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Predigt zu Lukas 22,32
06. November 2005
Goldene Konfirmation
"Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre."
 

Das ist die Losung dieses Jahres. Diesen Vers bekommen Sie heute als Gedenkspruch an Ihre goldene, diamantene oder eiserne Konfirmation. Damals bei der Konfirmation haben Sie den Konfirmationsspruch mit auf Ihren Weg bekommen. Manche haben ihn sich gemerkt. Anderen ist der Spruch verloren gegangen. Wieder andere haben gar keinen persönlichen Spruch erhalten und erst recht keine Urkunde. Das sind einige von denen, die heute ihre diamantene Konfirmation feiern, das sechzigjährige Jubiläum. Sie sind 1945 konfirmiert worden kurz vor Ende des Krieges. Da ging alles drunter und drüber. Die Konfirmation hat eher so nebenbei statt gefunden, auf der Flucht oder dort, wo Sie als Schüler oder Schülerin evakuiert waren. Eingeprägt haben sich mehr die äußeren Umstände als die Segenshandlung. Es ist gut, sich hier und heute noch einmal in Ruhe und Frieden zu erinnern an das, was die Konfirmation bedeutet.
Sie ist eine Stärkung im Glauben, eine Zusicherung: Gott ist bei dir auf allen deinen Wegen. Mit dem Spruch, den Sie heute als Denkspruch mitbekommen, wird uns versichert: Wir haben einen Fürsprecher, einen Fürbeter. Es ist Jesus selbst, der für uns bittet, dass unser Glaube nicht aufhören möge.
Ursprünglich, wir haben es in der Lesung gehört, hat Jesus dieses Wort an Simon Petrus gerichtet. Anders als das, was die katholische Kirche aus diesem Petrus gemacht hat, glaube ich: Er war nicht der erste Papst, sondern ein ganz normaler Mensch. Die Evangelien berichten so ausführlich von ihm, weil er beispielhaft ist für alle Jünger und Jüngerinnen.
Petrus war nicht der Fels in der Brandung, als der er gern hingestellt wird. Er war ängstlich wie die meisten von uns. Wenn Jesus nicht zur Stelle gewesen wäre, dann wäre Petrus in der Gefahr unter gegangen. Als es drauf ankam, hat Petrus seinen geliebten Herrn und Meister verleugnet. Dreimal hat er behauptet, ihn gar nicht zu kennen. Also wahrlich keine Lichtgestalt, dieser Petrus, sondern eher einer wie du und ich. Weil er ein ganz normaler Jünger war, darum können wir Jesu Wort an ihn auch auf uns beziehen.
Wir können uns gesagt sein lassen, dass Jesus auch für uns betet um Stärkung unseres Glaubens.

