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Predigt: Unsere Beziehung zum Fußball
erarbeitet und vorgetragen
vom Wanheimer Männertreff
11. Juni 2006
 

A Es geschehen noch Zeichen und Wunder: Unsere Kirche hat den Sport für sich entdeckt, im Weltmeisterschaftsjahr natürlich den Fußball. Bis jetzt hat sich unsere protestantische Kirche eher leibfeindlich gegeben. Alles, was mit Spiel und Spaß zu tun hat, war ihr verdächtig. Und nun das:
Auf der Internetseite der Evangelische Kirche in Deutschland findet sich die Adresse: www.fangemeinde-ekd.de.

H Dort gibt es alles, was das Fußballerherz begehrt: Den Spielplan der WM, einen Fanshop - besonders schön darin das Damenshirt "Himmelsstürmerin".
Weiter finden sich bei der "fangemeinde" die Nationalhymnen der beteiligten Länder zum Mitsingen,
natürlich auch ein Gewinnspiel und eine Menge Texte unter dem Stichwort "Fußball&Gott".

A Bei so viel Engagement für den Fußball will auch unsere rheinische Kirche nicht zurückstehen. Unter dem Motto das "Das Tor zum Himmel" fand eine Talkshow statt im Film-Funk- und Fernsehzentrum in Düsseldorf.

He "Der Faszination der Fußball-Weltmeisterschaft kann sich keiner entziehen", sagte Valentin Schmidt, der Sportbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland. Für ihn gibt es "kein Medium auf der Welt, das Menschen so verbindet wie Fußball".

A Der für seine Reportagen aus dem Nürnberger Stadion bekannte Kult-Reporter Günther Koch meinte, die Kirche könne vor allem in Sachen Begeisterung vom Fußball lernen.

H Carmen Thomas, erste Sportmoderatorin des deutschen Fernsehens, hob die gesellschaftliche Bedeutung des Mannschaftssports hervor: Menschen könnten lernen, sich für andere einzusetzen, statt egoistisch nur für sich zu leben.

A Am Ende zog Präses Schneider einen weiten Bogen vom Fußballtor zum Himmelstor, indem er sagte: Es gibt "noch ganz andere Tore, die für das Leben wichtig sind. Das Tor zum Himmel ist geöffnet."

Offenbar sind plötzlich alle in unserem Land Fußballfans. Ich habe mich bisher überhaupt nicht für Fußball interessiert.
In Duisburg kenne ich mich noch nicht gut aus, ich wohne noch nicht lange hier. Einmal bin ich zufällig am Stadion vorbeigefahren. An mir vorbei liefen Unmengen von Fahnen und Trikots. Ich wusste erst gar nicht, was los war. Dann habe ich gedacht: Hier muss wohl heute ein Spiel sein.

Ge Mir geht es ähnlich. Ich schalte selber nicht ein,
wenn ein Spiel im Fernsehen läuft. Aber wenn ich dann doch mal ein Spiel mitkriege, weil meine Söhne gucken, dann kommt schon Spannung auf.

Ho Zu Oberliga-Zeiten bin ich oft ins Stadion gegangen zum DSV. Da spielten Kollegen, die ich gekannt habe. Die haben ja noch ganz normal gearbeitet und nach Feierabend trainiert.
Oft habe ich mit denen beim Bier zusammen gesessen.
Seit es die Bundesliga gibt, bin ich nur noch ganz selten im Stadion gewesen. Was mich stört, sind die Unsummen, die ein Fußballer kassiert. Die stehen in keinem Verhältnis zur Arbeit anderer Menschen.

Ge Da hast du Recht. Ein-, zweimal am Tag trainieren die Fußballer, am Wochenende haben sie ein Spiel. Im Durchschnitt streichen sie dafür hundertmal mehr ein als ein Malocher auf der Hütte oder eine Krankenschwester. Die Bestbezahlten kriegen mehrer Millionen im Jahr. Das ist doch nicht in Ordnung.

