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Predigt zu Lukas 9,57-62
am 15. März 2009 - Okuli
Mit Jesus auf dem Weg
 

"Dieser Weg wird kein leichter sein,
dieser Weg wird steinig und schwer".
Mit diesem Lied hat sich unsere Fußballnationalmannschaft während des märchenhaften Sommers 2006 vor ihren Spielen Mut gemacht. Es kam mir wieder in den Sinn als ich den heutigen Predigttext las. Auch da geht es um einen Weg, den Weg Jesu nämlich. Der war auch kein leichter. Das gleiche gilt für die Menschen, die Jesus nachfolgen wollen. "Dieser Weg wird steinig und schwer".

Manfred Josuttis, ein bekannter Theologieprofessor, hat deutlich gemacht, dass der Weg Jesu nicht unser Weg sein kann. Wie Jesus ihn gegangen ist, so können wir ihn nicht nachgehen, vielleicht noch ehrlicher: so wollen wir ihn nicht nachgehen.
Josuttis schreibt:
"Nur in Ausnahmefällen wird einer so leben wollen und können wie Jesus selbst. Der hat einen radikalen Bruch mit Herkunft und Heimat vollzogen und ist als Landstreicher durch die Dörfer gezogen. Es gibt solche Streuner-Gestalten, die freiwillig oder unfreiwillig auf der Straße gelandet sind. Wir leben nicht so. Aus vielen Gründen nicht. Und es ist mir wichtig, dass wir uns das eingestehen, gerade wenn wir als Christen Jesus nachfolgen wollen. An diesem Punkt folgen wir ihm nicht. Wir leben anders.
Wir grenzen uns ab ihm gegenüber. Wir verweigern uns seinem Lockruf. Alle theologische Begriffsartistik, aller Hang zur frommen Illusion darf diesen Unterschied nicht verwischen. Der Mann Jesus hat seine Art Leben gelebt. Wir leben anders. Wir leben eigensinnig auch ihm gegenüber." (Josuttis, Predigten zur Wirkungsgeschichte Jesu, S.158)

Wir könnten damit den Text zu den Akten legen und sagen: Jesu Zeit ist nicht unsere Zeit, sein Weg ist nicht unser Weg. Aber so einfach möchte ich es mir und uns nicht machen. Auch biblische Texte führen uns manchmal auf einen Weg, der kein leichter ist.
Jesus ist nicht nur der liebe Heiland, der Tröster und Retter der Welt, der Helfer in der Not. Er mutet uns auch manches zu.
Vielleicht entdecken wir auch etwas Ermutigendes in den Zumutungen Jesu.

Zunächst erhalten wir einen Einblick in die Anfänge der Jesusbewegung. Folgt man Texten wie dem für heute vorgegebenen, so hat Jesus keine Gemeinde gegründet, sondern eine Bewegung herumwandernder Charismatiker ins Leben gerufen. Man spricht von "Wandercharismatikern", die mit Jesus unterwegs waren und nach seinem Tod sein Werk weiterführten.
Jesus hat sie berufen wie früher Gott Propheten berufen hat. Die Jünger waren im Grunde mehr als nur "Jünger", mehr als nur Schüler ihres Meisters. Sie waren von ihm berufene und beauftragte Geistträger, die in seinem Sinn handeln und in seinen Fußstapfen gehen sollten.
Jünger und Jüngerinnen nahmen teil an der Außenseiterrolle Jesu. Wer Jünger Jesu wurde, musste nicht nur bereit sein, seine Heimatlosigkeit zu teilen. Er oder sie musste auch in geradezu anstößiger Weise die Bindung zu Jesus über alle anderen Bindungen stellen. Selbst die heilige Pflicht, den Vater zu begraben, wurde für einen Jünger unwichtig, wenn es um die Nachfolge seines Herrn ging.
Jüngerinnen und Jünger hatten gleichzeitig teil an dem Charisma Jesu, an seinem Auftrag und seiner Vollmacht. Sie bekamen von Jesus die Gabe zu heilen und Dämonen auszutreiben. (Theisen/Merz, Der historische Jesus, S. 199f)

Die von Jesus berufenen Jünger und Jüngerinnen waren also eine besondere Gruppe. Sie führten ein Außenseiterdasein und waren auf die Unterstützung durch die Gemeinden angewiesen. Die Radikalität der Wanderprediger war nur möglich, weil sie in den Ortsgemeinden feste Anlaufstellen hatten, wo sie mit Nahrung versorgt wurden. (Theisen, Die Soziologie der Jesusbewegung S. 26)
Der Weg Jesu und der ihm nachfolgenden Jünger war der Weg einzelner Menschen. Er kann nicht der Weg aller werden, die an Jesus glauben.

Als Lukas sein Evangelium schrieb, hatten sich schon kleine Ortsgemeinden mit zum Teil festen Strukturen gebildet. Es gab Gemeindeleiter, es gab Presbyter, es gab Diakonie. Im Neuen Testament finden sich für diese verschiedenen Dienste genaue Anweisungen.

