zur Übersicht
Predigt zu Jeremia 29,11-14
5. November 2006
Lesung aus Jeremia 29
 

Daran glaube ich (Dorothey Bystrich)

Ich lege alles in Gottes Hände,
und das allein gibt mir den Halt.
Er kennt den Anfang kennt mein Ende,
er ist für mich die Heilsgestalt

Als Kind stand er an meiner Seite
im Bombenkrieg so manche Nacht,
er suchte niemals dann das "Weite",
stets hat er über mich gewacht

Hoch oben über Wolken schwebt er,
dort wo es keine Sprache gibt.
Unendlichkeit, sie ist das Fenster,
von wo aus er die Menschen liebt

Er ist die Weisheit ist das Licht,
er kennt das Weltgeschehn,
der Wahrheit sieht er ins Gesicht
und lenkt das Werden und Vergehn

An ihn zu glauben, macht mir Mut,
den Alltag stets zu meistern.
Ein jeder Tag ist höchstes Gut
und wird mich immer neu begeistern.

Wird ebenso die Neugier stillen,
die Neugier auf das Neue.
Geht's auch nicht nur nach meinem Willen,
so glaub' ich fest an seine Treue.


Lesung aus Jeremia 29

Im Jahr 597 vor unserer Zeitrechnung eroberte das babylonische Heer die Stadt Jerusalem. Der König, seine Beamten, die führenden Leute des Landes sowie mehrere Tausend wehrfähige Leute und Handwerker führte das Heer des Königs Nebukadnezer mit nach Babylon ins Exil. Der Prophet Jeremia blieb in der Stadt. Von dort schickte er einen Brief nach Babylon an seine Landsleute. Darin heißt es:

Der Gott Israels, der Herrscher der Welt, sagt zu allen, die er aus Jerusalem nach Babylonien wegführen ließ:
"Baut Häuser und richtet euch darin ein! Legt Gärten an, denn ihr werdet noch lange genug dort bleiben, um zu essen, was darin wächst! Heiratet und zeugt Kinder! Seid um das Wohl der Städte besorgt, in die ich euch verbannt habe, und betet für sie! Denn wenn es ihnen gut geht, dann geht es auch euch gut.
Noch siebzig Jahre wird das babylonischen Reich bestehen. Erst wenn die vorüber sind, werde ich euch helfen. Dann werde ich mein Versprechen erfüllen und euch heimführen.
Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, Gedanken des Freidens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.
Ihr werdet kommen und zu mir beten, ihr werdet rufen und ich werde euch erhören. Ihr werdet mich suchen und werdet mich finden. Das sage ich, der Herr. Ich werde alles wieder zum Guten wenden."


Predigt am 5. November 2006
Jeremia 29,11-14

Gedanken des Friedens hat Gott und nicht des Leides. Er wird alles zum Guten wenden. Was für tröstliche Sätze, die der Prophet Jeremia schreibt und die wir über den Abstand der Zeit von zweieinhalbtausend Jahren heute zu hören bekommen.

Sie, die Sie heute Ihre Jubiläums-Konfirmation feiern, haben erlebt, wie nach grauenhaften Geschehnissen wieder Gutes entsteht. Im Jahr 1942 sind die geboren, die heute ihre Goldene Konfirmation feiern. Einer erinnert sich, dass er im Alter von knapp vier Jahren zum ersten Mal schwarze Menschen gesehen hat. Er wusste bis dahin nicht, dass Menschen überhaupt so aussehen. Amerikanische Soldaten waren es, die mithalfen, unser Land zu befreien von der barbarischen Tyrannei der Nationalsozialisten. Die meisten 1942 Geborenen haben keine persönlichen Erinnerungen an den Krieg. Aber sie haben noch die Trümmer der zerstörten Städte vor Augen und wissen, wie Armut und Hunger sich anfühlen.
Anders ist es für die, die 1932 und früher geboren wurden. Sie haben den Krieg und die Schreckensherrschaft der Nazis bewusst miterlebt. Durch bombastische Aufmärsche haben die Nazis dem Volk Angst und Respekt eingeflößt. Ein riesiges Spektakel, das die ganze Welt beeindrucken sollte, waren die Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Eine aus dem Kreis der Jubilarinnen war persönlich dabei. Sie war damals fünfzehn Jahre, ihr Vater hat sie mitgenommen ins Olympiastadion. Diese Spiele haben mit dazu beigetragen, dass die Welt lange Zeit ihre Augen vor den Untaten der Nazis verschloss.

