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Predigt zu 2. Mose 3,1-14
16. Januar 2005
Eine rettende Kraft ist in der Welt
 

"Warum hilft uns denn niemand? Ist kein Gott da, der uns beisteht und uns rettet aus unserer Not?" So mögen sie gefragt haben damals vor mehr als dreitausend Jahren. Sie waren Nomaden, umherziehende Viehhirten aus der Gegend des Toten Meeres. Im Osten Ägyptens sind sie eingewandert. Im Nildelta gab es gutes Weideland. Deshalb werden sie sich eine Zeit lang dort aufgehalten haben.
Gern wurden sie von den Ägyptern nicht gesehen, sie waren der bäuerlichen Gesellschaft auch nicht gerade nützlich. Und eines Tages entschlossen sich die Ägypter, die Arbeitskraft der eingewanderten Nomaden für ihre Bauvorhaben zu nutzen. Das war im Grunde ein moderner Gedanke, der zur Zeit auch in unserem Land sehr aktuell ist: Wer hier wohnt und lebt, soll auch was tun. Und wenn er keine Arbeitsstelle findet, weil daran ein großer Mangel ist, soll er wenigstens eine Arbeitsgelegenheit erhalten. So gibt es auch bei uns ein Heer von angelernten Hilfsarbeitern, die für ihre Arbeit miserabel bezahlt werden und an denen deshalb Städte, Firmen und Einrichtungen gut verdienen.
Die Nomaden damals in Ägypten hatten ja ihre Arbeit auf den Feldern mit ihrem Vieh. "Aber das Vieh frisst unser Gras", sagten die Ägypter. "Dafür sollen ihre Hirten nun bezahlen." Als ungelernte Arbeiter mussten sie nun mithelfen beim Bau der Vorratsstädte Pithom und Ramses. Die Ägypter gingen nicht gerade zimperlich mit den ausländischen Hilfsarbeitern um. Unbarmherzig trieben sie die Männer an, Ziegel zu brennen und zu schleppen. Das 2. Mosebuch erzählt: "Sie machten ihnen ihr Leben sauer mit schwerer Arbeit und hartem Sklavendienst. (2. Mose 1,14)
Sie werden manches Mal daran gedacht haben, wegzuziehen aus Ägypten. Aber die Ägypter ließen sie nicht. Im Zeitalter von großen Bauvorhaben wurden Arbeitskräfte massenhaft gebraucht, besonders solche, die keinen Anspruch auf irgendeine Entlohnung hatten.
Manchmal werden abends im Lager der Nomaden Seufzer laut geworden sein: "Warum hilft uns denn niemand? Ist kein Gott da, der uns beisteht und uns rettet aus unserer Not?"
Vierhundert Kilometer weit entfernt trieb ein anderer die Schafe seines Schwiegervaters über die Steppe. Es war Mose. Der stand plötzlich vor einem brennenden Busch. Normalerweise ist so ein Busch in der heißen Steppe, wenn er einmal brennt, schnell vom Feuer verzehrt. Der Busch, vor dem Mose stand, verbrannte aber nicht. Und Mose sagte zu sich selbst: "Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt."
Wir wissen es alle, weil wir die Geschichte kennen, aber Mose wusste es noch nicht: In dem Busch wartete Gott auf ihn. Und Gott hatte eine Botschaft:

"Ich habe gesehen,
wie mein Volk in Ägypten leidet.
Ich habe seine Hilferufe gehört.
Ich kenne seine Schmerzen."

Politiker, Journalisten und Vertreter von Hilfsorganisationen sind über die von der Flutkatastrophe verwüsteten Gebiete geflogen. Sie wollten sich ein Bild vom ganzen Ausmaß der Katastrophe machen. Von oben hat man einen umfassenden Blick.
