zur Übersicht
"Er führet mich auf rechter Straße, um seines Namens willen." (Psalm 23,3)
04. November 2007
Goldkonfirmation
 

Es ist viel passiert, damals im Jahr 1957. Sie, die heutigen Goldkonfirmandinnen und -konfirmanden, waren damals vierzehn Jahre alt. Für die meisten von Ihnen begann gleich nach der Konfirmation der Ernst des Lebens. Fast alle gingen in die Volksschule. Die war damals noch eine echte Volksschule, nur ganz wenige gingen auf die Realschule, die damals noch Mittelschule hieß, noch weniger wagten den Sprung aufs Gymnasium. Die Volksschule endete nach dem achten Schuljahr. Danach fing sofort die Lehre an.
Jeder Volksschüler fand eine Lehrstelle. Selbstverständlich stellte jeder Meister Lehrlinge ein. Die waren zunächst einmal Mädchen für alles. "Lehrjahre sind keine Herrenjahre", so hieß es, und so war es auch. Eine aus dem Kreis erzählte: "Unsere Generation ist im Grunde genommen unterdrückt worden. Wir mussten schwer arbeiten und durften nicht widersprechen. Es war hart. Als Lehrlinge wurden wir ganz schön ausgenutzt."
Trotzdem waren sich in dem Vorgespräch alle einig: "Wir waren glücklicher als die jungen Menschen heute. Wir hatten alle nicht viel und haben aus dem, was wir hatten, etwas gemacht. Vermisst haben wir nichts. Wir hatten alle Aussicht auf Arbeit, mussten bald nach der Konfirmation Verantwortung übernehmen. Dagegen ist die heutige Jugend schlecht dran. Viele haben keine Chance, eine Stelle zu finden. Ihre Zukunftsaussichten sind schlecht."
Auch wenn die Lehrjahre keine Herrenjahre waren, möchte wohl niemand von Ihnen mit der Jugend von heute tauschen.
Als Lehrlinge haben Sie manchmal bis spät abends arbeiten müssen. Niemand hat sich darüber beklagt.
Am 1. März wurde in mehreren Betrieben der Bundesrepublik die 45-Stunden-Woche eingeführt. Bis dahin haben die meisten noch 48 und mehr Stunden in der Woche gearbeitet.
Es sind noch viele andere wichtige Dinge passiert in der jungen Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1957. Als Vierzehnjährige haben Sie vermutlich nicht viel davon mitbekommen, vielleicht schon mehr die damals 24 oder 30 Jahre alt waren. Ich nenne ein paar Daten aus der Chronik. Sie erinnern an Ereignisse von besonderer Tragweite.
Am 1. Januar 1957 wird das Saarland als zehntes Bundesland Teil der Bundesrepublik.
Am 25. März unterzeichnen Vertreter Belgiens, Luxemburgs und der Niederlande mit Vertretern Frankreichs, Italiens und der Bundesrepublik Deutschland die "Römischen Verträge" über die Schaffung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Daraus ist die heutige EU entstanden.
Anfang April rücken die ersten Wehrpflichtigen in die Bundeswehrkasernen ein.
Bundeskanzler Adenauer tritt in einer Pressekonferenz für die atomare Aufrüstung der Bundeswehr ein.
Im "Göttinger Manifest" fordern achtzehn führende deutsche Atomwissenschaftler die Bundesregierung zum Verzicht auf die atomare Bewaffnung der Bundeswehr auf.
Rund 150 Rundfunkanstalten übertragen weltweit eine Ansprache des Nobelpreisträgers Albert Schweitzer (1875-1965), der vor den Gefahren durch Atomstrahlen warnt und zur Einstellung der Atomwaffen-Versuche aufruft.
Am 23. Juni wird Borussia Dortmund mit einem 4:1 Sieg über den Hamburger Sport-Verein Deutscher Fußballmeister, zum zweiten Mal hintereinander. Den Kapitän der Meistermannschaft habe ich kennen gelernt, er wohnte hier im Duisburger Süden. Es war Adi Preisler, der mir mit Stolz erzählte, dass die gleichen elf Spieler 1956 und 1957 die Meisterschale gewannen. Damals durfte noch nicht ausgewechselt werden. Deshalb bleibt dieser Rekord von Borussia Dortmund wohl für alle Zeiten einmalig.
Einmalig bleibt wohl auch der Rekord der CDU bei den Bundestagswahlen am 15. September. Bei den Wahlen zum Deutschen Bundestag erreicht die CDU/CSU mit 50,2 Prozent der gültigen Stimmen die absolute Mehrheit.
