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Predigt am 15. Juni 2008
Römer 12,17-21
 

Wodurch unterscheiden wir Christen uns eigentlich von Menschen, die nicht an den Gott der Bibel glauben? Woran können andere Menschen erkennen, dass wir Christen sind?
Im Moment zeigen wieder viele Menschen, welcher Mannschaft sie die Daumen drücken. Man sieht Fah-nen an den Häusern, an den Autos, in den Gärten. So zeigen die Leute: Ich bin Deutscher, ich bin Türke, ich bin Italiener, ich halte zu meiner Mannschaft.
Der Kirchenkreis Oberhausen, so habe ich gehört, ver-teilt auch Fähnchen, die man am Auto befestigen kann, mit einem kirchlichen Symbol. Mancher Autofahrer hat schon lange einen Fisch-Aufkleber an seinem Wagen. Auf diese Weise bekennen sich Fahrzeugbesitzer zu Jesus Christus.
Ist die Fahne am Haus oder m Auto der Unterschied zwischen uns Christen und anderen Menschen? Die einen hissen die DeutschlandFlagge, wir fahren mit den Kirchenfarben. Unterscheiden wir uns durch solche äußeren Symbole?
Vielleicht fragt sich der eine oder die andere: Gibt es überhaupt ein Unterscheidungsmerkmal? Müssen wir als Christen uns unterscheiden von anderen Menschen, die nicht glauben?
Jesus hat gesagt, dass wir unser Licht leuchten lassen und nicht verstecken sollen. Wie eine Stadt auf dem Berge weithin sichtbar ist, so sollen wir als Christen für andere sichtbar und erkennbar sein. Das ist Jesu Auftrag an uns, die wir auf ihn hören wollen.
Deshalb bleibe ich bei der Frage: Wodurch sollen wir erkennbar und sichtbar sein?

Im Jahr 2003 hat die Evangelische Kirche in Deutschland ihre letzte Erhebung über Kirchenmitgliedschaft veröffentlicht. Dabei wurde auch gefragt, was zum Evangelisch-Sein unbedingt dazu gehört. Dass man getauft ist, meinen 93 Prozent der Befragten. Die Taufe ist ein erstes und wichtiges Erkennungszeichen. Wer getauft ist, gehört zur Gemeinde Jesu.
Allerdings gibt es viele Menschen, die getauft sind und sich im Laufe ihres Lebens von der Gemeinde und vom Glauben abwenden. Die Taufe allein macht noch nicht den Unterschied. Es muss etwas sein, das im alltäglichen Verhalten sichtbar wird.
Dass man zur Kirche geht, könnte ein Unterscheidungsmerkmal sein. Das meinten bei der kirchlichen Umfrage ein Drittel der Befragten. Es wäre schön, wenn so viele unsere Gemeindemitglieder sonntags wirklich hierher kämen. Dann wäre die Kirche rappelvoll.
Dass man bewusst als Christ lebt, seinem Gewissen folgt und sich bemüht, ein anständiger Mensch zu sein. Diese Sätze fanden viel Zustimmung. Da schließt sich aber sofort die Frage an: Wann ist man ein anständiger Mensch? Vielleicht, wenn man den Zehn Geboten folgt oder wenn man sich an der Botschaft Jesu orientiert. Das könnten schon Unterscheidungsmerkmale sein. Schließlich nennen wir uns nach diesem Jesus, wir nennen uns Christen, so heißt sein Ehrenname, Christus. Also sollte das, was er gesagt und getan hat, maßgebend für uns sein.
Dass man als Christen anderen Menschen helfen soll, die Hilfe brauchen, dieser Verhaltensregel werden wohl noch viele Menschen zustimmen. Schwieriger wird´s dann bei dem, was der Apostel Paulus der Gemeinde in Rom einschärft. Es ist ein Gebot Jesu, das er mit eigenen Worten weitergibt:

"Vergeltet niemandem Böses mit Bösem.
Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
Wenn es möglich ist, so weit es an euch liegt,
haltet mit allen Menschen Frieden.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden,
sondern überwinde das Böse mit Gutem."

