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Predigt zu Matthäus 18,5-4/Markus 10,13-16
2. Juli 2005
"Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen."
 

Das ist ein Wort Jesu, das es in sich hat. Revolutionär ist der Satz Jesu, weil er im Gegensatz steht zu den gesellschaftlichen Vorstellungen seiner Zeit. Kinder hatten damals keinen Wert an sich. Ihr Wert lag in der Bedeutung, die sie für die Erwachsenen hatten.
Kinder sorgten für den Fortbestand der Sippe. Sie waren die einzige Altersversorgung für ihre Eltern. Kinderreichtum galt als Statussymbol. Dieser war nicht nur ein Zeichen der Fruchtbarkeit von Mann und Frau, sondern auch des göttlichen Segens. Mit der Zahl der Kinder stieg das Ansehen und der Einfluss in der Sippe. Kinderlosigkeit galt als Unglück.
Kinder waren auch billige Arbeitskräfte. Man musste nicht viel für sie aufbringen, dafür konnten sie schon früh in Haus und Hof und auf dem Feld helfen.
Für den Staat waren Söhne die Soldaten von morgen. Kinder sicherten den Fortbestand des Volkes.
Die Erziehung zielte darauf, die Kinder nach den Vorstellungen der Erwachsenen zu formen. "Wer sein Kind liebt, der züchtigt es". Dieser Satz spiegelt das Erziehungsverständnis der damaligen Zeit wieder. Kindesmisshandlungen waren an der Tagesordnung. In den Nachbarvölkern Israels war auch das Töten und Aussetzen von Neugeborenen eine normale Form der Geburtenregelung. Arme Leute, die nicht in der Lage waren, ein weiteres Kind zu ernähren, setzten es aus oder brachten es einfach um. Dies war allerdings in Israel verboten. Für die Israeliten stand das Töten von Neugeborenen im Widerspruch zu dem Gebot des Schöpfers: "Seid fruchtbar und mehret euch."

Jesu Wertschätzung der Kinder ist also bereits im jüdischen Glauben angelegt. Doch er geht weit über alle damals geltenden Wertvorstellungen hinaus, wenn er sagt: "Solchen gehört das Reich Gottes." Diese Zusage gilt nicht nur den männlichen, braven, ehelich geborenen und gesunden Kindern, nicht nur denen, deren Eltern eine gesicherte Existenz haben, sondern sie gilt unterschiedslos allen Kindern. Jesus gibt seine Zusage auch nicht unter der Bedingung, dass die Eltern eine religiöse Erziehung versprechen. Er schenkt den Kindern das Reich Gottes, ohne es von ihrem eigenen Verhalten oder dem Verhalten der Eltern abhängig zu machen.
Jesus begründet seine Zusage auch nicht. Der einzige Grund ist der, dass Gott die Kinder liebt. Wie jede echte Liebe, so ist die Liebe Gottes ohne Grund. Die Liebe ist ein Geheimnis. Je tiefer sie ist, desto schwerer kann sie Gründe nennen. Weil Gottes Liebe ausschließlich Liebe ist, hat sie keinen Grund und hängt auch nicht von irgendwelchen Gründen ab. Er liebt die Kinder um ihrer selbst willen und schenkt ihnen das Himmelreich.
Das ist das größte Geschenk, das ein Mensch bekommen kann. Mehr als das Himmelreich gibt es nicht. Es ist gleichbedeutend mit vollem Heil, mit dem Ziel aller Hoffnungen und Sehnsüchte. Es beinhaltet Geborgenheit, inneren und äußeren Frieden, vollkommenes Wohlbefinden. Dieses Geschenk lässt sich nicht mehr steigern.
Jesus sagt es den Kindern als Kinder zu. Eine gleichlautende Zusage an Erwachsene gibt es von ihm nicht. Die Erwachsenen behaftet er bei ihrer Verantwortung. Ihnen sagt er: "Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel." (Matth. 7,21) Oder: "Nur wenn ihr umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr ins Himmelreich kommen." (Matth. 18,3)