Und dann sehen sie noch zu, wie sie das viele Geld an der Steuer vorbeischleusen. Bestes Beispiel ist der WM-Organisator Franz Beckenbauer, der seinen Wohnsitz in Österreich hat und vor Jahren wegen Steuerhinterziehungen in die USA geflüchtet ist.

Ho Was hinzukommt: Die Spieler kommen nicht mehr aus der Stadt, für deren Verein sie spielen.
Die werden aus der ganzen Welt zusammen gekauft
und haben oft keinen Bezug zu dem Verein, der sie gekauft hat. Das sind moderne Söldner, die dauernd von einem zum anderen Verein wechseln, sobald der andere Verein ihnen mehr Geld bietet.

Ge Ich finde, der bezahlte Fußball spiegelt unsere Gesellschaft wieder: Genau wie in der Gesellschaft gibt es im Fußball eine Aufteilung zwischen Arm und Reich, und die Kluft dazwischen wird immer größer.
Die kapitalistische Wirtschaftsordnung und die Gesetzgebung sorgen dafür, dass eine stetige Umverteilung des Reichtums von unten nach oben stattfindet. Das ist in der ganzen Gesellschaft so und im Fußball genauso.

A Bestes Beispiel sind die beiden Mannschaften, die im Pokalfinale gestanden haben, Eintracht Frankfurt und Bayern München. Vor vierzehn Jahren, 1992, hatte die Eintracht einen Etat, der um vierzig Prozent niedriger war als der Bayern-Etat. Heute beträgt der Abstand dreihundert Prozent. Jahr für Jahr kaufen die Bayern und den anderen Vereinen die besten Spieler weg.

He Und trotzdem sind die Bundesliga-Stadien voll und jetzt bei der WM scharen sich die Menschen um die Fernseher. Eine unglaubliche Massenbegeisterung ist entstanden, die sogar die evangelische Kirche erreicht hat. Wie ist das zu erklären?

Ge Ich glaube, das hängt mit dem Prinzip zustande, das schon die alten Römer kannten und angewendet haben: Gib dem Volk Brot und Spiele, dann ist es ruhig. Je mieser die gesamte Lage ist, desto mehr brauchen die Menschen etwas, das sie ablenkt, worauf sie ihre Gedanken, ihre Hoffnungen und Sehnsüchte richten können.

Die Politik gibt wenig Anlass zu Hoffnungen. Glauben kannst du keinem mehr. Nimm die beiden letzten Bundeskanzler als Beispiel. Der eine begeht offenen Rechtsbruch und zeigt keinerlei Bereitschaft, den Anforderungen des Rechts nachzukommen. Der andere sucht auf eine Weise den eigenen materiellen Vorteil, die schlichtweg unanständig ist. Das sind doch keine Vorbilder mehr.

He Vorbilder liefert der Sport. Da sind Helden zu finden. Was fasziniert am Fußball, ist, dass er voller Überraschungen und Wunder ist. Für viele ist er eine Art Religion. Nimm als Beispiel den Song irgendeines Vereins. Die Fans bilden gemeinsam einen großen Chor, vor jedem Heimspiel singen sie dieses Lied (wird eingespielt):
Wenn die Erde sich mal nicht mehr dreht,
Werden wir gemeinsam weitergehen
VfL, mein Herz schlägt nur für Dich
Wir werden immer zu Dir stehen, VfL, mein VfL!
He Der Verein, das zeigt dieser Song deutlich, wird zum Gott. Was wir Christen bei Gott suchen und finden, das übertragen die Fans auf ihren Verein: "Du bist immer für uns da" - "mein Herz schlägt nur für Dich" - "all die Jahre stehst Du da, wie ein Fels so stark und fest". Genauso sprechen die Psalmen von und mit Gott.

A Jedes Bundesligaspiel, jedes Länderspiel folgt wie unser Gottesdienst einer ganz bestimmten Liturgie. Im Grunde verbindet uns viel mit den Fans eines Fußballvereins. In der Gemeinde wie bei den Fans geht es um Gemeinschaft.