Ich glaube, hier haben wir ein deutliches Unterscheidungsmerkmal. Denn "normal" in Anführungszeichen ist ein anderes Verhalten. "Wie du mir, so ich dir", ist ein Sprichwort, das dem Denken und Verhalten der meisten Menschen wohl mehr entspricht als die Verhaltensregeln des Paulus. Schon in jungen Jahren schärfen Eltern ihren Kleinen ein: "Lass dir nichts gefallen. Hau zurück, wenn dich einer schlägt."
Im Alltag von Erwachsenen ist ein solches Verhalten gang und gäbe.
Ein kleines Beispiel: Jahrelang haben Nachbarn Haus an Haus friedlich zusammen gelebt. Sie wohnten zur Miete in den Häusern, die einer Wohngesellschaft gehörte. Dann verkaufte die Wohngesellschaft die Häuser, die ehemaligen Mieter wurden nun Eigentümer. Bald fing der erste an, sein frisch erworbenes Eigentum eifersüchtig zu bewachen. Als sie noch Mieter waren, hatten die Nachbarn ihre Mülltonnen immer nebeneinander stehen, niemanden hat das gestört. Nun fiel dem einen auf, dass die Mülltonne des Nachbarn auf seinem Grundstück steht. Das wollte er jetzt als Eigentümer nicht mehr haben.
Der Nachbar musste seine Tonne woanders hinstellen. Darüber ärgerte er sich und überlegte, welchen Stein er nun seinerseits dem anderen in den Weg legen könnte. Auf seinem Haus befindet sich die Schüssel für den Fernsehempfang der benachbarten Häuser. Er kappte den Nachbarn kurzerhand den Draht. Die wunderten sich, dass sie plötzlich keinen Empfang mehr hatten. Es dauerte eine Weile, bis die Ursache gefunden war. Aufforderungen, das Kabel wieder instand zu setzen, waren vergeblich. Ein Gericht musste die Sache klären.
Kindereien, so denkt man, wenn man diese Geschichte hört. Als Außenstehender lacht man darüber und schüttelt den Kopf. Die Betroffenen nehmen solche Geschichten leider ganz ernst. Nachbarn, die einander einmal freundlich gesonnen waren, werden zu Feinden, die sich ein ums andere Mal gerichtlich auseinandersetzen. Kein Einzelfall, eher ein Normalfall.
Richtig böse wird´s, wenn es dabei auch noch um Geld geht. Dann kennen selbst Geschwister einander nicht mehr.

Christen sind, wenn wir dem Apostel Paulus folgen, daran zu erkennen, dass sie sich auf solche schrecklichen Spiele nicht einlassen. Der Dichter und Zeichner Wilhelm Busch hat das auf den Punkt gebracht. Er schreibt:
"Das Gute - dieser Satz steht fest -
ist stets das Böse, das man lässt."
Das klingt so einfach, ist es aber nicht. Es kommt öfter vor, dass ein anderer Mensch einem Unrecht tut, einen verletzt, einen durch eine Unachtsamkeit vor den Kopf stößt. Dann steigt ganz von selbst Ärger in einem auf. Das kann man selbst gar nicht steuern. Steuern kann man aber wohl, was man mit dem Ärger macht.

Eine andere Geschichte aus unserem kirchlichen Bereich: Ein Mann hat jahrelang in der Gemeinde mitgearbeitet. Er war zur Stelle, wenn Hilfe gebraucht wurde. Er konnte anpacken, er war geschickt in handwerklichen Dingen, und er war jederzeit bereit mitzuhelfen. Dann wurde jemand in seiner Familie krank. Er wollte zu Hause eine Kerze für den Kranken anzünden. In der Kirche sind Kerzen für solche Fälle, das wusste er. Also bat er den Pfarrer, ihm eine Kerze für den kranken Angehörigen zu geben. Der Pfarrer gab ihm die Kerze und sagte: "Die müssen Sie mir aber bezahlen."
Der Mann war gekränkt. Jahrelang hat er dem Pfarrer geholfen, ohne je an Geld dabei zu denken. Nun brauchte er einmal Hilfe in Form einer schlichten Kerze, die bestimmt nicht viel Geld gekostet hat. Und dafür sollte er bezahlen. Er tat das natürlich auch, aber als Mitarbeiter wurde er in der Gemeinde nie mehr gesehen.

´Verständlich`, denkt man, wenn man diese Geschichte hört. ´Ist ja auch unmöglich, wie der Pfarrer sich da verhält.`
Sicher kennen manche aus eigenem Erleben Situationen, wo man denkt: ´Das lasse ich mit mir nicht machen. Das wird Folgen haben.` Und dann fängt man an zu überlegen, wie man dem anderen das erlittene Unrecht irgendwie zurückzahlen kann. Verständlich und ganz menschlich.