1946, als unsere Diamantenen Jubilare konfirmiert wurden, war der größte Schrecken vorbei. Zum ersten Mal konnte man wieder im Frieden Konfirmation feiern. Die Feiern hielten sich in sehr bescheidenem Rahmen. Auch zehn Jahre später waren die Geschenke noch überschaubar. Die Mädchen bekamen Bettwäsche, Handtücher, Sammeltassen für die Aussteuer, die Jungen eine goldene Uhr. Dazu gab es Hortensien von den Nachbarn, 4711, Etuis mit Nagelschere und Pfeile und Pralinen. Ein Geschenk, das viele bis heute in Ehren gehalten haben, war das Gesangbuch mit Goldrand und dem Namen, der auf ein Bändchen gedruckt und quer in die obere Ecke des Gesangbuches eingeklebt wurde.
Aber die Hauptsache damals war, dass man lebte und als Familie zusammen war. Dafür wurde das Wohnzimmer ausgeräumt, irgendwo außerhalb zu feiern, konnte sich niemand leisten. Auf engem Raum hockte man zusammen, und alle fühlten sich wohl dabei.

Gedanken des Friedens und nicht des Leides, die hatten auch die Menschen selbst nach dem Krieg. Sie wollten das Leid hinter sich lassen, sich und ihren Kindern eine bessere Zukunft bauen. Dafür arbeiteten und schufteten sie von morgens bis abends. Unsere sechzig- bis fünfundsiebzigährigen Jubilare wurden zur Wiederaufbaugeneration. Besonderes Beispiel dafür ist in unserer Gemeinde die Rheinstahlsiedlung. Zweieinhalbtausend und mehr Stunden haben die Männer nach der Arbeit im Betrieb auf dem Bau verbracht, um die Häuser hochzuziehen.

Scheinbar war das deutsche Volk nach dem Nazi-Taumel vereint in dem Willen, ein Muster an Fleiß, Disziplin und dem Streben nach Recht und Ordnung zu sein. Das "Wirtschaftswunder" nahm seinen Lauf. Aus den Trümmern und den tiefsten Verirrungen, zu denen Menschen fähig sind, haben die Menschen in der jungen Bundesrepublik ein demokratisches Gemeinwesen aufgebaut, in dem es sich gut und sicher leben ließ. Nicht nur Häuser und Gebäude wurden neu gebaut. Auch die Werte, die über ein Jahrzehnt lang mit Füßen getreten worden waren, wurden wieder neu in Geltung gesetzt. Ein Beispiel möchte ich dafür geben mit dem folgenden Zitat. Es stammt aus der programmatischen Erklärung einer Partei, die dem 1946 beschlossenen Programm vorangestellt wurde. Darin heißt es:

Nach dem furchtbaren Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund aus erfolgen. Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein. Durch eine gemeinwirtschaftliche Ordnung soll das deutsche Volk eine Wirtschafts- und Sozialverfassung erhalten, die dem Recht und der Würde des Menschen entspricht, dem geistigen und materiellen Aufbau unseres Volkes dient und den inneren und äußeren Frieden sichert.
Diese Sätze stammen, man hält es nicht für möglich, aus dem Ahlener Programm der CDU von 1947.

