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Predigt zu Lukas 18,28-30
4. September 2005
Von Bürgern und Goldschmieden
15. Sonntag nach Trinitatis
 

Kirche Wanheim"Für Fußballtrainer Geld auszugeben, lohnt sich". Diese Schlagzeile stand am vergangenen Dienstag in meiner Zeitung unten auf der ersten Seite. Es hat mich interessiert, was es damit auf sich hat. Ein paar Sätze aus dem Artikel will ich Ihnen jetzt weiter geben. Sie haben etwas zu tun mit dem Bibeltext, der uns am heutigen Sonntag beschäftigen soll. In dem Artikel heißt es:Bernd Frick von der Universität Witten/Herdecke hat die Wirkungen leistungsabhängiger Bezahlung im Profi-Sport untersucht. Frick analysierte 57 Langstreckenläufe. Es zeigte sich: Die Athleten sind im Schnitt schneller, wenn das Gesamtpreisgeld sehr ungleich verteilt wird. Bei hoch dotierten Turnieren gingen leistungsfähigere Kandidaten an den Start. "Und die Leistungsfähigeren strengen sich umso mehr an, je mehr Geld sie verdienen."
Frick erläutert: "Wenn bei einem Marathon das Gesamtpreisgeld mehr oder weniger gleichmäßig auf die zehn Erstplatzierten verteilt wird, hält sich der Anreiz, zum Beispiel Dritter statt Neunter zu werden, sehr in Grenzen."
Beim Mannschaftssport sei die Wirkung der Anreize natürlich schwieriger zu analysieren, sagt Frick. Hohe Ausgaben allein für die Spieler genügen nicht. Frick: "Vor allem erfahrene Trainer, die bisher schon erfolgreich waren, sind in der Lage, das Optimum aus einer Mannschaft herauszuholen." Vereine, die an die Tabellenspitze wollen, müssen gleichwohl auch mehr für Spieler ausgeben als die Konkurrenz. Fricks belegt dies mit einer Analyse der Spielzeiten 1990/91 bis 1999/2000: Hier lagen die Spielergehälter der jeweiligen deutschen Meister 75 Prozent über dem Durchschnitt aller Vereine, die der Absteiger aber 34 Prozent niedriger. (Frankfurter Rundschau, 30.08.2005 )Leistung muss sich lohnen. Diese Parole schallt seit Jahren durch unser Land. Und die Leistungsträger an den Spitzen der Regierungen und Unternehmen machen eine entsprechende Politik. Sie bedienen sich selbst und Ihresgleichen. Die Kosten zahlt die Allgemeinheit. Allerdings ist in unserem Land der Erfolg nicht zu beobachten, der sich im Sport offenbar wohl einstellt: Trotz guter Bezahlung und ausgezeichneter Absicherung ist die auf politischer Ebene geleistete Arbeit miserabel. Und die Bosse der Unternehmen mit ihren Millionengehältern haben vor allem die Erhöhung ihres Einkommens und das ihrer Geldgeber im Auge.
Außerdem: Die Parole "Leistung muss sich lohnen" lassen die selbst ernannten Leistungsträger nur für sich selber gelten. Es gibt in unserem Land viele Menschen, die sehr viel leisten und für die es sich finanziell nur in sehr begrenztem Maße lohnt: Zum Beispiel Frauen und Männer in den Pflegeberufen, in den Heimen und Krankenhäusern. Sie tun eine Arbeit, die körperlich und seelisch sehr viel von ihnen fordert. Die Bezahlung steht dazu in keinem Verhältnis. Eine dreißigjährige, allein stehende Krankenschwester hat nach Abzug von Steuern und Versicherungen gerade einmal 1100 Euro im Monat zur Verfügung. (SZ 30.08.2004)
Viele arbeiten trotz schlechter Bezahlung in den Pflegeberufen, weil es ihnen ein Anliegen ist, anderen Menschen zu helfen. Viele tun das sogar ganz ohne Bezahlung. Im Bethesda-Krankenhaus, in den Städtischen Kliniken und in vielen anderen Häusern gibt es eine große Zahl von grünen Damen und Herren, die für die kranken Menschen da sind. In den Gemeinden gibt es Menschen, die die Kranken besuchen, ehrenamtlich versteht sich. Ehrenamtlich heißt: Freiwillig, regelmäßig und unentgeltlich. Diese Menschen fragen nicht danach: Was kriege ich dafür? Sie tun das ohne einen äußeren Anreiz aus einem eigenen inneren Antrieb heraus. Erhard Eppler, der inzwischen fast achtzig Jahre alte ehemalige Vordenker der SPD hat ein neues Buch geschrieben, in dem er zwei unterschiedliche Sicht- und Lebensweisen