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Predigt aus Anlass des 200. Geburtstags Felix Mendelssohn Bartholdy
am 08. Februar 2009 - Septuagesimae
Wirf dein Anliegen auf den Herrn
 

Was wir gerade gehört haben, kennen wohl die meisten. Als feierliche Einleitung beim Einzug des Brautpaares wird das Stück in vielen englisch sprechenden Ländern gespielt. Es hat längst auch in unseren Kirchen Einzug gehalten.
Es ist der Hochzeitsmarsch von Felix Mendelssohn. Im Alter von siebzehn Jahren hat der junge Mendelssohn eine Ouvertüre zu William Shakespeares "Sommernachtstraum" geschrieben. Diese wurde sein beliebtestes Orchesterwerk. Die Einleitung zum fünften Akt bildet der berühmte "Hochzeitsmarsch", der wohl Mendelssohns meistgespieltes Musikstück ist. Victoria, die älteste Tochter der Königin Victoria hat das Stück bei ihrer Heirat mit dem Kronprinzen von Preußen am 12. Januar 1858 spielen lassen und es damit für Hochzeitsfeiern populär gemacht.
Am 3. Februar vor zweihundert Jahren ist Felix Mendelssohn geboren worden. Die Zeitungen haben den runden Geburtstag zum Anlass genommen, etwas über den Komponisten zu schreiben. Das hat mich angeregt, seinen Lebenslauf in die heutige Predigt einfließen zu lassen.

Felix Mendelssohn entstammte einer angesehenen und wohlhabenden jüdischen Familie. Am 3. Februar 1809 wurde er geboren. Sein Vater Abraham leitete zusammen mit seinem älteren Bruder Joseph eine Bank. Seine Mutter Lea, geborene Salomon kam aus einer Fabrikantenfamilie. Nach der Heirat 1804 zogen Abraham und Lea Mendelssohn von Berlin nach Hamburg. Im Jahr 1805 wurde die musikalisch begabte Tochter Fanny geboren. Als weitere Geschwister folgten 1811 Rebecca und ein Jahr später Paul.
Wegen der Besetzung Hamburgs durch französische Truppen zog die Familie 1811 wieder zurück nach Berlin, wo die verwitwete Großmutter lebte. Die Familie bezog ein stattliches Palais mit Hof und Nebengebäuden in der Leipziger Straße 3. Heute residiert dort der Bundesrat. Hier erhielten Felix und Fanny den ersten Musikunterricht von ihrer Mutter. Die liebte die Musik von Johann Sebastian Bach. So kamen die Kinder schon sehr früh mit Bach in Berührung.
Wie auf die musikalische Förderung legten die Eltern auch Wert auf eine christliche Erziehung ihrer Kinder. Am 21. März 1816 wurden die Vier evangelisch getauft. Bei dieser Gelegenheit ließen die Mendelssohns ihrem Familiennamen den Namen Bartholdy beigefügen. Auch die Eltern Abraham und Lea Mendelssohn Bartholdy traten sechs Jahre später zum Christentum über.
Der junge Felix hatte als Neunjähriger am Klavier seinen ersten Auftritt in der Öffentlichkeit. Mit zehn Jahren trat er in die Berliner Sing-Akademie ein, wo er Kirchenmusik studierte. Im Jahr darauf begann er mit außergewöhnlicher Schnelligkeit zu komponieren. Allein in jenem Jahr schrieb er fast sechzig Sätze, darunter Lieder, Klaviersonaten, ein Klaviertrio, eine Sonate für Violine und Klavier und Orgelstücke.
1821 kam Goethe zum Konzert des kleinen Felix Mendelssohn in Weimar. Nachdem er dem Zwölfjährigen eine Weile zugehört hatte, wie der am Piano Mozart und Beethoven spielte, sagte er dem Lehrer des Jungen anerkennend: "Was dein Schüler jetzt schon leistet, mag sich zum damaligen Mozart verhalten wie die ausgebildete Sprache eines Erwachsenen zum Lallen eines Kindes."

