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Predigt 1. Thessalonicher 5,1-11
am 09. November 2008
 

Wie konnte das damals passieren? So fragt man sich immer wieder, wenn man an die schrecklichen Ereignisse von damals zurückdenkt.
Lange Jahre konnten die Menschen in unserem Land über diese Frage gar nicht nachdenken. Sie löste sofort heftige Abwehr aus. Wer die Zeit als Erwachsener oder Heranwachsender miterlebt hatte, fühlte sich schuldig. Schuld einzugestehen, ist eine enorme Kränkung, der man mit allen Mitteln auszuweichen versucht.
"Wir haben davon nichts gewusst." Sehr oft bekam man diesen Satz zu hören, wenn man Menschen, die damals gelebt haben, nach den Verbrechen der Nazis fragte. Eine andere häufig gehörte Antwort war die: "Wir mussten ja mitmachen. Wer nicht mitmachte, wurde selber umgebracht." Meistens wurden die Gefragten gleich sehr aggressiv. Deshalb ließ man das Thema lieber ruhen. So hat sich Jahrzehnte lang ein Schleier des Schweigens über die Geschehnisse von damals gelegt.
Aber die dunklen Schatten der Vergangenheit holen uns immer wieder ein. Die Schuld, die das deutsche Volk in den Jahren 1933 bis 1945 auf sich geladen hat, ist riesengroß. An der schweren Last dieser Schuld tragen wir Deutschen bis heute. Denn längst ist noch nicht alles aufgearbeitet, was Menschen damals verbrochen haben. Man kann nicht einfach einen Schlussstrich darunter ziehen, wie manche das fordern. Das jahrzehntelange Schweigen hat alles nur schlimmer gemacht. Jede Frage, die nicht gestellt wurde, hat Menschen tiefer in die Gemeinschaft der Schuld verstrickt.
Der Schriftsteller Ralph Giordano spricht deshalb von der "zweiten Schuld", die wir Deutsche durch das Leugnen der ersten Schuld auf uns geladen haben.
Aus dieser Schuld-Verstrickung können wir uns nur befreien, wenn schuldhaftes Verhalten konkret benannt wird. Nicht, um irgendjemanden schuldig zu sprechen, sondern um Lehren daraus zu ziehen für uns heute. Denn erst bewusstes Erinnern macht uns fähig, uns der Gegenwart zu stellen. Vergessen und Verschweigen verlängert die Schuldgeschichte. Die Erinnerung aber ist das Geheimnis der Befreiung und die Quelle der Erlösung.
Nüchtern und wachsam zu sein, dazu ermuntert der für heute vorgesehene Predigttext. Wir sind "Menschen, die dem Licht und dem Tag gehören", so heißt es das, Menschen also, die alles bei Licht besehen können. Wenn wir das Gestern erhellen und bei Licht betrachten, klärt sich für uns das Heute auf, verstehen wir mehr und besser unsere heutige Situation und was heute von uns gefordert sein könnte.
Schauen wir also noch einmal genauer hin, was damals geschehen ist.
Die Gewalt gegen Juden in der Nacht vom 9. auf den 10. November war kein plötzlicher Ausbruch des Volkszorn, wie es die nationalsozialistische Propaganda darstellte. Sie war von langer Hand vorbereitet. Unmittelbar nach der Machtübernahme hatten die Nazis begonnen, gegen die Juden zu hetzen und sie aus dem öffentlichen Leben auszuschließen. Am 1. April 1933 fand die erste groß angelegte Aktion gegen die Juden statt.
Jede Ortsgruppe der NSDAP hatte ein Aktionskomitee gebildet zur praktischen Durchführung des Boykotts jüdischer Geschäfte, jüdischer Ärzte und jüdischer Rechtsanwälte. Die Komitees erhielten die Anweisung, durch Propaganda und Aufklärung den Boykott bis in das kleinste Bauerndorf zu voranzutreiben. Das ganze Volk wurde auf den Grundsatz eingeschworen: "Kein Deutscher kauft noch bei einem Juden."
"Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht bei Juden!" Plakate mit dieser Aufschrift klebten die Aktionskomitees überall im Land an jüdische Geschäfte. Punkt 10 Uhr vormittags schlugen sie los. Jüdische Geschäftsleute, Ärzte, Apotheker, Rechtsanwälte mussten ihren Beruf aufgeben. Viele von ihnen flohen ins Ausland.
Die Nazi-Propaganda ließ weitere Hetzkampagnen folgen. Anfang 1937 forderte der Reichsführer der SSS, Heinrich Himmler, erstmals öffentlich die "Entjudung Deutschlands", wie das Nazivokabular lautete. Dieses Ziel sei am besten zu erreichen durch Mobilisierung des Volkszorns.
Viele nichtjüdische Deutschen machten bereitwillig mit. Auch hier in Wanheim. Heinrich Hildebrand hat das Schicksal der jüdischen Familie Jessel festgehalten. Nachbarn und Bekannte grüßten sie nicht mehr auf der Straße. Schon 1935 mussten sie ihr Geschäft aufgeben, weil die Angriffe gegen sie überhand genommen hatten.
Es war nicht nur die Angst vor eigenen Nachteilen, die viele zum Mitmachen trieb. Die Nazi-Regierung, die selber vollkommen rücksichts- und gewissenlos handelte, setzte in der Bevölkerung die niedrigsten Beweggründe frei. Jeder konnte seinen Aggressionen freien Lauf lassen, ohne irgendwelche Nachteile dafür befürchten zu müssen. "Man wusste, dass man bei Hitler nie wegen zu großem Radikalismus schlecht angesehen werden konnte, nur wegen zu großer Weichheit," sagte ein Zeitzeuge.
Mitgefühl, Anteilnahme, Hilfe gegenüber Schwächeren, diese urchristlichen Werte und Verhaltensweisen galten im Nazireich als undeutsch. "Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und flink wie ein Weisel" sollte ein "deutscher Junge" sein. Für weiche, mitfühlende Menschen hatte die Nazipropaganda nur Hohn und Spott übrig.
Viele im deutschen Volk nahmen darüber hinaus die Gelegenheit wahr, sich am Eigentum der Juden zu bereichern. Jüdische Unternehmer verkauften ihre Firmen weit unter Wert. Warenhauskonzerne wie Horten, Banken wie die Deutsche und die Dresdner Bank profitierten davon. Das Vermögen der Juden, geschätzte dreizehn Milliarden Reichsmark kassierte die Reichsregierung ein, um damit die riesigen Rüstungsausgaben zu bezahlen. Möbel, Geschirr, Kinderspielzeug, Wäsche, Bilder aus jüdischen Wohnungen wurden weit unter Wert versteigert. Viele Deutsche haben dabei ein Schnäppchen gemacht.
Dann kam der 9. November 1938. Am Morgen dieses Tages starb in Paris ein Mitglied der Deutschen Botschaft an den Folgen eines Attentats. Ein siebzehnjähriger polnischer Jude hatten den Beamten in seinem Dienstzimmer mit mehreren Schüssen schwer verletzt. Der Beamte starb. Für Hitler war dies die Gelegenheit. Sein Propagandaminister hielt um 22 Uhr vor SA-Führern, die im Alten Rathaus in München versammelt waren, eine Hetzrede. Darin machte er die Juden für den Tod des Botschaftsangehörigen verantwortlich. Er lobte die angeblich spontanen judenfeindlichen Aktionen im ganzen Reich, bei denen auch Synagogen in Brand gesetzt worden seien. Die Partei, solle nicht als Organisator antijüdischer Aktionen in Erscheinung treten. Sie solle diese aber dort, wo sie entstünden, auch nicht behindern. Die anwesenden Parteigenossen verstanden dies als unmissverständliche Aufforderung zum organisierten Handeln gegen jüdische Häuser, Läden und Synagogen. Sie gaben mit Telegrammen und Fernschreiben Befehle an alle Dienststellen im ganzen Reich weiter, in denen es hieß:

