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Predigt zu Römer 6, 311
18. Juli 2004
6. Sonntag nach Trinitatis,
Neu anfangen, leicht gesagt und schwer getan
 

"Ein neues Leben werden Sie glücklich". Das verspricht der Titel eines von vielen Büchern, die zu neuer Lebensfreude verhelfen wollen. Wie das geschehen soll, verrät die Zusammenfassung: "Ausgewählte SinnesTherapien helfen Ihnen ohne großen Aufwand bei der Bewältigung Ihrer Lebensaufgaben. So verbessern Sie Schritt für Schritt Ihr eigenes Wohlbefinden und Ihre wertvolle Gesundheit und steigern dadurch Ihre gesamte Lebensqualität."
So weit die Anpreisungen des Verlags.
Unter dem Stichwort "neues Leben" gibt es im Internet eine unermessliche Zahl von Einträgen. Die Sehnsucht nach einem Leben im Einklang mit sich selbst scheint sehr groß zu sein. Doch so einfach und ohne großen Aufwand, wie das Buch es verspricht, sind Glück und Lebensfreude nicht herzustellen.

Eine Therapeutin, die ich im Rahmen einer Seelsorgeausbildung kennen gelernt habe, warnte vor übergroßen Hoffnungen, was die Fähigkeiten sich zu verändern angeht. Sie sagte: Im Grunde bleibt doch der Mensch immer der gleiche. Durch Gespräche und Therapien bekommt man vielleicht Einsicht in seine eigenen Verhaltensweisen. Man entdeckt, wo die blinden Flecke liegen, das, was man an sich selbst oft gar nicht sieht. Aber aus den Erkenntnissen Konsequenzen ziehen und das eigene Verhalten ändern, das gelingt nur selten.
Wohl jede und jeder kann aus eigener Erfahrung bestätigen: Was wir als Kind gelernt haben, prägt uns für unser ganzes Leben. Es gibt immer wieder Situationen, da ist man auch als Erwachsener plötzlich wieder ein Kind. Man verhält sich so, wie man es als Kind getan hat und nicht wie es der augenblicklichen Situation angemessen wäre.

Ein neues Leben, das ist ein großes Wort. Viele sagen und versuchen es: ´Ich fang noch einmal neu an.` Sie merken dann irgendwann, dass sie selbst in ihrem Fühlen und Denken und Verhalten doch nicht viel verändert haben. Denn niemand kommt aus seiner Haut heraus.
Das bestätigt die moderne Hirnforschung. Es ist nicht viel, was wir durch unser Bewusstsein steuern können. Das meiste von dem, was wir denken, sagen, fühlen und tun geschieht, ohne dass wir Einfluss darauf nehmen. Wir leben einfach. Und oft haben wir gar keine Wahl, uns so oder so zu verhalten. Jedenfalls keine bewusste Entscheidungsmöglichkeit. Denn wir haben uns schon entschieden, bevor wir merken, dass wir vielleicht auch anders könnten.

Das Leben wird neu, wenn die Umstände sich ändern

Dennoch spricht der Apostel Paulus von einem neuen Leben. Paulus ist offenbar der Überzeugung, dass Menschen ein neues Leben anfangen können. Aber er glaubt nicht, dass wir uns mit unserer Persönlichkeit, unserem Charakter sehr viel verändern. Sondern er geht davon aus, dass die äußeren Umstände, die unser Leben bestimmen, sich entscheidend verändert haben.
Das ist das alles Entscheidende. Ich will versuchen, diesen Gedanken jetzt ein wenig herauszuarbeiten.

Fangen wir beim Wetter an. Denn wie die äußeren Umstände Einfluss auf uns haben, das merken zur Zeit sehr viele Menschen am Wetter. Diese trübe Feuchtigkeit geht einem auf den Geist, sie drückt die Stimmung, macht missmutig, depressiv. Man sehnt sich nach dem Sommer, nach Licht und Wärme. Und sobald der Himmel sich auftut, hellt sich die Stimmung schlagartig auf.