He Christen wie Fans bekennen ihren Glauben, die Fans tun das nur viel lautstärker als wir Christen. Die Fans zeigen offen, wofür sie einstehen, durch ihre Kleidung und die Fahnen, die sie schwenken. Wir Christen sind eher unauffällig und auch längst nicht mit der Leidenschaft bei der Sache wie die wahren Fans. Die weinen, wenn ihr Verein verliert, und fallen sich gegenseitig um den Hals, wenn ihr Club ein Tor schießt. Da geht es bei uns viel ruhiger zu.

Ge Trotzdem finde ich: Die evangelische Kirche ist einer der besten Vereine auf der Welt. In der Gemeinde gibt es nicht so viel Heuchelei, sondern hier herrschen Ehrlichkeit, Freundschaft und wirkliche Nächstenliebe. Ich bin jedenfalls froh, dass ich evangelisch bin.

Fürbitte

Guter Gott,
in diesen Tagen denken viele von uns an die Spiele der Weltmeisterschaft und nehmen vor dem Bildschirm oder im Stadion daran teil. Sie genießen die Spannung beim Zuschauen, die Begeisterung und das große Gemeinschaftserlebnis.
Gott, wir bitten dich: Hilf, dass die weltweite Übertragung der Spiele Menschen auch weltweit verbindet; dass die sportlichen Begegnungen dazu beitragen, Vorurteile und Feindschaften unter den Völkern zu überwinden und ein Gefühl weltweiter Verantwortung füreinander entsteht.
Hilf du mit, dass es friedliche Wettkämpfe werden. Stärke und ermutige alle, die verhindern, dass Gewalttäter die Spiele zu gewaltsamen Aktionen außerhalb der Stadien missbrauchen.
In diesen Tagen feiern wir das hundertfünfzigjährige Bestehen dieser Gemeinde. Du, Gott, hast sie treu geführt durch gute und schlechte Zeiten, hast sie bewahrt und immer wieder in Menschen den Wunsch und die Bereitschaft geweckt, sich in der Gemeinde zu engagieren.
Wir beten für alle, die in der Kirche tätig sind bei uns und anderswo, dass sie eins und einig und mit Freude bei der Sache bleiben, auch wenn die äußeren Bedingungen schlechter werden.
Wir beten für die jungen Menschen, dass sie Kontakt finden zu dir, zu dem, was wichtig ist im Leben, und nicht mit sinnlosem und schädlichem Treiben ihr Leben vertun.

Wir beten für die unter uns und in unserer Umgebung, die Schweres vor sich haben. Sei du, Gott, ihnen ein Halt in allem, was kommt, schenke Kraft und Zuversicht und den festen Glauben daran, dass niemand tiefer fallen kann als in deine Hände.

Wir beten für die Menschen im nahen und mittleren Osten, wo immer noch Krieg herrscht und das Blutvergießen kein Ende nimmt. Wir wissen, Gott, es sind Menschen, die ständig neue Opfer hervorbringen. Erweiche du die Herzen derer, die voller Hass sind, gefühllos und kalt, dass sie aufhören, mit Gewalt immer neue Gewalt hervorzubringen.
Stärke und ermutige du alle, die sich für friedliche und gerechte Verhältnisse auf der Erde einsetzen.

Mit den Worten aller Christen auf der ganzen Erde beten wir gemeinsam:

Predigt am 11. Juni 2006
Der Star ist die Mannschaft

Wir feiern heute das hundertfünfzigjährige Bestehen der Gemeinde. Ungefähr genauso alt ist das heutige Fußballspiel. In England wurde 1855 der erste Fußballverein gegründet (in Sheffield). Acht Jahre später schlossen sich die ersten Vereine zur "Football Association" zusammen und verabschiedeten die ersten achtzehn Regeln für das Ballspiel mit dem Fuß.

