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Predigt zu Kohelet 1,1-11
12. März 2006
Reminiszere
 

Ein Konfirmand erzählte in der vergangenen Woche, worüber er sich manchmal Gedanken macht. Er sagte: "Man wird geboren, und eines Tages stirbt man wieder. Wozu ist man eigentlich da?" Der Tod, so ist sein Gefühl, macht das ganze Leben sinnlos. Wozu überhaupt geboren werden, wenn man doch wieder sterben muss? Ich erinnerte mich, dass ich mir in dem Alter die gleiche Frage gestellt habe. Damals habe ich gesagt: "Am liebsten wäre mir, ich wäre überhaupt nicht geboren, dann müsste ich auch nicht sterben." Wozu sind wir da, wenn doch der Tod unserem Leben ein Ende macht? Vermutlich beschäftigen Menschen sich mit dieser Frage, seit sie denken können. Eine moderne Abhandlung über diese Frage findet sich im Buch Kohelet. "Versammlungsleiter", so übersetzen die Ausleger diesen Namen. Ein Lehrer war Kohelet, der anderen Menschen die gesammelten Weisheiten und Lebenserfahrungen weitergegeben hat. Seine Schrift beginnt mit einer Feststellung, die dem Gefühl des jungen Menschen heute entspricht: Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch. Genauso endet das Buch: Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, das ist alles Windhauch. Diese Feststellung rahmt die ganze Schrift ein. Sie ist so etwas wie die Zusammenfassung der Erfahrungen, die Kohelet wiedergibt. "Alles ist Windhauch, alles ist flüchtig, vergänglich, nichts bleibt." Welcher Schluss daraus zu ziehen ist, bleibt dem Leser und der Leserin überlassen. Die Bedeutung des Bildes ist offen. Man kann zu dem Schluss kommen: "Weil alles flüchtig und vergänglich ist, darum ist alles sinnlos." So kann man sein eigenes Leben und das ganze Weltgeschehen sehen und deuten. Man kann es auch anders sehen. Kohelet hat es vermutlich anders gesehen. Wie anders, das werden wir merken, wenn wir seine Worte aufmerksam lesen. Seine Leitfrage lautet: Welchen Gewinn hat der Mensch von all seinem Besitz, für den er sich anstrengt unter der Sonne? "Gewinn" ist ein Ausdruck aus der Kaufmannssprache. Der Kaufmann führt Buch über Einnahmen und Ausgaben und zieht Bilanz: Was bleibt übrig? Was ist der Gewinn? So fragt Kohelet: Was bleibt als Ertrag von aller Mühe, die sich ein Mensch im Laufe seines Lebens macht, was ist der Sinn? Der Konfirmand träumte von einem Leben ohne jede Mühe. Es dürfte kein Geld mehr geben, meinte er, dann wäre keiner mehr reich und keiner mehr arm, alle hätten genug. Und er könnte von morgens bis abends etwas Schönes mit seiner Zeit anfangen. Sein Traum von einem mühelosen Leben lässt sich durchaus als Antwort auf die Frage nach dem Sinn verstehen. Die Antwort des Jugendlichen lautet dann etwa so: Der Ertrag, der Gewinn des Lebens ist das, was über Arbeit und Mühe hinausgeht. Es ist das, was Freude macht, freie Zeit, die mit schönen Erlebnissen gefüllt wird. Bevor Kohelet zu Antworten kommt, nimmt er die Bedingungen in den Blick, unter denen unser menschliches Leben abläuft: Eine Generation geht, eine andere kommt. Die Erde steht in Ewigkeit. Die Sonne, die aufging und wieder unterging, atemlos jagt sie zurück an den Ort, wo sie wieder aufgeht. Er weht nach Süden, dreht nach Norden, dreht, dreht, weht, der Wind. Weil er sich immerzu dreht, kehrt er zurück, der Wind. Alle Flüsse fließen ins Meer, das Meer wird nicht voll. Zu dem Ort, wo die Flüsse entspringen, kehren sie zurück, um wieder zu entspringen. Kohelet betrachtet das große Ganze, in dem sich das menschliche Leben abspielt. Er stellt fest: wir Menschen kommen und gehen, die Erde aber steht in Ewigkeit. Erde, Sonne, Wind und Wasser - das sind die vier Elemente der griechischen Naturphilosophie. Damit ist der gesamte Kosmos umfassend beschrieben. Wichtig für Kohelet ist: Der Kosmos ist eingebettet in eine feste ewige Ordnung. Das zeigt der Lehrer anhand der vier Elemente: Die Erde steht in Ewigkeit. Die Sonne geht auf und wieder unter, schnell jagt sie an den Ort zurück, wo sie wieder aufgeht. Um diesen Gedanken zu verstehen, müssen wir uns das damalige Weltbild vor Augen halten. Man stellte sich die Erde als eine feststehende Scheibe vor. Über diese Scheibe wölbt sich wie eine Käseglocke der Himmel. Am Himmel entlang gleitet