Ein anderes Beispiel dafür, wie die Umgebung sich auswirkt auf das eigene Befinden: Ich habe es in den letzten Tagen beim Radfahren erlebt. Im ehemaligen Gemeindeamt in Buchholz habe ich ein paar Sachen kopiert. Von da bin ich durchgestartet Richtung Wanheim, um die kopierten Blätter zum Kindergarten zu bringen. Von der Düsseldorfer Landstraße aus bin ich beim Möbelgeschäft Tholen kurz vor der Polizeiwache rechts abgebogen und dann in den Biegerpark hinein gefahren. Während ich da durchfuhr, merkte ich plötzlich: Hier ist alles ganz anders. Kurz zuvor befand ich mich noch in der Hektik und dem Krach des Straßenverkehrs. Da musste ich hochkonzentriert sein. Da nimmt der Lärm und die Hektik alle Sinne gefangen. Und plötzlich umgibt mich eine unglaubliche Ruhe. Ich höre Vögel zwitschern. Ich rieche die feuchte Erde. Gedanken stellen sich ein, wie eben dieser, den ich gerade hier ausbreite. Es ist alles völlig anders, als es wenige Minuten vorher war. Ich bin der gleiche. Aber die Umgebung hat sich total verändert. Statt Hektik, Lärm und ständige Gefahr, ist jetzt Ruhe um mich her. Entspannt kann ich das Rad laufen lassen. Durch die veränderte Umgebung verändert sich etwas in mir. Ich merke, wie diese Ruhe mich selbst ruhig macht, wie das Wahrnehmen der Natur die von Hektik und Lärm gestresste Seele tröstet.
Auf der anderen Seite unten an der Angertaler Straße muss ich wieder raus aus dem Park. Hektik und Lärm haben mich wieder. Aber die Ruhe, die ich für ein paar Minuten empfinden konnte, die bleibt noch eine Weile in mir. Ich halte sogar an der Ehinger Straße vor der roten Fußgängerampel an, habe Geduld, die kleine Ewigkeit abzuwarten, bis sie auf grün springt. Normalerweise bin ich so in Eile, dass mir diese Geduld fehlt.
Dieses kleine Erlebnis ist mir zu einem Anschauungsunterricht geworden für das, was ich von den Gedanken des Paulus verstanden habe.

Die Macht der Sünde

Paulus spricht von der Macht der Sünde. Sie beherrscht alles. Aus ihr gibt es kein Entkommen. Paulus hat dabei das römische Weltreich vor Augen. Denn dieses ist aufgebaut auf Unrecht, Ausbeutung und Unterdrückung. Wer in diesem Reich in Ruhe und Sicherheit leben wollte, musste mit dem Strom schwimmen. Er musste sich anpassen, zu einem Rädchen im Getriebe der AusbeutungsMaschinerie werden. Deshalb musste er Gott aus seinem Leben verdrängen. Denn an Gott glauben und Unrecht mitmachen oder dulden, das verträgt sich nicht.

