jeans anziehen. Die waren damals in den Siebzigern nach Deutschland gekommen und schwer in Mode. Die Cordhose war out, man trug nur noch Jeans. Und das war natürlich das coolste überhaupt: Jetzt bei der Konfirmation Jeans anziehen. Der Pastor wollte sogar dabei mitmachen. Es war eben eine Zeit, wo Protest in der Luft lag, wo vieles Althergebrachte in Frage gestellt wurde, wo die junge Generation mit langen Haaren, lauter Musik und coolen Klamotten gern die Älteren provozierte.
Aber noch war es so, dass die Eltern in dieser Zeit den Gedanken der Erziehung nicht ganz aufgegeben hatten. Sie meinten, dass zu einem feierlichen Anlass auch die entsprechende Kleidung dazu gehört. Wie man auf den Bildern von damals sehen kann, haben die Eltern sich damit durchgesetzt. Auch der Pastor trug einen schwarzen Anzug.

Cool-sein war das Thema, natürlich auch für die Mädchen. Sie machten sich im Grunde die gleichen Gedanken wie die Jungen: Wie komme ich an? Wer findet mich gut? Mein Körper, wie fühlt sich der an, wie sieht er aus, wer bin ich überhaupt?

Eine aus dem Kreis berichtete, dass dieses Alter zwischen zwölf und vierzehn für sie die schlimmste Zeit im ganzen Leben war. Da ging vieles drunter und drüber. In der Schule klappte es nicht. Die Eltern hatten Mühe, das heranwachsende Töchterlein irgendwie auf den richtigen Weg zu lenken. Sie sagt selbst im Rückblick: "Es war eine schwierige Zeit, keine schöne Zeit."
In dieser Zeit so etwas wie eine Bestätigung bekommen, das macht die Feier der Konfirmation bis heute so bedeutsam und so wichtig. Denn Konfirmation heißt ja nichts anderes als Bekräftigung, Bestätigung.
Bestätigt wurde euch damals: Du bist, so wie du bist, ein von Gott geliebtes Kind. Der Pastor legte euch die Hände auf, um euch dies zuzusprechen: Gott segnet dich, und du bist ein Segen.
Jede und jeder bekam dazu ihren oder seinen persönlichen Konfirmationsspruch. Die einen haben sich den Spruch selbst ausgesucht. Denen im ersten Bezirk hat Pastor Blank den Vers ausgewählt.
Bei dem Treffen vor drei Wochen hatten die einen ihren Spruch dabei. Andere kannten ihn auswendig. Dieses Wort, das jedem persönlich damals zugesprochen wurde, hat für viele eine besondere Bedeutung. Manche begleitet es seitdem auf ihrem Lebensweg.

Ein solcher Spruch, der Menschen begleitet, ist dieses Wort: "Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm." Eine aus dem Kreis der heutigen Jubilarinnen hat diesen Vers als Konfir-mationsspruch mitbekommen. Sie empfindet ihn als ein besonderes Geschenk, ein Leitwort für´s Leben.
Wir haben ausgemacht: Heute zum silbernen Jubiläum soll allen dieser Vers mitgegeben werden.