die Sonne am Tag über die Erdscheibe. In der Nacht geht die Sonne unterhalb der Scheibe wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Eine Furcht der damaligen Menschheit bestand darin, die Sonne könnte sich für immer verfinstern oder nach ihrem Untergang verschwinden. Kohelet tritt dieser Furcht entgegen: "Nein, die Sonne verfinstert sich nicht, sondern atemlos jagt sie wieder an ihren Ort." Genau wie die Sonne ihren ewig gleichen Gang geht, so der Wind und das Wasser. Auch bei der Betrachtung des Wasserlaufes verwendet Kohelet ein Bild, das die Angst bannen soll. Eine weit verbreitete Furcht der Menschen damals war, das Meer würde eines Tages voll sein, über die Ufer treten und die Erde überschwemmen. Dagegen glaubt Kohelet, dass die Wassermassen unter der Erde zu ihren Quellen zurückkehren. So beschreibt er einen ewigen Kreislauf innerhalb einer fest gefügten Ordnung. Dies hat für ihn und die Menschen seiner Zeit etwas sehr Tröstliches. Es ist gut zu wissen, dass der gesamte Kosmos eine Ordnung und damit auch einen Sinn hat. Das Auf- und Untergehen der Sonne hat seinen Sinn, die Bewegungen des Windes und des Wassers, alles hat seine Ordnung und seinen Sinn. In diese sinnvolle Ordnung ist der Mensch eingebettet. Was ist der Sinn des vergänglichen Menschenlebens angesichts des ewigen Kosmos? Man kann sagen: Im Blick auf die gesamte Geschichte des Kosmos ist ein Menschenleben nichts. Vor 4,6 Milliarden Jahren begann das uns bekannte Weltall zu entstehen. Angesichts dieser unermesslichen Zeit sind die siebzig oder achtzig Jahre eines Menschenlebens überhaupt nicht messbar. Nichtig und sinnlos das Leben, zu diesem Schluss kann man kommen, wenn man das Ganze betrachtet, wie Kohelet es tut. Man kann aber auch sagen: Wie gut, dass es diese Ordnung gibt, die sich über Milliarden Jahre weiter entwickelt hat, auf die also Verlass ist. Die Erde behält ihren Umfang, sie wächst selbst nicht weiter an Masse und Ausdehnung. Sie behält ihren Abstand zur Sonne. Beides sind notwendige Voraussetzungen dafür, dass Leben auf der Erde gedeihen kann. Wäre die Erde nur fünf Prozent näher an der Sonne, würde alles Wasser verdampfen, und kein Leben wäre möglich. Wäre die Erde kleiner, so wäre sie, wie der Mars, inzwischen völlig erkaltet. Wäre sie größer, würde vermutlich heftiger Vulkanismus höheres Leben unmöglich machen. Ein Wissenschaftler schreibt: "Die richtige Größe, die optimale Entfernung zur Sonne, die günstige chemische Zusammensetzung der Atmosphäre - diese Verkettung unglaublicher Zufälle hat dazu geführt, dass sich auf dem einst wüsten Himmelskörper Leben entwickeln konnte." Kohelet als frommer Jude würde sagen: Es war nicht eine Verkettung unglaublicher Zufälle, sondern es war die Schöpferhand Gottes, die alles so wohl geordnet hat. In dieser guten Ordnung Gottes leben wir Menschen als ein Teil davon. Nüchterner als viele andere Texte der Bibel sieht Kohelet das menschliche Dasein. Man kann auch sagen: realistischer. Für Kohelet ist der Mensch nicht Krone der Schöpfung, sondern ein Teil davon. Er, der Mensch, ist auch nicht wenig niedriger als Gott, wie es in einem Psalm heißt. Er ist unendlich weit von Gott entfernt. Nicht einmal die Welt um ihn herum kann er auch nur annähernd begreifen. Wie soll er da Gott begreifen? Kohelet schreibt: Alle Dinge - Sonne, Wind, Wasser - sind rastlos tätig, kein Mensch kann alles ausdrücken, nie wird ein Auge satt, wenn es beobachtet, nie wird ein Ohr vom Hören voll. Nüchtern und für unser Empfinden sehr realistisch betrachtet Kohelet auch die menschlichen Möglichkeiten. Wie der gesamte Kosmos sich in einem ewigen Kreislauf befindet, so nach seiner Wahrnehmung auch das menschliche Tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Zwar gibt es bisweilen ein Ding, von dem es heißt: Sieh dir das an, das ist etwas Neues - aber auch das gab es schon in den Zeiten, die vor uns gewesen sind. Nur gibt es keine Erinnerung daran. Auch das klingt wieder nach Resignation und Sinnlosigkeit. Für Kohelet und die Menschen seiner Zeit war das ein sehr tröstlicher Gedanke: Auch das menschliche Leben ist eingebettet in die ewig gültige Ordnung. Alles in dieser Ordnung hat seinen Sinn, nichts geht verloren. Selbst der feinste Windhauch