Ein Gemeinwesen, in dem die Wirtschaft der Entfaltung der schaffenden Kräfte des Menschen und der Gemeinschaft zu dienen hatte, entstand tatsächlich in der Bundesrepublik Deutschland. Die gewaltige Kraftanstrengung, die dazu nötig war, verdient Bewunderung und Anerkennung.
Unter der Oberfläche allerdings gärte es. Die Jugend machte zum ersten Mal Randale. Sie rasten mit knatternden Mopeds durch die Straßen und Gassen der Großstädte, trugen Jeans, schwarze Lederkluft und kämmten die Haare zum ölig-glänzenden Entenschwanz. Ihre Vorbilder hießen Elvis Presley und James Dean. Lässig an Straßenecken herumhängend eiferten sie ihnen nach. Dazu machten sie bei Rock´n Roll-Konzerten und in Kinosälen lautstark Radau. "Halbstarke" nannte man die Jugendlichen, die in den fünfziger Jahren so auffällig die Autoritäten der Adenauer-Republik provozierten. Mit ihrem Verhalten protestierte diese Minderheit unter den Jugendlichen gegen die immer noch gängige Bevormundung durch die Erwachsenen.
Disziplin, erzwungen mit harten Strafen, oft auch mit Schlägen, war auch nach dem Krieg immer noch eine besondere deutsche Tugend. Das bekamen auch die Jungen und Mädchen zu spüren, die zu dieser Zeit in den kirchlichen Unterricht gingen. Drei Jahre waren damals Pflicht. Der Inhalt des Unterrichts bestand hauptsächlich darin, auswendig Gelerntes abzufragen und die Aufgaben für die nächste Stunde zu erteilen. Gebote, Psalmen, Lieder und Fragen des Katechismus mussten die jungen Leute mühsam in ihr Gehirn einspeichern. Was sie aufsagen sollten, verstanden die meisten kaum. Das machte das Lernen nicht einfacher. "Man fühlte sich sehr unter Druck", sagte eine in der Rückschau. Wer den zu lernenden Text nicht flüssig aufsagen konnte, hatte mit Ohrfeigen oder einer Stunde Nachsitzen im Pfarrhaus zu rechnen. Manche wussten sich allerdings zu helfen. Eine bewährte Methode bestand darin, den Text auf einen Zettel zu schreiben und diesen dem Vordermann an den Pullover zu heften. Einige Jungen verstanden es auch, sich geschickt wegzuducken, sodass der Pfarrer sie beim Abfragen übersah.
Am Ende der Zeit gab es eine Prüfung vor dem versammelten Presbyterium. Die Pastoren sahen schon zu, dass ihre Schäfchen die Prüfung bestanden. Trotzdem war das Abfragen des gesamten Unterrichtsstoffes vor den streng dreinblickenden älteren Herren mit einem gewissen Unwohlsein verbunden.
Hier in Wanheim war es immer noch Pfarrer Pickert, der den Unterricht abhielt und die Jungen und Mädchen nach bestandener Prüfung am 18. März 1956 zur Konfirmation führte.
Bis heute ist diese Feier ein wichtiges Übergangsritual. Es markiert das endgültige Ende der Kindheit und das Eintreten in das Jugendalter. Für die meisten war es damals mit dem Beginn einer beruflichen Ausbildung verbunden. Nur die wenigsten gingen zur höheren Schule. Für alle begann aber mit der Jugend ein neuer Lebensabschnitt.
Bis in die Nachkriegszeit hinein bedeutete Jungsein nur, von den Erwachsenen zu lernen und in die Erwachsenen Welt hineinzuwachsen. Ziel aller elterlichen, schulischen und kirchlichen Erziehung war es, die Jugend nach dem Vorbild der Erwachsenen zu formen.
Den Halbstarken der damaligen Zeit - vielleicht haben einige von Ihnen dazugehört - kommt das Verdienst zu, sich von dieser Gängelung gelöst zu haben. Sie waren der Impulsgeber dafür, dass Jungsein erstmals auch bedeutete, die Freiheiten und Vergnügungsmöglichkeiten eines kurzen Lebensabschnittes für sich zu nutzen.

Inzwischen sind Sie alle älter geworden, noch lange nicht alt. Selbst die, die heute ihr 75-jähriges Konfirmationsjubiläum feiert, ist geistig und was ihr gesamtes Auftreten anbelangt, jung geblieben. Doch allen sieht man an, dass Sie schon eine Menge erlebt, eine Menge hinter sich haben. Das Berufsleben liegt hinter Ihnen, auch, sofern sie Kinder haben, die Zeit der Kindererziehung. Sie mussten den Tod naher Angehöriger verkraften, von Eltern, Geschwistern, Ehepartnern, von Freunden und Nachbarn. Sie haben aber auch von den fünfziger Jahren an Zeit und Gelegenheit gehabt, viel Schönes zu erleben und zu genießen und können dies immer noch.
Im Blick auf Ihr Leben insgesamt können Sie wohl alle oder die meisten von Ihnen sagen: Wir haben es erlebt, dass in der Welt eine Macht wirkt, die Gedanken des Friedens und nicht des Leides hat und die alles zum Guten wenden will.
Allerdings, auch das ist eine Erfahrung Ihres Lebens: Diese Macht, die wir Gott nennen, ist auf unsere menschliche Mitarbeit angewiesen. Wo Menschen diese Mitarbeit verweigern oder sich sogar gegen den göttlichen Friedenswillen stellen, da breiten sich Gewalt und Unrecht aus, da herrscht das Recht des Stärkeren, da führen Menschen offene und lautlose Kriege.

