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Predigt zu Lukas 12,35-39.41-46
20. November 2005
Totensonntag
 

"Totensonntag" oder "Ewigkeitssonntag" oder einfach nur "Letzter Sonntag des Kirchenjahres" - drei Bezeichnungen gibt es für diesen Sonntag.
Wir sprechen meist vom Totensonntag. Gleich werden wir noch einmal die Namen derer hören, die in der Zeit zwischen dem Totensonntag 2004 und dem heutigen Sonntag beerdigt worden sind. Heute Nachmittag werden wir auf dem Friedhof eine Andacht halten, wo viele Menschen an den Gräber ihrer Verstorbenen gedenken.
Auch die Bezeichnung "Letzter Sonntag im Kirchenjahr" erinnert daran, dass etwas zu Ende geht.
64 Namen werden wir hören. Namen von Menschen, deren Leben zu Ende gegangen ist. Zu jedem Namen gehören die Namen der Angehörigen, die um den oder die Verstorbene trauern.

Ich selber habe im Laufe des Jahres einen Kollegen verloren, mit dem ich zusammen in der Ausbildung war. Seit 28 Jahren kannte ich ihn. Nach der Ausbildung haben wir uns Jahr für Jahr wieder getroffen. Als ehemalige Vikarskollegen halten wir eine gemeinsame Fortbildung ab. Neun Pastoren umfasst unsere Gruppe. Das Treffen hat seinen festen Platz im Jahr. Selten hat mal einer gefehlt. Ich war fest überzeugt: Das geht immer so weiter.
Dann kam im vergangenen Dezember vier Tage vor Weihnachten ein überraschender Anruf. Ich war gerade mit einer Beerdigungsansprache beschäftigt. Es war einer der Kollegen. Ich begrüßte ihn erstaunt; denn wir telefonieren sonst selten im Laufe des Jahres. Er hätte eine schlechte Nachricht, sagte er. Sofort schoss mir der Gedanke an den Tod durch den Kopf. Und tatsächlich teilte er mir mit, dass einer aus unserem Kreis gestorben sei. Dessen Frau habe ihn gebeten, die Kollegen zu benachrichtigen.
Nach dem kurzen Gespräch fühlte ich zunächst gar nichts. Ich merkte dann aber im Laufe des Tages, dass mich der Gedanke an den verstorbenen Kollegen nicht losließ. Es kam mir so unwirklich vor. Ich stellte ihn mir vor, wie ich ihn immer erlebt habe. Dabei dachte ich, es kann doch gar nicht wahr sein, dass er nicht mehr bei uns ist. Das gibt es doch gar nicht, dass wir demnächst ohne ihn tagen werden. Das ist doch unvorstellbar.
Einen Tag vor Weihnachten habe ich an der Trauerfeier teilgenommen. Obwohl ich eigentlich keine Zeit dafür hatte, bin ich doch dahin gefahren. Ich empfand, dass ich es ihm und seiner Frau schuldig war. Und ich habe es auch für mich getan. Um mich davon zu überzeugen, dass es wirklich wahr ist: Er ist tot.
Einen Tag vor der Beerdigung habe ich noch einmal bei dem Kollegen angerufen, der mich benachrichtigt hat. Ich wollte etwas Genaueres über die Todesumstände erfahren und mein Kommen ankündigen. Die Frau des Kollegen war am Apparat. Sie sagte, dass sie das Ganze als eine Art Denkzettel für uns Pfarrer empfände. "Ihr redet immer davon, was wichtig ist, und vergesst manchmal vor lauter wichtigen Sachen, die ihr tut, das wirklich Wichtige."

Was ist das wirklich Wichtige? Das ging mir auch in diesen Tagen durch den Kopf. Es waren ja, wie gesagt, die Tage vor Weihnachten. Das wirklich Wichtige ist, dass man lebt, gesund ist, seine Sinne und Glieder gebrauchen und bewegen kann. Das wirklich Wichtige ist, dass man Menschen hat, die man liebt und von denen man geliebt wird.

