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Predigt am 6. Juli 2008, Markus 2, 1-12
06. Juli 2008 - 7. Sonntag nach Trinitatis
Von der Kraft des Glaubens
 

Es ist wie nach Weihnachten: Kaum ist das Fest vorbei, liegen die ersten Bäume an der Straße. Gerade eine Woche ist es jetzt her, dass sich Millionen Menschen das Endspiel der Europameisterschaft angesehen und mit der deutschen Mannschaft gefiebert haben. Schon ist nach dieser Hochzeit des Fußballs der Alltag wieder eingekehrt, die Fahnen sind bis auf wenige von den Häusern und Autos verschwunden, die Vereine haben ihr Training wieder aufgenommen. Alles geht weiter, als wenn nichts Besonderes gewesen wäre.
Ich möchte heute die Zeit ein wenig anhalten und die Gelegenheit nutzen, über das Erlebte noch ein wenig nachzudenken. Viele aus unserer Mitte haben die Spiele der EM gebannt verfolgt. Frauen aus der Frauenhilfe erzählten, dass sie manchmal, wenn´s besonders spannend wurde, nicht mehr hingucken konnten und rausgehen mussten.
Im Fußball ist tatsächlich nichts unmöglich. Das ist eins, was die Faszination dieses Sports ausmacht. Mehrere Spiele bei der EM sind erst in den letzten Minuten, eins sogar erst in den letzten Sekunden entscheiden worden. Selbst ein Zweitore-Vorsprung dreizehn Minuten vor dem Abpfiff reichte in einem Spiel nicht zum Sieg. Bis zum Ende können die Anhänger der einen Mannschaft noch auf einen guten Ausgang hoffen, die Anhänger der anderen müssen bangen, ob ihre Mannschaft den Sieg auch über die Zeit bringt. Den Schlusspfiff empfinden sie dann wie eine Erlösung.
Häufig ist dieses Wort im Zusammenhang mit einem Fußballspiel zu hören und zu lesen. Das erlösende Tor fällt, der erlösende Schlusspfiff ertönt. Die Fans sind erlöst von ihren Ängsten, vor allem von der Angst zu verlieren. Die Spieler tanzen vollkommen losgelöst auf dem Rasen herum. Alle liegen sich freudestrahlend in den Armen. Alle sind sich einig. Ein erhebender Moment.
Umgekehrt stellt sich nach einer Niederlage tiefe Niedergeschlagenheit ein, starr und leer sind die Gesichter, Tränen fließen. Die Suche nach dem oder den Schuldigen beginnt, Vorwürfe werden laut und Rücktrittsforderungen.
Ein Grund, warum es so schwer ist zu verlieren. Die Niederlage stellt alles in Frage, das eigene Können, die eigene Arbeit, selbst die eigene Person. Als Looser, als Verlierer steht man anders da wie als Sieger. Der Sieger kann sich feiern lassen, der Verlierer erhält bestenfalls noch eine gewisse Anerkennung, im schlimmsten Fall Hohn oder Mitleid.
Für das verlockende Ziel, für den Sieg wird alles getan und nichts unversucht gelassen. Den deutschen Spieler, so habe ich gelesen, wurden Matratzen eingeflogen, 1600 € das Stück. Diese Matratzen sind in ihrer Festigkeit verstellbar, so dass jeder Spieler die ihm angenehmste Unterlage zum Schlafen hatte. Masseure, Therapeuten, Ärzte und Psychologen sorgten dafür, dass die Spieler körperlich und mental in optimaler Verfassung waren. Ungestört von Zuschauern und Reportern übten die Trainer mit den Mannschaften Spielzüge ein, feilten an Technik und Taktik.
Doch im Spiel war dann vieles anders. "Die Wahrheit ist auf dem Platz", hat die Duisburger Fußballlegende Adi Preisler gesagt. Die Wahrheit, die sich auf dem Platz immer wieder zeigt, ist die: Nicht nur auf Technik und Taktik und körperliche Fitness kommt es an, sondern auch auf den Glauben.
Mir ist aufgefallen, wie oft vor und nach einem Fußballspiel vom Glauben die Rede ist. Trainer und Spieler sprechen von einem "Sieg der Moral und des absoluten Glaubens" (Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld nach dem Gewinn des deutschen Fußballpokals). Oder sie sagen Sätze wie diesen: "Wichtig ist, dass wir weiter an uns glauben." (Hamit Altintop vor dem Duell Türkei gegen Deutschland; ähnlich Philip Lahm in einem Interview)
Der Glaube äußert sich deutlich sichtbar. Eine Mannschaft, die an sich glaubt, geht mit breiter Brust auf den Platz und flößt dem Gegner durch ihr bloßes Auftreten Respekt ein. Spielern, die an sich glauben, gelingt vieles, was Spielern ohne Selbstvertrauen nicht gelingt. Eine Mannschaft mit Moral, die nicht aufgibt, sondern kämpft bis zum Schluss, die den Mut hat, alles nach vorne zu werfen, einer solchen Mannschaft gelingt manchmal, das Unmögliche möglich zu machen. Sie schafft es, ein Spiel, das schon verloren schien, noch umzubiegen. Von einem Wunder wird anschließend gesprochen. "Das Wunder von Bern", hat sich in unser deutsches Bewusstsein fest eingebrannt.
Wie der Glaube an den Erfolg ungeahnte Kräfte freisetzen kann, so kann die Angst vor dem Misserfolg Kräfte lähmen. "Die Schmach von Corduba" wurde beschworen. Bei der WM 1978 hat die deutsche Nationalmannschaft ein entscheidendes Spiel gegen Österreich verloren. Die Angst vor einer erneuten Blamage steckte den deutschen Spielern in den Knochen und führte zu einer mehr als mäßigen Leistung.

