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Predigt zu Lukas 11,1-4
am 17. Mai 2009 - Rogate
Wenn das Beten sich lohnen tät
 

Was tun wir eigentlich, wenn wir beten? Wir breiten darin unsere Erfahrungen vor Gott aus. Wir bringen vor Gott unseren Dank, unsere Klagen, unsere Bitten für uns selbst und für andere Menschen. Und wir schweigen und warten darauf, dass er zu uns spricht.
Man könnte es auch so sagen: Wenn wir beten, stellen wir uns und andere Menschen und die ganze Welt ins Licht der Liebe Gottes.
Oder auch so: Wir nehmen Kontakt auf mit der Macht, aus der alles Leben kommt.
Ein Bild aus der Physik kann die Sache ein wenig anschaulich machen: Beim Beten lassen wir den inneren Akku wieder aufladen. Der Akku ist ja selbst bei kräftigen, durchtrainierten jungen Männern manchmal leer, wie ein erstklassiger Fußballtrainer einmal festgestellt hat. Das Beten lädt den Akku wieder auf. Es stärkt unsere Lebenskraft, unsere Hoffnung und unseren Glauben an den Sinn allen Daseins.
Noch ein anderes Bild: Im Laufe eines Tages, einer Woche sammelt sich viel Staub auf der Seele, der die Hoffnung und den Glauben zudeckt. Beten ist eine Art, die Seele zu entstauben, eine Art Reinemachen im Inneren. Es reinigt Kopf und Herz von dunklen, sorgenvollen Gedanken und lässt neue Hoffnung, neue Zuversicht aufkommen.
Allerdings gibt es da ein Problem. Der Theologe und Schriftsteller Fulbert-Steffensky hat im Gespräch mit einer Kollegin seine persönlichen Erfahrungen ausgebreitet. Auf die Frage, ob er selbst mit Gott redet, antwortet er:

"Ja, ich versuche es. Es ist keine leichte Arbeit, denn es ist nicht einfach, mit einem zu reden, der schweigt. Wenn in einem Gespräch jemand eine Antwort verweigert, ist man in der Gefahr, sich selber wahrzunehmen, während man redet. Man kann natürlich in einem höheren theologischen Sinn sagen, dass Gott hört und antwortet. Aber zunächst merkt man davon nichts. In meiner unmittelbaren Erfahrung bin ich als Beter zunächst Solist. Ich allein rede, klage und wünsche.
Das Schweigen Gottes macht noch in einem tieferen Sinn das Beten schwer. Er schweigt zu den Kindern, die verhungern; zu den Frauen, die geschlagen werden; er schweigt zu den Kriegstreibern und Blutsaugern.
Und da kann man die alte Frage der Psalmen verstehen: Wo bist du, Gott? Warum schweigst du? Man schlägt ihm die Welt um die Ohren, und er schweigt. Beten ist auch der Einspruch gegen das Schweigen Gottes." (Junge Kirche 2/2009, S. 21)

So weit die Erfahrung von Fulbert-Steffensky. Die meisten Menschen, so vermute ich, machen ähnliche Erfahrungen mit dem Beten. Äußerlich sichtbar verändert sich nichts. Der Kranke, für den ich bete, bleibt krank. Der Frieden, um den wir gemeinsam bitten, stellt sich nicht ein. Die Welt wird nicht gerechter, auch wenn jeden Sonntag in vielen Gottesdiensten darum gebetet wird.
Der Rocksänger Wolfgang Niedecken von der Gruppe BAP hat einmal ein Lied über das Beten geschrieben und gesungen. Das Lied heißt: "Wenn et Bedde sich lohne däät". Der Kehrvers lautet:
"Wenn et Bedde sich lohne däät,
wat meinste wohl,
wat ich dann bedde däät."
Niedecken sing Kölsch. Auf Hochdeutsch klingt der Text so: "Wenn das Beten sich lohnen täte,
was meinst du wohl, was ich dann beten täte."

Für all das, wo der Wurm drin,
für all das, was mich immer schon quält,
für all das, was sich wohl niemals ändert.
Klar - und auch für das, was mir gefällt.

Ich täte beten, was das Zeug hält,
ich täte beten auf Teufel komm raus.

Ich täte beten für Sand im Getriebe,
und jede Klofrau bekäme Riesenapplaus.
Überhaupt jede Unmenge Liebe
und dem Sysiphus nicht nur eine Pause."