Mit siebzehn schuf er die Musik zum "Sommernachtstraum." In diesem Alter blickt er bereits auf ein umfangreiches Werk mit Streichersinfonien, Kammermusik, Soli und Singspielen und war schon ein weithin bekannter und anerkannter Künstler.
Ein anderer Komponist, vier Jahre jünger als Mendelssohn, neidete ihm seinen Ruhm. Der deutschnational eingestellte Richard Wagner brachte 1850 eine judenfeindliche Schmähschrift heraus unter dem Titel: "Judentum in der Musik". Darin verunglimpfte er Mendelssohns Werke als verweichlicht und süßlich. Ihm fehle die "wahre Leidenschaft".
Achtzig Jahre später griffen die Nationalsozialisten Wagners bösartige Attacken wieder auf. Im Jahr 1934 schreibt das Reichspropagandaministerium einen Wettbewerb aus, der die Nationalsozialisten aus einer unangenehmen Lage befreien soll. Viele Anstrengungen haben sie schon unternommen. Aber es will nicht gelingen, ein Werk von den Theaterbühnen und aus dem Bewusstsein der Menschen zu verbannen, das dort nach "völkischem und sittlichem Empfinden" nicht hingehört. Gemeint ist die Schauspielmusik zu Shakespeares "Sommernachtstraum" von Felix Mendelssohn Bartholdy. Das Ministerium ist nicht mehr bereit, "Shakespeares Sommernachtstraum mit jüdischer Begleitmusik zu ertragen". So lautet eine amtliche Mitteilung. Deshalb ruft das Ministerium die Tonsetzer im Reich auf, Ersatz zu liefern. Zwei namhafte Komponisten weisen das Ansinnen zurück. Carl Orff und Rudolf Wagner-Régeny leisten dem Aufruf des Propagandaministeriums Folge. Doch ihre Versuche lassen das Original nur umso strahlender erscheinen.

Die Ächtung Mendelssohns in der Nazizeit hatte Nachwirkungen. Sowohl die Gestalt als auch das Werk Felix Mendelssohn Bartholdys wurden in den vergangenen sechzig Jahren wenig beachtet. Selbst zum zweihundertsten Geburtstag dieses vielfach begnadeten Mannesfindet sich keine wesentliche Publikation aus deutschen Landen. Für die New York Times ist er "der größte Komponist unserer Zeit".

Eins seiner bekanntesten Werke neben der Melodie zum "Sommernachtstraum" ist das Oratorium über die Geschichte des biblischen Propheten Elia. Zehn Jahre lang hat Mendelssohn an dem Stoff gearbeitet. Er war von der Gestalt des Propheten fasziniert und wünschte sich auch für die eigene Zeit einen derartigen Propheten, "stark, eifrig, auch wohl bös und zornig und finster". So schrieb er in einem Brief an einen Freund. Der Dessauer Pfarrer Julius Schubring entwarf ihm Texte, in denen er den Stoff neutestamentlich deutete und an vielen Stellen Hinweise auf Christus einfügte. Mendelssohn dagegen wollte sich ziemlich genau an die Geschichte halten, wie sie das 1. Königsbuch erzählt. Lediglich mit einem "Anhang", der das Kommen des Messias prophezeit, machte er ein Zugeständnis an den Pfarrer.
Das Oratorium hat zwei Teile. Im ersten Teil geht es um den starken, kämpferischen Propheten, der sich auflehnt gegen die Vielgötterei der Königin, die als Kananäerin dem Baalskult anhing. Elia kämpfte gegen diese Entwicklung und für die alleinige Verehrung des einen Gottes Jahwe.
Allein trat er gegen vierhundert Baalspropheten an, um zu zeigen, dass der Gott Israels der einzige wahre Gott ist. Dramatisch setzt das Oratorium diese Auseinandersetzung in Szene. Auf dem Höhepunkt lässt Mendelssohn einen Psalm erklingen: "Wirf dein Anliegen auf den Herrn."

"Wirf dein Anliegen auf den Herrn,
der wird dich versorgen
und wird den Gerechten nicht ewiglich
in Unruhe lassen.
Denn seine Gnade reicht so weit der Himmel ist,
und keiner wird zuschanden,
der seiner harret."

