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Predigt zu 1. Korinther 1, 18-25
11. Juli 2004
5. Sonntag nach Trinitatis,
Die Sache mit dem Kreuz
 

Am vergangenen Sonntag sind die Spiele der Fußballeuropameisterschaften mit dem Überraschungssieg der griechischen Mannschaft zu Ende gegangen.
Keine Angst, ich will jetzt nicht eine Nachbetrachtung der EM anstellen. Das haben andre schon zur Genüge getan. Nur auf eine kleine Beobachtung will ich hinweisen, eine kleine Geste am Rande der Spiele. Vielleicht ist Ihnen das auch aufgefallen: Etliche Spieler bekreuzigen sich, bevor sie den Platz betreten. Ganz selbstverständlich und unauffällig machen sie ihr Kreuzeszeichen. Was es mit dem Kreuz auf sich hat, dem will ich nachgehen.

Dem Kreuz begegnen wir auf Schritt und Tritt. Im Moment ist es wieder mal groß in Mode. Stars machen es vor. Sie tragen große, mit Edelsteinen besetzte Kreuze an einer Halskette. Jugendliche und auch Angehörige der reiferen Jugend machen es nach. Ich fragte eine junge Frau, die ein Kreuz an einem Halsband trug, ob das Kreuz eine bestimmte Bedeutung habe. Sie sagte: "Es hat keine tiefere Bedeutung. Es ist einfach ein Schmuckstück. Das tragen im Moment viele. Mir gefällt´s."
Kein Schmuckstück sind die schlichten Holzkreuze, die an manchen Straßenrändern zu finden sind. Auch davon gibt's in den letzten Jahren immer mehr. Sie erinnern daran, dass dort ein Mensch bei einem Verkehrsunfall zu Tode gekommen ist.

Groß gefeiert wurde das Anbringen des Kreuzes auf der Frauenkirche in Dresden als Zeichen der Versöhnung und der Verbundenheit.

Groß war die Aufregung bei manchen Parteipolitikern, die das "C" in ihrem Namen tragen, als jemand in einem Sitzungssaal des Rathauses ein Kreuz von der Wand abnahm. Es wurde so getan, als würde die gesamte christliche Tradition aus dem öffentlichen Leben unserer Stadt entfernt.
Im Laufe dieses Streits erfuhr man, dass nur dann das Kreuz in diesem Saal hängt, wenn die Partei mit dem "C" in ihrem Namen dort tagt. Offenbar hatte nach einer Sitzung der zuständige Mensch vergessen, es wieder abzunehmen. Vielleicht war es auch ein absichtliches Vergessen, um sich hinterher aufregen zu können über das Entfernen des Kreuzes. Ich glaube jedenfalls nicht, dass sich dabei jemand im Sinne dessen aufregte, der vor zweitausend Jahren an einem Kreuz gestorben ist.

Die paar Beispiele zeigen: Es ist nicht klar und eindeutig, wofür das Kreuz steht. Deshalb ist es wichtig, sich von Zeit zu Zeit bewusst zu machen, was es uns Christen bedeutet. Der heutige Predigttext fordert uns dazu heraus.

Paulus schreibt: "Es ist eine Torheit denen, die nicht glauben. Sie müssen es für eine Dummheit halten." Denn es ist von seinem Ursprung her das Symbol eines Scheiterns, einer Niederlage. Wer am Kreuz hing, der hatte verloren, der war verloren. Da gab es keine Rettung mehr. Das Sterben am Kreuz war qualvoll, mit unvorstellbaren Schmerzen verbunden. Stundenlang dauerte der Todeskampf. Schlimmer kann man einen Menschen kaum quälen, als ihn nackt vor den Augen anderer in glühender Sonne da hängen und sterben zu lassen.
Solch eine grausame Art zu töten praktizierten die Römer. Sie richteten auf diese Weise Menschen hin, die den römischen Staat kritisierten oder Widerstand dagegen leisteten. Jeder im Land sollte wissen: Wer sich den Anordnungen der römischen Staatsmacht widersetzt, dem droht ein solches Ende.
Von seinem Ursprung her ist das Kreuz ein Folter- und Mordwerkzeug, an dem die abgrundtiefe Grausamkeit und Gefühllosigkeit von Menschen sichtbar wird. Es ist der Gipfel der Unmenschlichkeit.

Wie kann ein solches Zeichen der Unmenschlichkeit zu einem Symbol der Nähe Gottes werden, zu einer Gotteskraft? Diese Frage führt hin zu Jesus, der am Kreuz gestorben ist. Von diesem Jesus glauben wir: In ihm war Gott. In ihm hat Gott sich offenbart. In ihm ist Gott bis an die äußersten Grenzen der Unmenschlichkeit gegangen. Gott hat in dem gekreuzigten Jesus gezeigt, dass er jedes Leid der Menschen kennt, weil er selbst das schlimmste aller Leiden erlitten hat. So ist das Kreuz zum Zeichen der grenzenlosen Hinwendung Gottes zu uns Menschen geworden. Das Kreuz zeigt: Es gibt kein Leid, wo Gott nicht ist. Er ist da auch im finstersten Tal.
Und noch etwas hat Gott gezeigt: Den, der da am Kreuz qualvoll stirbt, holt er aus dem Tod heraus. Der Tod ist nicht das letzte, wonach alles aus ist. Sondern da kommt noch was. Da kommt Gott selbst und weckt den Toten zu neuem Leben auf.

