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Predigt zu 1. Mose 18,16 32
22. Mai 2005
Was soll man denn wählen?
 

"Was soll man denn wählen? Man ändert ja doch nichts." Diesen Satz hört man, wo man hinkommt.
Bei der Kommunalwahl vor einem halben Jahr lag die Wahlbeteiligung in Duisburg bei 48 Prozent. Die absolute Mehrheit hat die Partei der Nichtwähler. Nur etwa zwanzig Prozent der wahlberechtigten Duisburger haben dem jetzt regierenden Bürgermeister ihre Stimme gegeben. Deutlicher kann das Wahlvolk sein Misstrauen in die herrschenden Parteien und Politiker und seine Unzufriedenheit mit deren Politik kaum kundtun.
Und es ist ja auch so: Keine der in Bund und Land tonangebenden Parteien wagt es, vernünftige Konzepte zu entwickeln. Vielleicht können sie es auch nicht. Alle beklagen die hohe Arbeitslosigkeit. Doch sie haben alle diese hohe Arbeitslosigkeit mit verursacht. Keine Partei hat etwas Entscheidendes dagegen getan. Sie haben alle für noch mehr Arbeitslose gesorgt. Das einzige Konzept, was sie haben, besteht darin, die jeweiligen Wahlkampfgegner schlecht zu machen. "Stopp SchwarzGelb". "Bei den andern wird´s noch schlimmer." So wirbt die herrschende Koalition und stellt sich damit selbst ein Armutszeugnis aus. Die Opposition plakatiert "Arbeit statt RotGrün". Ich habe am Wanheimer Markt ein Mitglied dieser Partei gefragt immerhin den Bezirksvorsteher hier im Süden wie denn seine Partei Arbeitsplätze schaffen will. "Das weiß ich auch nicht", war seine Antwort. Und im nächsten Atemzug fügte er hinzu, dass die jetzige Regierung es ja auch nicht geschafft hat, die Arbeitslosenzahl zu senken, im Gegenteil. So verweist jeder darauf, wie schlecht es der jeweils andere macht oder gemacht hat oder machen wird. Ein gutes eigenes Konzept legt niemand vor.
Allem die Krone setzt der Slogan auf "Kinder statt Kohle". Oder heißt es "Kohle statt Kinder"? Die Parteien, die laut Grundgesetz zur politischen Bildung des Volkes beitragen sollen, übertreffen sich gegenseitig damit, das Volk für dumm zu verkaufen. Und die so genannten "Volksvertreter" in den Parlamenten vertreten schon lange nicht mehr uns, das Volk, sondern die Lobbyisten der Konzerne und Standesvereinigungen, die ihnen dauernd auf den Füßen stehen. Ich habe noch die Klage eines alten, aufrechten SPDManns im Ohr, der vor fünfzehn Jahren schon gesagt hat: Die herrschenden Parteien und Konzerne haben den Staat zu einem Selbstbedienungsladen gemacht.

Was soll man machen ? Man ändert ja nichts. Ich will eine Geschichte erzählen, die ich in der vergangenen Woche in der Zeitung gelesen habe. Es geht dabei nicht um die Parteien und um irgendeine Wahl. Die Geschichte handelt davon, dass Bürger in ihrer Stadt schon etwas machen können, selbst wenn sie nur wenige sind, die sich engagieren.

"Zehn von dreizehnhundert" so ist der Artikel überschrieben (FR 17.05.2005). Der Untertitel heißt: "In Mücka in Ostsachsen wehrt sich kaum ein Dutzend Einwohner gegen eine NeonaziDisco und braune Umtriebe".

Der Journalist (Bernhard Honnigfort) erzählt:
In Mücka werden die Toten sonnabends beerdigt. Man sollte das erwähnen, wenn man verstehen will, was es auf sich hat mit dem Dorf in Ostsachsen, weit hinter Dresden, im Sand der Lausitz. Mücka, 1300 Einwohner, ein Edeka, ein Quelleshop mit Post, zwei Gasthäuser, ein Frisör, ein paar Handwerker, ein Bahnhof, der keiner mehr ist. Eingebettet in Wiesen, Wälder und Teiche eines Biosphärenreservates, Karpfen, Störche und Fischotter, 25 Prozent Arbeitslosigkeit. Ein Dorf, in dem nichts los ist.

