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Predigt zu 1.Petrus 5,7
19. September 2004
Wohin mit den Sorgen?
15. Sonntag nach Trinitatis

"Alle eure Sorge werft auf Gott, denn er sorgt für euch".
Dazu rät uns die Bibel an verschiedenen Stellen.
Wenn das so einfach wäre mit dem Wegwerfen der Sorgen. Dann wären wir sie schnell los und könnten froh und zuversichtlich in die Zukunft blicken.
Das Gegenteil ist gegenwärtig der Fall. Eine große Versicherung hat in der vergangenen Woche die Ergebnisse ihrer Studie über die Ängste der Deutschen vorgestellt. Das Ergebnis der diesjährigen Erhebung zeigt: Die Ängste der Deutschen kreisen 2004 vor allem um die Wirtschaftslage. Ganz oben stehen die Sorgen, dass das tägliche Leben noch teurer wird und sich die wirtschaftliche Situation weiter verschlechtert. Verbunden damit ist die Sorge um die hohe Arbeitslosigkeit. Im Osten fürchtet jeder Zweite und im Westen jeder Dritte, seinen Job zu verlieren. Die geringe Wahlbeteiligung zeigt an: Auch die fehlende Bürgernähe der Politiker ist Anlass zu großer Sorge. Erst danach kommt die Angst vor Terroranschlägen, die Furcht vor schwerer Erkrankung und davor, im Alter ein Pflegefall zu werden.
Die Sorgen haben ihre Gründe. Denn die neuen Gesetze der Bundesregierung schaffen mehr Verlierer als Gewinner. "Hartz IV bedeutet Einbußen für viele." "Hartz IV macht arm." "Die Schwächsten der Gesellschaft stehen vor einschneidenden Änderungen." So lauten die Schlagzeilen.

Die Sorgen eines Arbeitslosen

Einer der Betroffenen ist Helmut Angelbeck. Er berichtet über sein Leben und die Veränderungen, die er zu erwarten hat:
"Ich bin 49 Jahre alt, ledig, gelernter Kaufmann. Der Direktor des Arbeitsamts sagt immer, ich wäre berufsarbeitslos, weil ich schon so lange keinen vollen Job mehr habe.
Derzeit erhalte ich 550 Euro Arbeitslosenhilfe. Hinzu kommen 38 Euro Wohngeld. Außerdem verdiene ich als Hausmeister bei der Fachhochschule, wo ich durchschnittlich vier Stunden die Woche arbeite, noch 197 Euro. Den Betrag habe ich für mich, da Nebenverdienste bis 165 Euro nicht angerechnet und Werbungskosten berücksichtigt werden. Alles zusammen habe ich 785 Euro im Monat.
Bislang kam ich mit dem Geld irgendwie zurecht. Ich hab eine kleine Wohnung, die kostet nur 198 Euro Miete im Monat.
Aber im nächsten Jahr wird es dramatisch. Denn dann fällt der Freibetrag für Nebenjobs weg. Ich darf lediglich 15 Prozent behalten. Das bedeutet für mich eine erhebliche Verschlechterung, Von den knapp 200 Euro, die ich durch meinen Hausmeisterjob dazuverdiene, bleiben mir nur 30 Euro. Wer soll denn dafür noch arbeiten?
Meines Erachtens ist die Öffentlichkeit dem Bundeswirtschaftsminister voll auf den Leim gegangen. Klar, es stimmt schon, was der Wolfgang Clement sagt: Erwerbslose dürfen künftig nebenher mehr arbeiten, die Grenze von maximal fünfzehn Wochenstunden ist aufgehoben. Sie dürfen auch mehr verdienen, aber nur einen geringen Teil davon dürfen sie behalten. Damit wird doch genau das Gegenteil dessen erreicht, was die Bundesregierung wollte: mehr Beschäftigung.
Das Ganze ist deshalb so übel, weil die 200 Euro genau die Schwelle zwischen arm und nicht arm bedeuten. Das reicht gerade, um mein Auto, einen alten Fiat Punto, und ein Handy zu finanzieren. Beides kann ich künftig vergessen. Dann wird die Armut richtig real. Wenn meine Rechnung stimmt, kriege ich von Januar an 603 Euro. 345 Euro als Pauschale plus Miete und Heizkosten. Vermögen oder eine Lebensversicherung besitze ich nicht.
Mich trifft Hartz IV schon hart. Aber es gibt Leute, die noch schlimmer dran sind. Viele kriegen künftig gar nichts mehr, weil ihr Partner über ein eigenes Einkommen verfügt, das angerechnet wird. Andere müssen ausziehen, wie eine Kollegin, die alles für ihre schöne Wohnung tat. Die fing an zu heulen, als ich der sagte, sie soll sich nach einer neuen Unterkunft umsehen, weil die alte als unangemessen gilt.
Viele wissen gar nicht, was auf sie zukommt, wenn sie mit der Sozialhilfe II auskommen müssen. Und es wird Leute treffen, die jetzt noch Arbeit haben. Die werden aus allen Wolken fallen. Ich sag immer: ´Ganz unten ist jetzt viel weiter oben.
Es heißt immer, dass die nicht nur was von uns Arbeitslosen fordern, sondern uns auch fördern wollen. Da lacht selbst beim Arbeitsamt jeder drüber. Man kann auf einer Glatze keine Locke drehen. Wenn der Arbeitsmarkt so ist, wie er ist: Was wollen die denn dann fördern? Wo sollen die Jobs herkommen? Es gibt keine Beschäftigungsangebote. Neulich erklärte mir eine neue Vermittlerin: "Sie müssen aber alles tun, um Ihre Arbeitslosigkeit zu beenden." "Mach ich ja alles", antwortete ich. Sagt sie: "Sie müssen auch umziehen, sind Sie denn bundesweit bereit?" "Bundesweit? Weltweit, sag ich, haben Sie denn was für mich?"
Vollbeschäftigung wird es nie mehr geben. Da lügen sich doch alle in die Tasche. Dass wir wieder in Arbeit kommen, glauben doch der Schröder oder der Müntefering selber nicht.
Hartz IV trifft aber auch die Beschäftigten. Die Angst vor der Arbeitslosigkeit steigt unheimlich. Das macht die Belegschaften erpressbar. Sehen Sie doch nach Rüsselsheim, zu Opel. Und das Ganze spielt auch noch den Rechtsradikalen in die Hände." (FR 10.09.2004)