Von dem, was wirklich wichtig ist, redet auf seine Weise auch der Text, den wir gerade gehört haben. Worte Jesu gibt der Evangelist da wieder. Mit zwei kurzen Geschichten erzählt Jesus seinen Freunden und Freundinnen, wie sie ihr Leben verstehen sollen: "Verhaltet euch wie Menschen, die auf ihren Herrn warten, der bei einer Hochzeitsfeier eingeladen ist, dass sie ihm die Tür öffnen, wenn er heimkommt." Als Wartende sollen wir unser Leben verstehen: Da kommt noch etwas.

Wenn der Tod uns einen geliebten Menschen wegreißt, haben wir manchmal das Gefühl: Die Zeit bleibt stehen, es geht nicht mehr weiter, wie ein dunkles schwarzes Loch erscheint die Gegenwart. Trauer ist eine Erfahrung, die Menschen in die tiefsten Tiefen hineinwirft, in bodenlose Dunkelheit und Sinnlosigkeit. Der Tod reißt eine Lücke. Der verstorbene Mensch fehlt, niemand kann ihn ersetzen.
Bei manchen unserer Verstorbenen war es so, dass sich ihr Tod angekündigt hat. Sie waren alt und lebenssatt, wie es in der Bibel manchmal heißt. Sie haben ihr Leben gelebt, haben lange Zeit dazu gehabt. Sie waren in Frieden mit ihren Angehörigen und konnten in Frieden ihr Leben vollenden. Ihr Tod erscheint wie das natürlich Ende eines erfüllten Lebens. Andere mussten erst einen schweren Leidensweg hinter sich bringen, bevor sie ihren Frieden fanden. Der Weg war schwer auch für die Angehörigen.
Wieder andere sind recht plötzlich gestorben ohne langen Leidensweg. Da wird es den Angehörigen so ergangen sein, wie ich es am Anfang von mir selbst geschildert habe: Man ist wie betäubt und kann es erst gar nicht begreifen, dass der Mensch nicht mehr da ist, der immer zu einem gehört hat.

Tröstlich ist es, sich zu erinnern. Das tun wir heute an diesem Sonntag noch einmal ausdrücklich, indem wir die Namen der Verstorbenen lesen und für jeden eine Kerze anzünden. Die Kerze soll ein Zeichen dafür sein, dass ihr Lebenslicht weiter leuchtet. Es leuchtet in uns. Denn alle Liebe, die uns die Verstorbenen gegeben haben, alles Gute, das wir mit ihnen erlebt haben, bleibt in uns lebendig als ein Schatz guter, warmer Erinnerungen. Von solchen Erinnerungen zehren wir. Sie werden, wie das Wort sagt, zum Teil unsres eigenen Inneren.
Das Lebenslicht der Verstorbenen leuchtet weiter in der anderen Welt, in die Gott unsere Lieben aufgenommen hat.

In einem Gebet, das ich gefunden habe (von Michael Quoist) ist das so ausgedrückt:
Als ob es die Toten gäbe!
Herr, es gibt keine Toten,
es gibt nur Lebende,
auf unserer Erde und im Jenseits.
Herr, den Tod gibt es,
aber er ist nur ein Moment,
ein Augenblick, eine Sekunde, ein Schritt,
der Schritt vom Vorläufigen ins Endgültige,
der Schritt vom Zeitlichen ins Ewige.

Der Tod ist ein Übergang vom Vergänglichen ins Unvergänglíche, ein Tor von dieser Welt in die neue Welt Gottes. Tröstlich ist es zu wissen, dass unsere Verstorbenen gut aufgehoben sind. Sie leben. Und ich bin mir sicher: Sie begleiten uns in unserem Leben auf geheimnisvolle, unsichtbare Weise. Manchmal spüren wir sie ganz nah. Und dann weicht die Trauer einem Gefühl tiefer Dankbarkeit und Geborgenheit.

