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Predigt zu Johannes 6,35
31. Oktober 2004
Goldkonfirmation
 

Als ich Kind war, habe ich mich manchmal über meinen Großvater gewundert. Der wohnte mit bei uns ihm Haus. Täglich machte er seinen Spaziergang. Wenn er zurückkam, hatte er oft ein altes Stück Brot in der Manteltasche. Das hat er irgendwo am Straßenrand oder auf einem Bürgersteig gefunden, achtlos weggeworfen. Er sammelte es auf, zerteilte es zuhause in kleine Bröckchen und gab es den Hühnern.
"Warum sammelt der Opa das alte Brot von der Straße auf?", habe ich einmal meine Mutter gefragt. Da hat sie mir eine Geschichte erzählt:
Es war kurz nach dem Ende des Krieges. Sie wohnte mit ihrem Vater noch in Breslau. Ihre Aufgabe war es, eine Gruppe von Kindern zu betreuen, die im Krieg ihre Eltern verloren hatten. Einmal war sie mit ihren Kindern auf dem Weg durch die Stadt. Da kam ein Lastwagen mit russischen Soldaten vorbei. Vor den Russen hatten alle Angst. Doch die Soldaten taten ihr nichts. Einer von ihnen hatte mit den Kindern. Er nahm ein Brot und warf es ihr zu. Meine Mutter war überaus froh und dankbar. Denn sie hatte nichts, was sie den Kindern sonst am Abend hätte zu essen machen können.
Ein Brot war eine Kostbarkeit für die Menschen im Krieg und kurz danach. Ein älterer Mann erzählte mir, wie er selber als Soldat irgendwo im Wald auf der Flucht war. Nirgendwo gab es etwas zu essen. Ein Kamerad kramte ein altes trockenes Stück Brot aus seiner Tasche. Jeder brach sich von dem Brot etwas ab. Lange mussten sie das trockene und harte Stück Brot im Mund halten, bis es weich wurde. Dann erst konnten sie es kauen und hinunter schlucken. Der Mann erzählte, dass er geweint hat, als er den Geschmack von diesem trockenen Brot in seinem Mund spürte. So glücklich war er, etwas zu essen zu haben.

Viele von Ihnen werden ähnliche Geschichten kennen und erlebt haben. Sie alle gehören zu den Generationen, die kein Brot wegwerfen können. Denn Sie haben Zeiten der Not, der Entbehrung und der äußersten Bedrohung hinter sich. Vor zwei Wochen haben wir uns in Duisburg erinnert an die Bombennacht vor sechzig Jahren. Es war der schlimmste Angriff, der bis zu diesem Zeitpunkt auf eine deutsche Stadt geflogen worden ist. Eine, die am 19. März 1944 in der Gnadenkirche in Wanheimerort konfirmiert wurde, erzählte, dass bald danach die Kirche in Schutt und Asche lag.
Die Wanheimer Kirche ist stehen geblieben. Aber auch hier haben die Menschen Angst vor den Bomben gehabt. Der Bunker ist für viele eine Art zweites Zuhause gewesen. Mitten in den schlimmen Zeiten ist trotzdem hier Konfirmation gefeiert worden. Der Wanheimer Pastor, Helmut Pickert, war als Soldat eingezogen. Sein Wedauer Kollege Schindelin hat ihn vertreten und die jungen Menschen eingesegnet.
Pastor Pickert ist aus dem Krieg zurück gekommen. Er war bis Ende der fünfziger Jahre in Wanheim. Nach der "Währung" ging es den Menschen in Westdeutschland langsam wieder besser. Alle halfen mit, die zerstörten Städte und Betriebe wieder aufzubauen. Neue Siedlungen entstanden wie hier in Wanheim die Rheinstahlsiedlung. Doch von dem Wohlstand, wie viele Menschen ihn heute kennen, war man damals noch weit entfernt.
Zur häuslichen Konfirmationsfeier gab es selbst gebackenen Kuchen, abends Kartoffelsalat mit Würstchen. Die Mädchen bekamen Sammeltassen geschenkt, Hortensien, ein Spitzentaschentuch, um das Gesangbuch zu halten. Eine bekam von ihrem Bruder einen Ring mit Perle, das war ihr schönstes Geschenk. Eine andere erhielt, ganz praktisch,- Utensilien für die Schneiderlehre, die sie nach der Konfirmation beginnen wollte. Von bleibendem Wert war auch die rote Strickjacke mit Reißverschluss, die später noch Tochter und Enkeltochter getragen haben. Sehr begehrt als besonderes Geschenk war die Armbanduhr. Geld gab´s so gut wie gar nicht. Wenn einer dreißig Mark vom Patenonkel erhielt, war das schon ein kleines Vermögen.
So war das 1954. Brot gab es inzwischen genug. Viele konnten sich sogar leisten, hin und wieder gute Butter darauf streichen.