Gott braucht nicht erst ein Flugzeug zu besteigen. Er hat immer schon, weil er Gott ist, den Blick für das Ganze. Er sieht, wie es den Nomaden in Ägypten geht. Denn sie sind Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs. Sie sind sein Volk. An ihnen und mit ihnen zeigt Gott, wer er ist. So erfahren wir etwas Grundlegendes, Wesentliches über Gott, das bis heute gilt:
Unser Gott ist ein Gott, der sieht und hört und erkennt. Er weiß, wie es um seine Menschenkinder bestellt ist.
Aber das wissen diese nicht, die jetzt akute Not leiden. Noch wissen sie es nicht. Aber Gott will es ihnen zeigen. Dazu braucht er den Mose.
Auch das ist so bis heute. Gott braucht Menschen, die seinen Willen kundtun, die so etwas wie seine Dolmetscher sind. Menschen, die einen besonderen Draht zu ihm haben, die für seine Botschaft empfänglich sind. Die stärkt Gott und macht sie bereit, seine Gedanken und Absichten anderen Menschen weiterzugeben.
Die Stimme Gottes aus dem brennenden Busch spricht zu Mose: "Weil das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich ihre Not gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, darum sende ich dich, damit du mein Volk aus Ägypten führst."
Was Gott sieht und hört, lässt ihn nicht unberührt. Es geht ihm so, wie es vielen Menschen geht: Wenn wir sehen, wie jemand leidet, dann tut es uns Leid, dann wollen wir, dass dieses Leid ein Ende hat. Und wenn wir können, helfen wir mit, das Leid zu beenden oder wenigstens zu lindern.
Gott ist so: Das Geschrei der Menschen kommt vor ihn. Und das löst in ihm die Regung aus, dass er etwas tun muss, um das Leid zu beenden.
Wir Menschen meinen manchmal: Gott könnte das doch einfach mit einem Handstreich tun. Ein Wort genügt, und schon hat alle Not auf der Erde ein Ende. So stellen viele sich das vor. "Wenn er allmächtig ist, dann muss er das doch können. Einfach ein großes Wunder tun, und die Welt ist in Ordnung."
Aber so ist Gott nicht. Er hat sich an uns Menschen gebunden, sich uns in gewissem Maße ausgeliefert. Um seinen Willen hier auf der Erde geschehen zu lassen, dazu braucht er uns Menschen. Nicht von oben herab handelt Gott. Sondern in Beziehung mit uns Menschen, gleichsam auf Augenhöhe mit uns.
Darum kommt er dem Mose in einem Strauch entgegen und spricht zu ihm so, dass Mose ihn hören und verstehen kann.
Es ist auch nicht so, dass Gott alles verursacht, was mit der Erde und auf der Erde geschieht. Gott ist, wie wir glauben, der Schöpfer von allem. Aber er ist kein Marionettenspieler, der von oben her jedes einzelne Ereignis bewirkt. Das wäre ein furchtbarer und grausamer Gott. An solch einen Gott glaube ich nicht.
Gott hat alles lebendig geschaffen. Auch die Erde lebt. Und alles, was lebt, bewegt sich. Gott lässt das, was er geschaffen hat, sich frei bewegen. Er hat es so eingerichtet, dass das Leben mit seinen Bewegungen sich selbst erhält und fortpflanzt. Aber es gibt auch Bewegungen, die gefährlich sind, die tödlich sein können. Wie die Bewegung der beiden Erdplatten, die unter dem Indischen Ozean zusammengestoßen sind. Diese Bewegung hat sich im Wasser fortgesetzt. Man kann sagen: So hat Gott die Welt geschaffen, dass jede Bewegung Energie freisetzt, die eine andere Bewegung bewirkt. Man kann auch sagen: Das ist Physik. Aber man kann nicht sagen: Gott hat jetzt diese Zerstörung bewirkt.
Vielleicht kann man eher sagen: Gott ist selbst so etwas wie Bewegung. Eine bewegende Kraft. Energie. Er hat die Erde in Bewegung gesetzt und sie dem freien Spiel ihrer Bewegung überlassen.