Angst lähmt, Glaube setzt Kräfte frei - damit sind wir bei einem wichtigen Thema unseres Glaubens. Die entscheidende Frage lautet: Wie kann Angst überwunden werden und Glauben entstehen? Was kann einen Menschen bewegen, die Angst hinter sich zu lassen und anfangen zu vertrauen?
Die Geschichte von dem Gelähmten gibt eine Antwort auf diese Frage. Wir erfahren nicht, warum der Mann gelähmt war, ob die Lähmung körperliche oder seelische Ursachen hatte. Oft kommt ja beides zusammen.
Die Lähmung ist auf jeden Fall so weit fortgeschritten, dass er sich nicht mehr traut aufzustehen. Er glaubt nicht mehr daran, dass sich an seinem Zustand noch etwas ändern kann. Aber es sind andere Menschen da, die für ihn glauben. Vier Personen, die sich nicht abfinden mit der Situation wie sie ist. Sie sagen nicht bedauernd: "Da kann man nichts machen." Sie packen zu.
Ihr Glaube hat einen Namen: Jesus. Sie glauben daran, dass Jesus helfen kann. Ihr Glaube ist so stark, dass sie den Gelähmten auf eine Trage packen und zu Jesus bringen. Da steht zunächst eine Menschenmenge wie eine undurchdringliche Wand vor ihnen. Menschen mit weniger Glauben würden jetzt umkehren und sich sagen: "Wir haben es gut gemeint. Es ging leider nicht." Die Vier aber lassen sich etwas einfallen. Sie klettern auf´s Dach mitsamt dem Mann auf der Trage. Sie machen ein Loch in das Dach und legen den Mann Jesus vor die Füße.
"Als nun Jesus ihren Glauben sah", heißt es dann.
Bis hierhin lernen wir schon drei wichtige Dinge, wie Glauben entsteht.
Wenn einer nicht mehr glauben kann, können andere für ihn glauben. Das Einzige, was der Gelähmte tun muss: Er muss sich den Vieren anvertrauen. Er muss mit sich machen lassen, was die mit ihm vorhaben. Er könnte sich auch weigern und sagen: "Das hat doch alles keinen Zweck." Er aber lässt es zu, dass die Vier ihn auf´s Dach tragen und ihn inmitten einer Menschenmenge Jesus vor die Füße legen. Ein Restglaube ist in ihm, der durch den Glauben der anderen gestärkt und buchstäblich getragen wird.
Solches Vertrauen ist immer ein Risiko, es ist mit Ungewissheit verbunden. Wie wird die Menschenmenge reagieren, wie wird Jesus reagieren? Das alles wissen die Vier und der Gelähmte nicht im Voraus. Sie gehen mit ihrem Tun ein großes Wagnis ein.
Das Wagnis des Glaubens können Menschen nur eingehen, wenn es einen Grund und ein Ziel dafür gibt. Der Grund für den Glauben der Vier heißt Jesus. Jesus hat sich durch seine Worte und Taten als glaubwürdig erwiesen. Ihm trauen die Vier zu, dass er helfen kann. Ihm trauen sie zu, dass er sie zumindest nicht abweist.
"Als Jesus ihren Glauben sah", sagte er etwas Überraschendes: "Mein Sohn, dir sind deine Sünden vergeben."
Das Herstellen einer verständnisvollen Kommunikation ist ein wichtiger Schritt, um Vertrauen aufzubauen. Jesus stellt eine verständnisvolle Kommunikation zu dem Mann her, indem er sagt: "Ich sehe, dass dich etwas niederdrückt. So sehr, dass du davon gelähmt bist. Was immer es ist, ich nehme es von dir, ich nehme dir die Last, die dich lähmt."
Damit setzt Jesus seinerseits viel Vertrauen in den Mann. Er traut ihm zu, die Last wirklich ablegen zu können. Auch sein Vertrauen ist voller Risiko. Das bekommt er sogleich zu spüren. Hinter seinem Rücken verfinstern sich die Gesichter: ´Was maßt der sich an`, so geht es einigen durch den Kopf, die sich heftig über Jesus ärgern. Jesus spürt den Ärger und spricht die betreffenden Personen an.
Um Vertrauen aufzubauen, müssen bedrohliche Handlungen abgebaut und unterbunden werden. Indem Jesus den Ärger der Gelehrten anspricht, nimmt er der Situation das Bedrohliche. Nun kann er sich wieder ganz dem Gelähmten zuwenden und ihm sagen: "Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause." Das Vertrauen, das Jesus ausstrahlt, überträgt sich auf den Gelähmten. Er traut sich nun auch selber aufzustehen. Er beginnt, an sich selbst zu glauben. Und es gelingt. Die Lähmung fällt von ihm ab, er nimmt sein Bett und geht hinaus vor aller Augen.
Ein Beispiel, wie das Vertrauen die Angst verjagt und alles Bedrohliche überwindet. Und so kann das Wunder geschehen, dass ein Gelähmter wieder auf die Beine kommt.