Jesus stellt damit fest, dass Kinder eine besondere Nähe haben zu Gott und seinem Reich, die ein Erwachsener nicht ohne weiteres hat. In der wichtigsten Sache des Lebens haben demnach die Erwachsenen von den Kindern zu lernen. Kinder öffnen den Erwachsenen die Augen für das, was bei Gott wichtig ist.
Es sind vor allem drei Dinge, die das Kindsein auszeichnen und die Erwachsene von den Kindern zu lernen haben:
- Kinder haben keine Macht. Das Streben nach Macht und Privilegien, das Streben nach den ersten Plätzen ist nicht mit dem Reich Gottes zu vereinbaren. Dieses Reich ist da, wo Menschen als Kinder des gleichen Vaters miteinander leben, ohne dass sich einer über den anderen erhebt.
- Kinder leben von dem, was sie geschenkt bekommen. Sie brauchen Nahrung, Kleidung, Wohnung und vor allem Zuneigung. Das alles bekommen sie, ohne eine eigene Leistung dafür erbringen zu müssen. So öffnen sie uns Erwachsenen die Augen dafür, dass auch wir alles Wesentliche geschenkt bekommen: Unser Leben, die Erde mit ihren Landschaften und Rohstoffen, die Sonne und den Sauerstoff, Licht und Wärme. Alles, was wir unbedingt brauchen, ist Geschenk.
- Kinder stehen am Anfang. Für sie ist alles neu. Sie erleben alles zum ersten Mal. Sie spüren den Reiz des Neubeginns, die Anziehungskraft und Verheißung der Zukunft. Sie leben in Erwartung. Sie erwarten viel vom Leben, von uns Erwachsenen.
So viel wie ein Kind vom Leben und von uns erwartet, so viel oder noch viel mehr sollen wir von Gott erwarten. So sehr wie ein Kind gespannt ist auf die Zukunft, sollen wir auf Gott und seine Möglichkeiten gespannt sein.

Ich habe das Gefühl, in diesen Tagen sind viele Erwachsene wieder ein wenig wie Kinder geworden. Fröhlich schwenken sie ihre Fahnen, befestigen sie an Fenstern und Autos. Das hat für mich nichts mit einem neu erwachten Nationalstolz zu tun. Die vielen bunten Fahnen empfinde ich als einen Ausdruck der Freude. Dieser Eindruck bestätigt sich bei den Übertragungen der Spiele, die ich gesehen habe. Es waren fürchterlich schlechte darunter. Doch das Publikum hielt sich nicht lange mit Pfeifen auf, sondern machte eine fröhliche Feier aus der miserablen Darbietung. "Die Welt zu Gast bei Freunden", dieses Motto scheinen die Menschen in Deutschland aufgegriffen zu haben. Sie zeigen der Welt ein freundliches, offenes Gesicht. Es
überwiegt die Freude an dem Zusammenkommen von Menschen aus aller Welt. Auch da, wo sie wohnen, suchen Menschen wie noch nie zuvor bei einem solchen Sportspektakel die Gemeinschaft mit anderen. Es macht einfach mehr Spaß, mit mehreren ein Spiel zu sehen, als allein vor dem Fernseher. Und dabei kann man dann auch wieder werden wie ein Kind. Laut jubeln und auch mal laut schreien, wenn etwas daneben geht.
Wie beflügelt von kindlicher Freude und Begeisterung, so spielt auch bisher die deutsche Mannschaft. Während andere vor allem auf Ergebnisscherung aus sind und mit Schauspieleinlagen Freistöße und Elfmeter schinden, spielt die deutsche Mannschaft frisch und unbekümmert auf, wie man es lange nicht von ihr gesehen hat. Natürlich stecken dahinter ein durchdachtes Konzept und harte Arbeit. Doch in diesem Konzept kann man bei wohlwollender Betrachtung die Idee Jesu wiederfinden: "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder."
Der neue Bundestrainer hat nämlich eine alte Weisheit wieder entdeckt: Fußball muss gespielt werden. Dann erwacht Begeisterung bei den Zuschauern und diese wiederum schwappt auf die Spieler über. So entsteht eine Wechselbeziehung zwischen Spielern und Zuschauern. Beide begeistern sich gegenseitig und spornen sich gegenseitig mit ihrer Begeisterung an.
Umgekehrt ist es so: Wenn es nur noch darum geht zu gewinnen, wenn der Ball hin- und hergeschoben wird ohne Risiko, wenn mit Tricks und Schauspielereien, mit Bestechung und Schiebereien Spiele verschoben werden, dann geht jede Begeisterung verloren, dann hört das Spiel auf, ein Spiel zu sein. Dann geht es auch da wie überall nur noch um Geld, Ansehen und Macht.
Ich habe den neuen Bundestrainer bisher sehr skeptisch beobachtet. Mittlerweile bewundere ich ihn und seine Philosophie. Auf den Punkt gebracht lautet die: ´Ihr müsst wieder spielen wie Kinder, dann werdet ihr Erfolg haben.`

In einer Woche ist die Weltmeisterschaft vorbei. Dann werden alle Erwachsenen, die für kurze Zeit das Kind in sich entdeckt haben, wieder zu normalen Erwachsenen werden. Dann wird es auch in der Kirche, die mal für kurze Zeit den Sport für sich entdeckt hat, wieder ernst und humorlos zugehen. Das zumindest ist zu befürchten.
Doch Jesu Mahnung an die Erwachsenen gilt für alle Tage und Zeiten, nicht nur für die Hochzeiten einer Fußballweltmeisterschaft: "Nur wenn ihr umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr ins Himmelreich kommen."