Nun könnte man andrerseits fragen: Hat Gott sich zurückgezogen? Hat er sich nach der Erschaffung der Welt zur Ruhe gesetzt. Es heißt ja: Gott ruhte am siebten Tag. Hält seine Ruhe vielleicht noch an? Manchmal haben Menschen den Eindruck, es interessiert Gott überhaupt nicht, was hier unten auf der Erde geschieht.
So ist es wiederum auch nicht. Es interessiert ihn schon, wie wir aus der alten Geschichte hören. Und es geht ihn auch was an. Und er beschließt, jetzt auf andere Weise in Erscheinung zu treten. Nicht nur als Schöpfer, als bewegende Kraft, die das Leben in Gang gesetzt hat. Sondern auch als rettende, helfende Kraft. Nun muss er auch diese Energie weitergeben. Er braucht Hilfskräfte, die seine rettende Kraft aufnehmen und in Taten umsetzen. Deshalb ruft er den Mose.
Mose reagiert, wie Kinder oft reagieren, wenn sie von ihren Eltern einen bestimmten Auftrag bekommen: "Wieso ich?" So antwortet Mose: "Ich? Wer bin ich denn, dass ich das Volk aus Ägypten führe?"
Dahinter höre ich nicht nur die Unlust, aus dem gewohnten Leben herausgerissen zu werden. Ich höre auch die Frage: Wer glaubt mir denn, dass Gott mich gesandt hat. Ich hab nichts Besonderes an mir, das meine göttliche Beauftragung beweist. Da kann ja jeder kommen und behaupten, er sei von Gott geschickt.
Wir sagen oft jemandem, der Angst hat vor einer bestimmten Aufgabe: "Du schaffst das schon." So versuchen wir Menschen, uns gegenseitig aufzubauen, zu ermutigen. "Glaub einfach an dich, dann schaffst du es."
Gott sagt etwas anderes. Gott sagt: "Glaub an mich. Vertrau mir. Ich werde mit dir sein."
Die Zweifel des Mose sind damit nicht erledigt. Er stellt die grundlegende Frage: "Wer bist du denn eigentlich? Wenn ich in deinem Namen tätig werden soll, was ist dein Name?"
Und Gott sagt seinen Namen, der seitdem für alle Zeiten gültig ist: "Ich werde sein, der ich sein werde." Das hebräische Wort "sein" ist ein Wort, das Bewegung beinhaltet. Es ist nicht etwas Starres: Das ist so. Sondern es ist ein Geschehen, da passiert etwas, da kommt etwas in Gang. Es ist ein Da-Sein, ein Dasein für die Menschen.
Auf verschiedene Weise haben Übersetzer das auszudrücken versucht. In der Gute-Nachricht-Bibel heißt der Gottesname: "Ich bin da". Genauso schreibt die evangelisch-katholische Einheitsübersetzung. Ebenso Martin Buber, der jüdische Bibelübersetzer.
Dieses "Ich bin da" ist sehr tröstlich. Es gibt häufig Situationen unter Menschen, wo es einem sehr schlecht geht und an dem Befinden auch grundsätzlich nichts zu ändern ist. Aber ein anderer kommt und sagt: Ich bin da. Ich bin jetzt für dich da. Ich bin bei dir. Das stärkt und tröstet ungemein.
Gott sagt von sich: Ich bin da. Ich bin bei dir, du Menschenkind. Eine tröstende, stärkende Kraft geht von ihm aus.
Sein Da-Sein will er nun dem in Ägypten unter der Sklaverei leidenden Nomadenvolk erweisen. Und Mose soll seine helfende, rettende Energie in dieses Volk hineintragen.
Diese Geschichte gehört zum Urgrund unseres Glaubens, zum Kern. Gott ist Schöpfer, und der ist Retter. Bewegende Kraft geht von ihm aus und die Energie zu helfen, zu heilen, zu trösten und zu retten.
