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Predigt zu Markus 2,18-22
14. Januar 2007
2. Sonntag nach Epiphanias
 

"Uns bleibt nichts zu tun, außer Danke zu sagen.
Denn ihr habt Großes geleistet in diesen Tagen.
Und die Zweifler verstummten nach wenigen Stunden.
Ihr habt euch hochgeboxt denn ihr ward ganz unten.
Und wer so kämpft wie ihr, darf auch mal verlieren."

Xaver Naidoo hat diese Zeilen gedichtet in der Nacht nach dem Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Italien. Kurz vor dem erhofften Einzug ins Finale hatten die Italiener den Traum vom vierten Weltmeistertitel für Deutschland zunichte gemacht. Der Sänger hat mit diesem Lied der ganzen Mannschaft ein musikalisches Dankeschön ausgesprochen. Vor jedem Spiel hat sein Lied "dieser Weg" die Spieler motiviert, das Beste aus sich herauszuholen.
Der Einsatz, den die Mannschaft zeigte, schwappte über auf das Publikum. Die Begeisterung von den Rängen wiederum spornte die Spieler zu begeisternden Auftritten an. So wurde die Fußball-Weltmeister-schaft im vergangenen Sommer zu einem großen rauschenden Fest. Unser Land zeigte ein so noch nicht dagewesenes freundliches, fröhliches Gesicht. Viele Menschen, auch solche, die bisher mit Fußball nicht viel zu tun hatten, ließen sich anstecken von der fröhlichen und friedlichen Stimmung. Das Wetter tat das Übrige dazu.
Am Nikolaustag, als Weihnachtsgeschenk sozusagen, zeigte das Fernsehen den Film von der WM. "Deutschland - ein Sommermärchen", so heißt der Titel. Es war tatsächlich eine märchenhaft schöne Zeit. Sönke Wortmann, der Filmemacher, vergleicht in seinem Tagebuch den Jubel nach der gewonnen WM 1954 und den nach dieser WM: "1954 hatte eine deutsche Nationalmannschaft der jungen Bundesrepublik ein erstes Selbstwertgefühl gegeben. 2006 half eine deutsche Nationalmannschaft dem land, sich selbst zu mögen."
In der Tat war es so: Man sah Fahnen an Häusern und Autos in bisher nie gekannter Zahl. Überall flatterte ein buntes Stück Stoff im Wind. Kein neu erwachtes Gefühl von nationaler Größe und Überheblichkeit machte sich hier breit, sondern schlichte, einfache Freude und das Bedürfnis, dabei zu sein, die Freude zu zeigen.
Warum erzähle ich das? Es ist für mich ein anschauliches Beispiel für das, was Jesus meint:

"Und die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten viel; und es kamen einige, die sprachen zu ihm: Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, und deine Jünger fasten nicht? Da sprach Jesus zu ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten."

Es gibt, so verstehe ich die Antwort Jesu, eine Zeit der Freude. Und da sollen Menschen sich auch freuen dürfen, uneingeschränkt und ohne schlechtes Gewissen. Eine solche Zeit der Freude hat unser Land erlebt im vergangene Jahr, viele Menschen haben diese Zeit genossen. Und ich gestehe: Ich selbst habe noch nie mit einer solchen Begeisterung die Spiele einer deutschen Nationalmannschaft verfolgt. Der Sieg im Spiel um den dritten Platz und die ausgelassen feiernden Menschen hat auch in mir ein inneres Hochgefühl entsehen lassen.
Es gibt eine Zeit, da ist feiern erlaubt. Das habe ich auch bei dem hinter uns liegenden Weihnachtsfest gedacht. Offenbar hatten viele Menschen das Bedürfnis, dieses Fest in Gemeinschaft zu feiern. Noch nie seit ich hier in der Gemeinde bin, habe ich die Kirche so voll erlebt, wie am vergangenen Heiligabend. Eine Presbyterin erzählte nach dem Gottesdienst, was ihr aufgefallen war: Die Gesichter der Menschen, die sie noch nie so offen und fröhlich erlebt hatte.
Es gibt eine Zeit, da dürfen wir uns einfach nur freuen. Ich finde es besonders für uns Protestanten wichtig, dass wir uns das einmal sagen lassen. Denn wir neigen dazu, das Leben schwer zu nehmen und selbst in frohen Momenten das Unglück nicht aus dem Auge zu verlieren. Mir selber geht es jedenfalls oft so.
Es besteht ja auch reichlich Grund, sich tiefe Sorgen zu machen. Eine ehemalige Presbyterin sagte bei einer Geburtstagsfeier in der vergangene Woche: "Wenn ich die Zeitung ansehe, dann bin ich schon bedient. Es sind nur schlechte Nachrichten, die einem schon auf der ersten Seite ins Auge springen." Dass zum Beispiel der Giftmüll aus Australien über die Weltmeere hierher nach Deutschland geschifft wird, um hier verbrannt zu werden, das empfand sie als eine besonders skandalöse Nachricht an dem Morgen, als wir uns trafen.
Nachrichten, die einem die Freude am Leben verderben, die einem den Glauben und die Hoffnung rauben, die gibt es zuhauf. Ich selber merke, dass ich manchmal bei den Tagesthemen am Abend müde werde von den vielen schlechten Nachrichten und einfach abschalte, weil ich das Gezänk der Menschen und das Unheil, das sie verbreiten, nicht mehr hören und sehen kann.
Dazu kommt, dass es auch in unserem nächsten Umkreis viel Leid gibt. Gründe, das Leben schwer zu nehmen, sind genug vorhanden. Denn es geschieht so viel, was das Leben wirklich schwer macht.
Gründe genug gibt es also zu fasten, Buße zu tun, Gott um sein Erbarmen zu bitten und innere Einkehr zu halten.