Zu der veränderten Lebenseinstellung, die Jesus fordert, gehört eine Änderung des eigenen Verhaltens und vor allem eine veränderte Einstellung Kindern gegenüber.
Aus Jesu Satz kann man die Schlussfolgerung ziehen: Die Art, wie wir uns Kindern gegenüber verhalten, gibt Aufschluss darüber, wie wir uns zur Gegenwart Gottes verhalten.
Für beides sieht es nicht gut aus in unserem Land. Am vergangenen Montag erschien die Zusammenfassung einer Studie in der Zeitung. Die Überschrift lautete: "Für viele sind Kinder eher eine Last als eine Bereicherung". Darunter war zu lesen:

In Deutschland entscheiden sich inzwischen fast jeder vierte Mann und jede siebte Frau grundsätzlich für ein Leben ohne Kinder. Das geht aus einer aktuellen Studie hervor, die das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung am nächsten Mittwoch vorstellt. Eine Erkenntnis heißt: "Weder Männer noch Frauen sehen Kinder heute als unerlässlich für ein erfülltes Leben an." Und: "Kinder sind zu einem Wert unter vielen geworden."

Kinder werden heute wie fast alles in unserer Gesellschaft als Kostenfaktor gesehen. Nüchtern wird gegenübergestellt und gerechnet: Die mögliche Bereicherung des eigenen Lebens wird verglichen mit den Einschränkungen und Kosten, die ein Kind mit sich bringt. Die meisten von uns wären vermutlich nicht geboren worden, wenn unsere Eltern so gerechnet hätten. Heute aber ist es so. Kinder sind, wie viele Untersuchungen belegen, ein Armutsrisiko.
Dies zeigt sich unter anderem daran, dass viele Kinder auch in unserem reichen Land in Armut aufwachsen und leben müssen.

Die Kinderarmut hat in der Bundesrepublik eine historisch neue Größenordnung erreicht. Nach einer Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (DPWV) hat die Einführung von Hartz IV die Zahl der von Armut betroffenen Kinder auf eine Rekordsumme von 1,7 Millionen hochschnellen lassen. Das sind 14,2 Prozent der Kinder in Deutschland, die in Armut leben, jedes siebte Kind. Diese Kinder leben unter Bedingungen, die ihnen schlicht Zukunftschancen nehmen.

Die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in unserem Land sind ein wesentlicher Grund dafür, dass viele Menschen sich scheuen, Kinder zu bekommen. Sie wollen sie nicht einem Armutsrisiko aussetzen.
Das ist einer der vielen Skandale, die unser Land belasten. Die Verantwortlichen, Politiker und Konzernchefs an vorderster Stelle, haben unsere Gesellschaft extrem kinderfeindlich gestaltet. Je mehr das Geld und die Geldvermehrung zum wichtigsten Wert wird, desto mehr werden Kinder an den Rand gedrängt. Denn eine kinderfreundliche Gesellschaft kostet erst einmal Geld: Freier Zugang zu Kindertagesstätten für alle, gut ausgestattete Schulen mit überschaubaren Klassengrößen und der dafür notwendigen Zahl von Lehrerinnen und Lehrern; Ausbildungsmöglichkeiten für die Jugendlichen, freier Zugang zum Studium, genügend Arbeitsplätze, wo die fertig Ausgebildeten dann auch ihren Platz finden können.

Seinen Jüngern gegenüber wird Jesus sehr zornig, als die Kinder wegschicken wollen, die seine Nähe suchen. Das im griechischen Text verwendete Wort ist der schärfste Ausdruck, der jemals für eine Reaktion Jesu verwendet wird. Jesus ist sauer und zwar sehr über das Verhalten der Jünger. Und dann zeigt er ihnen, wie sie mit Kindern umgehen sollen: "Er umarmte sie, legte ihnen die Hände auf und segnete sie." Das an dieser Stelle verwendete Wort ist der zärtlichste Ausdruck, mit dem die Evangelien jemals das Verhalten Jesu beschreiben.