Was Paulus an dem römischen Weltreich wahrnimmt, finden wir in der heutigen Zeit fast genauso wieder. Auch heute gibt es eine Macht, die alles beherrscht. Das ist der weltweite Markt. In diesem Markt hat Gott keinen Platz. Höchstens noch als Lückenbüßer für Situationen, wo der Mensch mit seinem Latein am Ende ist. Aber für das tägliche Leben, für die Ordnung der Wirtschaft und der ganzen Gesellschaft wird Gott nicht gebraucht. Da würde er nur stören.
HansPeter Lauer und Okko Herlyn, beide in dieser Gemeinde wohlbekannt, haben vor ein paar Tagen ein neues Buch veröffentlicht. Das heißt: "Kirche in Zeiten des Marktes". In dem Buch beschreiben die beiden die GottLeere, die da entstanden ist, wo der Markt regiert:
Der Markt ist alles geworden. Es zählt nur noch, was sich vermarkten lässt. Der heutige Mensch muss sich vollständig den Bedürfnissen des Marktes anpassen und unterordnen. Besonders deutlich zeigt sich die Allmacht des Marktes in der industriellen Massenproduktion: "In der Arbeitswelt kommt Gott nicht mehr vor. Sie ist in einem radikalen Sinne gottleer." (S.49) Denn der Mensch zählt nichts. (S.51) Im Zeitalter der Massenarbeitslosigkeit ist jeder ersetzbar, wenn er seine Leistung nicht mehr bringt und seine Funktion nicht mehr erfüllt.
Der Direktor eines großen Chemieunternehmens hat es klar auf den Punkt gebracht: "Der alleinige Zweck des Betriebs ist die Produktion von Gütern, von Waren, die andere brauchen. Alle seine Mittel sind darauf ausgerichtet und miteinander dahingehend abgestimmt, dieses Ziel bestmöglich zu erreichen, das heißt so billig wie möglich und so gut wie möglich so viele Güter zu produzieren und abzusetzen wie möglich. Damit dies erreicht wird, muss der Betrieb funktionieren, muss jeder seiner Teile funktionieren". (S.50)
Auf das Funktionieren kommt es an. Das beschreibt der Unternehmer in schonungsloser Offenheit: "Funktionen müssen ersetzbar sein. Da sie Teile eines Ganzen sind, sind sie ersetzbare Teile, Ersatzteile. Ersatzteile müssen griffbereit sein, daher eingeordnet, gekennzeichnet sein, eine Nummer tragen. Das Wesentliche und Wichtige an ihnen ist die Nummer, die angibt, wie sie als Ersatzteil verwendet werden können. Ein Mensch aber, dessen Wesensmerkmal für den Betrieb die Nummer ist, die er trägt, wird selbst Nummer. Nummersein gehört zum Wesen des Menschen im industriellen Massenzeitalter." So der Firmenchef. Lauer stellt dazu fest: "Die Massenproduktion mit ihrem Massenkonsum bringt einen gesichts und namenlosen Massenmenschen hervor. Ein Gott dagegen, der den Menschen bei seinem Namen ruft, steht im Widerspruch zum nummerierten Menschen, den der Industriebetrieb braucht. So hat ein Bedürfnis nach Gott keinen Platz in diesem Zusammenhang." (51)
Eine gottlose Welt ist es, in der wir heute leben, demnach eine Welt der Sünde, in der wir abgesondert, getrennt sind von Gott.

Die Gegenmacht Gottes

Eigentlich gibt es aus dieser Welt kein Entkommen. Und mit unserer menschlichen Macht ist es da wirklich nicht getan.
Hier kommt nun Gott von sich aus ins Spiel. Nämlich in der Person und Gestalt Jesu Christi. Jesus hat die Macht der Sünde gebrochen, indem er sich einfach von ihr nicht hat beherrschen lassen. Er ist dem Willen Gottes gefolgt, radikal und ohne faule Kompromisse. Es ging ihm einzig und allein darum, das Reich Gottes für die Menschen hier und jetzt sichtbar, spürbar, erfahrbar zu machen.
Deshalb hat er Menschen, die ihm begegnetem, liebevoll angenommen, statt sie nach ihrer Leistung zu beurteilen. Er hat Menschen aufgerichtet und sich nicht an ihrer Unterdrückung beteiligt. Er hat Menschen dazu gebracht, miteinander zu teilen, statt sie zu nerbittlicher Konkurrenz gegeneinander anzustacheln. Gegen die Umwandlung des Tempels in einen Marktplatz hat er sich tatkräftig gewehrt, statt Unrecht und Gottlosigkeit schweigend hinzunehmen.
Weil er sich nicht der alles beherrschenden Macht unterworfen hat, musste er sterben. Für seine Sündlosigkeit ist er hingerichtet worden.
Und nun sagt Paulus: Das ist für uns geschehen. Jesus ist für uns am Kreuz gestorben, um uns zu zeigen: Ein Leben in Gottes Sinn ist möglich. Nichts und niemand kann einen davon abhalten, Gottes Willen zu tun. Selbst der schreckliche Tod am Kreuz kann das nicht. Jesus hat damit auch alle Ausreden zunichte gemacht, mit denen Menschen sich entschuldigen wollen, wenn sie dem Willen Gottes nicht gefolgt sind: "Ich habe ja nur getan, was mir befohlen wurde." "Ich mache nur, was alle machen." "Soll ich mich denn ausschließen?" "Wenn ich es nicht tue, dann tun es andere."
All das gilt seit Jesu Tod am Kreuz nicht mehr. Es gibt schlichtweg keine Entschuldigung mehr dafür, den Willen Gottes zu missachten. Denn die Macht der Sünde ist gebrochen.