Pfarrer Andreas Rietschel beerdigt fast nur noch sonnabends, nicht an anderen Tagen. Die jungen Leute wollen es so. Die jungen Leute aus Mücka und den Nachbardörfern, die heutzutage in München und Stuttgart arbeiten und gerne dabei sein möchten, wenn einer, den sie mal kannten, unter die Erde kommt. Pfarrer Rietschels Sohn arbeitet in Pfaffenhofen bei München. Überhaupt, viele seiner Konfirmanden. "Wer bleibt, hängt herum", sagt er. Die Stimmung sei nicht gut. "Es gibt böses Blut."

Pfarrer Rietschel, 62, ein gemütlicher Mann mit gesunden Ansichten. Ein graues Pfarrhaus, ein altes gelbes Kirchlein, das Dach marode, die Wände feucht.

Vor gut zehn Jahren kam der "Wodan", die Neonazidisco. Ein moderner gelber Schuppen. Zunächst eine normale Disco, sagen die Leute. Dann ging es wirtschaftlich bergab. Man spezialisierte sich auf Rechte. Hunderte brausten jedes Wochenende zum "Wodan". "Singen und Tanzen für Deutschland", hieß das und blutrünstige Skinheadmusik war es. Immer war die Polizei dabei. Wochenende für Wochenende. Und in Mücka störten sich die wenigsten daran.

Bis zum vergangenen Sommer, als der NPDVerlag "Deutsche Stimme" ein so genanntes Pressefest in Mücka abhielt. Mitten im sächsischen Landtagswahlkampf. Diesmal war es mehr als SkinheadMusik und Besäufnis. Fast 7000 kamen. Neonazis aus ganz Deutschland, der Schweiz und Österreich. Da war mal richtig was los in Mücka. Hüpfburgen für Kinder; Bier, Würstchen, Neonazimusik und markige Sprüche für die Alten. Ein großes braunes Volksfest. Anschließend räumten NPDFunktionäre und Helfer so gründlich auf, dass etliche Mückaer noch heute davon schwärmen. "Es war ein Schock", sagt Pfarrer Rietschel. "Die Leute sagten: Die machen weniger Dreck als unsere Mittelschüler. Alles aufgeräumt, blitzblank, vorbildlich." Gastwirte und Pensionsbesitzer freuten sich über die Einnahmen.

Das war im August 2004. Und im September, bei der Landtagswahl, stimmten 18 Prozent der Mückaer für die NPD. Doppelt so viele wie im Landesdurchschnitt.

Das hat dann doch einige sehr erschreckt. Den Bürgermeister, einige Gemeindepolitiker, den Pfarrer, die Schulleiterin. Die Anständigen halt. Zehn von dreizehnhundert. Pfarrer Rietschel machte Informationsabende. Sechs Leute kamen. Er hielt Gottesdienste, wollte "Impulse" geben. Aber die Leute fingen an zu schimpfen, er halte politische Predigten, unverschämt.

Zu den wenigen, die sich im Ort engagieren, gehört Silvia Förster, die Direktorin der Mittelschule. 250 Kinder, ein lebendiges Haus, viel Holz, hell, neu, sehr freundlich. Die Schule ist das Schmuckstück des Dorfes. Die Direktorin wollte nicht in einem braunen Mücka leben. Sie mischte sich ein.

