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Predigt zu Hebräer 13,20-21 - Miserikordias Domini
06. April 2008
Einführung des Presbyteriums

Der Gott des Friedens,
der den großen Hirten der Schafe, unsern Herrn Jesus,
von den Toten heraufgeführt hat
durch das Blut des ewigen Bundes,
der mache euch tüchtig in allem Guten,
zu tun SEINEN Willen,
und schaffe in uns, was IHM gefällt,
durch Jesus Christus,
welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit!

Ein tiefsinniger Segenswunsch ist uns heute als Predigttext vorgegeben. Segen können wir alle gut gebrauchen. Segen soll heute besonders den Menschen zugesprochen werden, die als Presbyterinnen und Presbyter in der Gemeinde Dienst tun.
Es lohnt sich, den Worten des biblischen Textes zu lauschen. Denn sie beschreiben, was der Segen Gottes beinhaltet und bewirkt.
Zunächst wird der Geber des Segens genannt: "Der Gott des Friedens." Schalom heißt das hebräische Wort, das wir mit Frieden übersetzen. Schalom meint mehr als die Abwesenheit von Krieg. Schalom setzt Gerechtigkeit voraus, er ist eine Folge, eine Frucht der Gerechtigkeit. Wo keine Gerechtigkeit ist, da ist folglich kein Schalom.
Schalom ist der Zustand, in dem jeder genug hat, in dem keiner hungert und keiner friert, in dem jedem und jeder die Rechte gewährt werden, die ihm und ihr zustehen, in dem jede und jeder menschenwürdig leben und auch sterben kann. Schalom bedeutet umfassendes Heilsein an Leib und Seele. Das Heilsein menschlicher Gemeinschaften und Beziehungen ist darin eingeschlossen. Für den Schalom, in dem alles gut und alles heil ist, steht Gott mit seinem Namen ein. Er hat die Welt gut geschaffen. Und er will, dass alles gut wird. Dafür ist er unermüdlich am Werke. Er sendet tagtäglich seinen Geist aus, um die Schöpfung diesem Ziel näher zu bringen. Alles soll gut, alles soll heil sein. Frieden, Schalom soll sein auf Erden.
Der nächste Halbsatz unseres Textes führt aus, wie Gott Frieden schafft:
"Er hat den großen Hirten der Schafe, unseren Herrn Jesus, von den Toten heraufgeführt."

Der Hebräerbrief, aus dem diese Zeilen stammen war wohl hauptsächlich an jüdisch gläubige Menschen gerichtet, die zu Christen geworden sind. Mit Bildern, die ihnen aus ihrer Heiligen Schrift, unserem Alten Testament geläufig sind, will der Schreiber sie in ihrem Christusglauben stärken.

"Er, der Gott des Friedens, hat den großen Hirten der Schafe, unseren Herrn Jesus, von den Toten heraufgeführt."
Bibelkundige Leser und Hörer denken dabei an Gottes Rettungstat am Schilfmeer: Er, Gott, führte sein Volk durch das Meer und zog den Hirten seiner Herde aus dem Wasser (Jesaja 63,11-14).
Wie er schon einmal sein Volk gerettet hat, so nun die ganze Menschheit, indem er den großen Hirten aus dem Tod herausführte. Durch die göttliche Rettungstat bekommt Jesu Tod eine ganz besondere Bedeutung. Er wird zum Zeichen des ewigen Bundes, den Gott mit seinem Volk geschlossen hat. Jesus, der gute Hirte, gibt sein Leben für die Schafe, und er ist selbst das Lamm, das geopfert wird.
Mit seinem Leben und Sterben hat Jesus gezeigt, wie Gott Frieden unter den Menschen stiftet. Ein anschauliches Beispiel dafür ist die Geschichte von der Heilung des Gelähmten. Der Mann war gelähmt durch eine Schuld, die ihn niederdrückte. Jesus hat ihm die Schuld vergeben. So konnte der Mann die Last abschütteln, die ihn niederdrückte, er konnte Frieden schließen mit sich selbst und sein Leben wieder selbst in die Hand nehmen.
Eine andere Geschichte ist die von dem Jungen, der von einem bösen Geist besessen war (Markus 9,14-27) . Jesus trieb den bösen Geist aus, so konnte der Junge wieder in Frieden leben mit seiner Familie, seinen Freunden und Nachbarn.
Mit sieben kurzen Sätzen gibt die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach das Wirken Jesu wieder:

Er hat uns allen wohlgetan,
Den Blinden gab er das Gesicht,
Die Lahmen macht er gehend,
Er sagt uns seines Vaters Wort,
Er trieb die Teufel fort,
Betrübte hat er aufgericht',
Er nahm die Sünder auf und an.
Sonst hat mein Jesus nichts getan.