Solche Stärkung haben Sie erfahren in Ihrem bisherigen Leben. Ich vermute, sonst säßen Sie nicht hier. Sie haben Zeiten großer Unsicherheit erlebt. Da lag alles in Schutt und Asche. Zerstört war auch der Glaube der Menschen. Was die Führer dieses Landes dem Volk zwölf Jahre lang als ewige Wahrheiten verkündet haben, hatte sich als Lüge erwiesen. Beschämt mussten die Menschen feststellen, dass sie einer Verbrecherbande gefolgt waren und deren Lügen nur allzu willig geglaubt hatten.
Was Sie, die Jubilare, alle verbindet: Sie können nichts dafür. Sie sind Kinder gewesen. Die einen, 1926 oder 1930/31 geboren, haben die Hitlerzeit als Kinder erlebt, die anderen, 1940/41 geboren, haben als Kleinkinder den Krieg überstanden. Sie tragen keine Verantwortung für die Verbrechen der Hitlerzeit. Sie mussten aber das damals Erlebte hinterher ausbaden.
Viele von Ihnen, so vermute ich, haben keine behütete Kindheit gehabt. Der Vater war nicht da. Die Mutter war vollauf damit beschäftigt, sich selbst und die Kinder irgendwie durchzubringen. Unbeschwerte Zeit füreinander gab es nicht. Auch nicht nach dem Krieg. Da ging es erst einmal ums Überleben. Die Grundnahrungsmittel waren knapp. Mit Hamsterfahrten über Land mussten die Frauen das tägliche Brot heranschaffen. Als genug davon da war, galt es, die zerstörten Städte wieder aufzubauen.
In ganz Deutschland herrschte großer Wohnungsmangel: Ein Fünftel der Häuser und Wohnungen war zerstört, fast ein weiteres Viertel beschädigt. Um diese Wohnungsnot so schnell wie möglich zu beheben und um für die zehn Millionen Flüchtlinge und Vertriebene Unterkünfte zu haben, förderte die Bundesregierung den Bau von Mietwohnungen. Bis 1956 entstanden mehr als drei Millionen Wohnungen, meist Sozialwohnungen.
Nach dieser Phase des Wiederaufbaus verteilte der Staat auch gezielt Fördermittel für den Bau von Eigenheimen. Zahlreiche Bundesbürger erfüllten sich den Traum vom eigenen Haus im Grünen. Von 1955 an entstanden in Westdeutschland jährlich etwa 150.000 Eigenheime.
Die Elterngeneration war mit dem Wiederaufbau des Landes beschäftigt, die junge Generation weitgehend sich selbst überlassen.
1955, im Jahr, als die heutigen Goldkonfirmanden konfirmiert wurden, erschien ein Film, der das Gefühl vieler Jugendlicher wiedergab: "Die Saat der Gewalt." Am 28. Oktober 1955 kam der Film in die deutschen Kinos. Die Sendung Zeitzeichen des Westdeutschen Rundfunks hat daran erinnert. So bin ich darauf aufmerksam geworden. Der Film erzählte die Geschichte eines jungen Lehrers, der sich mit Gewalt und kriminellen Tendenzen seiner Schulklasse auseinander setzen musste. Musikalisch unterlegt war die Handlung mit Bill Haley's "Rock around the Clock". Ein Mitarbeiter der Plattenfirma erzählte in der Sendung, dass man getrost zehntausend Platten in die Stadt schicken konnte, in deren Kinos der Film gezeigt wurde. Die Scheibe wurde zu einem Hit, Rock´n roll zu einem Lebensgefühl der jungen Generation, zur Erkennungsmelodie für eine aufbegehrende Jugend.
Der Film wollte aufmerksam machen auf Gewalttätigkeiten in der Gesellschaft. Die "Saat der Gewalt" sah er in der Sprachlosigkeit zwischen den Jugendlichen und der Elterngeneration, die durch den Krieg geprägt war und meist ihre eigene Jugend verloren hatte.
Auf störendes und unangepasstes Verhalten der Jugend wusste die Erwachsenen-Generation meist auch nur mit Gewalt zu antworten. Im Konfirmandenunterricht genauso wie in der Schulklasse passierte es noch häufig, dass der Lehrer oder Pfarrer Ohrfeigen verteilte.
Es gab auch friedliche Ereignisse in dem Jahr, an das wir heute besonders zurückdenken:
Das Goggomobil wird als neuer Kleinstwagentyp vorgestellt. Deutschland-West beginnt, vom Motorrad auf das Auto umzusteigen.
Die erst dreizehnjährige Marika Kilius belegte mit ihrem Partner Franz Nigel den ersten Platz im Eiskunstlaufen. Bei den Europameisterschaften holten die beiden auf Anhieb Rang drei im Paarlauf. Seitdem gehörte Kilius über Jahre zur europäischen Spitze.
Was mich als Essener besonders freut: Mit einem 4:3 Erfolg über den hohen Favoriten 1. FC Kaiserslautern wurde Rot-Weiß Essen 1955 Deutscher Fußballmeister. Helmut Rahn, Penny Islacker und Fritz Herkenrath im Tor waren die Garanten des Erfolgs. Die Spielvereinigung Duisburg wurde übrigens in diesem Jahr Tabellenachter in der Oberliga West, der Meidericher Spielverein Vorletzter.
Das herausragende politische Ereignis des Jahres war die Moskaureise Konrad Adenauers. Er konnte seinen sowjetischen Verhandlungspartnern die Rückführung der letzten 10.000 Kriegsgefangenen abtrotzen.