"Keine Experimente" - mit diesem Slogan hatte Konrad Adenauer als Kanzler seine Partei in den Wahlkampf geführt.
Am 3. Oktober wird Willy Brandt wird zum Regierenden Bürgermeister von West-Berlin gewählt.
Einen Tag später startet die Sowjetunion den ersten künstlichen Erdsatelliten "Sputnik1" und eröffnet damit die Ära der Raumfahrt. Der technologische Erfolg der Sowjets löst in den USA den sogenannten Sputnik-Schock aus.
Schließlich noch eine Meldung von Ende Oktober, die alle Schüler und Schülerinnen und damit auch die Konfirmanden betraf:
Der Bundesgerichtshof erkennt die Züchtigungsbefugnis der Lehrer gegenüber Schülern grundsätzlich an, verweist aber darauf, dass diese nur in Ausnahmefällen angewendet werden sollte.
Damit sind wir wieder am Anfang des Rückblicks. Die Adenauerjahre waren geprägt von einem autoritären Klima. Junge Leute hatten Erwachsenen den gebührenden Respekt zu erweisen. Widerworte und lange Diskussionen, die Jugendliche heute mit ihren Eltern führen, gab es in den meisten Familien nicht. Auch der Pastor war streng. In Wanheim führte immer noch Pastor Pickert das Regiment. Im Konfirmandenunterricht nahm er den Katechismus durch. Einzelne Abschnitte daraus, Stücke aus der Bibel und Lieder aus dem Gesangbuch mussten die Konfirmanden auswendig lernen. Der Pastor fragte im Unterricht ab, ab sie das auch wirklich getan hatten. Wer von ihm aufgerufen wurde, musste aufstehen und sein Verslein aufsagen.
Mit einer kräftigen Ermahnung sind Sie nach der Konfirmation in den Ernst des Lebens entlassen worden. Pastor Pickert hat seiner Konfirmationspredigt die Jahreslosung von 1957 zugrunde gelegt. Die lautete: "Was heißet ihr mich Herr, Herr, und tut nicht, was ich euch sage?" (Lukas 6,46)
Tun, was die Erwachsenen sagen, das ist Ihnen eingeprägt worden. Es gab damals unter den Jugendlichen ein erstes zaghaftes Aufmucken. Elvis Presley hatte in den Vereinigten Staaten das Rock `n Roll Fieber entfacht. Es war dabei, auch die deutsche Jugend anzustecken.
In Wanheim ging alles noch sehr gesittet zu. Einige Jungen schlossen sich nach der Konfirmation dem CVJM an. Herr Döninghaus leitete zu der Zeit die Gruppe. Die Mädchen hatten ihren Mädchenkreis und haben darin viel Spaß bekommen. "Da durften wir wenigstens raus", erinnert sich eine.
Es ließe sich noch viel erzählen. Dafür ist so ein Tag auch da, dass Erinnerungen geweckt und ausgetauscht werden. Davon leben wir Menschen, dass wir vergangene Erlebnisse und Eindrücke durch das Erinnern wieder lebendig werden lassen können. Je älter wir werden, desto größer wird der Schatz an Erinnerungen, den wir in uns haben.
Sie sind am Tag der Konfirmation nicht stehen geblieben. Das Leben ist weiter gegangen. Auch das wird heute in den Gesprächen Thema sein. Die Frage: Was ist aus dir geworden, was hast du gemacht, wie ist es dir ergangen?
Jede und jeder von Ihnen ist ihren und seinen eigenen Weg gegangen. Mancher Weg ist recht gerade verlaufen: Ausbildung, Heirat, Kinder, mittlerweile sind Enkel da. Bei anderen ist der Weg weniger gerade verlaufen. Da gab´s Hindernisse, Umwege, Sackgassen. Und - diese Erfahrung haben alle gemacht - es gab Verluste auf dem Weg. Die Eltern sind bis auf wenige nicht mehr da. Die Älteren und auch einige der Jüngeren von Ihnen haben schon ihren Ehepartner zu Grabe getragen.
Der zurückgelegte Weg war sicherlich an vielen Stellen ein guter, voll schöner Eindrücke. Es ging seit den fünfziger Jahren stetig aufwärts in unserem Land. Die Wirtschaft blühte, der allgemeine Wohlstand nahm zu. Und für die, die aus welchem Grund auch immer scheiterten auf ihrem Weg, gab es ein sicheres soziales Netz, in dem sie aufgefangen wurden. "Soziale Marktwirtschaft" hieß dieses System, von dem heute nur noch die Marktwirtschaft übrig geblieben ist.