Gute Wünsche sind dem Wolfgang Niedecken eingefallen. Gott würde sich sicher freuen über solche Gebete. Aber der Sänger sagt seine Bitten im Konjunktiv. "Wenn ich wüsste, dass Beten sich lohnen tät".
Das ist das große Problem. Wir Menschen wissen es nicht. Gott ist keine gute Fee, der wir nur unsere Wünsche sagen müssen, und schon erfüllen sie sich. Das ist auch gut so. Denn oft haben wir Menschen ziemlich egoistische Wünsche. Da bekäme Gott ein Problem, wenn er die alle erfüllen wollte.
Wenn Fußballer auf den Platz kommen, dann bekreuzigen sich manche. Das ist ein Gebet ohne Worte: "Herr, steh mir bei und lass meine Mannschaft gewinnen", so könnte man es deuten. Einer kann aber nur gewinnen. Um beiden gerecht zu werden, müsste Gott also für ein Unentschieden sorgen.
Ob das Beten sich lohnt, das kann man nicht daran festmachen, dass sich tatsächlich erfüllt, was man erbeten hat.
Ich glaube, das kann man am ehesten an sich selber spüren: ob sich im eigenen Inneren etwas verändert.
Am Donnerstag haben wir in der Frauenhilfe ein Spiel gemacht, mit dem wir alte Erinnerungen wachgerufen haben. Unter anderem haben wir uns erinnert an Kindergebete, mit denen Mütter ihre in den Schlaf begleitet haben. Über den Inhalt mancher Gebete kann man geteilter Meinung sein. Hängen geblieben ist vor allem der tiefere Sinn hinter all diesen Gebeten: Es ist einer da, an den ich mich wenden kann, der auf mich aufpasst, der seine Flügel schützend über mir ausbreitet und mich ruhig schlafen lässt. Die Kindergebete haben ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass es Gott gibt. Sie haben ein Grundvertrauen in diesen Gott angelegt. In späteren Jahren ist dieses Vertrauen vielleicht manches Mal erschüttert worden durch Ereignisse, in denen man Gottes schützende Anwesenheit schmerzlich vermisst hat. Aber das Vertrauen ist trotzdem nicht ganz verloren gegangen.
Also Beten lohnt sich in der Weise, dass es Menschen Halt gibt, ein Gefühl von Geborgenheit. Das spüre ich öfter bei einem gemeinsamen Gebet, zum Beispiel am Grab. Der Verstorbene ist nun in der Erde, man kann nichts mehr für ihn tun. Davor stehen die Trauernden. In diesem Moment des Abschieds gibt es kaum Worte, die trösten können. Das Vaterunser, das dann gemeinsam gesprochen wird, lässt jeden spüren: ´Du bist jetzt nicht allein. Da sind die anderen um dich, die jetzt mit dir oder für dich die altvertrauten Worte sprechen. Und da ist die große segnende Macht um dich, die jetzt alle gemeinsam im Gebet anrufen. Die hält dich und gibt dir Kraft, den Schmerz auszuhalten und das Schwere durchzustehen.`
Manchmal sagen Menschen in aussichtslosen Situationen: "Da hilft nur noch beten." Aber sie wissen nicht, wie und was sie beten sollen. Offenbar hatten dieses Problem schon die Jünger Jesu, obwohl sie als gläubige Juden viele Gebete kannten. Trotzdem wenden sie sich an Jesus und bitten ihn: "Herr, lehre uns beten."
Und Jesus lehrt sie, so zu beten: "Vater, dein Name werde geheiligt, dein Reich komme". Wir haben es im Lukas-Evangelium mit einer kürzeren Fassung des uns vertrauten Gebetes zu tun. Vermutlich ist das Gebet am Anfang in verschiedenen Gemeinden unterschiedlich geprägt worden. Die kürzere Fassung des Lukas dürfte noch genauer wiedergeben, was Jesus tatsächlich gelehrt hat.
Die Anrede spiegelt wieder, wie nahe sich Jesus seinem Gott gefühlt hat. Die einfache Anrede "Vater" ist der jüdischen Alltagssprache in Haus und Familie entnommen. In der jüdischen Gebetstradition wurde Gott so nicht angesprochen, sondern mit Worten, die eine größere Ehrfurcht, aber auch eine größere Distanz zum Ausdruck brachten: Erhabener, Höchster, Herr der Heerscharen. Gott einfach "Vater" zu nennen, das ist den Gläubigen nicht in den Sinn gekommen. Jesus zeigt mit dieser Anrede, wie nahe er sich Gott fühlt. Gott ist ihm so nahe, wie ein Vater seinen Kindern.
Der Evangelist Matthäus, dessen Fassung wir für unsere Gottesdienste übernommen haben, hat Gott schon wieder in weitere Ferne gerückt: "Unser Vater im Himmel".
Jesus hat vermutlich einfach nur "Vater" gesagt; denn er hatte eine innige Nähe zu Gott. Seinen Jüngern und Jüngerinnen hat er zu verstehen gegeben: So nahe wie mir will Gott auch euch sein. Ihr könnt euch in seiner Nähe aufgehoben und geborgen fühlen.
Das gleiche gilt auch für uns heute. Wir sind gehalten von einer guten Macht, die uns bejaht und uns trägt in guten und bösen Tagen. So strömt schon das erste Wort des Gebets einen starken Trost und eine große Kraft aus.
Wer sich wirklich von Gott wie von einem liebenden Vater gehalten weiß, den kann eigentlich nichts umhauen. Der spürt in sich eine Kraft, mit der er oder sie Berge versetzen kann. "Alle Dinge sind möglich dem, der glaubt." Solch eine Kraft hat Jesus aus der innigen Verbundenheit mit Gott gewonnen. Diese Kraft hat er weitergegeben an einen irdischen Vater, der sich Sorgen um sein krankes Kind machte.
Die kleine Lia, die wir gleich taufen, soll diesen Satz mit auf ihren Lebensweg bekommen. Der Glaube soll ihr Tag für Tag neu Kraft und Zuversicht verleihen.