darstellt: "Bürger und Glücksschmied". Der Glücksschmied lebt nach der Devise, dass jeder seines Glückes Schmied ist und Leistung sich entsprechend lohnen muss. Wem es nicht gelingt, sein Glück zu schmieden, der hat eben Pech gehabt, ist zu faul, zu unfähig, zu unflexibel oder sonst was gewesen. Er ist jedenfalls selber schuld daran und muss selber zusehen, wie er auf einen grünen Zweig kommt. Eppler schreibt dazu: "Mit lauter kleinen Glücksschmieden, von denen dann nur allzu viele irgendwann resigniert den Hammer fallen lassen, lässt sich vielleicht eine Wirtschaft, aber keine Zivilgesellschaft und kein Staat machen."Dazu passt, was der Sport- und Wirtschaftsexperte mit seinen Studien herausgefunden hat: In einem Metallbetrieb sind nach der Einführung eines leistungsabhängigen Lohnsystems nicht nur die Häufigkeit und Schwere der Arbeitsunfälle gestiegen, sondern auch die Fehlzeiten. Das heißt: Wenn jeder seines Glückes Schmied sein muss, führt das dazu, dass der einzelne Mensch sich selbst überfordert. Er versucht, mehr aus sich und seinem Körper herauszuholen, als dieser zu leisten imstande ist. Unfälle und Krankheiten sind die natürliche Folge.Dem Glücksschmied stellt Erhard Eppler den Bürger und die Bürgerin gegenüber: Die unterscheidet sich vom Glücksschmied vor allem dadurch, dass ihr das Gemeinwohl am Herzen liegt. Bürgerinnen und Bürger "wollen gar nicht allein ihres eigenen Glückes Schmied sein. Sie wollen, dass es ihrer Stadt, ihrer Region, ihrem Land, ihrem Kontinent gut geht, dass dort freie Menschen Gerechtigkeit suchen und füreinander einstehen können." Sie handeln aus der inneren Überzeugung, "dass der Mensch ein soziales Wesen und nur als Mitmensch lebensfähig ist, dass er sich mitmenschlich bewähren muss, dass er Verantwortung nicht nur für sich selbst, sondern für seine Nächsten, für die Gemeinschaft trägt." Nur mit solchen Menschen, so Eppler, lässt sich wirklich Staat machen.Das alles heißt nun aber nicht, dass Menschen, die für andere tätig sind, gänzlich auf jede Belohnung verzichten müssen. Manchmal antworten Menschen, wenn sie gefragt werden, was sie für ihr Tun bekommen: "Ich arbeite für Gottes Lohn." Das ist eine Redewendung. An der ist viel Wahres dran. Niemand in der Bibel denkt, dass er Gott umsonst dient. Auch Jesus nicht. Gott dienen lohnt sich. Es lohnt auf Erden, denn es ist ein Segen, im Sinne Gottes tätig zu sein. Und es lohnt im Himmel; denn Jesus nachahmen hat einen Wert für die Ewigkeit.In der vergangenen Woche haben wir einen Menschen beerdigt, der hat gern gefeiert, der hat mit Leidenschaft Sport getrieben, der ist gern mit seiner Familie in Urlaub gefahren, der hat das Leben wirklich genossen. Der hat es genauso genossen, für andere Menschen etwas tun zu können. Wenn im nahen oder weiteren Umkreis der Familie, in der Nachbarschaft oder sonst wo jemand seine Hilfe brauchte, dann war er da. Er hat geholfen, wo er konnte. "Solche Menschen muss es auch geben", hat er gesagt, "sonst sähe die Welt ärmer aus."
Dieser Mensch ist mit dem Bewusstsein gestorben, dass er etwas Sinnvolles mit seinem Leben angefangen hat, dass er einen guten Kampf gekämpft und nicht umsonst gelebt hat. Ich finde, das ist eine Belohnung, die nicht zu unterschätzen ist. Sehr viele Menschen leiden darunter, dass ihnen ihr Leben sinnlos vorkommt. Sie verzweifeln richtig mit dem Gefühl, nicht gebraucht zu werden. Wer sich brauchen lässt, kommt gar nicht auf solche Gedanken. Der erlebt sich als Teil einer Gemeinschaft, in der er aufgehoben ist. Und wenn er dann selbst einmal Hilfe braucht, dann sind andere für ihn da.Jesus sagt: Wer sich in den Dienst Gottes stellt und für seine Mitmenschen da ist, der wird ein Vielfaches wieder empfangen in dieser Zeit, und in der zukünftigen Welt wird er das ewige Leben empfangen.
Mit anderen Worten: Im Dasein für andere liegt Segen, das hat Sinn, das verbindet mit anderen zu einer Gemeinschaft, die Halt gibt und trägt.