Allein schon das Alter verbindet unsere Gemeinde mit dem Fußballspiel. Die Wanheimer Pfarrer der letzten Jahrzehnte haben kein Hehl gemacht aus ihrer Begeisterung für den Sport mit dem Runden, das ins Eckige soll. Helmut Blank pflegte enge Kontakte zum MSV. Okko Herlyn gründete die Wanheimer Kirchenkicker. Und meinem Einsatz verdankt die Landeskirche ihr Fußballturnier, das in einer Woche zum siebten Mal ausgespielt wird.
Unter den Gemeinden, die früher zur Großgemeinde Wanheim-Angerhausen gehörten, veranstalten wir seit acht Jahren eine Konfirmanden-Fußballturnier. Anfang Februar treffen sich Jungen und Mädchen zum Wettkampf mit dem Ball. Am Mittwoch der vergangenen Woche haben wir für die jüngeren Konfirmandinnen und Konfirmanden zum ersten Mal ein Turnier im Biegerpark ausgespielt. Unsere Wanheimer Jungs sind mit einer überzeugenden Mannschaftsleistung als Sieger aus dem Turnier hervorgegangen. Fußball ist also zu einem Teil der Gemeindearbeit geworden.

Eine Gemeinsamkeit zwischen Fußball und Kirche ist auch die Herkunft. Fußball war ursprünglich ein Sport der proletarischen Massen. Die besser gestellten Leute rümpften die Nase über diese Art der Freizeitbetätigung. Fußballspielen galt als ein Vergnügen von Leuten, die nicht viel im Kopf haben. Verächtlich schauten Gebildete und Personen aus der feinen Gesellschaft auf die Treterei mit dem Fuß herab. Auch die Kirche hatte keinerlei Bezug dazu.
Als Angelegenheit der kleinen Leute hat auch die Sache Jesu begonnen. Fischer, Zöllner und andere Menschen mit zweifelhaftem Ruf scharte Jesus um sich. Längst hat sich der Fußball zu einer Angelegenheit der Reichen und Mächtigen entwickelt. Denn es lässt sich viel Geld damit machen. Und es lässt sich Politik damit machen.
Die Kirche kommt da nicht mehr mit. Aber es fällt schon auf, dass sich Kirchenleitungen gern an den Verhaltensweisen großer Konzerne und den Konzepten von Beraterfirmen orientieren, um die Kirche zu einem Wirtschaftsunternehmen umzugestalten.
Wir in Wanheim können unsere Herkunft nicht verleugnen. Wir sind eine Gemeinde normaler, einfacher Leute. Als Stadtteil rümpft man über uns die Nase. Regelmäßig passiert es, dass Zeitungen andere Stadtteile nennen, wenn Wanheim gemeint ist.
Dabei brauchen wir unser Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. Wir haben nicht nur die älteste, sondern auch die schönste evangelische Kirche im Duisburger Süden. Eine schlichte einfache Dorfkirche ist es, für die Menschen ausgelegt, die im näheren Umkreis wohnen. Sie vermittelt auf den ersten Blick Ruhe und Geborgenheit. Menschen fühlen sich wohl in diesem Haus.
Auch was die Arbeit in dieser Gemeinde angeht, können wir stolz auf uns sein. Sehr früh, schon bald nach dem Krieg, fingen Wanheimer Pfarrer an, mit der Gemeinde Freizeiten zu veranstalten. Pastor Pickert war der erste. Er reiste mit einer Gemeindegruppe in die Schweiz. Legendär sind die Urlaube in der Ramsau in der Zeit von Helmut Blank.
Lange bevor andere auf die Idee kamen, feierte Wanheim Gemeindefeste. Seit der Zeit von Helmut Blank gehören Feste zum Gemeindeleben. Besonders in die Erinnerung eingeprägt hat sich die Wüstenwanderung, bei der die ganze Gemeinde auf den Beinen war.
Okko Herlyn war es, der engagiert den Gottesdienst zum Thema in der Gemeinde machte und neue Modelle ausprobierte. Das Gemeindehaus Beim Knevelshof bot dazu den passenden Rahmen. Aus heutiger Sicht muss man sagen: Es war eine ärmliche Hütte ohne Heizung mit dünnen Wänden. Okko machte ein "Gesamtkunstwerk" daraus. Gerade in einem solchen Provisorium ließ es sich gut feiern, dass Gott seine Hütte bei den Menschen aufschlagen will.
Das Cafe´ Knevelshof wurde eröffnet und dann auch das Domcafe´, beides längst feste Einrichtungen in der Gemeinde, von denen andere Gemeinden nur träumen können.
Als eine der ersten hat Wanheim auch die Zeichen der Zeit erkannt und sich darauf eingestellt, dass eine Gemeinde von 3.000 Mitgliedern sich nicht den Gebäude- und Personalbestand leisten kann wie früher, als sie noch die doppelte Anzahl an Mitgliedern hatte. Das Gemeindehaus wurde zu einer Zeit zum Kauf angeboten, als es noch Interessenten dafür gab. Der neue Besitzer hat es zu einem sehenswerten Bauwerk renoviert. Und die Gemeinde kann sich freuen darüber, dass ihr ehemaliges Haus so schön aussieht.
Erwähnt werden darf auch, dass vor 26 Jahren der damals jüngste Presbyter der ganzen Landeskirche sein Amt antrat. Er übt es heute noch gern aus, nicht mehr ganz jung wie damals, aber immer noch jung genug, um neue Ideen hervorzubringen. Insgesamt ist das Presbyterium jung geblieben, ein wirklich starkes Team, das seine Arbeit auch als Teamarbeit versteht.

