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Predigt zu Hebräer 13,8
am 2. November 2008
Goldene und Diamantene Konfirmation
 

Ein Gefühl wie damals bei der Einsegnung wird sich bei einigen von Ihnen eingestellt haben. Viele Erinnerungen werden wach an wichtige Ereignisse, die hier in dieser Kirche stattgefunden haben: Die Trauung, Taufe der Kinder, für die Diamantenen Konfirmanden die Goldkonfirmation vor zehn Jahren. Das ganze Leben seit der Konfirmation läuft noch einmal vor dem inneren Auge vorbei.
Unglaublich viel ist passiert in der ganzen Zeit. Die Spanne zwischen der Konfirmation unserer ältesten Jubilarin und dem Einsegnungsjahr unserer Goldkonfirmanden umfasst Geschehnisse, die Sie alle geprägt haben.
1928 ist Luise Filoda konfirmiert worden, 1958 unsere Goldkonfirmanden. Dazwischen liegt eine Zeit voller Grausamkeiten, voller Angst und Schrecken.
An ein Datum wird in den letzten Wochen immer wieder erinnert, an den 24. Oktober 1929, der als "schwarzer Donnerstag" in die Geschichte einging. An diesem Tag brachen in New York die Aktienkurse zusammen, eine Weltwirtschaftskrise war die Folge. Diese führte zu einer massenhaften Arbeitslosigkeit. Davon profitierten die Nationalsozialisten, die am 30. Januar 1933 die Macht an sich rissen. Die Politik der Nazis war von vorn herein darauf ausgerichtet, Krieg zu führen.
Sie alle, die Sie heute als Jubilare hier sitzen, haben den Krieg miterlebt. Die Älteste war eine junge Frau von 25 Jahren, als der Krieg begann. Die Diamantenen Jubilare waren Kinder von fünf oder sechs Jahren, die Goldkonfirmanden sind im Krieg geboren worden.
Als 1948 Konfirmation gefeiert wurde, war das Schlimmste überstanden. So langsam normalisierte sich das Leben wieder. Am 20. Juni 1948 wurde in Westdeutschland die D-Mark eingeführt. Damit begann ein beispielloser wirtschaftlicher Aufschwung. Vom "Wirtschaftswunder" wird bei heute gesprochen.
Zum ersten mal wurde wieder eine deutsche Fußballmeisterschaft ausgespielt. Der 1. FC Nürnberg gewann mit 2:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern.

Die Folgen des Krieges wirkten noch heftig nach. Bei den Olympischen Winterspielen in St. Moritz und den Sommerspielen in London war Deutschland ausgeschlossen.
Eine neue Krise bahnte sich an, die seitdem die Welt beherrschen sollte: der Gegensatz zwischen Ost und West. Die Sowjetunion blockierte die Zufahrten nach Westberlin. Die Amerikaner starteten die Luftbrücke. Mit Flugzeugen brachten sie Nahrungsmittel in die eingeschlossene Stadt und versorgten die Berliner Bevölkerung.
Die Kirchen sahen sich in der Pflicht, ihren Beitrag zum Frieden in der Welt zu leisten. Sie gründeten in Amsterdam den Ökumenischen Rat der Kirchen und verabschiedeten die berühmt gewordene Erklärung: "Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein."

Zehn Jahre später, 1958, sah die Welt anders aus. Die Bundesrepublik war eine stabile Demokratie geworden. Konrad Adenauer regierte. Das deutsche Wirtschaftswunder war in vollem Gang. Die Industrie kam den Aufträgen gar nicht nach. Sie holte sich massenhaft Arbeitskräfte aus anderen Ländern. Neue Siedlungen entstanden. Auch hier in Wanheim schossen Häuser aus dem Boden. Die Menschen arbeiteten von früh bis spät. Jeder hatte das Bestreben, das Vergangene zu vergessen und am Neuaufbau des Landes mitzuwirken.
Bei internationalen Wettbewerben durften die deutschen wieder mitmachen. Unvergessen das Wunder von Bern, das die deutschen Fußballer vier Jahre später in Schweden nicht wiederholen konnten. Deutscher Meister wurde zum vorläufig letzten Mal Schalke 04.
Der Ost-West-Konflikt verschärfte sich. Deutschland rüstete wieder auf. Gegen die Atombewaffnung protestierten Hunderttausende, die Friedensbewegung entstand. Bedeutender Sprecher war der Pastor Martin Niemöller.

