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Predigt zu dem Lied von Paul Gerhardt
"Du meine Seele, singe"
04. März 2007
Reminiszere
 

Der alte Freund Fritz

Am Montag ist ein wunderbarer Film im Zweiten Programm gelaufen: "Mein alter Freund Fritz". Damit war nicht ich gemeint. Es ging um einen Arzt. Er war Chefarzt in einem Krankenhaus, um es genauer zu sagen, ein anerkannter Chirurg.
Auf der Rückfahrt von einem Kongress gerät sein Auto auf der regennassen Straße ins Schleudern, überschlägt sich und bleibt auf einem Acker liegen. Er selbst befindet sich schwer verletzt in dem Auto. Man sieht, wie die Rettungskräfte sich um ihn bemühen.
Eine andere Szene zeigt ihn, wie er heil und unverletzt über den Acker geht und dort seinem alten Freund Fritz begegnet. Fritz war ein Studienkollege, der aber schon vor einundzwanzig Jahren gestorben ist. Auf diese Weise setzt der Film eine so genannten Nahtoderfahrung ins Bild.

Viele Berichte von Menschen liegen inzwischen vor, die an der Schwelle zum Tod gestanden und in diesem Moment erstaunliche Erfahrungen gemacht haben. Oft schildern sie, dass sie neben sich treten und sich selbst beobachten, wie sie da liegen und Ärzte sich um sie bemühen. Es scheint so, als wenn die Seele dieser Menschen sich selbstständig gemacht habe.

Solche Erfahrungen nimmt der Film auf. Der Arzt steht gleichsam neben sich und befindet sich auf dem Weg in die jenseitige Welt. Da wartet bereits sein alter Freund auf ihn.

Menschen mit Nahtoderfahrungen schildern, dass sie längst verstorbene Angehörige gesehen haben, die auf sie zu warten schienen.

Das Originelle an der Filmgeschichte ist nun: Der Arzt, um dessen Leben die Rettungskräfte kämpfen, gibt seinem Freund die Hand und lässt sie nicht mehr los. Der Freund sagt immer wieder, er solle ihn loslassen, aber der Arzt lässt nicht los. Dann sieht man ihn wieder in Echtsituation auf der Bahre liegen und langsam zu sich kommen. Im Krankenhaus kommt er vollständig wieder zu Bewusstsein. Aber er ist nicht allein im Zimmer. Sein alter Freund Fritz, den er nicht losgelassen hat, taucht plötzlich auf. Der Arzt sieht ihn ganz wirklich vor sich und redet mit ihm.
Dabei kommt es zu vielen witzigen Situationen. Denn außer ihm sieht niemand diesen Mann aus dem Jenseits. Immer fühlen sich Leute angesprochen, wenn der Arzt mit seinem Freund redet. Schließlich bekommen einige das Gefühl, er sei nicht mehr ganz richtig im Kopf. Auch seine Frau fängt an, sich Sorgen um seinen Geisteszustand zu machen. Schließlich gesteht er ihr, mit dem er dauernd Gespräche führt.
Leute in seiner Umgebung fangen an zu rätseln, was es mit dem alten Freund Fritz auf sich hat. Ist sein Geist oder seine Seele unterwegs?, so fragen sie sich. Der Arzt, der inzwischen geheilt und wieder als Chirurg tätig ist, tut das ab. Er sagt: "Ich habe schon Hunderte von Menschen operiert und ihr Inneres angeschaut, auf eine Seele bin ich noch nie gestoßen."
Auch wenn er nicht wirklich an das Vorhandensein einer Seele oder an ein Leben nach dem Tod glaubt, nimmt er seine Erfahrungen doch ernst. Einmal sieht man ihn, wie er bei einem alten Mann auf der Intensivstation eine Visite macht. Schnell ist er wieder weg und lässt den Mann mit seinen Fragen und Ängsten allein. Täglich spielt sich eine solche Szene in unseren Krankenhäusern ab.
Doch bevor er davoneilen kann, spricht sein alter Freund ihn an und fragt ihn, ob er nicht mehr für den Mann tun könne. Der Arzt kommt ins Nachdenken, geht schließlich wieder zurück ans Bett des Schwerkranken und redet mit ihm über dessen Sorgen und was er noch vom Leben erwarten kann. Er wird zu einem wirklichen Begleiter des Kranken in seiner letzten Lebensphase. Am Ende ist er mehr Seelsorger als Arzt, denn aus medizinischer Sicht ist nichts mehr zu tun. Aber er hilft dem Mann zu sterben und seinen Angehörigen, das Sterben anzunehmen.
Anrührende Szenen sind das, die der Film am Sterbebett zeigt. Durch den alten Freund Fritz findet der Arzt seine eigene Seele wieder. So deute ich das Geschehen.


Was ist die Seele?

Was die Seele eigentlich ist, das ist ein unterschwelliges Thema des Films. Ich habe so ausführlich davon erzählt, weil der Film uns gutes Anschauungsmaterial liefert. Um die Seele geht es mit nämlich heute. Was es mit ihr auf sich hat, dem will ich ein wenig nachspüren.