Genau an dem Punkt sagt Paulus: ´Stopp! Bevor du irgendetwas machst, denk erst man nach.` In der Fußballersprache gesprochen: Den Rachephantasien und den Gedanken, wie man dem anderen eine erlittene Verletzung heimzahlen kann, grätscht Paulus dazwischen mit dem Satz: "Vergeltet niemandem Böses mit Bösem."
Diesen Anspruch hat Paulus an Christen, dass sie sich nicht von ihrem Ärger, von erlittenen Verletzungen und Enttäuschungen in ihrem Verhalten bestimmen lassen. Damit liegt er ganz auf der Linie Jesu. Dies ist ein hoher Anspruch. Es erfordert viel Selbstdisziplin, sich nicht einfach von negativen Gefühlen treiben zu lassen, sondern das eigene Denken zu kontrollieren, die eigenen Gefühle und das eigenen Verhalten zu steuern. Selbstdisziplin und Arbeit an sich selbst ist dazu nötig.
Wenn einem das gelingt, dann könnten die Geschichten, die ich erzählt habe, auch anders weitergehen. Der Nachbarschaftsstreit zum Beispiel würde ganz schnell im Sande verlaufen, der würde gar nicht erst aufkommen. Der Mann, der seine Mülltonne nicht mehr auf Nachbars Grundstück aufstellen darf, würde einfach schmunzelnd darüber hinwegsehen. Viel Ärger und Aufregung bliebe allen Beteiligten erspart. Und vermutlich auch viel Geld; denn Anwälte und Gerichtsverfahren sind nicht umsonst.
Kniffliger ist die andere Geschichte aus dem kirchlichen Bereich. Hier, denke ich, wäre es im Sinne des Paulus, wenn der Mitarbeiter dem Pfarrer seinen Ärger sagen würde, statt sich stillschweigend zurückzuziehen.
Mit allen Leuten Frieden zu halten, heißt ja nicht, ständig die Faust in der Tasche zu ballen und den untersten Weg zu gehen. Wenn jemand sich verletzt fühlt, ungerecht behandelt wird oder schwer enttäuscht wird, dann soll er das ansprechen. Ein offenes Wort dient dem Frieden eher als ein unterdrückter Ärger.
Selbst einem Pastor rutscht mal ein unbedachter Satz heraus oder er tut etwas Unüberlegtes, womit er einen anderen Menschen vor den Kopf stößt. Das lässt sich in einem Gespräch schnell wieder aus der Welt schaffen.
Indem der Mann sich ganz aus dem Gemeindeleben zurückzieht, bestraft er nicht nur den Pfarrer, sondern auch die anderen Gemeindemitglieder und sich selbst. Statt die Gottesdiensten in der Gemeinschaft zu feiern, sitzt er nun zu Hause vor dem Bildschirm und schaut sich mit seiner Frau allein die Gottesdienste fremder Gemeinden und Menschen an.
Es könnte natürlich sein, dass der Pfarrer in dem Gespräch dabei bleibt: "Sie müssen aber die Kerze bezahlen." Es gibt solche Prinzipienreiter. Selbst dann hat der andere immer noch die Möglichkeit, sich zu sagen: ´Na gut, er ist eben etwas engherzig, unser Herr Pastor. Aber die Gemeinde ist mir wichtig. Ich werde nicht wegen einer solchen Kleinigkeit alles hinwerfen.`
So hat man es in vielen Streitfällen selbst in der Hand, ob ein Streit sich immer weiter entwickelt oder ob er beigelegt werden kann. Allerdings gibt es eine Einschränkung. "Wenn es möglich ist, so weit es an euch liegt, haltet mit allen Menschen Frieden", schreibt Paulus.
Es kommt vor, dass andere Menschen einfach verbohrt sind oder auch richtig böse. Mit ihnen reden kann man nicht, weil sie sich auf kein vernünftiges Gespräch einlassen. Es ist bei aller Liebe und Freundlichkeit unmöglich, mit ihnen zu einer Einigung zu kommen.
Solchen Menschen geht man am besten aus dem Weg. Notfalls muss man tatsächlich einem Anwalt und einem Gericht die Sache übergeben.
Denkbar ist auch, dass man um des lieben Friedens willen das eigene Christsein verleugnen muss. Auch das soll nach Paulus nicht sein. Wenn ich, um mit einem anderen Menschen Frieden zu halten, ein krummes Ding mitdrehen oder mich auf eine Lüge einlassen muss, dann kann auch hier die Antwort nur sein: Mit mir nicht.
Wenn es möglich ist - also wenn der andere Mensch ein friedliches Miteinander zulässt - so weit es an euch liegt - also was ihr tun und lassen könnt, ohne euer Christsein zu verleugnen - haltet mit allen Menschen Frieden. Diese beiden Einschränkungen macht Paulus. Sie gelten für den zwischenmenschlichen Bereich genauso wie das Miteinander der Völker.

Woran ist ein Christenmensch zu erkennen? Das war die Ausgangsfrage. Die Verhaltensregeln des Paulus laufen auf diese Antwort hinaus: Ein Christ ist vielleicht am ehesten daran zu erkennen, wie er sich in einem Streit verhält. Er vergilt nicht Böses mit Bösem, sondern versucht im Umgang mit anderen Menschen, Güte und Freundlichkeit walten zu lassen.


So dient ein Christ dem friedlichen Miteinander der Menschen. Er tut auch gleichzeitig etwas für sich selbst. Denn das wissen wir wohl alle aus eigener Lebenserfahrung: Wenn ich das Gute, das in mir ist, wichtiger nehme als das Böse, dann verbessert sich meine Lebensqualität. Wenn ich meine negativen Impulse unter Kontrolle halte, dann habe ich viel schneller einen Blick für das Positive. Es tut der eigenen Gesundheit und dem eigenen Wohlbefinden gut, in Frieden mit anderen zu leben, in allem das Gute zu suchen und anderen Menschen gegenüber auf das Gute bedacht zu sein.
Ein Christ wird also auch daran zu erkennen sein, dass er meistens gute Laune hat, Lebensfreude um sich verbreitet, Hoffnung und Zuversicht ausstrahlt.
Dass es uns immer öfter gelingt, solche Christenmenschen zu sein, das wünsche ich uns allen.