Wie sich die Zeitumstände gewandelt hatten, zeigte sich auch an den Konfirmationstagen. Im März 1948, kurz vor der Währungsreform, gab es noch Lebensmittelkarten. Mehl und Zucker waren knapp, "gute Butter" war eine Kostbarkeit. Die Menschen mussten anstehen, um Grundnahrungsmittel zu bekommen. Gefeiert wurde in kleinem Rahmen, es gab selbst gebackenen Kuchen und kleine Geschenke. Alle waren froh, wenn sie etwas Dunkles anzuziehen hatten. Einer, der 1943 konfirmiert wurde, erzählte, dass er den Anzug vom Großvater bekam. Die Hose wurde ein bisschen abgenäht, dann passte das gute Stück.

1958 sahen die Jungen und Mädchen schon anders aus. Essen war inzwischen reichlich vorhanden. Die Geschenke waren immer noch bescheiden. Blumen, Pralinen, Nageletui, vielleicht eine goldene Uhr für den jungen Herrn. Die junge Dame bekam Besteck und Wäsche für die Aussteuer. Hier und da befand sich auch schon ein kleiner Geldschein im Umschlag. Reichtümer gab es bei der Konfirmation nicht zu verdienen. Das Geld war noch überall knapp.
Die Geschenke waren für Sie auch nicht der Hauptgrund, sich konfirmieren zu lassen. Für Sie stand etwas anderes im Vordergrund. Was das ist, lässt sich schwer in Worte fassen.
Ich will es aus eigener Erinnerung beschreiben: Man hatte als junger Mensch das Gefühl, einmal besonders gesehen und wertgeschätzt zu werden. Das Leben gibt einem ja viele Rätsel auf: Wer bin ich eigentlich? Wie sehe ich aus, was kann ich? Mögen mich andere? Bin ich es überhaupt wert, geliebt zu werden? Erste scheue Gedanken und Blicke richten sich auf Angehörige des anderen Geschlechts. Wie finden mich die Mädchen, die Jungen?
Viele Fragen treiben einen um. Das Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen ist noch wenig ausgeprägt. Mitten in dieser wichtigen Lebensphase die Konfirmation.
Bestätigung, Befestigung heißt das Wort auf Deutsch.
Bestätigt wird einem von der Verwandtschaft, von Nachbarn und Freunden: Es ist gut, dass du da bist. "Du bist gewollt, kein Kind des Zufalles, keine Laune der Natur", wie es in einem neuen Lied heißt. "Du bist Du", und es ist gut so, wie du bist, du bist gut so.
Das bestätigen einem nicht nur andere Menschen. Das bestätigt Gott selbst durch den Segen, der einem bei der Konfirmationsfeier zugesprochen wird. Die feierliche Einsegnung ist bis heute der Höhepunkt des Konfirmationsgottesdienstes. Und auch heutige Jugendliche empfinden diesen Moment als etwas ganz Besonderes.
Von dem Segen geht eine unaussprechliche Stärkung fürs Leben aus. Er spricht einem zu: Du bist Gottes geliebtes Menschenkind. Er ist bei dir alle Tage und rührt dich an mit seiner Kraft. Du kannst ihm vertrauen, und auch dir selbst kannst du vertrauen. Du hast etwas, was kein anderer Mensch hat: deine dir eigene Persönlichkeit.
Der Segen war verbunden mit einem Bibelwort. Damals hat der Pastor den Spruch für Sie ausgesucht, einen persönlichen Zuspruch für Ihr weiteres Leben. Viele von Ihnen haben den Konfirmationsspruch behalten, er ist immer in ihrem Kopf, sozusagen in ihr Herz eingeschrieben. Sie haben im Laufe des Lebens daraus immer wieder Kraft und Wegzehrung geschöpft.
Damals bei der Konfirmation hat jede und jeder für sich einen Spruch bekommen. Heute bekommen Sie zu dem Konfirmations-Jubiläum einen gemeinsamen Spruch. Es ist der Vers, der in der Decke unserer Kirche zu lesen ist:
"Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit."