Ich komme immer wieder auf das Brot zurück, weil dies 1954 die Losung war: "Jesus spricht: Ich bin das Brot des Lebens." Die Auswahl der Jahreslosung wird nicht wie die der täglichen Losungen dem Zufall überlassen. Sondern die wird gezielt ausgesucht. Sie stellt so etwas wie eine Zeitansage dar.
Die Botschaft der 54er Losung bezog sich offenbar auf den Hunger, den die Menschen zu dieser Zeit hatten. Der Hunger nach Brot war inzwischen gestillt. Aber es gab einen anderen Hunger, der noch lange nicht gestillt war.
Der Hunger nach Anerkennung zum Beispiel. Der war sehr groß. Wir Deutschen litten unter der großen Schuld, die wir auf uns geladen hatten. Unter unseren Nachbarvölkern waren wir nicht wohl gelitten. Aber wir wollten dazugehören, wieder ein ganz normales Mitglied der Völkerfamilie sein.
Wohl aus dem Grund war schnell der Vorsatz vergessen, dass Deutschland in Zukunft unbewaffnet bleiben sollte. Für große Teile der Bevölkerung war nach dem Krieg eine Wiederbewaffnung Deutschlands unvorstellbar. Selbst Politiker wie Adenauer und Strauß schworen, keine deutsche Armee anzustreben. Von deutschem Boden sollte nie wieder Krieg ausgehen.
Doch schon Anfang der 50er Jahre führte die Regierung Adenauer Geheimverhandlungen mit der amerikanischen Regierung über die Wiedereinführung eines westdeutschen Heeres.
Die fünfziger Jahre waren die Zeit des Kalten Krieges. Die Welt spaltete sich in zwei Lager. Die Bundesregierung schloss sich dem westlichen Verteidigungsbündnis an. Damit einher ging die Wiederbewaffnung.
Im Oktober 1954 wurden die "Pariser Verträge" unterzeichnet. Sie regelten die Aufnahme der Bundesrepublik in die NATO. Deutschland war wieder ein fast vollwertiges Mitglied der Völkerfamilie.
Ein weiteres bedeutsames Ereignis von 1954 hat auf andere Weise dazu beigetragen. Es geschah am 4. Juli: Das Wunder von Bern.
Deutschland wurde Weltmeister. Plötzlich hieß es landauf, landab: ´Wir sind wieder wer.` Im sportlichen Wettkampf waren wir sogar plötzlich die Größten. Einem Triumphzug glich die Heimfahrt der Helden von Bern. Überall an den Bahnsteigen drängten sich die Menschen, um Fritz Walter, den Boss Helmut Rahn und ihre Mitstreiter zu bejubeln. In seiner legendären Rundfunkübertragung hat Herbert Zimmermann wohl zum ersten Mal einem Fußballer eine göttliche Weihe verliehen: "Toni, du bist ein Fußballgott!" So rief er vollkommen außer sich ins Mikrofon. Im Berner Wankdorfstadion haben nicht nur elf Männer ein Fußballspiel gewonnen. Das ganze deutsche Volk hat damit etwas von seinem verloren gegangen Selbstbewusstsein zurück gewonnen. Der Hunger nach Anerkennung bekam durch diesen Sieg reiche Nahrung.

