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Predigt zum Sonntag Kantate
1. Samuel 16,14-23
 
 

"Von allen Freuden auf Erden
kann niemandem eine schönere werden,
denn die ich geb mit meinem Singen
und mit manchem süßen Klingen.
Hier kann nicht sein ein böser Mut,
wo da singen Gesellen gut.
Hier bleibt kein Zorn, Zank, Hass noch Neid;
weichen muss alles Herzeleid.
Geiz, Sorg und was uns sonst hart anleit,
fährt hin mit aller Traurigkeit."

So beschreibt Martin Luther das besondere Wesen der Musik. Sie erfüllt das Herz mit Freude und vertreibt alle Traurigkeit.
Davon wussten schon die alten Israeliten. Von Saul, dem ersten König Israels, wird erzählt, dass er von Zeit zu Zeit in tiefe Traurigkeit fiel. Von "born out" sprechen wir heute oder von "Depression". Leute in der Umgebung Sauls raten ihm, einen Mann suchen zu lassen, der gut auf der Harfe spielen kann. "Wenn dich die Schwermut überfällt, soll der Mann in die Saiten greifen, und es wird besser mit dir werden." Saul nimmt diesen Rat an und gibt den Befehl, einen Mann zu suchen, der des Saitenspiels kundig ist. Die Boten bekommen den Hinweis, dass in Bethlehem ein Mann mit Namen Isai wohnt. Der habe einen Sohn, der könne gut auf der Harfe spielen. Sie finden Isai, der weiß auch, wo der Gesuchte ist: Sein jüngster Sohn, David heißt er, hütet draußen auf den Feldern die Schafe. Da vertreibt er sich oft die Zeit mit Harfenspiel.
Isai lässt den Jungen rufen und schickt ihn zum König Saul. David kommt im Haus des Königs an. Der findet ihn auf Anhieb sympathisch. Immer wenn nun die Schwermut über Saul kam nahm David die Harfe und spielte darauf. Sofort hellte sich Sauls Gemüt wieder auf, es ging ihm besser, die Schwermut fiel von ihm ab.
Die hebräische Bibel spricht davon, dass Saul seinen Lebensgeist wieder fand. "Da wurde Saul wieder geistgeräumig", so übersetzen die jüdischen Schriftsteller Martin Buber und Franz Rosenzweig diese Stelle. Er ist nicht mehr gefangen in seiner Situation, kann sich wieder auf das Leben einlassen. Sein Geist, der in der Traurigkeit gefangen war, gewinnt wieder Raum, Offenheit und Weite. Es fährt hin alle Traurigkeit, wie Martin Luther gedichtet hat.

So erfüllt die Musik eine wichtige seelsorgerliche Funktion. Das wissen Menschen, die mit psychisch Kranken und Verwirrten arbeiten.
Eine Seelsorgerin schreibt: "Auch wenn Menschen sich mit Worten nicht mehr äußern können oder die Worte nicht mehr verstehen - die Musik bleibt ein Königsweg. Musik berührt die Sinne. Man muss nichts von Musik verstehen, um ihren Gehalt zu spüren.
Wundervoll, wie Menschen mit einer Demenz oft gelöst und fröhlich Lieder singen, selbst wenn sie sonst keine Sätze mehr sprechen können. Selbst bei Menschen mit Hörschädigungen habe ich das Befreiende der Musik erleben dürfen." (Geertje-Froken Bolle in JK 1/2009, S. 31)
Hirnforscher bestätigen die wohltuende, heilende Wirkung von Musik. Manfred Spitzer, ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Uniklinik in Ulm, schreibt: "Das Belohnungssystem in unserem Gehirn schüttet Glückshormone aus, wenn wir Musik hören, die uns gefällt. Interessanter Weise schaltet das Lieblingslied einerseits das Belohnungssystem an und gleichzeitig, das System, das für Angst verantwortlich ist, ab. Also Glück rauf, Angst runter. Nichts anderes löst diese beiden Effekte gleichzeitig aus." (FR 12.03.2009)