Im Vorbereitungsgespräch für diesen Gottesdienst hat eine gesagt: "Je älter man wird, desto mehr hat man das Bedürfnis, einen inneren Halt zu finden. Der Glaube ist das, was einen zuletzt hält und trägt." Eine andere schloss sich dem an und sagte aus ihrer Lebenserfahrung: "Das Leben ist oft schwer. Ohne den Glauben wäre ich verloren. Ich brauche die Kraft, die der Glaube mir gibt."
Der Hebräerbrief sagt es so: "Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde."
Glauben heißt sich festmachen, das Herz festmachen, festmachen an Jesus Christus. Darauf zielte damals Ihr Konfirmandenunterricht. Es ging darum, Jesus Christus kennen und an ihn glauben zu lernen. Zu diesem Zweck ließen die Pastoren Sie wichtige Glaubensinhalte auswendig lernen.
Die meisten von Ihnen sind von Pastor Pickert konfirmiert worden. Die 58er Konfirmanden waren seine letzten hier in Wanheim. Fünf Jubilarinnen wurden anderswo konfirmiert: In Essen-Werden von Pastor Krüger, der später Superintendent des Kirchenkreises Essen-Süd war; in Neudorf von Pastor Immer, der später Präses der Landeskirche war; in Hochfeld von Pastor Freund, dessen Frau als Jüdin im Konzentrationslager umgebracht wurde; in Wattenscheid und Otternhagen bei Hannover.
Sie alle haben im Konfirmandenunterricht Texte aus dem Katechismus auswendig gelernt. Der wichtigste ist wohl die Frage 1 aus dem Heidelberger Katechismus. Sie lautet in etwas gekürzter Fassung:

Was ist dein Trost im Leben und im Sterben?
Dass ich mit Leib und Seele,
im Leben und im Sterben, nicht mir, sondern
meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.
Er bewahrt mich so,
dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel
kein Haar von meinem Haupt kann fallen,
ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss. Darum macht er mich auch
durch seinen Heiligen Geist
des ewigen Lebens gewiss
und von Herzen willig und bereit,
ihm forthin zu leben.

Was das bedeutet, haben Sie als Jungen und Mädchen sicher nicht so ganz verstanden. Es ist auch für uns als Erwachsene noch schwierig zu verstehen. Was unmittelbar hängen bleibt und sich im Inneren einprägt, ist wohl dies: Es gibt einen, zu dem ich gehöre und der um mich besorgt ist. Im Leben und im Sterben ist er an meiner Seite.

Das zu glauben, ist ein starker Trost und Halt. Gerade in der Zeit des Heranwachsens, wo so viel in Frage steht, ist es wichtig zu wissen, dass man nicht allein auf der Welt ist. In den Jahren als Erwachsener ist man oft so beschäftigt, dass man gar nicht dazu kommt, sich viele Gedanken über das Leben zu machen. Die kommen erst auf, wenn man in eine Krise gerät und wenn man älter wird.
Da wird man ständig daran erinnert, dass die Lebenszeit begrenzt ist. Und man überlegt, was wirklich wichtig ist, wofür man seine kostbare Zeit verwenden will und woran man sich festhalten kann angesichts der Vergänglichkeit des Daseins.

Die Schrift, die unter dem Namen Hebräerbrief im Neuen Testament steht, sagt: Festhalten kann man sich an Jesus Christus. Er hat zu Lebzeiten Menschen sehen und spüren lassen, dass Gott ihnen nahe ist. Durch die Kraft des Glaubens haben Verzweifelte wieder Mut gefunden. Menschen, die unter der Last einer Schuld litten, konnten aufatmen, weil Jesus ihnen im Namen Gottes die Schuld vergab und einen neuen Anfang ermöglichte. Andere, die von Leid und Trauer gebeugt waren, hat Jesus aufgerichtet, dass sie Freude am Leben empfinden konnten. Wo er hinkam, wurden Menschen froh, fassten Hoffnung und Selbstvertrauen.
Das, so sagt die Bibel, ist mit seinem Tod nicht zu Ende. Denn er ist auferstanden. Was damals einzelne Menschen in der Begegnung mit Jesus erlebt haben, können heute viele erleben. Denn sein Geist wirkt überall. Wo Menschen sich dem Wirken des Geistes öffnen, erfahren sie, dass Jesus lebendig ist. Unaufhörlich ist er am Werke, uns das Schwere leicht zu machen, unsere Füße auf den Weg des Friedens zu richten, uns zur Freundlichkeit untereinander anzustiften.
So wird es sein in Ewigkeit, weil Gott ewig ist und Jesus mit ihm. Durch ihn haben auch wir Anteil am ewigen Leben. Nichts kann uns von ihm und seiner Liebe trennen. Das ist unser Trost im Leben und im Sterben. "Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit." Amen.