Ich halte fest: Ablehnung der Kinder ruft bei Jesus die größtmögliche Empörung hervor. Er selber begegnet Kindern mit der größtmöglichen Zärtlichkeit.
Das sollen wir Erwachsenen uns zum Vorbild nehmen. Kindern und auch dem Kind in uns selbst mit Zärtlichkeit begegnen und gegen die kinderunfreundliche Politik empört protestieren. Denn Gott liebt die Kinder und will, dass alle ihnen gleichen.


URL: http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=914193
Familie
Für viele sind Kinder eher eine Last als eine Bereicherung
Immer mehr Deutsche können sich ein erfülltes Leben auch ohne Kinder vorstellen. Ein Ansehensverlust wird eher bei zu vielen als gar keinen Kindern befürchtet.
VON MONIKA KAPPUS

In Deutschland entscheiden sich inzwischen fast jeder vierte Mann und jede siebte Frau grundsätzlich für ein Leben ohne Kinder. Das geht aus einer aktuellen Studie hervor, die das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung am nächsten Mittwoch vorstellt. Eine Erkenntnis heißt: "Weder Männer noch Frauen sehen Kinder heute als unerlässlich für ein erfülltes Leben an." Und: "Kinder sind zu einem Wert unter vielen geworden."

Deutlich wird, so heißt es, dass sich Frauen weitgehend vom Rollenbild als Mutter emanzipiert haben. Die Hälfte der Frauen ist demnach der Ansicht, dass ihr Leben auch ohne Kind gelingen kann. Die Studie bescheinigt Deutschland einen "eindrucksvollen Wertewandel". So sei der Anteil derjenigen, die meinen, dass eine Frau Kinder für ein erfülltes Leben brauche, zwischen 1990 und 2000 von 65 auf 36 Prozent gesunken. Heute sei jede fünfte Frau kinderlos.

Dazu passt, dass nur etwa ein Viertel der befragten Männer und Frauen annimmt, dass ein erstes oder weiteres Kind ihre Lebensfreude steigern würde. Ein Großteil der Kinderlosen wie der Eltern erwartet sich durch ein (weiteres) Kind keinen Prestigegewinn. Die Studien-Autoren meinen, Kinder würden "eher mit Belastungen denn mit einer Bereicherung des Lebens verbunden". Ein Fünftel der Eltern mit drei oder mehr Kindern fürchtet, dass mit einer weiteren Geburt ihr Ansehen sinkt.

Bei Frauen ist die Angst groß, ihre gesellschaftliche Stellung zu verschlechtern. Zwei Drittel der befragten Frauen rechnen im Fall der Mutterschaft mit deutlich schlechteren Beschäftigungschancen. Dagegen sehen vier Fünftel der Männer ihre Jobaussichten durch die Geburt eines Kindes nicht berührt.

Wenn sich mehr Menschen ein Leben ohne Kinder wünschen, wie die Untersuchung feststellt, hat das einerseits mit dem angesprochenen Wertewandel zu tun. Andererseits damit, dass Gesellschaft, Wirtschaft und Politik unzureichend reagieren. Die Studie kommt zu dem Schluss, "dass es immer noch die Frauen sind, die die stärksten Einschränkungen durch Kinder erfahren".

Um die Geburtenrate von derzeit 1,37 und den durchschnittlichen Kinderwunsch von 1,75 je Frau (1,59 je Mann) zu steigern, rät die Studie zuvörderst, Gleichberechtigung stärker in staatlichen Leistungen und Programmen zu verankern. Beruf und Familie müssten besser vereinbar werden. Die Befragten legten größten Wert auf familienfreundliche Arbeitszeiten und bessere Betreuungsangebote. Erst danach komme der Ruf nach finanzieller Hilfe.

Die Forscher schreiben, außer der Familienpolitik könnten "Sozial-, Wirtschafts- und Steuerpolitik dazu beitragen, in der Gesellschaft wieder mehr Rückhalt für Familien und Kinder aufzubauen". Die Entscheidung gegen Kinder ergebe sich oft daraus, dass verschiedene Lebenskonzepte vor allem für Frauen nur schwer zu vereinen seien: "Kinder und Beruf zu vereinbaren oder als Mutter finanziell unabhängig zu bleiben, ist in Deutschland immer noch Ergebnis glücklicher individueller Konstellationen und nicht einer systematischen politischen Unterstützung."