"Der Star ist die Mannschaft". Das gilt für unsere Nationalmannschaft. Nur wenn sie wirklich als Team auftreten und sich einer für den andern einsetzt, können sie bei dieser WM weiterkommen. Darum lässt der Bundestrainer sie vor dem Spiel einen Kreis bilden, wo sie gemeinsam rufen: "Wir sind ein Team". Auf die Mannschaft kommt es genauso in der Gemeinde an. Nur wenn wir zusammen halten und gemeinsam an einem Strang ziehen, können wir etwas bewegen.
Hier in Wanheim ist das so. Darüber bin ich sehr dankbar und froh. Wir haben uns aus den ehemals zwei Bezirken zu einer Gemeinde zusammen gefunden. Die Schranken zwischen den früheren Bezirken spielen nur noch verkehrstechnisch eine Rolle. Aus den Köpfen und Herzen der Gemeindemitglieder sind sie weitgehend verschwunden. Als ehemals größte und einzige Gemeinde im Duisburger Süden sind wir inzwischen die kleinste geworden. Aber wir sind selbstbewusst genug, unsere Stimme im Kirchenkreis zu Gehör zu bringen. Auf Antrag des Wanheimer Presbyteriums findet zum Beispiel im kommenden Jahr ein Kreiskirchentag am Innenhafen statt.
Überall in der Kirche sind Fusionsbestrebungen im Gange. Wir haben uns bisher davon ferngehalten in der Überzeugung, dass sich mit einer kleinen Einheit, wie wir sind, leichter etwas bewegen und umsetzen lässt.
Ich wage nicht vorherzusagen, wie die Gemeinde Wanheim bei ihrem 175-jährigen Jubiläum aussehen wird. Auf jeden Fall wird es dann noch Gemeinde Jesu geben.
Dafür sind letztlich nicht wir allein verantwortlich. Gott selbst sorgt mit dafür, dass seine Kirche lebendig bleibt. Er sendet seinen Geist aus, der immer wieder neu Menschen für die Sache Jesu begeistert.
Dieser Geist führt Menschen in die Gemeinschaft. Er selbst lebt aus der Gemeinschaft, ist in ihr lebendig.

Auch das verbindet uns mit dem Fußball, so merkwürdig das klingt. Aber es ist deutlich genug zu spüren in diesen Tagen. Der Fußball begeistert die Menschen. Plötzlich fühlen sich alle als eine große Gemeinschaft. Ich bin kein Freund von Fahnen. Dennoch möchte ich den vielen Fähnchen und Fahnen, die man an Auto- und Hausfenstern sind und die an Masten in Gärten wehen, etwas Positives abgewinnen: Mit diesen Symbolen tun die Menschen kund, dass sie dazu gehören wollen zu der großen Fußballfamilie. Selbst Leute, die bisher nichts damit zu tun hatten, lassen sich von der allgemeinen Begeisterung anstecken.