Von all dem konnte die kleine Gruppe nichts ahnen, als sie den Spruch für die Losung des Jahres 1954 aussuchte. Aber sie hatte wohl ein Gespür dafür, dass unser Volk etwas suchte und brauchte, was den Hunger der Seele stillt.
Die Losung machte zumindest den Evangelischen in Deutschland ein Angebot, wo sie Nahrung für ihre Seele finden können:
"Jesus Christus spricht: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern."
Brot des Lebens haben Sie in den zwei oder drei Jahren Konfirmandenunterricht mitbekommen in Gestalt der Worte aus Bibel, Katechismus und Gesangbuch, die Sie gelernt haben. Besonders eingeprägt hat sich vielen die Frage 1 aus dem Heidelberger Katechismus:

Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?
Dass ich mit Leib und Seele, beides,
im Leben und im Sterben, nicht mein,
sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin, der mit seinem teuren Blut
für alle meine Sünden vollkömmlich bezahlt
und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst hat
und also bewahrt,
dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel
kein Haar von meinem Haupt kann fallen,
ja auch mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss.
Darum er mich auch durch seinen Heiligen Geist
des ewigen Lebens versichert
und ihm forthin zu leben
von Herzen willig und bereit macht.

Jesus Christus, der einzige Trost im Leben und im Sterben. So haben Sie ihn als Brot des Lebens kennen gelernt. Diesen Trost erfahren Menschen in den Worten Jesu, in den Worten der Bibel, die auch für ihn selbst ein Trost gewesen sind. Den Trost Jesu Christi erfahren Menschen in der Gemeinschaft, die sie in Jesu Namen miteinander haben.
Sie sind damals durch die Konfirmation zu mündigen Mitgliedern der Gemeinde erklärt worden. Sie waren erst mal froh, nun nicht mehr regelmäßig zum Gottesdienst gehen zu müssen. Als junger Mensch hat man einfach noch nicht den richtigen Draht zu dieser Art von Feier. Bei den meisten jungen Leuten ist das jedenfalls so. Aber Sie haben der Kirche die Treue gehalten, so dass Sie heute wieder hierher gekommen sind, um Ihr Konfirmationsjubiläum zu feiern. Und ich glaube, das kann ich sagen, auch wenn ich Ihre Lebensläufe nicht kenne: Sie haben sich in all den zurück liegenden Jahren bemüht, ein anständiger Mensch zu sein, nach den Geboten Gottes zu leben, mit sich und Ihren Mitmenschen im Reinen zu sein und den Kontakt zur Gemeinde nicht abreißen zu lassen. So ist für Sie Jesus Brot des Lebens gewesen.

Alle Geschichten, die uns Jesus mit einem Brot in der Hand schildern, erzählen, dass Jesus dieses Brot geteilt hat. Brot des Lebens erfahren wir, wo wir unser Leben mit dem anderer Menschen teilen, wo wir Anteil nehmen an Freud und Leid anderer Menschen und selber anderen von uns Anteil geben. Solches geschieht in der Gemeinde. Aber nicht nur da. Ich bin sicher, Sie haben dies in Ihrem Leben auf vielerlei Weise schmecken können. Jesus nimmt als Brot des Lebens in unserem Leben Gestalt an, wenn wir seinem Beispiel und seinen Weisungen folgen.

Den Trost Jesu Christi haben Sie schließlich erfahren in dem Segen, der über Ihnen ausgesprochen worden ist. Der feierliche Höhepunkt der Konfirmation ist auch heute noch die so genannte Einsegnung. Da wird durch Handauflegung spürbar der Segen Gottes auf die Menschen gelegt.
Segen ist die gute Kraft Gottes. Segen ist Kraft zum Leben, zum Wachsen und Gedeihen. Segen lässt Frucht reifen, er lässt gelingen, was wir beginnen. Der Segen im Namen Jesu Christi bedeutet, dass allezeit das Lächeln des Mensch gewordenen Gottessohnes mit uns ist. In Freud und Leid ist er an unserer Seite, hält und führt uns. Wie es in einem Psalmvers heißt: "Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir."

