zur Übersicht
Predigt zu Apostelgeschichte 2, 42-47
25. Juli 2004
7. Sonntag nach Trinitatis,
Die Gemeindekonzeption des Lukas
 

"Die Kirchengemeinde soll eine Gesamtkonzeption gemeindlicher Aufgaben erstellen. Die Konzeption soll in regelmäßigen Abständen überprüft und fortgeschrieben werden." So heißt es in der neuen Kirchenordnung, die ab dem 1. Mai dieses Jahres gilt. Seit zwei oder drei Jahren sind die Gemeinden im Rheinland damit beschäftigt, ihre Konzeptionen zu erstellen.
Das klingt neu, ist in Wirklichkeit aber uralt. Bereits vor zweitausend Jahren hat Lukas eine Gesamtkonzeption gemeindlicher Arbeit entworfen. Er hat seine Konzeption in eine Erzählung gekleidet, in die Erzählung vom Entstehen der ersten Gemeinde. Die Kernpunkte seiner Gemeindekonzeption hat er in wenigen Sätzen zusammengefasst:
"Die Gemeindemitglieder blieben beständig bei dem, was für sie als Gemeinde wichtig war:
Sie ließen sich von den Aposteln unterweisen,
sie hielten in gegenseitiger Liebe zusammen,
sie feierten das Mahl des Herrn
mit Freude und lauterem Herzen,
sie beteten gemeinsam und lobten Gott."
Das hört sich gut an, klar und einleuchtend. Aus den weiteren Kapiteln der Apostelgeschichte und aus den Briefen des Paulus wissen wir aber, dass das Gemeindeleben selten so war, wie Lukas es hier schildert. Als er seine Apostelgeschichte schrieb, etwa fünfzig Jahre nach dem Pfingstwunder, war längst der Alltag in den Gemeinden eingekehrt. Der erste Schwung, mit dem das junge Christentum Menschen begeistert hatte, war dahin. Vom Reich Gottes war nach wie vor nicht viel zu sehen. Statt dessen entstand die Kirche. In den Gemeinden bildeten sich Ämter und Ordnungen heraus und mit ihnen eine Aufteilung der Gemeindeglieder in solche, die mehr und in andere, die weniger zu sagen haben. Zeichen und Wunder, die Jesus getan hat und nach ihm noch einige seiner Boten, gab es immer weniger zu sehen. Frust stellte sich ein, es gab Spannungen und Spaltungen, Mutlosigkeit und Langeweile. Viele, die anfangs voller Begeisterung mitgemacht hatten, wandten sich enttäuscht wieder ab. Auch die, die in den Gemeinden blieben, kämpften mit Zweifeln, mit Resignation und mit der Feindseligkeit ihrer Umgebung. Denn man wurde schief angesehen als Christ. Man wurde für nicht ganz richtig gehalten. Als Minderheit gegen den Strom zu schwimmen, das ist anstrengend. Und es lähmt, wenn man keine sichtbaren Erfolge erkennen kann.
Gegen Frust und Resignation, Enttäuschung und Angst hat Lukas angekämpft genauso wie Paulus und die anderen Evangelisten und Briefeschreiber. Sie alle wollten den Gemeinde ihrer Zeit neue Kräfte zuführen. Sie wollten den einzelnen Gemeindemitgliedern Mut machen, am Glauben festzuhalten, in der Gemeinschaft der Gemeinde zu bleiben. Lukas hat dazu den Gemeinde, für die er sein Evangelium und die Apostelgeschichte schrieb, den Urzustand der christlichen Gemeinde vor Augen geführt. Er war offenbar überzeugt: die Erinnerung an das, was einmal war, kann neue Kräfte wecken, eine neue Begeisterung entfachen. Diese Erinnerung kann motivieren, einen solchen Zustand wieder herzustellen. Eine erste Reformation ist das, was Lukas versucht. Eine Rückbesinnung auf den Ursprung, eine Wiederherstellung der ursprünglichen Gestalt des Gemeindelebens. Im heutigen Manager-Vokabular heißt das, was Lukas aufgeschrieben hat, ein Leitbild. Ein solches Leitbild stellt ein Ziel vor die Gemeinde hin: So soll es sein unser Gemeindeleben. Da wollen wir hin.
Bei der Erstellung einer Gesamtkonzeption der gemeindlichen Aufgaben geht es auch heute wieder um die Frage: Wer sind wir eigentlich als Gemeinde? Was macht uns aus? Und wozu sind wir eigentlich da? Was sollen wir tun?
Immer wieder greifen Menschen bei der Suche nach Antworten auf das Leitbild des Lukas zurück, orientieren sich an dem, was er als die Grundpfeiler der gemeindlichen Existenz dargestellt hat: Die Lehre, die Gemeinschaft, der Gottesdienst, das Gebet.
In jedem dieser Grundpfeiler ist jeweils der gleiche Stoff enthalten, gleichsam als Bauelement, als Bestandteil, ohne den es nicht geht. Nämlich die Beständigkeit.