An diesem kurzen Stück wird deutlich, wie Mendelssohn gearbeitet hat. In die Eliageschichte hat er Verse aus anderen Teilen der Bibel eingefügt, vor allem aus den Psalmen. Für das Stück, das wir gerade gehört haben, ursprünglich ein Quartett, hat er Sätze aus verschiedenen Psalmen zusammengefügt: "Wirf dein Anliegen auf den Herrn; der wird dich versorgen und wird den Gerechten in Ewigkeit nicht wanken lassen." So heißt es in Psalm 55 (Vers 23). In Psalm 36 findet sich dieser Vers: "Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen." (Vers 6) Den Abschluss bildet ein Vers aus Psalm 25: "Keiner wird zuschanden, der auf dich harret". (Vers 3)
An diesem Beispiel zeigt sich, dass Mendelssohn ein guter Bibelkenner war, der frei mit dem biblischen Stoff umging, aber den Wortlaut kaum veränderte.
Im zweiten Teil stellt das Oratorium einen resignierenden, lebensüberdrüssigen Elia dar. Die Königin hetzt das Volk zum Mord an dem unbequemen Mahner auf, der in die Wüste flieht. Dort sagt der lebensmüde Prophet: "Es ist genug". Mendelssohn hat dies als Arie vertont. Darauf folgt ein Chorgesang: "Siehe, er schläft unter dem Wacholder".
Die Geschichte im 1. Königsbuch erzählt: "Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele" (1. Könige 19,4)
Dramatisch setzt der Komponist die Wiederbelebung Elias in Szene. In der Bibel ist es ein Engel, der den Propheten anrührt, ihn mit frischem Brot und Waser versorgt und ihm Mut macht aufzustehen.
Mendelssohn hat ein Gespür dafür, dass ein lebensmüder Mensch sehr viel Trost und Zuspruch nötig hat.
"Hebe deine Augen auf zu den Bergen", so lässt er zunächst ein Terzett erklingen. "Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt." So heißt es in Psalm 121. Den vierten Vers dieses Psalms hat Mendelssohn als Chorgesang gestaltet: "Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht."
Nach dieser Erinnerung an den treuen Menschenhüter folgt die Aufforderung: "Stehe du auf, Elias".

"Denn er hat seinen Engeln
befohlen über dir,
dass sie dich behüten
auf allen deinen Wegen,
dass sie dich auf den Händen tragen
und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest."

Die Uraufführung des Stückes am 26. August 1846 auf dem Musikfestival in Birmingham war ein Riesenerfolg. Das Publikum forderte nach der dreieinhalbstündigen Vorstellung, in der auch andere Stücke aufgeführt wurden, mehrere Zugaben.
Trotz des sensationellen Erfolges bei der Uraufführung überarbeitete Mendelssohn das Oratorium. In seiner endgültigen Form kam es am 16. April 1847 in London zur ersten Aufführung. Wieder dirigierte Mendelssohn selbst, wie auch bei den fünf weiteren Konzerten in England. Bei einem der Konzerte waren Königin Victoria und ihr Gemahl Prinz Albert anwesend, die Mendelssohn eine Audienz gewährten.
Wie schon seit frühster Jugend gönnte sich Mendelssohn viel zu wenig Ruhe. Als er am 8. Mai die Heimreise antrat, machte er einen Besorgnis erregend schwachen Eindruck. Zu Hause angekommen, erfuhr er vom Tod seiner Schwester Fanny und brach zusammen. Sechs Monate später, am 4. November 1847, starb der Komponist, nachdem er zwei Schlaganfälle erlitten hatte. Mendelssohn ist 38 Jahre alt geworden.
Die Erinnerung an ihn zeigt, wie Musik und Bibel einander bereichern und wie die Musik Geschichten und Aussagen der Bibel so in Szene setzen kann, dass sie einem im Ohr bleiben, ja zu Herzen gehen.
"Wirf dein Anliegen auf den Herrn,
der wird dich versorgen
und wird den Gerechten nicht ewiglich
in Unruhe lassen."
Oder dies: "Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen".
Das vergisst man nicht mehr, wenn man es einmal in der Vertonung Mendelssohns gehört hat. Einfache biblische Sätze sind das, an denen man sich festhalten kann. Wie auch das Schicksal des Propheten‚ Elia dazu angetan ist, uns Mut zu machen. Denn Elia stand auf und ging seinen Weg, gestärkt durch Brot und frisches Wasser und durch den Zuspruch des Engels.