Und weiter heißt es in der dann folgenden Arie:
Aus Liebe,
Aus Liebe will mein Heiland sterben,
Von einer Sünde weiß er nichts.

Das ist es, was das Bild vom guten Hirten meint. Es enthält in seinem Kern eine Vorstellung von Liebe, die sich ganz dem anderen hingibt, die nicht flieht, wenn der andere in Gefahr ist, die nicht aufhört zu suchen, wenn der andere sich entfernt hat, die für den anderen kämpft und an ihm festhält, wenn er sich zu verlieren droht. Eine Liebesbeziehung also, wie sie intensiver und dauerhafter, verlässlicher und hingebender nicht sein kann (Elisabeth Hölscher, Predigtstudien VI/1, 2002, S.260).
Weil diese Liebe Mauern sprengt, mit denen Menschen sich einengen und gefangen halten, darum musste Jesus sterben. Eine solche Liebe, die buchstäblich vor nichts und niemandem zurückschreckt, ist für die Herrschenden unerträglich. Eine solche Liebe, die sich auch durch die Androhung des Todes nicht kleinkriegen lässt, die darf nach dem Willen der Herrschenden keinen Bestand haben. Deshalb haben sie Jesus umgebracht. Und auch in der Stunde der äußersten Bedrohung hat Jesus seine Liebe durchgehalten. Niemand sollte sein Blut vergießen, um ihm zu helfen. Als man ihn gefangen, schlug einer seiner Jünger einem Soldaten ein Ohr ab. Jesus aber befahl: "Lasst das sein, Hört auf damit!" Und er rührte das Ohr an und heilte den Verwundeten (Lukas 22,51). Das ist die letzte Heilungstat, die von ihm berichtet wird. Sie geschieht an einem, der ihn festnimmt. So hat Jesus Frieden geschaffen.

"Der Gott des Friedens,
der den großen Hirten der Schafe, unsern Herrn Jesus,
von den Toten heraufgeführt hat,
der mache euch tüchtig in allem Guten,
zu tun SEINEN Willen,
und schaffe in uns, was IHM gefällt."

Bisher war von dem Urheber des Segens die Rede, von dem Gott, der Frieden schafft. Nun ist von der Wirkung des Segens die Rede. Damit kommt die Herde in den Blick. Die Herde, das sind wir, die mit Jesus verbundenen Menschen, seine Gemeinde.
"Er rüste euch mit allen guten Kräften aus,
die ihr braucht,
um seinen Willen zu erfüllen.
Er wirke in euch, was ihm selbst gefällt."
So übersetzt Jörg Zink den Segensspruch.

Das erste, was wir brauchen, um Gottes Willen zu erfüllen ist es, diesen Willen überhaupt zu kennen und zu erkennen. Das ist oft nicht so einfach. Gott hat seinen Sohn in die Welt gesandt, um uns dabei Hilfestellung zu geben. An Jesus sollen und können wir uns ein Bispiel nehmen. Wir haben gehört, was sein Leben ausgemacht hat: Hingebungsvolle Liebe. Liebe, die nicht fragt: Was hab ich davon? Sondern die einfach da ist, wo sie gebraucht wird. Mit solcher Liebe möge Gott uns ausrüsten.

Wo finden wir sie in unserem Alltag? Ein Beispiel: Nach einem Krankenhausaufenthalt wird die Frau entlassen. Sie ist ein Pflegefall. Mit Mühe kann sie noch an manchen Tagen aufstehen und sich in der Wohnung hin und her bewegen. Einkaufen, die Wohnung und die Wäsche in Ordnung halten, ihr beim Baden helfen, essen für sie zubereiten, alles müssen andere Menschen für sie tun. Bisher war die Frau gewöhnt, für sich selbst zu sorgen und für andere da zu sein. Nun kann sie nicht mehr. "Ihr sollt euch nicht für mich aufopfern", sagt sie zu ihren Kindern. Die antworten: "Und du sollst so etwas nicht sagen. Wir sind froh, dass du noch bei uns bist, und machen das gern."
Solche aufopferungsvolle Liebe gibt es viel. Menschen setzen ihre Zeit, ihre Kraft ein, verzichten auf vieles, um für den Kranken da zu sein. Sie ermöglichen ihm, in Würde sein Sterben zu leben.

