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Predigt zu Kohelet 3,9-15
Predigt am 19. März 2006
Okuli
 

Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Was auch immer geschehen ist, war schon vorher da, und was geschehen soll, ist schon geschehen, und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist.
Das ist eine Erkenntnis Kohelets. Kohelet ist jemand, der Lebensweisheiten gesammelt und aufgeschrieben hat, eigene Erfahrungen und Beobachtungen und die anderer Menschen.
Seine Erkenntnisse haben auch uns etwas zu sagen. Denn er hat recht: Wir Menschen sind seit zweitausend Jahren die gleichen geblieben. Die äußeren Umstände, die Lebensbedingungen haben sich sehr verändert, und sie verändern sich mit rasender Geschwindigkeit laufend weiter. Aber unser menschliches Wesen ist gleich geblieben.
Zu unserem Menschsein gehört die Frage, die Kohelet stellt. So frage ich mich immer wieder, so wird sich wohl jeder und jede hier immer wieder mal fragen: Was hat ein Mensch von seiner Mühe und Arbeit?

Was habe ich von dem, was ich tagtäglich tue, Woche für Woche? Eigentlich ist es immer das gleiche. Gerade die Arbeiten, die zu den Allerwichtigsten gehören, kommen uns oft so unwichtig vor: Das tägliche Abwaschen, Wäsche Waschen, Einkaufen, Essen Zubereiten, Wohnung sauber Machen - das alles sind Arbeiten, die für unser Leben und unser Wohlgefühl einfach notwendig sind und die deshalb täglich getan werden müssen. Doch gerade diese Arbeiten hinterlassen oft ein Gefühl von Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit. Wäsche, die gerade sauber in den Schrank gelegt worden ist, liegt am nächsten Tag schon wieder schmutzig auf dem Fußboden. Der Fußboden ist gerade geputzt worden, im nächsten Moment hinterlässt jemand mit dreckigen Schuhen seine Spuren darauf, und alle Mühe ist dahin. Die Sachen im Regal sind gerade aufgeräumt und ordentlich hingelegt worden, im nächsten Moment herrscht schon wieder ein großes Durcheinander.
Besonders die Frauen unter uns werden das kennen und noch viele Beispiele anfügen können. Tag für Tag, Woche für Woche ist immer das gleiche zu tun. Sehr oft wird dieses Tun noch nicht einmal wahrgenommen. Im Gegenteil: Irgendeiner mault immer, weil das nicht schmeckt oder dieses nicht an seinem Platz liegt. "Ich fühle mich sehr benutzt", so äußerte sich eine Frau, die täglich mit solchen Arbeiten beschäftigt ist. Für den großen Einsatz bekommt sie nichts, keine Bezahlung, noch nicht einmal Anerkennung in irgendeiner Form. "Familiäre Wärme zu mir spüre ich nicht." So sagt sie.
Was hat ein Mensch von seiner Mühe und Arbeit?
Kohelet kennt dieses tagtägliche sich Abmühen und das Gefühl der Sinnlosigkeit, das sich oft genug dabei einstellt.
Bevor ich Antworten suche, denke ich darüber nach, wo eigentlich diese Frage herkommt, die Frage: Was habe ich davon? Warum reicht es nicht, bestimmte Dinge zu tun, die eben getan werden müssen? Warum muss über dieses Tun hinaus noch ein Mehr herausspringen, etwas, das ich davon habe?
Es scheint zu unserem Menschsein, zu den unveränderlichen Wesenzügen von uns Menschen zu gehören, dass wir über das tägliche notwendige Tun hinaus noch ein Mehr erleben wollen. Dieses Mehr ist das Glück. Wir Menschen wollen nicht nur leben, wir wollen auch Glück in unserem Leben erfahren und empfinden.
Das ist uns übrigens mit den Genen, wie es heute oft heißt, schon mitgegeben. Hirnforscher haben es herausgefunden. Es gibt in unserem Gehirn so genannte Botenstoffe. Darunter sind zwei, Dopamin und Serotonin, die Glücksgefühle auslösen. Das Gehirn schüttet diese Botenstoffe in unterschiedlichen Situationen aus.
Wir Menschen haben ein angeborenes Verlangen danach, dass diese Botenstoffe ausgeschüttet werden und sich ein Glücksgefühl einstellt.
Die Biologie und Chemie unseres Körpers drängt uns also diese Frage ständig auf: Was habe ich davon, wenn ich dieses oder jenes tue? Trägt es zu meinem Wohlbefinden bei? Kann es mir ein Glücksgefühl bescheren?
Liebe lässt die Glücksboten in unserem Gehirn in hohem Maße aktiv werden. Darum sind wir Menschen so sehr aus auf Liebe und Anerkennung. Auch gutes Essen und sportliche Betätigung setzen die Glücksboten in Gang.