Sie organisierte einen Runder Tisch in ihrer Schule. Viele Mückaer kamen, aber auch NPDFunktionäre aus Dresden. Und die schrieen herum. Schulleiterin Förster warf sie raus. Zwei Wochen später luden die Neonazis zur Gegenveranstaltung in die Disco, beschimpften die Lehrerin, verbreiteten, es gebe Drogenprobleme an der Schule. Vier TVStationen rückten an, Reporter zogen durch Mücka. Sogar die New York Times hatte einen Mann geschickt. Für die Neonazis wurde der Abend zum Flop.
Denn kurz danach wurde der "Wodan" geschlossen. Nicht weil die Mückaer auf die Barrikaden gegangen wären. Durch Zeitungsberichte war dem Insolvenzverwalter aufgefallen, dass der Pächter die Disco unerlaubt an seine Frau weiterverpachtet hatte. Und, vermutlich, weil die New York Times da war, weil sich der Ball nicht mehr richtig flach halten ließ, ging plötzlich, was Jahre lang unmöglich war: Der Pachtvertrag wurde zu Ende April gekündigt.

Und jetzt? Bernhard Saß ist ein drahtiger kleiner Mann von 68 Jahren. Auch er gehört zu den Leuten, die sich ärgern über Neonazis, über die Trägheit im Kopf der Mitbewohner, über das stille Tolerieren. "Wir müssen uns geistig damit auseinander setzen. Wir müssen die zurückdrängen", sagt er. Und er tut das auch: In seinen DiaVorträgen, im Heimatverein, wo es eben geht. Es gebe schon Leute im Dorf, die aktiv gegen den rechten Spuk hielten, aber höchstens zehn. "Mehr sind das gar nicht", sagt er.

Aber diese zehn haben einiges bewirkt. Als ich die Geschichte las, fiel mir sofort eine andere Geschichte ein: Die von Abraham, der mit Gott feilscht um das Überleben der Stadt Sodom. Es geschah großes Unrecht in der Stadt. Und offenbar war niemand da, der etwas dagegen tat. Die einen profitierten davon. Die anderen litten darunter, aber sie hielten den Mund und machten nichts. Gott sagte: "Das Unrecht schreit zum Himmel. So kann es nicht bleiben und nicht weitergehen. Das muss ein Ende haben. Und es wird ein Ende haben, ein böses Ende."
Abraham legte ein gutes Wort ein für die Menschen in der Stadt: "Die nichts böses getan haben, die kommen ja mit um. Willst du das, Gott? Es könnten fünfzig sein. Willst du nicht um dieser fünfzig willen die ganze Stadt leben lassen?" Gott ließ sich darauf ein. Abraham bekam Zweifel. Vielleicht gab es keine fünfzig Gerechten in der Stadt, Menschen, die anständig geblieben sind und sich an die Weisungen Gottes gehalten haben. Vielleicht waren es nur 45. Nein, es könnten auch nur vierzig sein, vielleicht auch nur dreißig. Immer weiter geht Abraham mit seiner Schätzung hinunter. Schließlich endet er bei zehn. Und Gott verspricht ihm: "Ich will die Stadt erhalten um der zehn willen."

Die zehn Gerechten sind bis heute die Anzahl, die für das Zustandekommen des jüdischen Gottesdienstes notwendig sind. Zehn Menschen müssen es sein, damit ein Gottesdienst gefeiert werden kann. Darunter geht es nicht. Aber zehn sind ja nicht viel. Es bedarf, wie der jüdische Glaube lehrt, immer nur weniger, um die Welt zu retten.
Jeder Einzelne zählt. Um nur zehn Gerechter willen wäre damals die Stadt Sodom gerettet worden. Diese zehn Gerechten fanden sich aber nicht.

In dem 1300Seelen Dorf in Sachsen haben sich zehn Aufrechte gefunden. Und sie haben gereicht, um dem braunen Spuk ein vorläufiges Ende zu machen.

Die Frage ist: Wie sieht es mit unserem Land aus? Wird es da auch genügend Gerechte geben, die das Land bewahren vor dem weiteren Verfall in eine erbarmungslose EllenbogenGesellschaft, in der nur noch das Geld zählt, und in der nur noch der zählt, der Geld hat?
Es gibt viele Menschen, die sich öffentlich äußern in Leserbriefen, die klar sehen, was falsch läuft, und Wege aufzeigen für eine gerechtere Politik.
Ein Zeitungsleser aus Frankfurt schreibt zum Beispiel: "Was hindert unsere Politiker daran, endlich ihre verheerende Steuerpolitik zu ändern? Dummheit, Unfähigkeit, Feigheit oder Abhängigkeit von Kapitalinteressen? Nicht nur unsere Staatsfinanzen stehen vor dem Konkurs, es sind auch unsere Demokratie und der Sozialstaat, die dauerhaft beschädigt werden."