Anlass dazu geben mir die Lieder von Paul Gerhardt, in denen die Seele immer wieder vorkommt. Paul Gerhardt hat bei seinen Dichtungen viele Wendungen aus den Psalmen der Bibel übernommen. Das hebräische Wort für Seele ist das Hauptwort, das am häufigsten in den Psalmen vorkommt. Es hat also ein besonderes Gewicht und ist es deshalb wert, dass wir uns einmal eingehend damit befassen.

"Du meine Seele, singe", hat Paul Gerhardt gedichtet und dabei den Psalm 146 vor Augen gehabt: "Lobe den Herrn, meine Seele."

Immer wieder stoßen wir in den Psalmen auf Gespräche, bei denen ein Mensch seiner Seele gegenübertritt. Sie erscheint manchmal als ein anderes Ich. Der Theologieprofessor Ingo Baldermann, der sich intensiv mit den Psalmen und darum auch mit der Seele beschäftigt hat, bezeichnet sie als den Sitz der Emotionen.
Die Seele ist es in den Psalmen, die Freude und Angst empfindet, die unruhig umher flattert wie ein Vogel, die zu Tode betrübt ist, die weit ihre Flügel ausspannt voller Sehnsucht nach Freiheit und Glück. Die Seele ist es auch, die eine Beziehung zu Gott hat: "Er erquicket meine Seele." So heißt es in Psalm 23.
In seinem Heilandsruf lädt Jesus ein: "Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken, eure Seelen sollen bei mir aufatmen können." (Baldermann, Psalmen als Gebrauchstexte, S. 79)

Es kommt vor und zwar häufig, dass ein Mensch keinen Zugang hat zu seiner Seele, zum Sitz seiner Empfindungen und auch nicht zu Gott. Deshalb finden wir in den Psalmen und in vielen unserer Lieder immer wieder die ausdrückliche Aufforderung: "Du meine Seele, singe".
Es versteht sich nicht von selbst, dass wir Menschen Gott loben und ihm danken. Wir müssen darauf gestoßen werden oder uns auch selber darauf stoßen, dass wir viel Grund dazu haben. Um Gottes willen sollen wir das tun, denn Gott freut sich daran, wenn wir ihn loben und ihm danken. Auch um unserer selbst willen sollen wir das tun. Denn von Jesus lernen wir, dass ein Mensch erst dann ganz und heil ist, wenn er Gott loben kann. Um unser eigenes Seelenheil geht es also, wenn wir Gott loben. Dabei erinnern wir uns an das Gute, das er uns tut. Und das macht uns froh und zuversichtlich.

Ausdrücken lässt sich das Lob Gottes am besten durch Gesang. Denn das Singen bringt mehr in uns zum Schwingen als das Sprechen. Durch das Singen können wir eigene Gemütsregungen viel mehr zum Klingen bringen. Deshalb ruft das Lied auf: "Du meine Seele, singe".

Es gibt Situationen, da ist einem nicht nach Singen zumute, da ist die Kehle wie zugeschnürt, ein dicker Kloß sitzt im Hals. So geht es vielen Menschen auf dem Friedhof. Bei den meisten Trauerfeiern wird nicht mehr gesungen, weil die Angehörigen sagen: "Wir können dann sowieso nicht singen."
Bemerkenswert ist, dass im Hebräischen das Wort für Seele und Kehle das gleiche ist. Was mir die Kehle verschließt, nimmt mir den Atem und damit das Leben. Eine lebendige Seele ist der Mensch, weil Gott ihm seinen Atem einhaucht. Die Seele, so halte ich jetzt weiter fest, ist Gottes Atem in uns.
Was uns die Luft nimmt, den Atem verschließt, das geht an unsere Seele, an unser Leben. Singen hilft, die Kehlen zu öffnen, sie kräftig mit Luft durchzupusten. Aus dem Grund beginnen viele Chorleiter die Proben und Aufführungen mit Atemübungen. Erst einmal soll der Atem richtig in Gang gesetzt werden. Denn auf das richtige Atmen kommt es beim Singen an.
Singen ist also immer ein gutes Mittel gehen alles, was einem die Kehle zuschnürt und den Atem rauben will.

"Du meine Seele sing, wohlauf und singe schön". Nun ja, das ist nicht jedem gegeben. Aber jeder kann singen so gut, wie er eben kann. Übung macht auch hier den Meister. Und das Singen mit anderen hilft, selber den richtigen Ton zu finden.