Dennoch müssen Fußballfans immer noch mit der Kritik leben, sie würden im Stadion in eine große Masse eintauchen und dort ihr eigenes Ich aufgeben. Als eine einzige grölende Menge, so erscheinen die Fans Leuten, die sie von außen beobachten. Wer selber schon einmal unter den Fans im Stadion gestanden hat, weiß, dass das nicht so ist. Das eigene Ich geht nicht auf in der Masse. Im Gegenteil: Es erhebt sich zu etwas Großem, jeder Einzelne in der Menge spürt ein machtvolles Gefühl in sich heranwachsen.
"Erhebet eure Herzen", so heißt es in der Liturgie des Abendmahls. Im Stadion ist es ähnlich. Die Fans erheben ihre Herzen und sind bereit, sich selber hinzugeben mit Singen und Anfeuern und oft auch mit gellendem Pfeifen. Sie geben alles und erwarten von den Spielern das gleiche. In der Gemeinschaft wachsen die vielen Einzelnen zu einem großen Wesen zusammen, das mehr, höher und mächtiger ist als die einzelnen Personen. Es entsteht eine "Überperson", eine gefühlsmäßige Verbundenheit mit Menschen, die man gar nicht kennt, die aber zu derselben Gemeinde gehören. Die Verbundenheit untereinander und das Gefühl des Ergriffenseins von etwas Höherem wirkt höchst inspirierend auf jeden Einzelnen. Leute singen, jubeln, liegen sich in den Armen, verhalten sich so, wie sie es im Alltag sonst nicht tun.
Gunter Gebauer, Professor für Philosophie und Sportsoziologie, nennt darum das Stadion einen heiligen Raum. Weil hier der Einzelne Gefühle entwickelt, die ihn aus dem normalen Alltag herausheben.

Vom Ausflug ins Stadion noch einmal zurück in die Kirche. Auch und gerade dies ist ein heiliger Raum, der Herzen emporhebt. Das bestätigen mir immer wieder Menschen, wenn sie diese Kirche betreten. Sie vermittelt einem das Gefühl, teilzuhaben an etwas Höherem, Größerem, Mächtigerem. Sie, diese Kirche, ist Zeuge der Gebete, Gesänge und Feiern, mit denen Menschen seit über hundert Jahren hier Gott loben und ihn um Hilfe bitten, mit denen sie ihren Glauben und ihre Gemeinschaft stärken.
Diese Kirche und die Gemeinde, die in ihr zusammenkommt, verkörpern auch ein göttliches Versprechen, eine Hoffnung, die zugleich eine Herausforderung für uns ist: Dass alle Menschen Schwestern und Brüder werden, dass es gerecht und friedlich auf der Erde zugeht, dass alle geborgen sind im Schutz von familiärer Verbundenheit.
Mit dieser Bitte an seinen himmlischen Vater hat Jesus von den Seinen Abschied genommen, "dass sie alle eins seien. Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden". (Johannes 17,20-21). Die Einheit der Gemeinde, ja, die Einheit der weltweiten Christenheit soll ein Zeichen sein für die Einheit Gottes mit seinem Sohn Jesus Christus.
Unsere Gemeinschaft ist kein Selbstzweck. Als Kirche, als Gemeinde sollen wir ein Beispiel geben für Gottes Einheit mit dem Sohn. Diese wiederum zeigt sich in der Liebe. Denn die Liebe hat Jesus zum höchsten Gebot erklärt. Die göttliche Liebe, die der Sohn Jesus von Nazareth verkörpert hat und der Heilige Geist in Menschenherzen entzündet, die fügt und hält Gemeinde zusammen.
Sie ist nicht immer von großer Begeisterung getragen. Oft besteht sie in alltäglicher Kleinarbeit und Fürsorge, in solidarischem Eintreten füreinander und für Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. In der Kirche, in den Feiern unserer Gemeinschaft bekommt diese Liebe immer neue Nahrung. Dafür ist Kirche wichtig, dafür ist Gemeinde wichtig und dafür wird Gott sie am Leben erhalten. Das glaube ich fest.