Es gibt Zeitungen und Fernsehmagazine, die Missstände und Ungerechtigkeiten aufdecken. Es gibt das politische Kabarett, das den Regierenden einen Spiegel vorhält. Das Problem scheint aber zu sein: Der Abstand zwischen uns, dem Volk, und denen in den Partei und Konzernspitzen ist so groß geworden, dass die uns nicht mehr hören und wahrnehmen.
Aber davon sollten wir uns nicht entmutigen lassen. In Mücka waren es auch nicht die Parteien oder die Regierungen von Kreis und Land, die für ein Ende der braunen Umtriebe gesorgt haben. Es waren Bürger, die im Ort heilsame Unruhe entfacht haben.
Auch damals bei dem Gespräch zwischen Abraham und Gott war keine Rede davon, dass die zehn Gerechten aus der Stadtspitze kommen mussten. Hauptsache, es finden sich überhaupt ein paar Menschen, die sich an ihrem Ort für menschliche und gerechte Zustände stark machen.
Vorgestern wunderte sich ein Mann, mit dem ich sprach, dass wir hier in Deutschland vieles einfach schlucken ohne aufzumucken. Darüber wundere ich mich auch. Auch darüber, wie kritiklos unsere Kirchenoberen hinnehmen, dass die Schere zwischen Armen und Reichen in unserem Land immer weiter auseinander geht. Statt zu protestieren, entwerfen sie Sparprogramme, die wieder viele Menschen ihren Arbeitsplatz kosten werden.
In Duisburg allerdings regt sich zaghafter Protest bei den Wohlfahrtsverbänden, zu denen auch die diakonischen Einrichtungen unserer Kirche gehören. Angesichts von 42000 Arbeitslosen und 600 offenen Stellen ist der erste Arbeitsmarkt zu. Die Möglichkeit, für Hartz IV Bezieher und EinEuroJobber, eine feste Stelle zu finden, ist nicht vorhanden, so klagt der Leiter des Diakoniewerkes.
Solche und andere Klagen über die Ungerechtigkeit im Lande müssen lauter werden. Und wir dürfen uns nicht einreden lassen, wir hätten noch nicht richtig verstanden, was die da oben wollen. Die meisten Menschen in unserem Land haben das sehr gut verstanden. Was fehlt, ist ein Aufstand der Anständigen für eine anständige Politik.

Nachtrag

Der Wahltag hat gezeigt, dass die Mehrheit der Bundesbürgerinnen und bürger von der rotgrünen Steuer und Finanzpolitik "die Schnauze voll hat", wie Ulrich Deppendorf vom WDR in einem Kommentar am Sonntag Abend gesagt hat.
Gegen alle Vernunft beharren Müntefering und Schröder darauf: Unsere Reformen sind richtig gewesen, "und diesen Weg werden wir auch weiter gehen." Ein trostloser Satz, wie die NRZ schreibt, der die Unfähigkeit dieser Regierung offen legt, aus offensichtlichen Fehlern zu lernen. Mit einer solchen Haltung werden die beiden Oberen der Partei und der Regierung von den Wählerinnen und Wählern demnächst aus ihren Ämtern gejagt werden.

Die CDU allerdings wird sich messen lassen müssen an ihren Wahlkampfversprechen: "Arbeit statt RotGrün." Was sie im Wahlkampf nicht gesagt hat, muss sie nun zeigen: Wie sie mit ihrer Politik dafür sorgt, dass Arbeitsplätze geschaffen werden. Keine Billigjobs, sondern echte Stellen, von deren Einkünften auch Familien leben können.