Was Sie alle, die Sie den Krieg noch erlebt haben, besonders zu schätzen wissen: Sie konnten in Frieden Ihren Weg gehen.
Damals bei Ihrer Konfirmation wurde Ihnen ein Spruch mit auf den Weg gegeben. Ein Vers aus der Bibel, der besagt, dass Gott mit Ihnen auf dem Weg ist. Sie haben sicher über weite Strecken nichts davon gespürt. Manchmal haben Sie sich vielleicht gefragt: Wo ist eigentlich Gott? Warum lässt er dieses oder jenes zu?
Andrerseits haben Sie vielleicht auch manchmal die Erfahrung gemacht: Merkwürdig, wie alles gekommen ist. Aber so wie es ist, ist es gut. Besonders wenn Wegstrecken hinter einem liegen, die hart und schwer waren, aber überwunden sind, stellt sich dieses Gefühl manchmal ein: Irgendwie ist doch alles gut geworden.
Mir fällt die Geschichte von den Spuren im Sand dazu ein. Die meisten werden sie kennen.
Da blickt im Traum jemand zurück auf sein Leben und sieht über weite Strecken zwei Spuren nebeneinander. Die eine ist seine eigene, die andere ist die Spur Gottes, der immer an seiner Seite gegangen ist. Doch an manchen Stellen ist nur eine Spur zu sehen, ausgerechnet an den Wegstrecken, die hart und schwer waren. Da fragt der Träumer seinen Gott, warum er ihn gerade an den schwierigen Stellen allein gelassen hat. Und Gott antwortet: Da, wo es dir schlecht gegangen ist und du nur eine Spur siehst, da habe ich dich getragen.
Ein schöner Traum, nicht nur ein Traum. Denn so ist Gott. Auf geheimnisvolle Weise ist er an unserer Seite und führt uns auf unseren Wegen. Eine Frau im Alter unserer Diamantenen Konfirmanden, die ich sehr schätze, die sagt gerne: "Gott tut nichts anderes als fügen."
Wenn wir unser Leben einmal daraufhin betrachten, können wir viele Bestätigungen dafür finden. Vieles hat sich irgendwie, auf überraschende und unerklärliche Weise zum Guten gefügt. Vieles hat er, Gott, zum Guten gefügt.
"Er führet mich auf rechter Straße". Das haben Sie damals im Konfirmandenunterricht auswendig gelernt. Was das bedeutet, wird Ihnen damals in jungen Jahren nicht so recht klar gewesen sein. Die Bedeutung dieses Wortes erschließt sich erst im Rückblick auf eine längere Wegstrecke.
Wie auch der Psalm selbst im Rückblick auf überstandenes Leid gedichtet worden ist. Da hat einer das finstere Tal hinter sich und findet sich wieder an einem gedeckten Tisch im Hause des Herrn. Dort wird er umsorgt, wie ein König gesalbt.
Auch wir befinden uns heute im Hause des Herrn. Und auch für uns ist der Tisch gedeckt mit den Gaben, die zum Symbol geworden sind für Gottes fürsorgende Liebe uns Menschen gegenüber: Brot und Saft der Trauben zur Stärkung von Leib und Seele. Von diesen Gaben heißt es in dem Psalm 104, der ein großer Dank ist für die ganze Schöpfung:
"Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen, dass du Brot aus der Erde hervorbringst, dass der Wein erfreue des Menschen Herz und sein Antlitz schön werde vom Öl und das Brot des Menschen Herz stärke."
Der Tisch ist gedeckt für uns, damit unser Herz gestärkt und erfreut werde. Von diesem Ort, an dem Gott uns nahe ist, blicken wir zurück auf die hinter uns liegende Wegstrecke und erkennen dankbar: Gott ist es, der uns bis hierher gebracht und geführt hat.
"Um seines Namens willen". Der Dichter des Psalms hat erkannt, dass es im Leben nicht um die Durchsetzung seines eigenen Willens geht, sondern darum, dass Gottes Wille in seinem Leben zum Tragen kommt. "Nicht mein, sondern dein Wille geschehe". Das beten wir in jedem Gottesdienst; denn wir vertrauen darauf: Wenn Gottes Wille geschieht, dann wird alles gut.
Wenn wir im Rückblick auf unser bisheriges Leben verstanden haben, dass Gott uns führt um seines Namens willen, dann werden wir gestärkt und zuversichtlich unsere Wege weiter gehen. Denn wir können gewiss sein: Es werden Wege sein mit Gott an unserer Seite.