Was Menschen durch Vertrauen bewirken können, wird auch im Sport immer wieder sichtbar. Die Kraft des Vertrauens empfinden Wissenschaftler, Trainer und Spieler als wichtiges Mittel für den Erfolg einer Mannschaft.
Dem Sportwissenschaftler Gunter Gebauer wurde in einem Interview am Tag vor dem Endspiel die Frage gestellt: "Welche Rolle spielt die auch in den Sozialwissenschaften wieder stärker beachtete Kategorie des Vertrauens? Man hat den Eindruck, dass die schwachen Spiele der Deutschen aus einem Mangel an Vertrauen zu bestimmten Spielern herrühren." (FR 26.06.08, S. 20)

Gemeint waren die Spieler, die ein ganzes Jahr lang in ihren Vereinen kaum zum Einsatz gekommen waren und denen deshalb die fachkundige Öffentlichkeit nicht viel zutraute. Gebauer bestätigt auch: "Das Problem für das Finale sehe ich darin, dass die deutsche Mannschaft von der Abwehr her verunsichert wird. Clevere Gegner erkennen das und decken es gnadenlos auf." Der Verlauf des Spiels hat seine Sicht voll bestätigt.

Die betreffenden Spieler wurden von der Mannschaftsleitung ständig stark geredet. Es fehlte ihnen nicht an Selbstvertrauen, wohl aber an Selbsterkenntnis. Hier zeigt sich, dass der Glaube ins Leere laufen kann, wenn er sich an falschen Voraussetzungen festmacht.

Es kommt vor, dass einzelne Personen oder eine ganze Mannschaft sich selbst stark redet, ohne dass die entsprechende Grundlage dafür da ist. Da wird dann der Glaube an sich selbst zu einer Selbstüberschätzung und Selbstüberforderung. Ich habe das Gefühl, dass dies bei der deutschen Mannschaft der Fall war. Schon mit der Präsentation der 26 Auserwählten wurde ein ungeheurer Kult betrieben. Es musste die Zugspitze sein, von der aus dann zum Gipfelsturm geblasen wurde. Damit wurde eine Erwartung geweckt, die als ungeheurer Druck auf den Spielern lastete. Denn die spielerischen Fähigkeiten der Einzelnen konnten keineswegs dafür bürgen, dass Deutschland Europameister würde. Die berühmten deutschen Tugenden sollten die technischen Mängel wettmachen; Kampfgeist, Einsatzwille und der unbedingte Glaube an sich selbst.
Nur einmal in dem Turnier kam dies alles wirklich zusammen. Im Endspiel, wo es galt, den Gipfel zu erklimmen, war bis auf wenige Ausnahmen nichts mehr von alledem zu sehen.
Gewonnen hat die Mannschaft mit der besten Technik und Spielkultur, die im entscheidenden Moment auch die größte seelische Kraft aufgebracht hat.

Was lernen wir aus alledem? Der Glaube an sich selbst kann trügerisch sein. Er kann zur Selbstüberschätzung und zur Überforderung führen. Dadurch entsteht ein Druck, dem dieser Selbstglaube am Ende nicht standhalten kann.

Erinnern wir uns noch einmal an die Geschichte von dem Gelähmten. Hier nimmt Jesus dem Mann jeden Druck. Er befreit ihn von Schuld und Angst. Diese Entlastung führt dazu, dass der Mann Vertrauen fassen und aufstehen kann.
Die Leute, die das miterlebt haben, spüren, woher die Kraft zu diesem Wunder kam. Sie lobten Gott und sprachen: "So etwas haben wir noch nicht gesehen."
Diese Geschichte lehrt uns, dass im Vertrauen auf Gott tatsächlich Wunder geschehen können und Dinge möglich werden, die unmöglich erschienen. Aber dieses Vertrauen muss einen festen Grund haben: Gott selbst, der die Kraft gibt, die Angst zu überwinden und im Vertrauen auf ihn das Leben zu wagen.