Zur Zeit Jesu war es bei manchen Frommen Sitte geworden, zweimal wöchentlich zu fasten. Im Judentum war das Fasten als Ausdruck der Buße und Trauer ursprünglich nur einmal im Jahr Pflicht: am großen Versöhnungstag. Die Frommen, die es in vieler Hinsicht besonders genau nehmen, hatten daraus eine wöchentliche Pflicht gemacht. Sie verzichteten auf Essen und Trinken als Sühne für eigene oder fremde Sünden. Die Jünger des Johannes schlossen sich dieser Praxis an. Nun wird Jesus gefragt, warum seine Jünger das nicht tun. Jesus selbst hat es ihnen nicht vorgelebt, im Gegenteil. Er lebte von der Hand in den Mund. An manchen Tagen werden er und die Jünger nicht viel gegessen haben, einfach weil sie nicht viel hatten. Sie waren auf Wanderschaft und angewiesen darauf, dass jemand sie einlud. Und wenn das jemand tat, dann ließen sie es sich schmecken, das Essen und auch die Getränke. Einmal wird Jesus als "Fresser und Weinsäufer" beschimpft. Offenbar war er auch einem guten Tropfen gegenüber nicht abgeneigt.

Jesus sah das Leben als ein Fest an. Die Hochzeit gebraucht er als Bild für die Einheit des Lebens, für die Verbindung von Himmel und Erde. Er selbst war es, der durch seine Person diese Verbindung herstellte. Er, ein Mensch wie wir, war der Gesandte Gottes. Von Gott auserwählt, ihn, Gott selbst, noch einmal neu unter den Menschen bekannt zu machen. In dem Menschen Jesus von Nazareth kam Gott zu den Menschen. Und wenn Gott bei den Menschen ist, dann ist Heilsfreude angesagt, nicht Sündentrauer. Dann darf gefeiert werden. Das Fasten darf man getrost denen überlassen, die alles besonders gut machen und Gott mit guten Werken gnädig stimmen wollen.
In Jesu Nähe brauchte niemand Gott gnädig zu stimmen. Seine Gnade war schon da, zum Greifen nah. Sie zeigte sich in dem, was Jesus tat, wie er Menschen ansah, anrührte und ermutigte. "Steh auf und geh". Am Anfang seines zweiten Kapitels erzählt der Evangelist die Geschichte, in der Jesus einem Gelähmten verhilft, wieder auf eigenen Füßen zu stehen. Unmittelbar darauf folgt die Geschichte vom Mahl Jesu mit Zöllnern und Sündern.
Durch sein Dasein, sein Reden und Handeln hat Jesus andere Menschen Heil erfahren lassen. Er verbreite um sich ein grenzenloses Vertrauen in die Kraft und die Güte Gottes. Er steckte andere Menschen an mit seiner Hoffnung, dass im Vertrauen auf Gott alle Dinge möglich sind. Wo jemand seine Hilfe suchte, ließ er sich durch nichts und niemanden abhalten, Hilfe zu leisten und die Not des Menschen zu wenden. So erfuhren Menschen durch ihn die Liebe Gottes.
Wo diese zum Greifen nahe ist, da darf gefeiert, gesungen, getanzt und gelacht werden. "Solange der Bräutigam da ist, kann niemand fasten."