An einem unscheinbaren Punkt der Weltgeschichte hat Gott diese Energie zum Vorschein gebracht. Das ist auch immer wieder festzuhalten. Wo Gottes Dasein sichtbar wird, handelt es sich eher um kleine Ereignisse, die leicht übersehen werden. Die Gestalt des Mose zum Beispiel ist in Zeugnissen außerhalb der Bbiel nirgendwo erwähnt. Wir wissen nicht, ob es einen solchen Mann überhaupt gegeben hat. Von dem Nomadenvolk in Ägypten wissen wir aus Quellen, die durch archäologische Forschungen ans Licht gekommen sind, auch fast nichts. Bis heute wird gerätselt, durch welches Meer das Volk wohl gewandert ist auf seiner Flucht vor den Ägyptern. Der Auszug war historisch betrachtet ein Ereignis ganz am Rande der großen Weltgeschichte, nicht der Erwähnung wert.
Dafür hat sich dieses Ereignis um so mehr in die Erinnerung des Volkes eingebrannt, das Gottes befreiende Kraft erfahren hat. Diese rettende Energie, die es aus der Knechtschaft in das gelobte Land geführt hat, hat sich fortgesetzt. Durch Jesus hat sie sich ausgeweitet über die ganze Erde. Er ist ja Träger des Gottesnamens: "Gott hilft" oder "Gott ist mir uns". Jesus hat es noch einmal neu die Menschen spüren lassen: Helfende, heilende Kraft geht von Gott aus.
Längst nicht alle Menschen sind dafür empfänglich. Wir Menschen können uns dieser Kraft auch verschließen. Aber es kommt vor, dass Menschen zu Trägern dieser Kraft werden, manchmal auch ganz unbewusst.
Mir geht die Geschichte nicht aus dem Kopf, die ich in der Zeitung gelesen habe, als kleine Notiz am Rande. Unter den Touristen in Thailand war auch Tilly Smith, eine britisches Mädchen, zehn Jahre alt. In der Schule hatte sie im Erdkundeunterricht von einem Tsunami gehört und wie eine solche Riesenwelle sich ankündigt. Dann sah sie am Morgen des 2. Weihnachtstages von dem Hotel aus, wie das Wasser des Meeres unten sich zurückzog. Sie rannte zu ihrer Mutter. Die wiederum dachte keinen Moment darüber nach, ob ihre Tochter nicht etwas übertreibt. Sondern sie alarmierte das Hotelpersonal. Alle Gäste, die im Hotel und die schon am Strand waren, konnten gewarnt werden. Und alle glaubten der Nachricht und brachten sich in Sicherheit. Minuten später wurde das Hotel von der Welle weggerissen. Aber hundert Menschen, die dort Urlaub machten, überlebten. An diesem Abschnitt des Strandes gab es keine Toten.
Rettende Energie, die von einem zehnjährigen Mädchen ausging und sich auf alle anderen Menschen in ihrer Umgebung übertrug.
Diese kleine Begebenheit zeigt: Rettung aus der Katastrophe war möglich. Und das ist Gottes Art, da zu sein. Er stellt die Möglichkeit, die Energie zu rettendem Eingreifen bereit.
Als Kontrast zu dieser Geschichte kommt mir eine andere in den Sinn: Da filmt einer vom Balkon seines Hotels aus die herannahende Welle. Unten sieht man Menschen, die gleich von der Welle erfasst werden. Dieser Mensch hat nicht rettend eingegriffen, er wird seine Aufnahmen für viel Geld ans Fernsehen verkauft haben.

Ich bin da. Das ist ein Impuls, ein Anstoß, eine Bewegung, die von Gott ausgeht. Manche Menschen lassen sich davon erfassen und manche nicht.
Wir feiern Gottesdienst, um uns dafür offen zu halten; um durch das, was wir hier tun, das Dasein Gottes zu spüren, uns davon bewegen zu lassen, damit auch wir zu Trägern seiner helfenden, tröstenden Kraft werden.