Kohelet nimmt die Erkenntnis aus den Schöpfungserzählungen der Bibel auf: Gott hat alles wunderbar und vollkommen geschaffen. Die Arbeit ist Teil des göttlichen Schöpfungswerkes. Sie gehört zum Leben dazu. Die Arbeit für das tägliche Leben und Wohlbefinden ist somit eine göttliche Gabe, ein Zeichen seiner Liebe. Als solche könnte sie uns glücklich machen, wenigstens hin und wieder: Ich tue ein Werk, das von Gott so gewollt ist, das Gott mir aufgetragen hat. Es kann also nicht sinnlos sein, nicht überflüssig und nicht vergeblich.
Gott selber wird ja auch nicht müde, seit Jahrmillionen immer wieder das gleiche zu tun. Er lässt die Erde um sich selbst und die Sonne kreisen, den Mund um die Erde. Er lässt es Tag und Nacht werden, Sommer, Herbst, Winter und wieder Frühling. Er lässt seinen Segen auf die Erde kommen, dass frisches Grün sprießt und zu Nahrung wird für Tieren und Menschen.
An dieser immer gleichen Tätigkeit haben wir Menschen Anteil, indem wir für unser Leben und unser Wohlbefinden tätig sind und für das Leben und Wohlbefinden anderer Menschen.
Gott hat uns sogar ein Gespür, eine Ahnung von der Ewigkeit in unser Herz gelegt. So lautet der nächste Satz Kohelets. Aber wir Menschen sind nicht in der Lage, das göttliche Tun zu begreifen.
Kohelet schreibt: Der Mensch kann Gottes Tun von seinem Anfang bis zu seinem Ende nicht ergründen. Nicht "finden", heißt es wörtlich. Wir finden Gott oft nicht wieder in unserem Leben. In unserem Alltag, in unseren Sorgen und Mühen, in dem, was uns an Leid widerfährt, sehen und spüren wir ihn nicht. Und wir merken oft auch nicht, was Gott uns Gutes tut.

Darum kommt Kohelet zu dem Schluss: Es gibt kein in allem Tun gründendes Glück. In aller Arbeit, die wir tagtäglich tun, finden wir selten wirkliches Glück. Viel öfter sagen wir: Es ist umsonst, dass ich mich täglich müh. Im Grunde habe ich nichts davon.
Kohelet fährt fort: Darum ist das Beste, was der Mensch tun kann, sich zu freuen und sein Leben zu genießen. So verschafft er sich Glück, solange er das Leben hat.
Dabei ist alles Glück, das ein Mensch erfährt, wenn er zu essen und zu trinken hat und genießen kann, was er sich erarbeitet hat, ein Geschenk Gottes.

Kohelet liebt die Gegenwart. Sie ist die einzige Zeit, die uns wirklich gehört und die wir nach Gottes Willen nutzen sollen und nutzen können. Die Vergangenheit ist geschehen. Kein Wort und kein Tun können wir ungeschehen machen. Etwas Versäumtes können wir selten nachholen. "Das Wasser, das du in den Wein gossest, kannst du nicht mehr ausschütten." So hat Bertold Brecht gedichtet.
Wie wir Vergangenes nicht ändern können, so haben wir Zukünftiges nicht in der Hand. Viele Menschen sehen ihr Glück in der Zukunft. Doch dann kommt alles ganz anders, als gedacht und geplant, und die Enttäuschung ist riesengroß.
Das Glück, so hat Kohelet erkannt, ereignet sich in der Gegenwart. Deshalb rät er dazu, den Augenblick des Glücks zu ergreifen, das Glück, wenn es sich einstellt, zu genießen. Kohelet will Menschen zu einer Lebenseinstellung verhelfen, die offen ist für die kleinen und großen Glücksmomente im Alltag. Dabei weiß er, dass wir Menschen das Glück nicht planen und machen können. Alles Glück, das ein Mensch erfährt, wenn er zu essen und zu trinken hat und genießen kann, was er sich erarbeitet hat, ist ein Geschenk Gottes.

Zu seiner Zeit gab es in der griechischen Philosophie eine einflussreiche Strömung, die sagte: Statt sich auf die Götter zu verlassen, sollte man besser auf die eigenen Kräfte vertrauen und sein Glück selber in die Hand nehmen.
Vor allem sollte man nur solche Dinge erstreben, die man aus eigener Kraft erreichen kann. Allem anderen gegenüber sollte man eine Haltung des inneren Abstands einüben, so dass man sich von Schicksalsschläge gelassen hinnehmen kann. Um diese Einstellung zu lernen und zu verinnerlichen, boten die Philosophenschulen "Trainingsprogramme" an. Breite Teile der Bevölkerung machten sich diese Lebenshaltung zu eigen, die sich in dem Sprichwort wiederspiegelt:
"Jeder ist seines Glückes Schmied." Genau diese Einstellung gewinnt auch heute in unserer Gesellschaft immer mehr Anhänger.

Dagegen sagt Kohelet als gläubiger Jude: Glück ist nicht machbar. Glück ist nicht der Lohn für harte Mühen und Anstrengungen. Es ist Geschenk. Ein Geschenk Gottes. Darum können wir in aller Freude, allem Glück Gott selber erfahren.