Was will Lukas seiner Gemeinde mit den Worten sagen, in denen es um den Ernst der Nachfolge geht? Dieser Text steht an einer Schnittstelle in seinem Evangelium. Wenige Verse vorher berichtet Lukas, dass Jesus sich aufmachte nach Jerusalem. Bis dahin ist er in Galiläa umher gezogen, hat die Botschaft von dem nahe herbeigekommenen Reich Gottes gepredigt und Menschen geheilt.
Wie die Geschichte von Jesu Geburt, so beginnt auch dieser neue Abschnitt von Jesu Lebensweg mit den Worten: "Es begab sich". Die Zeit war gekommen, sie war erfüllt, dass Jesus seine Mission auf der Erde vollenden sollte. "Da wandte er sein Angesicht nach Jerusalem, um dorthin zu wandern." (Vers 51)
Alles, was nun folgt, geschieht also auf dem Weg, auf der Wanderung Jesu nach Jerusalem. So stellt Lukas die Geschichte Jesu dar: als einen schweren und steinigen Weg.

Ich höre daraus erst einmal keinen Anspruch, sondern etwas sehr Tröstliches: Seht, das alles hat Jesus auf sich genommen - für uns.
Jesu Wohltat fassen viele Menschen zusammen, indem sie sagen: Er ist für uns gestorben. Die Evangelien erzählen uns Geschichten von Jesus, um uns zu zeigen: Er hat für uns gelebt. In Jesu Weg zeigt sich Gottes Liebe zu uns Menschen. Die muss schon sehr groß sein, dass er seinen Sohn diesen beschwerlichen Weg gehen ließ.
Das zweite, was ich höre, ist eine Entlastung. Es gab und gibt immer Menschen, die sagen: So wie Jesus will ich auch leben. Ich will ungebunden sein, heute hier, morgen dort. Nichts und niemand soll mich abhalten, meinem Herrn zu folgen. Diesen Menschen, die sich voller Begeisterung mit Jesus auf den Weg machen wollen, rät der Evangelist: Überleg genau, worauf du dich einlässt. "Die Vögel haben Nester, aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege."
Lukas warnt davor, sich selbst zu überfordern. So ein Leben ohne festen Wohnsitz ist nichts für jeden. Das können nur einzelne Menschen auf sich nehmen.

Ein Leben mit ständigem Unterwegssein verlangen heute die Unternehmen von ihren Mitarbeitenden. Flexibel und mobil müssen die Mitarbeitenden sein. Das ist ein Grund für die heute viel beklagte Kinderlosigkeit unserer Gesellschaft. Kinder passen nicht oder nur sehr schlecht in ein Leben, das ständig auf Achse ist. Und viele, die dauernd unterwegs sein müssen, leiden darunter. Beziehungen nur an Wochenenden pflegen zu können, ständig in fremden Betten schlafen zu müssen, das zehrt an den Nerven und an den Kräften.
Unserer Gesellschaft müsste man heute gerade das Gegenteil von dem predigen, was Jesus gelebt hat. Heute müsste man sagen: Menschen, werdet sesshaft, schlagt Wurzeln, lasst euch ein auf den Stadtteil, in dem ihr wohnt, nehmt teil an dem Leben vor Ort, gestaltet es mit, helft mit, dass eure Umgebung wohnlich ist und bleibt. Achtet auch auf die Menschen in eurer Umgebung.

Das dritte, was ich höre, ist dann tatsächlich auch eine Mahnung und Aufforderung an die Gemeinden: Werdet nicht träge mit eurem Glauben. Richtet euch nicht allzu behaglich in eurer kleinen Gemeinschaft ein. Bleibt aufmerksam für das, was um euch her geschieht.
"Gesegnete Unruhe", so unterschreibt ein älterer Kollege aus Duisburg seine Briefe an Freunde. Das können wir als Gemeinde uns sagen lassen. Wir sollen unruhig bleiben, wo wir Unrecht wahrnehmen, uns damit nicht abfinden, sondern die Unruhe zum Segen werden lassen, indem wir sie nach außen tragen, hörbar machen, andere Menschen damit anstiften.
Ich meine, zur Zeit wäre eine große Unruhe in unserem Land nötig, um die Verantwortlichen zu zwingen, dass sie ihre Arbeit zum Wohl der Bürger und Bürgerinnen machen. Viel zu viele haben sich auf ihren Posten wohnlich eingerichtet und sind nur noch damit beschäftigt, sich den Posten zu erhalten.
Um des Reiches Gottes willen, um der Gerechtigkeit willen müssen wir Menschen manchmal Gewohntes aufgeben und hinter uns lassen.
"Gesegnete Unruhe", das können wir uns gesagt sein lassen, die wir als Gemeinde leben, unseren festen Wohnsitz haben und auch so den Spuren Jesu folgen wollen.