"Dein Name werde geheiligt, dein Reich komme", so geht das Gebet Jesu weiter. Das Beten bringt einen in die Spur Gottes. Seinen Namen heiligen, das tun wir, in dem wir Gott danken für alle seine Wohltaten und ihm die Ehre geben. Das tun wir auch dadurch, dass wir mit Ehrfurcht seine Geschöpfe behandeln, mit Respekt unseren Mitmenschen begegnen und mit der Bereitschaft, denen zu helfen, die Hilfe brauchen.
Sein Reich, um dessen Kommen wir beten, sollen wir mit anbahnen, indem wir uns einsetzen für friedliche und gerechte Verhältnisse auf der Erde. Denn Gottes Reich ist Schalom, ein Zustand, in dem alle genug zum Leben haben.
Was Gott mit unseren Gebeten macht, das sei ihm anheimgestellt, das haben wir nicht in der Hand. Er ist kein Automat, in den man eine Münze hineinwirft und dann kommt das Gewünschte heraus. So lässt sich Gott nicht von uns benutzen. Es ist vielmehr umgekehrt. Das Gebet verändert zu allererst den, der betet, selbst. Er spürt einen Trost, einen Halt, eine Kraft. Und er fängt vielleicht an, im Sinne dessen, was er betet, selber etwas zu tun. Früher kannten viele Menschen den alten lateinischen Spruch "Ora et labora - bete und arbeite". Beides gehört zusammen.
Wolfgang Niedecken, der seine Zweifel hat, ob Beten etwas nützt, ist im Sinne seines Gebets selber tätig geworden. "Für all das, wo der Wurm drin, für all das, was mich immer schon quält", würde er beten.

Seit 1988 engagiert er sich für Afrika. Inzwischen ist er Botschafter des Zusammenschlusses von Hilfsorganisationen "Gemeinsam für Afrika". Als solcher ist er ständig in diesem armen Kontinent. Im Februar dieses Jahres hat er Uganda besucht. "Die Situation der Kinder hat mich am meisten umgehauen", sagt er in einem Zeitungsinterview.
Viele der Kinder und Jugendlichen, die er in Uganda traf, sind ehemalige Kindersoldaten. Geschätzte dreißigtausend Kinder haben die Rebellen in den Jahren des Bürgerkrieges entführt und als Kindersoldaten missbraucht.
Um einen Weg in das normale Leben zu finden, ist es wichtig, dass sie in die Schule gehen. Die ist für viele Kinder zwanzig bis dreißig Kilometer entfernt. Niedecken und der mit ihm befreundete Unternehmer Manfred Hell (Jack Wolfskin) haben bei ihrem Besuch zwei Schlafgebäude an Schulen eingeweiht. Der Unternehmer hat für die Grundfinanzierung gesorgt. Nun können die Kinder bei den Schulen übernachten und müssen nicht jeden Tag die weiten Wege hin und her gehen. (Berliner Morgenpost 02.03.2009)

Dorothee Sölle, die verstorbene Theologin, schreibt: "Beten heißt, große Wünsche haben. Die großen Wünsche nach Gerechtigkeit, nach einem Sieg über das Unrecht, nach Glück und Heil, nach einem menschenwürdigen Leben, die hat man nicht einfach so, die muss man lernen. Und man lernt sie, indem man sie ausspricht." Wer betet, nennt Ungerechtigkeiten und Missstände beim Namen und sagt: Mein Gott, das muss anders werden. (Nicht nur Ja und Amen, S. 53)
Und da, wo man Einfluss und Möglichkeiten hat, wirkt man selber daran mit, dass sich etwas zum Besseren ändert.