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Predigt zu Johannes 3,1-8
am 07. Juni 2009 - Trinitatis
Neu geboren
 

"Ich fühle mich wie neu geboren!" Manchmal hat man das Gefühl, ein neuer Mensch zu sein. Wenn man an einem heißen Sommertag ins kühle Wasser springt, zum Beispiel. Oder wenn man nach einem anstrengenden Tag gut geschlafen hat, ausgeruht an
einem schön gedeckten Frühstückstisch sitzt. Heute werden das vielleicht manche Läufer sagen, die den Marathon oder Halbmarathon geschafft haben und dann frisch geduscht ein Glas Wasser trinken oder auch ein leckeres kaltes Bier.
Wie neu geboren fühlt man sich vielleicht auch, wenn man längere Zeit Schmerzen gehabt hat. Und dann sind nach einer Operation die Schmerzen plötzlich weg. Man kann auf einmal wieder laufen, ohne dass jeder Schritt weh tut.
Ich habe das Stichwort "neu geboren" im Internet eingegeben. Die ersten beiden Treffer weisen auf zwei Buchtitel hin:

"Wie neugeboren durch Fasten", heißt der eine Ratgeber. Der Titel des anderen lautet: "Wie neu geboren. Das große Buch zum Abnehmen, Entschlacken, Wohlfühlen".

Das ist der moderne Trend. Fasten, abnehmen, entschlacken. Manch eine fühlt sich nach einer Fastenkur tatsächlich wie neu geboren. Doch diese WohlfühlIdeologie hat eine Kehrseite: Sie macht auch Menschen krank. Das Abnehmen kann zu einer fixen Idee werden. Zahlreiche junge Menschen leiden unter Magersucht. Am vergangenen Mittwoch war ein sehr eindrucksvoller Film darüber im Ersten zu sehen.
Andere versuchen es mit dem Abnehmen und merken nach einer erfolgreichen Kur, dass sie doch recht schnell wieder ihr früheres Gewicht erreicht haben. Das hat man eher Frust als sich wie neu geboren zu fühlen.

Der Arzt, Psychotherapeut und Theologe Manfred Lütz hat ein Buch geschrieben mit dem Titel "Lebenslust". Der Untertitel lautet: "Wider die Diät-Sadisten, den Gesundheitswahn und den Fitness-Kult". Wie daraus schon deutlich wird, nimmt er in dem Buch den modernen Körper- und Wellness-Kult kräftig auf die Schippe.
Am Ende schreibt er: "Das Christentum hat keine Ratgeberliteratur hervorgebracht. Es glaubt nicht an irgendwelche Ideen, die in Büchern stehen. Wie Gott für die Christen keine Idee ist, sondern ein Mensch namens Jesus Christus, so streben Christen auch nicht Ideen nach, sondern Menschen, nämlich so genannten Heiligen". (S. 269f) Vor allem streben Christen ihrem Herrn Jesus Christus nach.

Den hat eines Nachts ein Mann mit Namen Nikodemus in ein Gespräch verwickelt. Nikodemus gehörte zu den Oberen der Juden, er war vermutlich Mitglied des Hohen Rates. Das war das höchste Gremium der jüdischen Verwaltung unter der römischen Herrschaft.