Auf Beständigkeit kommt es an

"Sie blieben beständig beieinander". Lukas beschreibt damit nicht so sehr ein Tun, ein Verhalten. Sondern er bringt das Wesen der christlichen Existenz zum Ausdruck. Dafür benutzt er eine Form, die wir im Deutschen nur selten gebrauchen. Einigermaßen wörtlich übersetzt lautet der Beginn seines Satzes: "Sie waren beständig Bleibende".
Von der Beständigkeit lebt die Kirche, die Gemeinde, damals wie heute. Gemeinde lebt davon, dass Menschen sich aufeinander verlassen können, dass sie treu und zuverlässig da sind und die Aufgabe erfüllen, die sie übernommen haben.
Mein Eindruck ist: Beständigkeit ist das, was Menschen heute mehr und mehr brauchen und suchen. Denn ein Gefühl von Unsicherheit macht sich breit in unserer Gesellschaft. Viele sind umgetrieben von der Sorge, dass nichts mehr wirklich sicher ist, dass auf nichts und niemanden mehr wirklich Verlass ist. Unternehmen und Politiker haben den sozialen Frieden in unserem Land aufgekündigt. Die unglaublichen Summen, die Chefs großer Unternehmen einstreichen und sich damit noch im Recht fühlen, sind nur die Spitze eines gewaltigen Eisbergs. Der schrittweise Abbau von Arbeitnehmerrechten liegt direkt unter dieser Spitze. Wir waren einmal stolz darauf, dass soziale Gerechtigkeit und Solidarität mit den Schwachen in unserem Land wirklich etwas galten. Das ist schon seit längerem nicht mehr so. Die Reichen haben unser Land zu einem Selbstbedienungsladen gemacht. Wenn die neuen Hartz-Gesetze umgesetzt werden, wird die Störung des sozialen Friedens dramatische Ausmaße erreichen. Das verunsichert nicht nur die, die direkt von Verarmung und Ausgrenzung betroffen sind.
Was gilt heute noch in unserer Gesellschaft, auch in unserer Kirche? Worauf kann man sich verlassen? Diese Fragen stehen im Raum. Beständigkeit, Festigkeit, Treue, das sind Werte, die wieder wichtig werden. Je mehr die allgemeine Verunsicherung um sich greift, desto mehr gewinnen diese alten Tugenden an Wert.
Mit ihrer Beständigkeit spiegelt die Gemeinde etwas von Gottes Wesen wieder. Denn Gott ist beständig. Auf seine Treue ist Verlass. "Was er zusagt, das hält er gewiss." Mit der Menschheit hat er einen Bund geschlossen. Darin hat er sich verpflichtet, seine Schöpfung zu erhalten, solange die Erde steht. Gott hält seine Zusage. Jahr für Jahr gibt er seinen Segen, dass Korn und Früchte auf der Erde wachsen. Genug für alle. An ihm liegt es nicht, wenn trotz des Reichtums seiner Schöpfung so viele Menschen hungern.
Für Gottes Beständigkeit legt auch unsere schöne Kirche ein sichtbares Zeugnis ab. Seit hundertundeinem Jahr versammeln sich hier Menschen an Sonn- und Feiertagen zum Gottesdienst. Hier sind Menschen getauft, konfirmiert, getraut und betrauert worden. Für viele ist dieser schöne Bau eine Zuflucht. Sie wissen: Dorthin kann ich gehen, wenn mir das Herz schwer ist, wenn ich das Bedürfnis nach Ruhe, nach Gottes Wort und der gemeinschaftlichen Feier in Gottes Nähe habe. Dieses Haus ist ein Ort der Beständigkeit. Darum empfinden Menschen hier ein Gefühl von Heimat und fühlen sich hier geborgen. Das gilt nicht nur für die Menschen, die treu sonntags hierher kommen. Das gilt auch für viele andere, die hier im Ort wohnen. Allein dass dieser Bau hier steht, dass man da hingehen kann, wenn man das Bedürfnis dazu hat, allein das schafft Menschen Beruhigung, Halt und Sicherheit.
Bestand hat dieser Kirchenbau, weil Gott ihm Bestand gibt. Sein Wort, um das Menschen sich hier versammeln, erhält die Gemeinde und auch diesen Kirchenbau am Leben. Die lange Zeit, die diese Gemeinde und diese Kirche nun schon bestehen, spricht für die wirksame Kraft des göttlichen Wortes. Gottes Wort lockt in jeder Generation neu Menschen an. Sein Geist schafft immer wieder neu in Menschen das Bedürfnis nach der Gemeinschaft um sein Wort. Und er schafft Glauben, dass Menschen im Vertrauen auf das Wort leben und handeln.
Wie sieht das aus, das Leben und Handeln im Vertrauen auf Gottes Wort? Genau das beschreiben die Punkte, die Lukas in seinem Leitbild von Gemeinde nennt. Ich greife ein paar heraus.