Da kommt noch etwas. Nach dem Verlust, nach der Trauer kommt noch etwas. ´Das Leben geht weiter`, das ist wahr, so nichtssagend es auch manchmal klingt.
Es kommt auch noch etwas nach dem Tod. Es kommt noch einer.
In der kleinen Geschichte, die Jesus erzählt hat, werden wir Menschen verglichen mit Leuten, die auf ihren Herrn warten. Der ist außer Haus auf einer Feier. Niemand weiß, wann er zurück kommt. Gewiss ist nur, dass er kommt.
In dieser Gewissheit sollen wir leben: Gott ist da. Nicht immer spüren wir ihn in unserer Nähe. Manchmal erscheint er weit weg. Aber wir können mit ihm rechnen.
Das können wir auch heute Morgen hier in unserem Gottesdienst. Von fern her, aus himmlischer Ewigkeit, kommt Jesus als Herr heute in unseren Gottesdienst. Er kommt verhüllt in der Gestalt einer biblischen Geschichte. Er kommt verhüllt im Brot und im Saft der Trauben. Aus den Evangelien kennen wir sein Gesicht: Vom Tod auf Golgatha gezeichnet. Er weiß, wie das Sterben schmeckt. Er kennt die Menschenwelt von ganz unten. Er nähert sich uns verstehend und mitleidend.
Zugleich strahlt sein Gesicht himmlischen Glanz aus. Es spiegelt die Liebe Gottes zu uns. Unter seinem Blick geht Menschen auf, woran sie mit sich selber sind. Er nimmt uns in seine Herrlichkeit auf; heute schon anfänglich und am Ende unserer Zeit dann ganz. Er kommt und klopft an. Vielleicht merken wir es beim Nachdenken und Zuhören: Er klopft an unsere Herzen.
Wir hören sein Klopfen, indem wir der Geschichte aus dem Evangelium wachen Sinnes folgen.
Stellen wir uns einfach einmal vor, wir sind die Dienerinnen und Diener in der Geschichte. Er kommt zurück von der Feier. Er klopft an. Wir bitten ihn herein. Er kommt zu uns. Und was sehen wir? Er zieht sich eine Schürze an, bittet alle mit ausgebreiteten Armen an seinen Tisch. Er kommt zu jedem einzelnen, kniet vor ihm nieder und schenkt, was Leib und Seele am nötigsten haben. Er segnet. Er legt seine Hände auf. Die Kraft Gottes geht auf die Gesegneten über.

Wer sind die Gesegneten? Wer sind die, die Gottes Liebe und Kraft erfahren? Petrus will es wieder ganz genau wissen. Sind es nur die Bischöfe und die Diener der Kirche, oder sind alle gemeint?
Auf diese Frage antwortet Jesus mit einer zweiten Geschichte und einer Gegenfrage: Wen wird der Herr zum Chef einsetzen über die Dienerschaft? Den, der fürsorglich mit den Leuten umgeht und ihnen gibt, was sie brauchen, oder den, der das Vermögen aufhäuft, die Leute schlecht behandelt und selber in Saus und Braus lebt?
Wer Jesus kennt, wird wissen, worauf die Frage hinausläuft. Gott gibt seinen Segen, Gott gibt seine Liebe und seine Kraft, damit wir sie weitergeben. Alle Menschen, die Jesu Nähe erfahren, werden von ihm zu Verwaltern eingesetzt, die seine Gaben weiter verteilen.
Das können wir üben vielleicht besonders an diesem heutigen Tag. Viele Menschen suchen und brauchen Trost, sehnen sich vielleicht nach einem guten Wort oder danach, dass jemand ihren Verlust wahrnimmt und mal fragt, wie es ihnen geht.
Es geht ja heute alles sehr schnell. Ein Mensch ist beerdigt, und schon soll das Leben normal weiter laufen. Was sich im Inneren derer abspielt, die gerade einen geliebten Menschen verloren haben, dafür interessiert sich schon bald nach dem Verlust niemand mehr. Doch Trauer braucht Zeit. Trauer ist ein langer Weg. Damit der Schmerz heilen kann, ist es wichtig, dass Menschen von ihrer Trauer erzählen können und von dem Menschen, den sie verloren haben.

Als Menschen, die warten, so sollen wir unser Leben verstehen. Vielleicht auch als die, die aufeinander warten. Die sehen, wo sie gebraucht und von wem sie gebraucht werden.

Es geht etwas zu Ende. Daran erinnert uns der Name "Totensonntag". Aber es kommt auch noch etwas. Darauf weist der "Ewigkeitssonntag" hin. Es kommt der Herr, der uns mit seiner Liebe nahe sein will. Nichts ist von uns verlangt, nur, dass wir mit ihm rechnen. Dann werden wir erfahren, wie er uns tröstet und stärkt. Und wir werden selber seinen Trost und seine Kraft weiter geben.