Ein neuer Lebensraum ist eröffnet

Damit wir das nicht nur hören, sondern auch sehen, schmecken und spüren, hat Jesus uns gleichsam in einen anderen Raum geführt. Aus dem Raum, in dem die Sünde herrscht, hat er uns in den Raum gebracht, wo allein Gottes Wort das Sagen hat. Dieser Raum hat den Namen "Christus". Hineingekommen sind wir in ihn durch die Taufe.
Es ist wie bei meinem Weg aus der Hektik des Straßenverkehrs in die Ruhe des Parks. Ein Wechsel von einer in eine andere Welt. So müssen wir uns das vorstellen. Wir sind hineingetauft in Christus, in eine andere Welt. Aus der Welt der Entfremdung, der Konkurrenz, der Namenlosigkeit treten wir ein in eine Welt, wo wir bei unserem Namen gerufen werden, wo wir nichts beweisen müssen, wo wir sein können, wie wir sind. Nicht einmal ein neues Leben müssen wir anfangen. Auch von diesem Druck sind wir befreit. Wir können in Christus einfach die sein, die wir sind. Nicht wir müssen uns ändern. Sondern Gott ändert für uns die Umstände, in denen wir leben. Er schafft uns einen Raum, in dem wir als befreite, geliebte und für wert geschätzte Menschen leben können.
Wenn wir in einem solchen Raum leben, werden wir von selbst andere. Man bleibt der gleiche Mensch, doch die andere Umgebung erfüllt und verändert einen. Wer sich geliebt weiß, kann andere lieben. Wer sich angenommen weiß, kann andere annehmen. Wer sich mit anderen in einer Gemeinschaft verbunden weiß, tut etwas für die Gemeinschaft.

Wie nun finden wir den Raum, der wirklich eine veränderte Umgebung anbietet, frei von Konkurrenzdruck, von Gier nach Macht und Geld, die um uns her das Leben beherrschen? Ich habe meine Zweifel, ob Ratgeber wie das am Anfang erwähnte Buch bei der Suche weiterhelfen.
Den Raum, wo wir "in Christus" sind, finden wir am ehesten da, wo Menschen in Christi Namen zusammen sind. Natürlich bleiben auch wir Menschen in der Gemeinde Leute mit Fehlern, mit eitler Selbstliebe, mit Ungeduld, mit unfriedlichen Gedanken und Verhaltensweisen. Aber wir geben uns Mühe, hier etwas anderes gelten zu lassen, als das, was sonst überall gilt.
Ein Beispiel ist der Stand mit den fair gehandelten Waren hier im Seitenraum der Kirche. Nicht Geiz ist hier geil, sondern hier geht es darum, dass die Hersteller einen gerechten Preis für ihre Arbeit bekommen.
Etwas anderes als sonst im Alltag erfahren wir auch in unseren Gottesdiensten. Wenn Gott seinen Segen zu unserem Gottesdienst gibt, dann wird dieses Haus zu einem Raum, wo wir "in Christus" sind, wo eine jede und ein jeder spürt: Hier bin ich angenommen, hier kann ich sein, wie ich bin, hier gehöre ich dazu, ohne mich dafür anstrengen zu müssen. Hier bin ein wichtiger, wertvoller Mensch, der bei seinem Namen gerufen wird, ein Kind Gottes.