Die Sorgen sind nicht selbstverschuldet

Helmut Angelbeck ist einer von vielen, denen die Bundesregierung das Leben schwerer macht. Die hat vor sechs Jahren ihre Arbeit mit dem Versprechen begonnen, die Arbeitslosigkeit zu senken. Statt dessen sorgt sie mit für eine Vernichtung von Arbeitsplätzen und senkt den Arbeitslosen ihren ohnehin kärglichen Lebensunterhalt.
Dabei sind die Arbeitslosen als allerletzte verantwortlich dafür, dass in Deutschland so vieles im Argen liegt. Freitag Morgen brachte die Zeitung (NRZ) auf der ersten Seite die Schlagzeile: "Manager sind die größten Produktivitäts-Killer". In dem Artikel heißt es als Fazit einer Untersuchung in 1700 Unternehmen: "Chaos und mangelnder Durchblick auf mittlerer und höchster Ebene richten gewaltigen Schaden an... Drei Viertel der Produktivitätsausfälle gehen auf die Kappe des Managements. In der Bundesrepublik werden durch Managementfehler in diesem Jahr satte 190 Milliarden Euro verplempert."
Das ist viel Geld. Rechnet man noch hinzu, was durch Fehler der Politik auf mittlerer und höchster Ebene vergeudet wird, ist das Ergebnis gar nicht auszudenken. Das Geld reichte, um für einen großen Teil der Arbeitslosen in Deutschland einen ordentlichen Arbeitsplatz zu finanzieren.
Diese Nachricht macht deutlich: Die Unfähigkeit derer, die in Politik und Wirtschaft an führender Stelle tätig sind, ist groß. Sie nehmen ihre Verantwortung, die sie für das Wohl aller haben, nicht wahr. Die Sorgen, die sich die Menschen in Deutschland zur Zeit machen, haben darin vielleicht ihren tiefsten Grund. Denn wegen dieser weit verbreiteten Unfähigkeit der Entscheidungsträger ist die Hoffnung auf eine Besserung der Lage gering.

Was tun mit den Sorgen?