Im Gegenzug wurde die Teilung Deutschlands fest zementiert. Die Bundesrepublik und die DDR wurden souveräne Staaten. Die Zeit des Kalten Krieges begann. Entgegen früher gemachten Äußerungen, dass nie mehr ein Deutscher eine Kriegswaffe in die Hand nehmen soll, errichtete die von Adenauer geführte CDU-Regierung die Bundeswehr.

In dieser Zeit, in der es zum ersten Mal anfing zu brodeln in der jungen Bundesrepublik, sind die heutigen Goldjubilare konfirmiert worden. Die 1930 und früher Geborenen waren inzwischen junge Erwachsene und gründeten eine Familie.
Für die Goldkonfirmanden begann mit der Konfirmation der Weg ins Erwachsenenleben. Die meisten gingen damals in die Volksschule. Das Schuljahr endete vor den Osterferien. Das war Ende März. Am 1. April, so erzählte einer, ging es sofort mit der Lehre weiter. Alle haben eine Lehrstelle bekommen. Zu der Zeit wurden Arbeitskräfte dringend gebraucht.
Es war wohl über weite Strecken ein recht gutes Leben, das Sie nach Ihrer Konfirmation führen konnten. Die äußeren Rahmenbedingungen stimmten. Es gab Arbeit. Die Arbeit wurde ordentlich bezahlt. Da konnten viele ein Häuschen bauen, in Urlaub fahren, sich die neuen Luxusgüter leisten, wie Fernseher, Waschmaschine, Spülmaschine, Gefriertruhe und natürlich auch ein Auto.
Es gab auch eine breite Übereinstimmung im Land in Bezug auf das, was "soziale Marktwirtschaft" genannt wurde. Damit war gemeint, dass der Staat und die Unternehmen auch eine soziale Aufgabe haben. Die Marktwirtschaft gab und gibt den Unternehmern die Gelegenheit, Geld zu verdienen. Gemeinsame Überzeugung war einmal, dass dies nicht der einzige Sinn unternehmerischer Tätigkeit sein kann. Gesetzliche Regelungen sorgten dafür, dass die Schwächeren geschützt wurden und möglichst alle die Chance hatten, am gesellschaftlichen Reichtum teilzuhaben. Es gab Gesetze, mit denen der Staat seiner Fürsorgepflicht nachkam für Menschen, die krank wurden, die arbeitslos wurden, die, weswegen auch immer, mit ihrem Leben nicht klar kamen. "Solidarpakt" nannte sich das. Mit dem in dieser Gesellschaft erwirtschafteten Reichtum wurden auch die Menschen unterstützt, die Hilfe nötig hatten.
Es gab Menschen an den Spitzen der Parteien, des Staates und der Unternehmen, die von ihrer sozialen Verantwortung überzeugt waren. Weil die Bundesrepublik Deutschland zu einem intakten demokratischen Sozialstaat herangewachsen war, ließ es sich hier gut leben.
Ich bin sicher, die meisten von Ihnen können auf ein insgesamt recht angenehmes Leben zurückblicken. Viel Schönes haben Sie erlebt und hoffentlich auch noch vor sich.
Persönliche Schicksalsschläge hat es natürlich auch gegeben, Krankheiten, den Tod von nahestehenden Menschen, vielleicht auch Brüche im eigenen Leben. Je älter man wird, desto mehr bekommt man zu spüren, dass Abschiede und Verluste zum Leben dazugehören.

Wir alle spüren heute, dass der Boden, auf dem wir stehen, brüchig geworden ist. Viele Menschen in unserem Land blicken mit Sorgen in die Zukunft. Es gibt keine gesellschaftliche Übereinstimmung mehr über die grundlegenden Dinge in unserem Staat. Die Regierungen der letzten zwanzig Jahre haben zusammen mit den führenden Unternehmen den Solidarpakt einseitig aufgehoben. Die sozialen Errungenschaften verkünden sie uns laufend als Luxus, den wir uns angeblich nicht mehr leisten können. Dabei häufen die gut Gestellten und Mächtigen in unserem Land unermessliche Reichtümer an, die Unternehmen machen sagenhafte Gewinne.
Weil die Reichen allen Reichtum an sich ziehen, verarmen immer mehr Menschen. Viele, die jetzt noch ganz gut leben, machen sich berechtigte Sorgen: Was wird aus mir, wenn ich alt und krank werde? Auf die Hilfe der Gesellschaft, auf Solidarität und Mitmenschlichkeit kann sich heute niemand mehr verlassen. "Hilf dir selbst", heißt das Motto, das uns Politiker, Wirtschaftsverbände und Medien ständig vorhalten. Wer sich selbst nicht helfen kann, der ist arm dran. Und es soll ja nach allem, was man hört, noch schlimmer kommen.
Grund genug, sich Sorgen zu machen, Angst zu haben vor der Zukunft.