Auf Borkum haben wir gemeinsam einen Film gesehen, der das auf faszinierende Weise zum Ausdruck bringt. (In der Osterpredigt habe ich schon einmal von diesem Film erzählt.) "Wie im Himmel", so heißt der Film. Hauptperson ist Daniel Daréus, ein international anerkannter und erfolgreicher Dirigent. Er jagt von einem Auftritt zum nächsten, das Publikum liegt ihm zu Füßen. Doch dann bricht er nach einem Auftritt erschöpft zusammen: Er ist ausgebrannt und leer, er kann nicht mehr.
Um zur Ruhe zu kommen, geht Daniel an den Ort seiner Kindheit zurück. In Norrland, einem kleinen Dorf in Nordschweden, kauft er die alte Schule.
Die Menschen im Dorf bekommen mit, dass der berühmte Dirigent zu ihnen zurückgekommen ist. Die Leute vom Kirchenchor bedrängen ihn, er möge dem Chor helfen mit seinen besonderen musikalischen Fähigkeiten. Doch er will seinen inneren Frieden wiederfinden. "Ich will hören", sagt er. Eines Tages bricht er auf aus seiner Einsamkeit, geht in das Gemeindehaus, wo der Chor probt. Er setzt sich still in eine Ecke und hört zu. Schließlich willigt er ein, die Leitung des Chores zu übernehmen. Mit ungewöhnlichen Methoden bringt er die Chormitglieder dazu, erst einmal auf sich selbst zu hören, auf die Musik in ihrem eigenen Inneren. In jedem Einzelnen fängt etwas an zu schwingen.
In ihm selber erwacht neu die Leidenschaft und Begeisterung für die Musik. Auch die Sängerinnen und Sänger lernen Seiten an sich kennen, die ganz neu für sie sind. Eine nie gekannte Freude erfüllt sie, Ängste fallen von ihnen ab. Das wird besonders deutlich an der jungen und hübschen Gabriella. Obwohl ihr Mann sie immer wieder schlägt, geht Gabriella, immer wieder zu den Chorproben. Bei einem Konzert in der vollbesetzten Kirche singt sie das Solo, das die Gemeinde in Begeisterung versetzt. Schließlich bricht sie aus und flieht aus ihrer unerträglichen Lage.

Der ganze Chor bricht auf zu einem Sängerwettbewerb in Salzburg. Dort schafft es die Sängerinnen und Sänger, das gesamte Publikum zum Klingen zu bringen.
Damit erfüllt sich der Traum, der Daniel seit seiner Jugend nicht mehr losgelassen hat: Schon als Junge träumte er davon, mit seiner Musik die Menschen zu berühren.
Das hatte er mit seinem Chor längst geschafft. Trotz heftiger Widerstände von außen und trotz böser Streitereien einzelner Mitglieder untereinander fand der Chor immer wieder zu einem harmonischen Ganzen. Der gemeinsame Gesang ließ alles, was zwischen ihnen stand, in den Hintergrund treten. "Hier bleibt kein Zorn, Zank, Hass noch Neid; weichen muss alles Herzeleid." So dichtete Martin Luther, so zeigte es der Film mit dem kleinen Gemeindechor aus einem Dorf in Schweden.
So empfinden wir es vielleicht auch manchmal bei dem einen oder anderen Lied, das wir hier in der Kirche gemeinsam singen. Unser Gesang lässt uns spüren, dass wir eine Gemeinde sind, er verbindet uns zu einem harmonischen Ganzen. Und wir treten mit unserem Gesang in eine Beziehung zu Gott. "Wer singt, betet doppelt", hat der Kirchenvater Augustinus geschrieben.
In einem Aufsatz über die Kirchenmusik gibt Okko Herlyn einen Überblick über den biblischen Gebrauch der Musik. Musik ist nie Selbstzweck, so schreibt er, sondern hat "immer etwas mit Gott zu tun". Menschen, die in der Bibel zu Wort kommen, musizieren
zu Gottes Lob. Das ganze Tempelorchester, das Psalm 150 beim Namen nennt, wird mit seinen vielen Instrumenten nur zu dem einem Zweck aufgeboten: "Alles, was Odem hat, lobe den Herren."
Ein anderer Theologe, der als Gottesdienstberater beim Ökumenischen Rat der Kirchen tätig ist, schreibt: Gottesdienst ist eine Tätigkeit, die zu nichts gut ist, außer zum Lob Gottes. "Es geht etwas verloren, wenn Gottesdienst und mit ihm die gottesdienstliche Musik als Werkzeug betrachtet wird, um irgendwelche Ziele zu verwirklichen.
Musik im Gottesdienst soll die Gemeinde befähigen, ihrem Glauben Ausdruck zu verleihen und die Gegenwart Gottes zu erfahren."
Die Musik und das Singen im Gottesdienst soll und kann unsere Herzen öffnen, dass wir für Gottes Gegenwart und sein Wort empfänglich werden. Sie kann dem Wort Gottes einen Weg tief in unsere Herzen bereiten. So wird die Musik zu einem Medium.
Die eigentliche Gottesbegegnung geschieht in seinem Wort, wobei der Heilige Geist das Seine dazutut, dass das Wort in unserem Inneren ankommt und wirksam wird.
Dass der Glaube aus dem Wort Gottes kommt und durch das Wort immer wieder gestärkt wird, das ist eine wichtige Erkenntnis der Reformatoren. Durch das Wort hören wir von Gottes Wohltaten, von den Wundern, die er tut. Wir hören davon, wie er uns auf geheimnisvolle Weise durch unser Leben führt und dabei immer wieder etwas zum Guten fügt. Wir hören auch, was Gott von uns erwartet, welche Weisungen er uns für unser Leben gibt. Für all das können wir nur dankbar sein.
Darum führt das Hören auf das Wort wieder zum Singen hin. Singen ist die beste Art und Weise, wie wir gemeinsam Gott für seine Wohltaten danken.