Wo die Seele Halt findet

Singen soll die Seele "dem, welchem alle Dinge zu Dienst und willen stehn". Ist schon das Singen selbst eine Art des Widerstands gegen Leid, Angst und Schmerz, so erst recht die Hinwendung zu dem, "welchem alle Dinge zu Dienst und Willen stehn."
Welch ein kühner Satz nach all dem, was Paul Gerhardt mit angesehen an! Der dreißigjährige Krieg liegt hinter ihm, unvorstellbare Grausamkeiten und Verwüstungen hat dieser Krieg mit sich gebracht, Hungersnöte und Pestepidemien. Alles schien Gott vollkommen aus dem Ruder gelaufen zu sein. Wo war er in all diesem Elend? Warum hat er den Menschen mit ihrem Hass und ihrer Lust zu Töten nicht Einhalt geboten?
Alle Dinge sollen ihm zu Dienst und willen stehen? Um das zu glauben, muss man schon einen starken Glauben haben, einen Dennoch-Glauben, der trotz allem Leid an Gott festhält. Solch einen Glauben hatte Paul Gerhardt.
Er sucht und findet Halt an "Jakobs Gott und Heil". Paul Gerhardt bekennt sich ausdrücklich zu dem Gott, der sich in der Geschichte seines Volkes bekannt gemacht hat. Es ist der Gott, der gesagt hat: Ich bin da, ich bin an deiner Seite, wohin du auch gehst. Ich werde mich immer als dein Gott erweisen.
In der Geschichte Israels hat Gott dies unter Beweis gestellt und sich als der erwiesen, der sein Volk führt, tröstet, ihm ins Gewissen redet und immer wieder seine Geschicke zum Guten wendet.
Durch sein Dasein an der Seite seines Volkes Israel hat Gott aller Welt gezeigt, wer er ist, was wir Menschen von ihm erwarten können und was er von uns fordert.
Dieses Dasein Gottes in der Geschichte der Völker und in der Lebensgeschichte eines jeden einzelnen Menschen, das ist der Halt, an dem wir unseren Glauben festmachen können.
Wer diesen Halt für sich gefunden hat und diesem Gott vertraut, besitzt damit den größten Schatz, den es geben kann: "Sein Herz und ganzes Wesen bleibt ewig unbetrübt."
Hier kommt wieder die Seele ins Spiel, die jetzt nur einen anderen Namen erhält. Dass die Seele unbetrübt bleibt trotz allen Leides, das ist wieder so ein kühner Satz des Dichters. Wie kann das sein und was kann er gemeint haben?

Mit kommt noch einmal der Film in den Sinn und zwar die Szene mit dem schwer kranken alten Mann und dem Arzt auf der Intensivstation. Der alte Mann atmet schwer. Er fragt den Arzt: "Ist er schon auf dem Flur?" Mit "er" meint er den Tod. Der Arzt nickt. "Ist er schon hier im Zimmer?", fragt der Mann weiter. Der Arzt nickt wieder. Der Mann bleibt gefasst. Draußen auf dem Flur erklärt der Arzt dem Sohn und seiner Frau, dass die Zeit des Abschieds gekommen ist. Beide gehen in das Sterbezimmer. Man sieht, wie der Sohn seinem Vater zärtlich über die Stirn streichelt, bis er gestorben ist. Das ist sehr traurig. Aber es ist auch so, dass die Seele unbetrübt bleibt. Denn sie hat sich ganz in Gottes Hand begeben und spürt, dass sie bei ihm geborgen ist.

Die Seele, so wage ich es jetzt zu sagen, ist das von Gott in uns, der Kern unserer Lebendigkeit, das von Gott uns eingehauchte Leben. Das kann uns verloren gehen, wenn wir allzu sehr beschäftigt sind und allzu wenig an Gott denken, allzu selten unsere eigenen Empfindungen wahrnehmen. Dann verlieren wir den Kontakt zu unserer Seele. Der Arzt in dem Film war auf dem Weg dahin. Immer viel beschäftigt, voller Ehrgeiz, die Karriereleiter höher zu steigen, einem Seitensprung nie abgeneigt.
Da bremste ihn der Unfall, sein alter Freund Fritz stellte sich ihm in den Weg und half ihm, seine Seele wiederzufinden.
Damit sind wir wieder bei einem Geheimnis der Psalmen, das ihre hebräische Ursprache verbirgt:
In seiner Bibelübersetzung verwendet Martin Luther einige Male das Wort "erquicken": "Er erquicket meine Seele", so übersetzt er zum Beispiel den Vers 3 in Psalm 23. Das hebräische Wort, das da steht, bedeutet eigentlich, dass die Seele "wiederkehrt" oder "wiedergebracht wird".
Das hat der Arzt in dem Film erfahren. Durch die Begegnung mit seinem alten Freund ist ihm seine Seele wiedergebracht worden. An seinem menschlichen Umgang mit anderen Menschen zeigte es sich, dass er wieder mit ihr in Kontakt stand. Da hatte dann auch der alte Freund seine Mission erfüllt und konnte verschwinden.

Die Seele, die in Verbindung mit ihrem Schöpfer steht, die kann nichts betrüben. Sie weiß sich gehalten und geborgen. Und sie weiß, dass diese Verbindung nie enden wird, auch nicht mit dem Tod. Mit dieser Zuversicht ist der alte Mann in dem Film seinen letzten Weg gegangen. Mit dieser Zuversicht können auch wir leben.