Nach meiner Sicht der Dinge leben wir heute in einer Zeit, in der die Mächtigen in Politik und Wirtschaft hauptsächlich ihr eigenes Wohl und nicht das der Völker im Blick haben. Und die Völker haben nicht die Kraft, entscheidend auf die Gesetzgebung und das Handeln der großen Konzerne Einfluss zu nehmen. Viel wird heute von einem Verfall der Werte gesprochen und geschrieben. Den treiben vor allem die voran, die an den Schaltstellen unserer Gesellschaft das Sagen haben. Was einmal bis in die CDU hinein Übereinstimmung in unserer Gesellschaft war, gilt nicht mehr: dass die gesamte Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung dem Wohlergehen des Volkes dienen muss. Und dass dem kapitalistischen Gewinn- und Machtstreben mit entsprechenden Gesetzen Grenzen gesetzt werden müssen.
Das war einmal eine Übereinkunft in unserem Land. Längst haben sich alle regierenden Parteien von diesem Ziel verabschiedet. Wir als Bürgerinnen und Bürger müssen erkennen, dass wir auch mit unserem Wahlzettel nicht mehr mitbestimmen können. Denn eine wirkliche Volkspartei, eine Partei, die dem Wohle des Volkes dient, ist nicht mehr in Sicht, zumindest nicht unter den seit Jahrzehnten bestehenden Parteien.
In der am Donnerstag von der ARD veröffentlichten Umfrage sagen zwei Drittel der Deutschen, dass es in unserem Land eher ungerecht als gerecht zugeht. Und das in einer Zeit, in der die Wirtschaft boomt und Rekordgewinne einfährt. Dennoch wächst die Kluft zwischen Armen und Reichen, und die Armen werden immer mehr.
Wir, die wir jetzt hier Gottesdienst feiern, sind in diesem Land zu Hause. Wir leben nicht in der Fremde wie die Menschen damals, an die der Prophet Jeremia seinen Brief geschrieben hat. Und doch fühlen sich viele Menschen zunehmen fremd im eigenen Land. Ich erinnere mich an den Ausspruch eines Kollegen, den er vor Jahren auf einer Synode getan hat. Er sprach von der babylonischen Gefangenschaft des Geldes, in der wir leben. Das kapitalistische Macht- und Gewinnstreben hat ein solches Ausmaß erreicht, dass viele Menschen sich nicht mehr wohl fühlen und es immer mehr Menschen auch nicht mehr wohl ergeht. Die sommerliche Feiertagsstimmung bei der Fußball-WM kann darüber nicht hinwegtäuschen.
Den Menschen damals in Babylon hat Jeremia angekündigt, dass sie siebzig Jahre lang warten müssten bis zu der angekündigten Wende zum Guten. Wie lange müssen wir warten bis zu der Befreiung aus dem kapitalistischen Exil und einer Rückkehr zu friedlichen und gerechten Verhältnissen? Es wird vermutlich auch noch einige Jahrzehnte dauern. Trösten können wir uns mit dem Versprechen, dass Unrecht und Unfrieden nicht von Dauer sein werden:
"Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung."
Dass in der Welt ein starker Wille wirkt, der zu friedlichen und gerechten Verhältnissen führt, das hat sich im Laufe der menschlichen Geschichte immer wieder bewahrheitet. Dass dieser Wille immer wieder durch menschliches Tun in seinem Wirken behindert werden kann, auch das kennen wir zur Genüge. Dennoch halten wir uns als Christen daran fest, dass Gott Gedanken des Friedens mit seiner ganzen Welt hat und diese Gedanken auch durchsetzen will.
Wir halten uns daran fest, dass Gott auch mit uns persönlich Gedanken des Friedens hat, allem Leid zum Trotz, das wir hier und da erleben müssen.
Seinen Frieden wendet Gott uns zu, indem er uns segnet. Mit seiner Kraft rührt er uns an.
Zum Zeichen dafür sollen alle Jubilare und Jubilarinnen gleich noch einmal die Hände aufgelegt bekommen wie damals bei der Konfirmation. Gott segnet Sie, diese Gewissheit sollen Sie alle mitnehmen von dieser Jubelfeier. Mit Gedanken des Friedens und nicht des Leides begleitet er jede und jeden von Ihnen, gibt Ihnen Zukunft und Hoffnung.