Auch die zweite Zumutung in dem Abschnitt des Lukas-Evangeliums ist nichts für jeden. Einer, dessen Vater gestorben ist, bekommt zu hören: "Lass die Toten ihre Toten begraben."
Genau das tun heute viele Menschen in unserer Gesellschaft. Sie übergeben alles dem Beerdigungsunternehmer und kümmern sich dann um nichts mehr. "Hundebeerdigung" nennt das unser örtlicher Bestatter, wobei Hunde oft würdevoller begraben werden. Er bekommt recht viele von solchen Aufträgen, die darauf hinauslaufen, die Leiche des Verstorbenen möglichst billig zu entsorgen.
Leute, die besonders zynisch sind, begründen ihr pietätloses Verhalten noch mit dem Satz Jesu: "Der hat doch schließlich gesagt: Lass die Toten ihre Toten begraben."
Viele Menschen beklagen heute, dass die Trauerkultur in unserer Gesellschaft verloren geht. Früher stand bei einem Trauerfall alles still. Angehörigen, Nachbarn, Freunde erwiesen dem Verstorbenen die letzte Ehre, nahmen sich Zeit, Abschied zu nehmen, und kümmerten sich um die Familie. Heute muss sich alles nach den Dienst- und Urlaubsplänen richten. Man kann höchstens für den Beerdigungstag mal kurz die Arbeit unterbrechen. Die rasante Beschleunigung des Lebens in unserer Gesellschaft hat dazu geführt, dass für Abschiednehmen und Trauer oft keine Zeit mehr bleibt.
Unserer Gesellschaft müsste man wiederum genau das Gegenteil von dem sagen, was Jesus von dem Menschen fordert, den er in seine Nachfolge ruft. Heute müsste man die Menschen auffordern: Nehmt euch Zeit, Abschied zu nehmen. Nehmt euch Zeit zu trauern. Trauer braucht ihre Zeit.

Allerdings müssen Menschen aufpassen, dass sie in der Trauer nicht stecken bleiben und die Trauer nicht zu einem neuen Kult wird. Jeden Tag zum Friedhof gehen, das Zimmer des Verstorbenen zu einem Museum machen, das kann auch nicht gut sein.
Diese Mahnung höre ich aus dem Satz, dass die Toten ihre Toten begraben sollen. Diesem Satz folgt ja noch ein zweiter: "Du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes." Das Reich Gottes hat es mit dem Leben zu tun. Das Reich Gottes ist Leben, gutes, erfülltes Leben. Zum Leben gehört der Tod, gehören Abschied und Trauer. Auch diese Phasen müssen gelebt werden. Aber zum Leben gehört vor allem das Leben. Daran mitzuwirken, dass alle ein gutes Leben führen können, dazu sind auch wir als Gemeinde aufgerufen.

Der dritte Satz Jesu, den Lukas wiedergibt in dem Abschnitt "Vom Ernst der Nachfolge", verbietet den Jüngern zurückzusehen: "Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes.
Wieder stelle ich wieder fest: Genau das geschieht heute in unserer Gesellschaft. Alles muss ständig neu und anders werden. Stillstand ist Rückschritt. Und sich an dem orientieren, was bisher gegolten hat, das geht schon gar nicht, das zeugt von Phantasielosigkeit und mangelndem Mut zum Aufbruch. Auch in der Kirche sollen wir dauernd den neuen Wegen vertrauen, auf die Gott uns angeblich führt.

Als Kirche sind wir Verwalterin uralter Schriften und Traditionen. Indem wir uns mit Texten befassen wie dem heutigen Evangeliumstext, blicken wir zurück. Wir blicken zurück in die Zeit Jesu, in die Zeit der ersten Gemeinden und hoffen, dass uns dabei ein Licht aufgeht. Die alten Texte trösten und ermutigen uns, sie stärken uns in unserem Glauben und in unserer Hoffnung. Aus dem Rückblick gewinnen wir Kraft, nach vorne zu schauen.

Viele Menschen sehen im Moment mit großer Sorge in die Zukunft. Bei allem, was in der Welt und auch in unserem Land geschieht, besteht dazu auch viel Anlass. Als Christen haben wir Grund, trotz allem mit Hoffnung nach vorn zu schauen. Denn vor uns ist das Reich Gottes. Darauf leben wir zu.
Der Weg, auf den Jesus uns weist, ist ein schwerer und steiniger. Es ist schwer, in der heutigen Zeit, nicht zynisch zu werden, nicht hoffnungslos zu werden. Es ist schwer, trotz allem, was dagegen spricht, zu glauben: Gott hält die Welt in seiner Hand. Er führt uns auf unseren Wegen und wird am Ende alles zum Guten fügen.
Es ist schwer, dies zu glauben. Es ist schwer, daran mitzuwirken, dass hier und da etwas gut wird, dass hier und da eine Katastrophe verhindert wird, dass hier und da ein Teil der Schöpfung geschont wird, dass hier und da ein Stück mehr Gerechtigkeit durchgesetzt wird.
Gott gebe uns dazu seine Kraft und seinen Segen. Amen.