An dieser Stelle tut es gut, noch einmal auf die Jahreslosung zu hören. "Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre."
Im griechischen Urtext steht für "aufhören" das Wort: "ekleipo". Das dazu gehörende Hauptwort heißt "Eklipse". So nennen Astronomen die Sonnenfinsternis. Wo der Glaube aufhört, da wird es dunkel im Leben.

Damit es nicht dunkel wird in unserem Leben, bittet Jesus für uns. Aus diesem Versprechen Jesu wird deutlich: Niemand hat den Glauben, wie Menschen es manchmal behaupten: "Ich habe meinen Glauben." Den Glauben kann man nicht haben, den kann man auch nicht selber bei sich herstellen. Der Glaube ist ein Geschenk. Jesus bittet für uns um unseren Glauben. Und weil der Vater im Himmel seinen Sohn liebt, wird er ihm die Bitte erfüllen. Gott schenkt uns den Glauben, weil Jesus ihn darum bittet.
Das sollen wir uns einfach anhören und gesagt sein lassen. Dann sehen wir das Leben und die Zukunft in einem anderen Licht, im Licht der guten Möglichkeiten Gottes. Dann wissen wir, dass nichts und niemand uns trennen kann von der Liebe Gottes, die in Jesus sichtbar geworden ist. Und dann sind wir stark genug, andere zu stärken. Wie Jesus es dem Petrus vorher gesagt hat: "Wenn du einst zurückgekehrt bist, so stärke deine Brüder."
Jesus weiß, dass wir wie Petrus immer wieder scheitern, dass wir immer wieder den Glauben verlieren. Er macht uns das nicht zum Vorwurf. Sondern er tröstet und sagt uns: ´Ich stehe zu dir, auch wenn du nicht zu mir stehst.` Er behält uns im Auge, auch wenn wir ihn aus dem Auge verlieren. Er bleibt an unserer Seite, auch wenn wir meinen, ganz allein dazustehen.
Wir haben einen Fürsprecher, einen Fürbeter. Er tröstet und stärkt uns, damit wir einander stärken. Darauf kommt es in der heutigen Zeit immer mehr an: Dass Menschen ihre Sorgen und Ängste miteinander teilen, sich gegenseitig Mut machen, an eine gute Zukunft zu glauben und auch dafür einzutreten.
Ich schließe mit einem Gedicht, das ich zur Jahreslosung gefunden habe:


Da ist so viel, das uns den Glauben nehmen,
Vertrauen rauben kann und Zuversicht.
Auch führt uns Gott ja oft nicht den bequemen
Weg durch leichtes Glück ins Licht.

Es gibt zu leiden, manches zu bestehen,
schon wenn der Mensch das Leben lernt als Kind.
Das bleibt auch so auf allen Wegen, die wir gehen,
bis wir dann alt und manchmal einsam sind.

Auf unserm Weg, den Glauben festzuhalten,
dass hinter allem Dunkel, allem Leid,
ein guter Vater ist mit väterlichem Walten,
ist schwer genug in dieser trüben Zeit.

Doch ist auch Hilfe, Beistand an den Tagen,
an denen uns die Hoffnung schwinden will:
Durch Christi Liebe und Gebet getragen,
wird unser Herz voll Mut, getrost und still.

Das macht uns stark, in jeden neuen Tag zu treten,
und nicht zu zweifeln, dass Gott an uns denkt.
Versprochen hat sein Sohn, für uns zu beten,
dass er uns immer neuen Glauben schenkt.
(Manfred Günther)