Was heißt nun angesichts dieser Lage: "Alle eure Sorge werft auf ihn, er sorgt für euch"? Wir können ja nicht so tun, als gäbe es unsere Sorgen nicht. Als gäbe es die Sorgen nicht vor schwerer Krankheit. Die Sorge der Alten, nicht mehr zu können und dann ins Heim zu müssen. Es gibt Dutzende guter Gründe, Sorgen zu haben.
Von Therapeuten habe ich gelernt: Eine Sorge wird man am ehesten dadurch los, dass man sie erst einmal zulässt: Ja, es gibt Gründe, gewichtige, schwerwiegende Gründe, sich Sorgen zu machen. Worum wir uns Sorgen machen, das bilden wir uns nicht ein, das sind handfeste Tatsachen und Erfahrungen.
Der zweite Schritt ist dann, wahrzunehmen, dass ich mir Sorgen machen. Also mich selber von der Seite anschauen und beobachten und fragen: Was geht in dir vor? Gibt es neben den Sorgen noch etwas anderes in deinem Leben? Die Sorgen gewinnen manchmal eine Eigendynamik. Sie kreisen in meinem Kopf herum und nehmen mich gefangen, so dass ich gar nichts anderes mehr denken kann. So verdüstern sie meine Gedanken und in Folge dessen mein ganzes Gemüt. Wer sich dem überlässt, wird unweigerlich depressiv. Vielen Menschen in Deutschland ergeht es so.
Die Sorgen wollen uns die Freude an allem vergällen. Das erkennen und an sich selbst wahrnehmen, ist ein weiterer wichtiger Schritt, um dem Bann der Sorgen zu entkommen.
Vielen Menschen gelingt das durch einen Satz wie diesen: "Es gibt Schlimmeres." Dieser Satz heißt positiv gewendet: Trotz aller Sorgen gibt es noch genug Gründe, sich am Leben zu freuen.
Genau das ist es, wo Gott uns hinführen will: Dass wir trotz aller berechtigter Sorgen heiter und zuversichtlich jeden Tag aus seiner Hand nehmen. Hanns-Dieter Hüsch hat das mit diesem Gedicht auf schöne Art ausgedrückt (Psalmen, S. 35):

Es ist dem Menschen beigegeben
Ein kleines Stück vom großen Leben
Das sich vollzieht ohn´ Unterschied
Ob Bettler oder hohes Tier
Von einer Handvoll Erde sind wir alle hier

Wollt darum freundlich sein und Euch mit
Heiterkeit versehen
Es hat der Mensch zu kommen und zu gehen
Dieses ist ausgemacht von Anfang an
Mit Hochmut ist nicht viel getan
Es ist dem Menschen aufgegeben
Mit Güte Gutes zu erstreben
Auch soll er das was nötig ist zum Leben
Mit allen teilen
Und aller Kreatur zu Hilfe eilen.

Dass unser Leben eingebettet ist in ein großes Ganzes, dass wir selbst und darum auch unsere Sorgen nicht alles sind - auch diese Erinnerung kann den Sorgen ein wenig von ihrem Gewicht nehmen. Der 1. Petrusbrief meint das gleiche. Dort heißt es: "Der Gott aller Gnade, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen."
Das ist keine Vertröstung auf ein besseres Jenseits. Sondern diese Worte ordnen das, was wir hier erleben, ein in ein größeres Ganzes.
Das große Ganze sehen, heißt auch, unsere Aufgabe darin erkennen. Auch das hilft, die Sorgen zum Schweigen zu bringen. "Es ist dem Menschen aufgegeben, mit Güte Gutes zu erstreben. Auch soll er das, was nötig ist zum Leben,
mit allen teilen und aller Kreatur zu Hilfe eilen."
Wer diese Aufgabe annimmt, hat gar nicht viel Zeit, sich Sorgen zu machen. Der ist beschäftigt damit, Gutes zu tun, zu helfen, wo Hilfe nötig ist, anderen Menschen in ihren Sorgen beizustehen.
Wenn Menschen spüren, dass sie mit ihrer Sorge nicht allein sind, gewinnen sie auch Mut, gegen die Ursachen ihrer Sorge anzugehen. Und je mehr Menschen die gleiche Sorge haben, desto mehr wächst der Druck auf die Entscheidungsträger, etwas zu verändern.
Wir Christen können darauf vertrauen, dass wir in all unseren Sorgen auch Gott an unserer Seite haben. Gott sorgt für uns, indem er uns das Leben schenkt; indem er auf der Erde alles bereit stellt, dass Leben wachsen und gedeihen kann; indem er Menschenkindern, die ihm vertrauen, mit seinem Geist zur Seite steht, der tröstet und Mut macht. Gott hat viele Weisen, für uns Menschen zu sorgen. Er hilft uns, stärkt uns, gibt uns Kraft, damit wir unsere Verantwortung für unser eigenes Leben und das Leben auf der Erde wahrnehmen. Wir können nicht ihm allein alle Sorge überlassen für das, was aus unserer Erde wird. Wir sollen selber mit dafür sorgen, dass gerechte und friedliche Verhältnisse auf der Erde geschaffen werden.
"Es ist dem Menschen aufgegeben, mit Güte Gutes zu erstreben."