Drei Aufgaben der Kirche heute: Gott loben

"Sie lobten Gott". Ein Nachfahre des Lukas, der Reformator Calvin hat diesen Gedanken fortgeführt. Christlicher Glaube bedeutet nach ihm, das ganze Leben als eine Lobpreisung Gottes zu leben. (Holm Tetens in: Bloß ein Amt und keine Meinung? - Kirche, S.83). Für eine heutige Konzeption der gemeindlichen Aufgaben heißt das: Die erste und wichtigste Aufgabe der Kirche sind die Gottesdienste. Alle anderen Aufgaben wird die Kirche nur dann erfüllen können, wenn sie sich gestärkt hat im Hören auf Gottes Wort und im gemeinschaftlichen Lob Gottes. Im Lob und Dank vergewissern wir uns als Gemeinde jeden Sonntag auf´s neue der Güte und Treue Gottes. Daraus schöpfen wir Trost und Kraft. Die brauchen wir für die Aufgaben, die uns als Gemeinde gestellt sind.

Sie soll der Gerechtigkeit dienen

"Sie hielten Gemeinschaft und teilten alle Dinge miteinander und feierten miteinander das Mahl." Christliche Gemeinde ist ein Ort, wo es gerecht unter den Menschen zugeht. In der Feier des Abendmahls nimmt die Gemeinde die Gerechtigkeit, die im Reich Gottes gilt, in ihr Leben hinein. Alle sind am Tisch des Herrn gleich. Alle bekommen, was sie brauchen, keiner mehr und keiner weniger als die anderen. Damit stellt die Gemeinde eine Vision, ein Ziel vor die gesamte Menschheit hin: so soll es sein unter uns Menschen. Gerecht soll es zugehen. Jeder und jede soll eine Chance auf einen Arbeitsplatz haben und einen gerechten Lohn für die Arbeit bekommen.
Für das Ziel einer gerechten Verteilung der Güter soll die christliche Gemeinde sich einsetzen. Sie soll der Gerechtigkeit dienen.
Das tut Kirche heute vor allem durch ihre vielfältigen diakonischen Einrichtungen. Da kümmert sie sich um die, die am Rande der Gesellschaft stehen und versucht denen zu ihrem Recht zu verhelfen, die selbst nicht in der Lage dazu sind.
Deshalb gehören Gottesdienst und Diakonie, Lob Gottes und tätiges Eintreten für Gerechtigkeit untrennbar zusammen.
Zu ihrer Aufgabe, das Recht zu ehren, gehört auch die politische Wachsamkeit der Kirche. Sie muss ihre Augen aufhalten, hinsehen, was in der Welt geschieht: Wo leiden Menschen unter ungerechten Verhältnissen? Wer sind diese Menschen? Und wer sind die, die ihr Leiden verursachen, die davon profitieren? Kirche muss ihren Mund aufmachen für die Stummen, sich einmischen in politische Diskussionen und immer wieder entschieden Gerechtigkeit einfordern.

Sie soll ein Zeichen unter den Menschen sein

"Die Apostel taten Zeichen und Wunder." Die dritte Aufgabe für uns als Gemeinde heute ist die: Wir sollen ein Zeichen sein für die Menschen um uns her. Kirche insgesamt soll ein Zeichen sein unter den Völkern. An ihr sollen Menschen erkennen: So ist es, wenn Gottes Geist unter den Menschen regiert, wenn Menschen im Sinne Jesu leben.
Kirche soll der Gesellschaft mit gutem Beispiel vorangehen. An ihren Strukturen soll sichtbar werden, wie es aussieht, wenn Geld und Macht gerecht geteilt werden. Am Miteinander der in der Kirche Tätigen sollen andere Menschen erkennen können: Hier gehen Menschen geschwisterlich, ehrlich und offen miteinander um. Hier lassen Menschen sich nicht von der allgemeinen Ungleichheit und Ungerechtigkeit anstecken, sondern hier lassen sie Gerechtigkeit gelten.
Bei den vielen Veränderungen, die in unserer Kirche in Duisburg im Moment anstehen, ist das für mich die vordringliche Frage: Wie machen wir durch die Art, wie wir uns als Kirche organisieren, etwas von dem sichtbar, was Gottes Wort uns sagt.
Es ist bezeichnend, dass diese Frage kaum jemand stellt. Ich fürchte, wir haben uns als Kirche weit entfernt von unseren Ursprüngen. Lukas stellt ein Leitbild vor uns hin. Drei Elemente daraus habe ich genannt, die uns helfen können bei unseren heutigen Überlegungen: Was sind wir als Kirche und was sind unsere Aufgaben?
Wir sollen Gott loben,
der Gerechtigkeit dienen
und ein Zeichen unter den Menschen sein.
Das alles beständig und zuverlässig. So wie der Gott, an den wir glauben, ein treuer Gott ist. Auf ihn ist Verlass überall und zu jeder Zeit.

(Die Beschreibung der drei zentralen Aufgaben der Kirche verdanke ich einem Vortrag von Fulbert Steffensky, den er im Februar 2003 auf der Synode der nordelbischen Kirche gehalten hat.)