Ähnliches geschieht in der Gemeinde. Auch hier setzen Menschen ihre Zeit und Kraft für andere und für die Gemeinde ein. Der Dienst eines Presbyters oder einer Presbyterin gilt als Ehrenamt. Viel Ehre kann man damit nicht mehr ernten, höchstens mitleidiges Staunen: "Was, in der Kirche setzt du dich ein?" Das ist für die meisten Menschen, die jetzt mitten im Leben stehen, wie von einem anderen Stern.
Man bringt sich da ein, wo man selbst etwas davon hat. Man tut, was einem Spaß macht. Man nimmt mit, was man kriegen kann. Das ist die Haltung vieler.
Da kommen sich die, die sich immer noch in einer Gemeinde oder einem Verein engagieren, manchmal ziemlich blöd vor, wie auf verlorenem Posten. Die Entwicklung der letzten Jahre verstärkt dieses Gefühl. Wir erleben in den letzten Jahren einen stetigen Abbau. Die Kirche insgesamt wird kleiner und ärmer, fast jede Gemeinde bekommt das zu spüren. Auch wenn auf dem Papier immer noch viele Menschen zur Kirche gehören, werden wir immer mehr zu einer Minderheit. Nicht die Christen, sondern die religiös Gleichgültigen geben in unserer Gesellschaft den Ton an. Wir merken es jeden Sonntag: Die sich aktiv zur Kirche halten, sind nicht viele.
Um so wichtiger ist es, dass die, die es tun, Stärkung und Ermutigung erfahren. Stärkung und Ermutigung enthält der Segensspruch aus dem Hebräerbrief:
"Gott mache euch tüchtig in allem Guten,
zu tun SEINEN Willen,
und schaffe in uns, was IHM gefällt."
Eine große Aufgabe stellt Gott vor uns hin: Er braucht uns als seine Mitschöpferinnen und Mitschöpfer. Er braucht uns, dass sein Wille auf der Erde getan wird.

Gebraucht zu werden, das gehört mit zu den menschlichen Grundbedürfnissen. Ein Mensch, der das Gefühl hat, nicht mehr gebraucht zu werden, der fühlt sich nutzlos, abgeschoben, der verliert seine geistige und körperliche Beweglichkeit und verkümmert. Für den hat das Leben keinen Sinn mehr.
Wir brauchen es, gebraucht zu werden. Wir wollen das Gute, das wir uns vorstellen, nicht einfach empfangen, sondern es durch eigene Aktivität hervorbringen. Wir wollen mitgestalten, Verantwortung übernehmen. Das ist ein Grundbedürfnis von uns Menschen. Viele verdecken es durch die tägliche Gier nach mehr, mehr Spaß und mehr Geld. Aber irgendwann merken sie, wie leer das Leben ist, das nur um sich selber kreist.
Was kann es Größeres geben, als dass Gott uns braucht? Der Dienst in der Gemeinde ist nicht nur ein Ehrenamt. Es ist ein Dienst für Gott und damit für seine Schöpfung und für die Menschen. An Gottes Stelle, in seinem Auftrag sollen wir tätig sein. Dazu gibt er uns Kraft. "Er mache uns tüchtig zu tun seinen Willen".
Fulbert Steffensky, Theologe und Schriftsteller nennt in einem Aufsatz drei Aufgaben der Kirche von morgen:
1. Sie soll Gott loben. Die erste und wichtigste Aufgabe der Kirche sind die Gottesdienste. Das Gebet, das Lob Gottes sind um ihrer selbst willen da. Sie verfolgen keine Absichten. Ihre köstliche Zwecklosigkeit ist vielmehr das Schönste an ihnen.
2. Die Kirche soll das Recht ehren. Sie soll aufmerksam sein auf die Gesichter der Menschen, auf ihre Leiden und ihr Glück. Und sie soll Fragen stellen: Wer leidet? Warum leidet er? Wer verursacht das Leiden?
3. Die Kirche soll Gesicht zeigen. Sie soll zeigen, wer sie ist und welche Schätze sie verwaltet. Dazu gehört die Überlieferung von Träumen: Dass das Leben kostbar ist; das Gott es liebt; dass einmal alle Tränen abgewischt werden, alle Hungernden satt werden und alle Menschen die Möglichkeit zu einem sinnerfüllten Leben erhalten. "Es ist nicht das wichtigste", schreibt Steffensky, "dass Menschen zu Mitgliedern der Kirche werden. Wichtig ist, dass Menschen in ihren Träumen und in ihrem Gewissen gebildet werden. Die Erinnerung an die Träume schuldet die Kirche einer traumlosen Gesellschaft." (Junge Kirche 1/2007, S. 5)

Daran mitzuwirken, dass die Kirche diese Aufgaben erfüllt, ist auch jede einzelne Gemeinde, jedes Presbyterium berufen.