Also: Die Arbeit für Gottes Lohn wird wirklich belohnt. Sie wird mit der Erfahrung belohnt, dass das eigene Leben reich und erfüllt ist. Sie wird mit der Freude belohnt, die sich einstellt, wenn Menschen einander Gutes tun. Sie wird belohnt mit menschlicher Wärme und tiefer Verbundenheit. Das alles kann man nicht kaufen mit keinem Geld der Welt. Das kann man auch nicht erwarten und erzwingen.
Wer eine Belohnung für sein freiwilliges Tun erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht. Von anderen Menschen und auch von Gott. Es gibt Menschen, die aufopferungsvolle Fürsorge eines anderen erfahren. Aber wenn dieser andere plötzlich ihre Fürsorge braucht, dann sind sie nicht mehr da. Undankbarkeit und mangelnde Bereitschaft, erfahrene Güte auch zurück zu geben, sind unter uns Menschen weit verbreitet.
Deshalb: Wer sich in den Dienst anderer stellt, darf keine Belohnung dafür erwarten. Auch nicht von Gott. Manchmal sagen Menschen, die schwer krank sind und im Sterben liegen: "Womit habe ich das verdient? Ich bin doch immer ein anständiger Mensch gewesen, habe mich im Großen und Ganzen an die Gebote gehalten, wieso lässt Gott mich jetzt so elend leiden?"
Jesus nachfolgen, da sein für andere zieht nicht automatisch als Belohnung ein glückliches und gesundes Leben nach sich. Ein solches Leben kann sogar mit sehr viel Leid verbunden sein. Jesus selbst ist dafür ein Beispiel. Und trotzdem liegt Segen auf diesem Leben, und Segen geht davon aus.
Diese Belohnung ist versprochen. Hören wir noch einmal hin, was Petrus mit Jesus geredet hat:Petrus sprach: Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt.Dieser Satz bezieht sich auf das vorhergehende Gespräch Jesu mit einem reichen jungen Mann. Der hatte Jesus gefragt, was er tun müsste, um Gott nahe zu sein. Und Jesus hat ihm geantwortet: Verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben und komm und folge mir nach!
Petrus sagt mit seiner Bemerkung: ´Das alles haben wir ja getan. Wir haben alles aufgegeben, um dir, Jesus zu folgen und mit dir zu gehen.` Unausgesprochen steht nun die Frage im Raum: ´Und was haben wir davon?`
Als Lukas sein Evangelium schreib, da war das Christsein mit vielen Nachteilen verbunden. Es brachte eher Schmerzen als Belohnungen mit sich. Die Frage stellten sich sicherlich viele in den Gemeinden: Was haben wir davon, dass wir Verfolgung und Leiden auf uns nehmen? Ähnliche Fragen stellen sich heute viele unserer Zeitgenossen: Was habe ich davon, in den Gottesdienst zu gehen oder mich in der Gemeinde zu engagieren? Das bringt doch nichts, nicht einmal mehr Ansehen.
Es bringt keinen materiellen und finanziellen Gewinn. Wem das das Wichtigste ist im Leben, der wird sich nicht in einer Gemeinde engagieren, auch nicht in einem Sportverein oder einem anderen Bereich des öffentlichen Lebens.
Mit dem Anreiz auf fürstliche Bezahlung lässt sich ein Sportverein zur deutschen Meisterschaft führen. Aber unser Gemeinwesen lässt sich damit nicht aufbauen, weder Staat noch Kirche.
Jesus hat nicht eine irgendwie geartete materielle Belohnung in Aussicht gestellt. Was er versprochen hat, ist dies: Wer sich in den Dienst des Gottesreichs stellt, der wird es vielfach wieder empfangen in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.Was ein jeder Christ und eine jede Christin empfängt, das müssen wir Gott überlassen. Dabei kann und wird es durchaus Überraschungen geben. Denn Gott handelt nicht nach dem Leistungsprinzip, das in unserer Gesellschaft gilt und das die Kirche gern auch bei sich einführen möchte. Das Prinzip lautet: Wer viel leistet, soll auch viel bekommen. So rechnet Gott nicht.
Er fragt eher danach: Was hast du gemacht mit den dir gegebenen Möglichkeiten? Hast du sie genutzt, um das Reich Gottes auf Erden anzubahnen? Hast du deine Gaben und Fähigkeiten in den Dienst der Gemeinschaft gestellt?
Wer diese Fragen bejahen kann, wird erfahren, dass er es nicht umsonst getan hat. Wer für andere da ist, wird nicht vergeblich gelebt haben. Diese Gewissheit haben wir im blick auf unser irdisches Leben. Welche Belohnung Gott dann für uns bereit hält, das müssen wir ihm anheim stellen. Und das können wir auch ganz getrost ihm überlassen. Er wird es schon recht machen.