ist eine Energie, die ihre Wirkung hat. Jedes kleine Menschenleben ist Teil des großen Ganzen, darin geborgen und aufgehoben. Nichts Neues unter der Sonne - das mag ja damals ganz tröstlich gewesen sein, aber heute sehen wir die Welt doch anders. Sehr viel Neues ist passiert allein In den letzten hundert Jahren. Aber all die neuen Erfindungen, die Weiterentwicklungen der Technik, der Wissenschaften sind Äußerlichkeiten. All das gehört zu den Rahmenbedingungen unseres Lebens. Aber was unser menschliches Leben ausmacht, das bleibt immer gleich: wir werden geboren und sterben, wir sehnen uns nach Geborgenheit, Zuwendung und Liebe, wir lachen und weinen, haben Angst und freuen uns, tun Gutes und machen uns schuldig, wir atmen ein und aus, nehmen uns den Teil, den wir zum Leben brauchen, geben, was wir schaffen können, - und in allem sind wir begrenzt. Unsere Lebenszeit ist begrenzt, unsere Fähigkeiten sind begrenzt, unser Wahrnehmungsvermögen, alles. Niemand ist perfekt. So sind wir Menschen, und so sehr wir uns anstrengen, daran ändern wir nichts. In dieser Hinsicht gibt es nichts Neues unter der Sonne. Wir sind und bleiben die gleichen. Die alten Instinkte, als der Mensch noch in Höhlen lebte und abends am Feuer saß, als er jagte und sammelte, die sind alle noch in uns. Uns Heutigen täte es, glaube ich, ganz gut, uns ein wenig von der Sichtweise des Kohelet anstiften zu lassen. Atemlos sind wir Menschen heute auf der Jagd nach ständig Neuem. Die Technik überschlägt sich in neuen Erfindungen. Gerade hat man mühsam gelernt, das neue Handy zu bedienen, den Videorecorder oder auch nur die neue Kaffeemaschine, schon kommt wieder etwas Neues heraus. Viele ältere Menschen unter uns fangen erst gar nicht mehr an, sich mit den ständig neuen Neuheiten zu befassen. Die weltweiten Firmen überschlagen sich damit, weil sie einen möglichst breiten Raum am Markt einnehmen und möglichst viel verdienen wollen. Ähnlich erleben wir es in der Politik. Atemlos und frei von jedem Sinn werden Reformen zum Hauptziel und Inhalt der Politik erhoben. Reformen um der Reformen willen, um den Anschein zu erwecken, etwas zu tun. Acht Jahre Reformpolitik haben wir hinter uns. Nichts, aber auch gar nichts haben die Reformen zum Besseren bewegt. Im Gegenteil: Unser Land ist mehr verschuldet denn je. Die Zahl der Arbeitslosen ist höher denn je. Die Armut wächst, mit ihr die Hoffnungslosigkeit vieler junger Menschen und die Angst der Älteren. Die Schere zwischen Armen und Reichen ist so weit auseinander wie noch nie in unserem Land, und sie wird noch weiter auseinander gehen. Der Fußball spiegelt wieder, wo wir geistig, politisch stehen: Wir sind zweitklassig in der Welt geworden. Der hektische Aktionismus an allen Orten - auch in der Kirche - kann nicht mehr verdecken, dass wirklich eine grundlegende geistig, moralische und politische Wende nötig ist. Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Diese Erkenntnis kann uns nüchtern machen gegenüber den selbst ernannten Heilsbringern, die mit angeblich ganz neuen Rezepten alles ganz anders und neu machen wollen und dabei nur Chaos anrichten. Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Diese Erkenntnis kann uns Gelassenheit geben. Es muss nicht ständig alles erneuert werden. Wir müssen nicht das Land, die Kirche und was sonst noch "zukunftsfähig" machen, wie es oft heißt. Die Zukunft kommt von selbst, da brauchen wir gar nichts dazu zu tun. Und was sich bewährt hat, ist es auch wert, bewahrt zu werden. Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Diese Erkenntnis kann uns ein wenig Ruhe geben. Die Menschheit ist, so kommt es mir vor, in hektischer Jagd nach ständig Neuem. Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Vielleicht kann uns diese Erkenntnis lehren, das wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Das Wichtige ist das, was zum Eigentlichen des Lebens gehört, was unser Leben grundsätzlich ausmacht und was sich auch nicht ändern wird, solange Menschen Menschen sind: Dass wir leben und atmen, lieben und in dem großen Ganzen unseren Teil ausfüllen. Das scheint die Antwort des Kohelet zu sein auf die Frage nach dem Sinn unseres Daseins. Ich finde, eine Antwort, über die es sich nachzudenken lohnt.