Zu einem Jubiläum gehört nicht nur der Blick zurück. Das Jubiläum stellt selbst so etwas wie eine erneute Bekräftigung und Bestärkung dar. Fünfundzwanzig oder sechsundzwanzig Jahre Leben liegen hinter euch. Das ist schon was. Das ist alles andere als selbstverständlich. Denn es passiert leicht, dass ein Leben aus der Bahn gerät. Es kann schnell ein Unglück geschehen oder eine schwere Krankheit einen heimsuchen. Neben diesen großen gibt es die kleinen und mittleren Katastrophen. Ich vermute, mit vierzig hat jede und jeder erfahren müssen, dass das Leben nicht immer geradeaus geht, sondern dass hier und da etwas schief geht, etwas zerbricht, ein Traum zerplatzt.
Wenn man mit vierzig sagen kann: Ich habe mein Leben bisher ganz ordentlich über die Runden gebracht, ich bin im Großen und Ganzen zufrieden, dann ist das viel. Und dann kann man sich an einem Tag wie heute dazu auch einmal beglückwünschen lassen.
Das ist das eine, was euch heute ausgesprochen wird: Glückwünsche zu eurem bisherigen Lebensweg. Das andere, woran ich euch erinnern möchte, ist dies: Die zurückliegenden Jahre waren Jahre mit Gott. Und das werden auch die kommenden Jahre sein. "Gott ist eine wirklich wirkende Wirklichkeit." So heißt es in einem Handbuch für die Konfirmandenarbeit. Es kann unmöglich sein, dass seine Wirklichkeit spurlos an den Konfis vorbei gegangen ist. (S.30) So kann Gottes Wirklichkeit unmöglich an eurem Leben vorbei gegangen sein.
Es gibt diese Wirklichkeit, die wir Gott nennen. Und sie zeigt sich zu aller erst in Liebe.
Gott wendet sich uns Menschen liebevoll zu. Er hat uns zuerst geliebt. Und seine Liebe trägt einen Namen: Jesus Christus. In ihm hat Gott seine Liebe gezeigt. Und er hat Mut dazu gemacht, diese Liebe selbst zu leben.
Was macht diese Liebe aus? Zunächst: Ihre grenzenlose Offenheit. Wir Menschen richten dauernd Grenzen auf zwischen Reinen und Unreinen, Gerechten und Ungerechten, Coolen und Uncoolen, Einheimischen und Ausländern, Normalen und Abweichlern von der Norm. Jesu Liebe zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich durch keine Grenze abhalten lässt, einem anderen Menschen liebevoll zu begegnen.
Ziel dieser Liebe ist, dass kein Mensch davon ausgeschlossen bleibt. Darum ist die Liebe Jesu von ihrem Wesen her auf Gerechtigkeit aus. Sie will gerechte Zustände unter den Menschen. Jesus hat mit seinen Geschichten veranschaulicht, wie er sich das vorstellt: Jeder Mensch soll bekommen, was er zum Leben braucht. Was dazu nötig ist, nennen wir heute Solidarität. Solidarisches Einstehen füreinander, statt Abgrenzung voneinander.

Das ist Gottes wirkende Wirklichkeit. Aber wo ist sie zu spüren in unserem Leben? Wenn sie nicht spurlos an uns vorbei gegangen ist, wo sind die Spuren?
Vermutlich geht es den meisten wie mir: Es fallen einem zuerst Gegenreden ein. Erfahrungen von nicht erlebter Solidarität, von Kälte und Hartherzigkeit. Aber dann gibt es auch dies: Eine Frau, Ende vierzig, ist arbeitslos geworden. Die Firma, bei der sie angestellt war, hat ihren Sitz nach Holland verlegt. Sie fand eine neue Stelle. Dann wurde sie krank und fiel neun Monate lang aus. Sie hat eine alte Mutter, die auf ihre Hilfe angewiesen ist. Täglich ist sie zu ihrer Mutter gefahren. Jetzt ging das nicht mehr. Da haben sich Nachbarinnen um die Frau gekümmert, die Einkäufe für sie erledigt und nach dem Rechten gesehen.
Inzwischen ist die Tochter wieder gesund. Sie erlebt ein ums andere Mal, wie Arbeitgeber die Situation der großen Zahl von Arbeitslosen brutal ausnutzen. Gerechte Entlohnung scheint mehr und mehr ein Fremdwort in Deutschland zu werden, übrigens auch in der Kirche. Genauso wie Solidarität im öffentlichen Leben ein Fremdwort geworden ist. Die Parteien haben es offenbar aus ihren Programmen gestrichen. Wer heute von Solidarität spricht, gilt als Sozialromantiker oder als jemand, der neidisch ist auf die besser Gestellten.
Aber es gibt sie, die kleinen Zeichen der Solidarität im Alltag der Menschen. Wenn ich mein eigenes Leben betrachte, stelle ich fest: Solche Zeichen habe ich auch vielfach erfahren. Sie sind nichts Großes und Spektakuläres. Mal ein tröstendes, aufmunterndes Wort zur rechten Zeit. Ein Gespräch, bei dem Lasten abfallen. Das gemeinsame Bemühen, einen Fehler wieder auszubügeln. Da sagt jemand: "Das passiert jedem mal." Statt dass einem das, was man verkehrt gemacht hat, immer wieder unter die Nase gerieben kriegt.
Es gibt tausend und eine Möglichkeiten, wie wir solidarisches Eintreten füreinander in unserem Leben erfahren. Und in all dem erleben wir Gottes wirkende Wirklichkeit.