Musik, die ohne Bezug zu Gott bleibt, verliert sehr schnell ihre Wirkung, wenn sie verklungen ist. Wenn David aufhörte zu spielen, fiel Saul bald in seine Depression zurück. David musste immer öfter in die Saiten greifen, bis auch das nicht mehr half. Sauls Schwermut schlug in Aggression um. Die richtete sich plötzlich gegen David, so dass der fliehen musste.
Davids Musik, so schön sie klang, war ohne Wort geblieben und hatte darum keinen Glauben in Saul geweckt.

Der Glaube kommt aus dem Wort, das ist unsere evangelische Überzeugung. Musik kann den Weg bereiten, dass Menschen empfänglich dafür werden.
Sie ist kein Selbstzweck und kann deshalb nicht dazu dienen, bestimmte Menschengruppen in die Kirche zu locken. Gottesdienst, so schreibt der "Musikminister" des Ökumenischen Rates, kann niemals eine Nischenveranstaltung sein und sich mit einem betimmten Musikangebot auf eine bestimmte Zielgruppe festlegen. Damit verliert er seine Glaubwürdigkeit.

Neue Lieder zu singen, dazu fordern schon die Psalmen auf. "Singt dem Herrn neue Lieder". Nur müssen diese Lieder von der Gemeinde auch singbar sein. Sie müssen vom Text und von der Melodie her so gestaltet sein, dass die Gemeinde mit Herzen, Mund und Händen einstimmen kann in das Gotteslob.

Viele unserer Gesangbuchlieder erfüllen diese Bedingung. Andere sind vom Text her für uns nicht mehr verständlich, oder die Melodie ist so schwer, dass wir eine Vorsängerin oder einen Vorsänger bräuchten.
Weil wir die oder den hier bisher nicht haben, greife ich gern auf die vertrauten Lieder zurück. Meine Erfahrung ist, dass Bekanntes uns am ehesten zum Mitsingen ermutigt und damit auch zum Mitschwingen unserer Herzen.

Jeder Besuch im Fußballstadion bestätigt übrigens diese Erfahrung. Die Fans dort singen Woche für Woche die gleichen Lieder und das seit Jahren. Selten gibt es da mal ein neues Lied. Und wenn, dann schwappt es von einem Stadion ins nächste über, schnell wird es zum Allgemeingut. Die Musik in den Stadien ist international.

So muss auch die Musik in unseren Gottesdiensten sein. Wiedererkennbar auch für Menschen aus anderen Gemeinden und Kirchen. An unseren Liedern muss zu spüren sein: Hier wird Gottes Lob gesungen, hier ist gut sein.

Genug der Worte: Lasst uns dem Herrn singen, dass er so wohl an uns tut. (Psalm 13,6)

Lied 331,1-3.11