Aber nun ist Jesus, der Bräutigam, schon lange nicht mehr auf der Erde. Da liegt es nahe zu fragen: Ist mit seinem gewaltsamen Tod der Alltag eingetreten nach der Hoch-Zeit seines Daseins? Oder können wir heute immer noch von einer Heilszeit sprechen, weil Jesus mit seinem Geist weiter unter uns ist?
Beides ist wahr. Es ist Alltag, Zeit, in der alles seinen Gang geht, meistens ziemlich gottlos. Die schlechten Nachrichten hören nie auf. Am Freitag konnten wir lesen von der Ankündigung des amerikanischen Präsidenten, den Krieg im Irak zu verschärfen. Offenbar treibt er sein Land und die ganze Welt in ein zweites Vietnam. Auch wenn er seine Reden mit frommen Floskeln schmückt, seine Politik ist gottlos, ist gegen Gott und die Menschheit gerichtet. In einer gottlosen Zeit leben wir, das kann man wohl verallgemeinernd sagen.
Das zeigt sich nicht nur in dem, was die Medien uns berichten. Das zeigt sich auch in dem, was wir selbst tagtäglich erleben. Unter Jugendlichen ist das Chatten groß in Mode. Dabei begibt man sich mit dem Computer in einen unsichtbaren Raum. Dort trifft man andere Menschen, die irgendwo an ihrem PC sitzen und Sätze in diesen virtuellen Raum stellen, die man an seinem eigenen Computer lesen kann. Es werden oft ziemlich unsinnige und vor allem unvollständige Sätze geschrieben in einer Sprache, die man als nicht Eingeweihter kaum versteht. Doch wenn man selbst etwas von sich preisgibt und vernünftige Fragen stellt, gibt es manchmal auch vernünftige Antworten.
In den Ferien hat meine Tochter sich auch einmal in einen solchen Chat begeben. Auf meine Bitte hin schrieb sie die Frage: "Gehst du in die Kirche?" Die Kommentare lauteten: "Was ist das denn für eine blöde Frage?" "Was bist du für eine?"
Ich fand bestätigt, was ich vermutet habe: Kirche liegt außerhalb des Lebensbereichs vieler Menschen. Sie kommt in ihrem Denken nicht vor. Schon die Frage danach erscheint als vollkommen unsinnig.
Im Kleinen wie im Großen finde ich viele Bestätigungen für meinen Eindruck: Wir leben in einer gottlosen, gottfernen Welt. Nicht weil Gott uns fern ist und uns Menschen los sein will. Sondern weil wir Menschen uns von ihm fernhalten und unser Leben ohne ihn gestalten.
Aber auch das andere stimmt: Wir leben in einer Heilszeit, in einer von Gottes Geist erfüllten Zeit.
Das Kirchenjahr hilft uns, dieses nachzuempfinden. Es lässt uns beides erleben: Die gottferne Zeit in den Wochen vor Ostern, in der Passionszeit. Und die Gott nahe Zeit, die wir an den hohen Festtagen erleben. Zu Weihnachten haben wir Gottes Nähe, sein Kommen zu uns gefeiert. Jetzt ist Epiphaniaszeit.
Das Epiphaniasfest ist das älteste nichtjüdische Fest und zugleich das erste Fest der Christenheit, welches kalendarisch festgelegt wurde. Orthodoxe Kirchen feiern bis heute am 6. Januar ihr Weihnachtsfest.
Zu Weihnachten steht die Menschwerdung Gottes im Vordergrund, sein Angewiesensein auf unsere Liebe und Fürsorge. Das Fest der Erscheinung betont, dass dieses Kind nicht nur ein hilfloses Baby ist, sondern dass sich in ihm der neugeborene König verbirgt, der mit Kraft und Vollmacht Gottes Wirken auf der Erde anschaulich macht.
Die Weisen kommen, um ihn anzubeten, mit königlichen Geschenken erweisen sie ihm Ehre als dem "neugeborenen König der Juden". Und er selbst, Jesus, nimmt als erwachsesner Mann an einer Hochzeit teil und verwandelt dort Wasser in Wein. Diese Geschichte ist das Evangelium des heutigen Sonntags, die wie unser Predigttext betont: Jesu Dasein ist Heilszeit, Zeit der Freude. Jetzt selbst setzt sich mit seiner ganzen von Gott gegebenen Kraft dafür ein, dass Menschen froh werden.

Für uns als Christen ist also alle Jahre wieder Jesu Kommen auf die Erde ein Wintermärchen, eine Zeit, in der wir uns uneingeschränkt freuen dürfen. Jesus hat alle Menschen in seiner Umgebung eingeladen, sich mit zu freuen. Auch und gerade die, die eigentlich keinen Grund zur Freude hatten: die Armen, die Kranken, die aus der Mitte der Gesellschaft Ausgeschlossenen.
Ich habe in der weihnachtlichen Freudenzeit durch den Tod zweier recht junger Frauen wieder einmal miterlebt, wie schnell alles ganz anders werden kann. Während am Freitag bei der Trauerfeier die Orgel spielte, kam mir der Gedanke: Eigentlich ist jeder Tag, den wir bei wachem Bewusstsein erleben, ein Freudentag, ein Tag, an dem wir die Güte Gottes sehen, schmecken, fühlen und riechen können. Jeder Morgen, an dem wir die Augen aufschlagen, haben wir Grund zu sagen: "Dies ist der Tag, den Gott macht; lasst uns freuen und fröhlich darin sein."