Oft fangen Menschen an, nach Gott zu fragen, wenn es ihnen schlecht geht. In Krankheit und Not rufen sie Gott um Hilfe an. Kohelet ist der Überzeugung, dass wir Gott nicht nur an den Grenzen unseres Lebens suchen sollen, wo wir seine Hilfe brauchen. Sondern mitten im Leben, in Liebe und Gelingen, in den kleinen alltäglichen Freuden, in den Glückserfahrungen des Alltags will Gott sich finden lassen. So lehrt Kohelet, und dies macht sein Buch einzigartig in der Bibel. Kein anderer biblischer Schriftsteller hat das Glück so wie er zu seinem Thema gemacht.

Was hat der Mensch von all seiner Mühe, die er sich macht? Das war die Eingangsfrage. Kohelet sagt: Was das Leben lebenswert, schön und sinnvoll macht, ist die Freude, die sich einstellt, wenn man den Blick dafür offen hält. Es geht ihm um eine Haltung der Dankbarkeit und Ehrfurcht dem Leben und Gott gegenüber. Glück erfährt man nur, wenn man sein Leben und die ganze Schöpfung als Geschenk ansieht, als Gabe Gottes.

Ehrfurcht und Dankbarkeit, das ist der Boden, aus dem das Glück wächst. Wenn ich mit Ehrfurcht und Dankbarkeit mein Leben betrachte, dann kann ich nur staunen: Was für ein Wunderwerk ist der Körper, in dem zigMillionen winzigste Einzelteile aufs feinste aufeinander abgestimmt sind, wo in jedem Moment unüberschaubar viele Prozesse ablaufen. Und das über Jahre und Jahrzehnte, ohne dass bisher eine größere Störung dieser Prozesse eingetreten ist. Es ist ein Wunder. Und jeder Moment, wo einem dieses Wunder bewusst wird, lässt einen froh und glücklich sein.

Gott hat es so eingerichtet, damit wir in Ehrfurcht zu ihm aufschauen, schreibt Kohelet.
Ehrfurcht - das klingt altmodisch. Die modernen Gesellschaften kennen keine Ehrfurcht mehr. Jedenfalls nicht vor dem Leben, vor dem, was Gott geschaffen hat. Die Erde mitsamt Flüssen und Meeren und der sie umgebenden Atmosphäre wird rücksichtslos ausgebeutet und belastet. Menschen werden nur noch darauf hin betrachtet, wie sie am meisten ausgenutzt werden können.
Ehrfurcht haben die, die das Weltgeschehen bestimmen, nur noch vor den Aktienkursen. Die Antwort auf die Frage, was habe ich von meiner Mühe? - die Antwort heißt heute fast überall: Geld.
Nur dass Geld allein nicht glücklich macht, das merken viele Menschen nicht oder erst dann, wenn es zu spät ist. Wir merken es zur Zeit in unserer Gesellschaft sehr, wie die Gier einer mächtigen Obertschicht nach immer mehr Reichtum das ganze Klima vergiftet. Die "Geiz ist geil" - Mentalität hat sich inzwischen auf das Ganze der Gesellschaft ausgebreitet. Alles muss billig sein, auch die Arbeit. Deshalb werden viele ordentliche Arbeitsplätze abgebaut, es gibt immer mehr befristete und schlecht bezahlte Stellen, von denen eine Person kaum allein leben kann, geschweige denn eine Familie ernähren.
Am vergangenen Mittwoch kam die Zeitung mit der Schlagzeile auf der ersten Seite oben heraus: "Alarm wegen Geburtenrückgang". Die sinkende Kinderzahl ist ein deutliches Symptom für das allgemeine Lebensgefühl in unserer Gesellschaft: Unsicherheit, Angst, Sorge im Blick auf die Zukunft. Die gestaltenden Kräfte der Gesellschaft, Politiker, Parteien und Unternehmen haben jegliches Vertrauen verspielt. Niemand in der Bevölkerung glaubt mehr daran, dass sich noch irgendjemand in einer Machtposition für das Wohl der Allgemeinheit einsetzt. Es ist ja auch so gut wie niemand zu sehen, der das ernsthaft tut.

Auch das war zu Kohelets Zeiten schon nicht sehr viel anders. Den nächsten Abschnitt seines Buches beginnt er mit der Feststellung: Weiter sah ich unter der Sonne: An dem Ort des Rechts war Gottlosigkeit, und an dem Ort der Gerechtigkeit war Frevel.
Doch auch diese Erkenntnis bestätigt ihn in seiner Lebenshaltung: So sah ich denn: Es gibt kein Glück, es sei denn, dass ein Mensch fröhlich sei in seinem Tun. Das ist sein Anteil.

Ein Festhalten an der Güte des Lebens und der ganzen Schöpfung, allen widersprüchlichen Erfahrungen zum Trotz, das macht die Stärke des Koheletbuches aus. Es lädt ein, die kleinen Freuden und das Glück des Alltags wahrzunehmen und dankbar zu genießen.

Johann Wolfgang Goethe, dem Kohelet mit seinen Weisheiten sehr nahe steht, schreibt:
"Wenn wir immer ein offenes Herz hätten,
das Gute zu genießen,
das uns Gott für jeden Tag bereitet,
wir würden alsdann auch genug Kraft haben,
das Übel zu tragen, wenn es kommt.