Dieser Segen soll heute erneut über Ihnen ausgesprochen werden. Wir haben bei der Vorbereitung dieser Feier überlegt, dass die Bekräftigung des Segens ein Teil des Gottesdienstes sein soll. So werden Sie gleich nach vorn kommen in Gruppen zu dritt oder zu viert, wie damals bei Ihrer Konfirmation, um sich erneut den Segen zusprechen zu lassen.
Anders als damals werden Sie nicht einzeln einen Spruch mit auf Ihren weiteren Weg bekommen. Sondern alle werden den gleichen Vers als Denkspruch erhalten. Es ist der Satz Jesu, der als Losung über dem Jahr 1954 stand. "Jesus Christus spricht: Ich bin des Brot des Lebens."

Nach dem Segenszuspruch feiern wir miteinander das
Abendmahl. Da erinnern wir uns noch einmal ausdrücklich daran, dass Jesus sich selbst mit dem Brot verglichen hat: Wie das Brot geteilt und weiter gegeben wird, so hat er sich selbst den Menschen hingegeben: Bedingungslos hat er seine Liebe verschenkt an jeden, der darum bat. Sein Vertrauen, seine Hoffnung hat er weiter gegeben, andere Menschen damit angestiftet. So wurde es möglich, dass Lahme aufstanden, Blinde plötzlich wieder etwas sehen konnten, Taube hörten. Wenn wir in Jesu Namen Brot und Kelch miteinander teilen, sollen wir wissen: Er schenkt sich auch uns, schenkt uns seine Glaubenskraft, seine Hoffnung, seine Liebe.
Es ist eine Liebe, die keine Bedingungen stellt. Wir müssen nichts dafür tun. Darin erinnert uns auch der heutige Reformationstag. Gott wendet sich uns zu, er nimmt uns als seine Kinder an, ohne dass wir eine Leistung erbringen müssen. Anerkennung und Wertschätzung erhalten wir von ihm umsonst.
Martin Luther hat es in der Erklärung zur vierten Vaterunserbitte so gesagt: "In das Brot ist alles eingeschlossen, was zu diesem Leben in der Welt gehört. Nicht bloß, dass unser Leib seine Nahrung und seine Kleidung und alles andere bekomme, sondern auch, dass wir in Ruhe und Frieden mit den Leuten auskommen, mit welchen wir leben; kurz, es gehört alles dazu, was die häuslichen Verhältnisse und was das nachbarliche und bürgerliche Leben und Gemeinwesen angeht. In all dem will Gott uns zeigen, wie er sich aller unserer Not annimmt und treulich für uns sorgt."

Die bedingungslose Liebe Gottes und den Frieden untereinander erfahren wir, wenn wir uns um den Tisch des Herrn versammeln, Brot und Saft der Trauben miteinander teilen.
Alle sind eingeladen, von dem Brot des Lebens zu essen. Alle sind eingeladen, teilzuhaben an der Gemeinschaft im Namen Jesu.
Das Brot, das Jesus uns in seiner Person schmecken lässt, ist eine kostbare Speise. So kostbar, wie trockenes Brot im Krieg oder kurz danach. Wie kostbar diese Speise ist, können wir ermessen, wenn wir es entsprechend würdigen. Das tun wir mit dieser Feier und mit jedem Gottesdienst. Wir danken Gott, dass er uns Kraft zum Leben gibt und viel Freude darin erfahren lässt. Wir vergewissern uns, dass er zu allen Zeiten bei uns ist. Wie er Sie, die Jubilarinnen und Jubilare geführt hat bis auf den heutigen Tag, so wird er es auch weiterhin tun. Darauf können Sie sich verlassen.

Jahreslosung von 1944:

"Der Herr ist treu,
er wird euch stärken und bewahren vor dem Argen."
2. Thessalonicher 3,3

Jahreslosung von 1934:

"Des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit."
1. Petrus 1,25