Auch die Menschen um Jesus herum haben nicht die großen spektakulären und Welt verändernden Taten erlebt. Auch sie haben die Liebe Gottes in den kleinen Zeichen der Mitmenschlichkeit erfahren. Jemand, der ausgestoßen war von allen anderen, durfte mit Jesus am Tisch sitzen. Jemand, der seit Jahren nicht mehr auf die Beine kam, stand plötzlich auf. Menschen, die Hunger hatten, erlebten, wie durch gemeinsames Teilen alle satt werden. Dutzende solcher Geschichten erzählen die Evangelien. Alles kleine unscheinbare Begebenheiten. Für die Allgemeinheit kaum der Rede wert. Für jeden einzelnen aber, der darin die Liebe Gottes erfuhr, von allergrößtem Wert.
Von solchen Zeichen der Liebe leben wir. Gäbe es die nicht, würden wir erfrieren. In solchen Zeichen der Liebe erfahren wir Gott. Denn Gott ist Liebe. Von ihm geht alle Liebe aus. Die Liebe, mit der Jesus den Menschen begegnet ist. So auch die Liebe, mit der wir einander begegnen.
Der Schreiber des 1.Johannesbriefes nennt ein weiteres Kennzeichen dieser Liebe:
"Auch darin hat die Liebe Gottes bei uns ihr Ziel erreicht, dass wir der Zukunft voller Zuversicht entgegensehen; denn Liebe kennt keine Furcht. Die zum Ziel gekommene Liebe vertreibt die Angst."

Die Liebe Gottes, die bei uns zu ihrem Ziel kommt, macht etwas mit uns. Sie macht aus bedrückten, zweifelnden, ängstlichen Seelen selbstbewusste, freie und offene Menschen. "Gerade, klare Menschen wär´n ein schönes Ziel", hat Bettina Wegener mal gesungen. "Leute ohne Rückgrat haben wir schon zu viel." Die Liebe, mit der Gott uns liebt, stärkt uns den Rücken, so dass wir gerade und aufrecht stehen und gehen können ohne Hochmut, aber auch ohne falsche Bescheidenheit und demütige Unterwürfigkeit. Liebe lässt uns zuversichtlich sein.
Das griechische Wort, das mit Zuversicht übersetzt wird, stammt aus dem politischen Bereich. Es ist ein wesentliches Merkmal der griechischen Demokratie. Denn es kennzeichnet die in dieser Demokratie herrschende Freiheit. Diese Freiheit erweist sich unter anderem in der Freiheit und dem Recht zur offenen Rede. Ist dieses Recht bedroht oder gar beschnitten, dann bedeutet Zuversicht den Mut zum Widerspruch und Widerstand.

Was sagt uns das alles an diesem heutigen Tag? Ihr seid nicht mehr vierzehn, sondern vierzig oder werdet es bald. Mit vierzig hat man sich in der Regel eingerichtet im Leben, man hat sich eine Grundlage geschaffen, auf der man weiterleben möchte. Mit vierzig kommen aber auch noch mal neu Fragen auf: Will ich wirklich so weiter leben, wie ich es mir bisher eingerichtet habe? Ist das mein Leben, das ich bis ins Alter so weiter führen möchte? Manch einer und manch eine kommt in diesem Alter zu dem Entschluss, noch einmal neu anzufangen. Er oder sie spürt: So kann es nicht weiter gehen. Nicht, wenn ich nicht am Ende total unglücklich sein will.
Die vierzig sind so eine Art Bergfest. Das durchschnittliche Leben eines Menschen in Deutschland dauert achtzig Jahre. Mit vierzig hat man im Schnitt die Hälfte erreicht. Es geht von nun an nicht bergab. Aber es ist doch deutlich zu spüren, dass man nicht mehr vierzehn ist. Und hat man erst mal die Mitte der vierzig erreicht, dann kriegt man es von allen Seiten zu hören: Zu alt. Zu alt zum Beispiel für eine Stelle auf dem Arbeitsmarkt. Darum ist mit vierzig höchste Zeit und oft auch letzte Gelegenheit, sich irgendwo zu bewerben, wenn man eine neue feste Stelle sucht. Schlecht bezahlte Jobs "auf Basis" findet man auch mit fünfzig noch.

Fünfzig ist ein gutes Stichwort. Das heutige Jubiläum ist ja eigentlich nur ein halbes. Das richtige Jubeljahr, jedenfalls biblisch gesehen, ist das fünfzigste. Aber weil es bis dahin in einem Menschenleben so ein weiter Weg ist, darum wurde das silberne Jubiläum geschaffen. Gleichsam als Wegzehrung auf halber Strecke, um neue Kraft für die zweite Hälfte des Weges zu tanken.

Was also können wir mitnehmen als Wegzehrung? - Die Gewissheit: Gott ist da, es gibt ihn. Er ist wirkende Wirklichkeit in unserem Leben. Diese Wirklichkeit erweist sich vor allem als Liebe. Sie stärkt uns den Rücken, lässt uns aufrecht stehen und zuversichtlich der Zukunft entgegen gehen.
Sie ermutigt uns zum liebevollen Umgang mit anderen Menschen und zum Einteten für gerechte Verhältnisse in der Gesellschaft.
Wer in dieser Liebe lebt, der lebt in Gott und Gott in ihm. Amen.