So ist das Kreuz zu einem Symbol der Rettung geworden. Gott sieht das Leid der Menschen, nimmt selber daran teil und rettet schließlich aus Schmerz und Tod. Paulus bringt das auf den Punkt: "Wir verkünden, dass Christus, der Gekreuzigte, der Retter ist."

Ein Gekreuzigter als Retter: Das kennen wir zwar aus vielen Predigten und Andachten. Das haben wir schon oft gehört. Und trotzdem ist es auch heute noch schwierig, das wirklich ernst zu nehmen und im alltäglichen Leben daran festzuhalten.
Denn auch wenn wir es nach Jesu Tod als Zeichen der Gottesnähe verstehen, das Kreuz bleibt ein Zeichen des Scheiterns und des Todes. Bei allem, was es nach Gottes Rettungstat geworden ist, bleibt das Kreuz auch ein Zeichen der Niederlage. Und es ist schon merkwürdig, wenn Menschen sich darauf berufen, sich daran festhalten. Wenn Menschen sich als ihr Erkennungszeichenzeichen, als Zeichen ihres Glaubens das Symbol einer Niederlage wählen.

Denn es widerspricht vollkommen dem, was sonst in unserer Gesellschaft wichtig ist. Da zählen Erfolg und Macht. Denken wir zurück an die EM. Von denen, die ausgeschieden sind, redet niemand mehr. Die deutschen Spieler werden als Versager beschimpft. Nicht besser ergeht es den Italienern und Engländern, den Franzosen und Spaniern. Die Portugiesen, die den ehrenvollen zweiten Platz erkämpft haben, lagen auf dem Rasen und weinten. Nur der Sieg zählt. Das ist die Spielregel in unserer Gesellschaft. Bei Bewerbungen muss man der beste sein von zehn, zwanzig, fünfzig, hundert und mehr anderen, um die Stelle zu bekommen. "Erfolgreich sind nur die besten", so heißt das Leitwort eines großen Betriebes in unserer Nachbarschaft. Die Looser können sehen, wo sie bleiben. Da wird keine Rücksicht drauf genommen. Wer nicht mitkommt, ist schließlich selber schuld. So reden die Oberen in Politik und Wirtschaft uns dauernd ein. Und so behandeln sie die, die irgendwo den Anschluss verloren haben. Wer arbeitslos wird, zum Beispiel, weil die Firma pleite macht oder Stellen abbaut, wird mit Armut bestraft. So will es unsere Regierung in schöner Einigkeit mit der Opposition. Die Solidarität der Starken mit den Schwachen ist aufgekündigt in unserer Gesellschaft. Von sozialer Marktwirtschaft redet niemand mehr, die gibt´s nicht mehr. Der Sozialstaat ist zum Luxus erklärt worden, den sich die nicht mehr leisten wollen, die selbst im Überfluss schwelgen.

Ähnlich wird inzwischen in der Kirche gerechnet. Auch hier sind nur die Erfolgreichen gefragt, die Leistungsstarken, die Durchsetzungsfähigen. Schwäche zeigen, Gefühle zeigen, das kann sich niemand mehr erlauben. Denn damit ist man out, man gehört nicht mehr zum Kreis der Erfolgreichen.

Das Kreuz dagegen steht für all die Dinge, die wir gerne ausblenden. Es steht für die dunklen Seiten unseres Lebens, für Niederlagen und Verluste, für Dinge, die schief gegangen sind, für Leid und Schmerz. Es steht dafür, dass unser Leben nicht geradlinig verläuft. Es gibt Krankheiten, die alle Pläne zunichte machen. Es gibt Unfälle. Es gibt den Verlust des Arbeitsplatzes. Unser Leben ist zerbrechlich und unsicher. Es ist nicht über Jahre hinaus planbar. Wir können unser Leben nicht absichern, es bleibt mit Unwägbarkeiten verbunden.

Das Kreuz Jesu macht deutlich, dass wir einen Gott haben, der all die Unwägbarkeiten des menschlichen Lebens mitgeht. Er hat alles Leid auf sich genommen hat, damit wir es in unserem Leben nicht alleine durchstehen müssen. So sehr liebt er uns.
Ist das Unsinn, Torheit? Denen, die daran glauben, so sagt Paulus, ist es Weisheit und Kraft und das schon seit fast zweitausend Jahren.
Menschen erfahren es bis heute immer wieder: In den Niederlagen oder in den schwierigen Stunden ihres Lebens ist das Kreuz Hoffnungsquelle und Kraftquelle. Viele haben in schweren Stunden beim Blick auf das Kreuz Stärkung und Trost erfahren: Da ist einer, der das kennt, was ich mitmache, der steht mir bei und wird mich nicht allein lassen.