Sämtliche jüdische Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uniform zu zerstören. Nach der Zerstörung hat eine Wache aufzuziehen, die dafür zu sorgen hat, dass keinerlei Wertgegenstände entwendet werden. Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen.

Die Polizei im ganzen Reich bekam den Befehl, zwanzig bis dreißigtausend Juden festzunehmen. Betroffen davon waren vor allem vermögende Juden. Sie kamen nicht mehr in ihre Häuser zurück, sondern wurden in die Konzentrationslager abtransportiert.

In der Kirche gab es einen, der klar und deutlich gegen die Judenverfolgung Stellung genommen hat, Dietrich Bonhoeffer. Schon im April 1933 veröffentlichte er einen Aufsatz unter dem Thema: "Die Kirche vor der Judenfrage". Darin beschrieb er die dreifache Aufgabe der Kirche dem Staat gegenüber: Sie soll den Staat nach der Rechtmäßigkeit seines Handelns fragen. Sie soll sich zweitens um die Opfer des staatlichen Unrechts kümmern. Bonhoeffer gebraucht dafür das Bild: Kirche soll denen helfen, die unter die Räder kommen, die "Opfer unter dem Rad verbinden". Die dritte und letzte Möglichkeit sieht Bonhoeffer darin, dem Rad selbst in die Speichen zu fallen, also aktiv Widerstand gegen staatliches Unrechtshandeln zu leisten. Die ersten beiden Aufgaben sah Bonhoeffer im April 1933 schon als "verpflichtende Forderungen der Stunde".
Er stand damals vollkommen allein in der Kirche und in der ganzen Gesellschaft. Er blieb allein auch später, als er sich an Versuchen beteiligte, dem "Rad in die Speichen zu fallen".

Auch nach dem Krieg hat sich die Kirche lange Zeit schwer damit getan, Bonhoeffer ein ehrendes Andenken zu erweisen. Vermutlich weil sein Beispiel Schuldgefühle in vielen Kirchenleuten weckte. Er hat gezeigt, dass man schon sehr deutlich sehen und wissen konnte, was die Nazis taten. Er hat gezeigt, dass die Kirche von ihrem Glauben her dazu auch etwas hätte sagen können, dass sie etwas hätte sagen müssen.

Es gab auch in der Nacht vom 9. auf den 10. November Menschen, die sich schützend vor die Juden gestellt und damit gezeigt haben, dass man nicht alles mitmachen musste. In Berlin-Mitte zum Beispiel rettete der Vorsteher eines Polizeireviers die Synagoge in der Oranienburger Straße vor der Zerstörung. Er verwies darauf, dass dieses Gebäude unter Denkmalschutz stand, verjagte mit vorgehaltener Dienstpistole die Brandstifter und holte die Feuerwehr, die den Brand löschte. Außer einer Rüge seines Vorgesetzten geschah ihm nichts.

Wir sind Menschen, die dem Tag und dem Licht gehören. Deshalb wollen wir wach und nüchtern sein. Das wollen wir sein im Blick auf die Vergangenheit, wir wollen sie nüchtern betrachten, ohne dabei etwas schön zu reden. Es war eine Verbrecherbande, die unser Land regiert hat, und viele, viele haben sich davon selbst zu schlimmen Taten anstiften lassen. Wenn man dies alles nüchtern betrachtet, überkommt einen auch heute noch Scham, dass dieses Volk der Dichter und Denker, der Künstler und Musiker so tief sinken konnte.

Nüchtern und wachsam, das sollen wir Christen auch sein im Blick auf die Gegenwart. Auch heute gibt es Menschen, die unsere Einmischung brauchen, Menschen, für die wir den Mund aufmachen müssen, weil sie selber nicht für sich eintreten können.

"Wir wollen auf den Glauben und die Liebe bauen
und darauf hoffen, dass alles gut wird."

Kraft und Mut, den Mund aufzumachen für Menschen, die unsere Einmischung brauchen, kommen aus dem Glauben. Jesus hat uns vorgelebt, dass wir vor nichts und niemandem Angst haben müssen. Und er hat uns die Hoffnung gegeben, dass letztlich Recht und Gerechtigkeit die Oberhand behalten werden.
Solange es Menschen gibt, wird es immer Bosheit, Niedertracht, Gier und Unrecht geben. Wir können die Welt und die Menschen nicht verändern. Aber es wird immer die Möglichkeit geben, Verhältnisse zum Besseren hin zu verändern. Wir Christen sollen mitwirken an der Bekämpfung des Unrechts und am Aufbau einer gerechteren, friedlicheren Welt. Dazu ermuntert Paulus und schließt seinen Brief mit diesem Segenswunsch:

"Der Gott des Friedens
heilige euch durch und durch
und bewahre euren Geist
samt Seele und Leib unversehrt und untadelig
für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.
Die Gnade unseres Herrn sei mit euch."