Was das Kreuz bedeutet, möchte ich noch einmal an den Beispielen vom Anfang verdeutlichen.
Ein Fußballer, der sich bekreuzigt, sagt damit: Ich vertraue nicht nur dem Geld und meinem eigenen Können. Ich brauche auch den Segen, damit mir mein Spiel gelingt. Denn all mein Können nützt mir nichts, wenn mir nicht auch das Glück zur Seite steht. Und vielleicht spielt einer, der sich bekreuzigt, auch anders, weil die anderen für ihn auch Menschen sind, die zu Jesus Christus dem Gekreuzigten gehören. Und vielleicht weiß er auch, dass sein Wert nicht von diesem einen Fußballspiel abhängt.
Es mag sein, dass damit zu viel in diese Geste hineingelegt ist. Vielleicht tut der Spieler mit seiner Geste etwas, was ihm selber gar nicht bewusst ist. Auf jeden Fall hat gerade diese Europameisterschaft gezeigt, dass die, die wirklich als Mannschaft aufgetreten sind und gespielt haben, weiter gekommen sind als die hochbezahlten Einzelkämpfer. Eine in sich kompakte Mannschaft, wo einer für den anderen läuft und keiner der große Star sein will, hat schließlich das Turnier gewonnen.

Und die Kreuze am Wegesrand. Trauernde stellen sie am Ort des Unglücks auf, um dorthin gehen zu können und dort des Verunglückten zu gedenken. Im Anblick des Kreuzes suchen sie Trost. Denn es erinnert daran, dass auch an diesem Ort des Schreckens ist, wo ein geliebter Mensch zu Tode gekommen ist, Gott anwesend ist mit seiner tröstenden Kraft.
Das Kreuz auf der Frauenkirche. Es ist ein Zeichen des Friedens und der Versöhnung geworden. Die Vorgeschichte macht es deutlich: Am 13. Februar 1945 abends folgen Bomber der englischen und amerikanischen Luftwaffe auf Dresden zu. Sie sollten dort einen Feuersturm entfachen, wie es die Deutschen in der Stadt Coventry gemacht hatten.
Mit dabei in jener Nacht war ein Pilot der Royal Air Force mit Namen Smith. Jahre später hat er zum ersten und einzigen Mal in wenigen Worten erzählte, was er in jener Nacht erlebt hat. Sein Sohn Alan war zwölf Jahre alt, als er die Geschichte des Vater hörte. Der sprach von dem unglaublichen Feuerball, den er auf dem Rückflug noch meilenweit sehen konnte. Der kurze Bericht seines Vaters grub sich tief ein ins Gedächtnis von Alan Smith. Jahrzehnte später hörte Smith bei seinem Arbeitgeber, einer Londoner Gold und Silberschmiede, von dem Wiederaufbau der Frauenkirche. Er fühlte sich dazu berufen, als Zeichen der Versöhnung das Kreuz für die wiedererstehende Frauenkirche nachzubilden.
Acht Monate lang arbeitete der Sohn des Bomberpiloten zehn Stunden am Tag anhand von Originalentwürfen und Fotos an dem monumentalen vergoldeten Kreuz.
Inzwischen hat es seinen Platz oben auf dem Turm der Kirche gefunden. Ein sichtbares Zeichen der Versöhnung zwischen ehemaligen Feinden, die einander viel Leid zugefügt haben. Damit auch ein sichtbarer Hinweis auf Jesus, der selber noch auf dem Weg zum Kreuz um Vergebung für seine Henker gebeten hat. Im Laufe seines öffentlichen Wirkens hat Jesus vielen Menschen geholfen, sich mit ihrem eigenen Leben, mit Gott und ihren Nächsten zu versöhnen. Das ist sein Lebenswerk. Dafür steht das Kreuz. Ein Zeichen des Friedens, der Versöhnung, der Solidarität.

Wir freuen uns darüber, dass es solche Zeichen gibt und sind dankbar dafür. Dass einer acht Monate lang seine gesamte Arbeitszeit für ein Kreuz verwendet, zeigt, wie stark die menschliche Sehnsucht nach Frieden und Versöhnung ist. Das Kreuz als Mahnmal des Schreckens und der Unmenschlichkeit ist zugleich Ausdruck tiefster Sehnsucht danach, den Schrecken zu überwinden, die Unmenschlichkeit abzulegen und zu einem versöhnten Leben zu gelangen.
Es ist eine Gotteskraft. Alle, die zum Kreuz aufschauen, stärkt es, für Frieden und Versöhnung einzutreten. Es gibt Kraft zur Versöhnung mit dem eigenen Leben, zum gemeinschaftlichen Tun im Sinne Jesu. Es spendet einen unaussprechlichen Trost; denn zu allen Zeiten steht es dafür, dass wir im Leben und im Sterben nicht allein sind, sondern Jesus Christus an unserer Seite haben.

(In der Predigt sind Gedanken von Pastorin Angelika Überrück, Lüneburg aufgenommen. Email: RUeberrueck@t-online.de)