Der Evangelist ist an Nikodemus nicht als Person interessiert. Nikodemus steht im Evangelium für eine bestimmte Gruppe, die im Umkreis der Gemeinde eine Rolle spielt. Man kann die Angehörigen der Gruppe so beschreiben: Sie sind aufgeschlossen und interessiert an dem, was die Menschen in der Gemeinde glauben und tun. Aber sie bleiben auf Abstand, wollen ihr Interesse keineswegs öffentlich zeigen. Sie lassen sich lieber nicht mit Mitgliedern der Gemeinde zusammen sehen.
Auf die heutige Zeit übertragen, kann man sagen: Es sind die weltoffenen und weltgewandten Leute, die, um auf dem Laufenden zu sein, alles um sie herum mit Interesse verfolgen. Aber sie legen sich nirgendwo fest und achten bei allem, was sie tun, darauf, dass es dem eigenen Vorteil dient.
Weil diese Gruppe ein klares Bekenntnis vermeidet, lässt der Evangelist den Nikodemus "bei Nacht" zu Jesus kommen. Im Dunkeln, wo ihn keiner sieht, will er einen Eindruck gewinnen, wer dieser Jesus eigentlich ist.
Er umschmeichelt Jesus, wie es weltgewandte Leute gern tun: "Rabbi, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn nur wenn Gott mit ihm ist, kann jemand die Zeichen tun, die du tust."
Schülerinnen und Schüler gebrauchen für so etwas das Wort "anschleimen". Das tut dieser Nikodemus hier. Weil er Jesus nicht offen bei Tage begegnen will, versucht er um so mehr, Jesus mit schönen Wort für sich einzunehmen.
Aber der durchschaut das Spiel und lässt sich auf diese Schmeichelei gar nicht ein. Nikodemus kommt nicht dazu, sein eigentliches Anliegen vorzutragen. Er ist ja bestimmt mit einer Frage gekommen. In seiner Begrüßung klingt die Frage an: "Du bist ein Lehrer, von Gott gekommen." Ist das wirklich so? Ist Gott wirklich mit ihm, dass er solche Zeichen tun kann? Vermutlich wollte Nikodemus genau das herausbekommen.
Doch Jesus schneidet ihm barsch das Wort ab und sagt: "Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen."
Was für eine merkwürdige Aussage, mit der Jesus auf die nicht gestellte Frage eingeht. Jesus antwortet auf das Verhalten seines Gegenübers. Der schleicht sich bei Nacht an und umschmeichelt Jesus, offenbar um herauszufinden, wer dieser Jesus ist. Jesu Antwort darauf heißt: Herausfinden, wer ich bin, kannst du nur, wenn du dich auf mich einlässt, wenn du bereit bist, offen zu mir zu stehen.
Aber diese Antwort versteht Nikodemus nicht. Er hört nur das Stichwort "neu geboren" und fragt zurück: "Wie soll das gehen, wenn ein Mensch erwachsen ist? Soll er etwa in den Mutterleib zurückkriechen, um dann noch einmal geboren zu werden?
Eine absurde Vorstellung. Nikodemus weiß als gelehrter und intelligenter Mensch, dass dieser Gedanke unsinnig ist. Natürlich kann niemand in den Mutterleib zurückkriechen, der das Licht der Welt erblickt hat. Auch ein kleines Kind wie unser heutiger Täufling kann das nicht. Wenn die Nabelschnur durchtrennt ist und die Lungen angefangen zu atmen, gibt es kein Zurück mehr.
"Neu geboren" steht für einen neuen Anfang. Das Wort im griechischen Urtext ist doppeldeutig. Man kann es auf zweifache Weise übersetzen: "von oben" und "von neuem". "Wer nicht von oben her neu geboren wird, kann das Reich Gottes nicht sehen." So übersetzt ein neutestamentlicher Wissenschaftler den Vers (Wengst, Das Johannesevangelium, Teil 1, S. 123).
Nikodemus hat vermutlich durchaus verstanden, was Jesus gesagt hat, aber das Entscheidende will er nicht verstehen. Er hat begriffen, dass Jesus von einem radikalen Neuanfang spricht. Aber darauf will er sich nicht einlassen. Schön wäre es, noch einmal neu anzufangen ohne die Last der bisherigen Lebensgeschichte, die man sich selbst aufgebürdet hat und die einmal aufgebürdet worden ist. Schön wäre es, so kann man seine Gedanken lesen, aber leider eine Illusion. Ein Mensch, der in die Jahre gekommen ist, kann nicht noch einmal von vorn anfangen. Er hat eine Lebensgeschichte hinter sich, die ihn geprägt und geformt hat. Er hat eine Position erreicht, die er nicht aufgeben kann, nicht aufgeben möchte. Wie soll das gehen, eine neue Geburt von oben her? Das geht nicht, nicht für einen wie ihn.
Auf die Frage, ob das geht oder nicht, lässt Jesus sich wieder nicht ein. Er bleibt unerbittlich und wiederholt noch einmal mit etwas anderen Worten:
"Amen, Amen, ich sage dir: "Wer nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann nicht in das Reich Gottes hineinkommen."

Der Begriff "Geist" bezeichnet die Wirklichkeit Gottes. Diese Wirklichkeit ist im Auftreten Jesu sichtbar geworden. An ihm ist zu sehen, dass da, wo Gottes Wirklichkeit auf den Plan tritt, die irdische Wirklichkeit sich ändert. Da werden Dinge möglich, die aus menschlicher Sicht eigentlich unmöglich sind. Da können Menschen wirklich noch einmal neu anfangen, befreit von der Last und Belastung ihrer bisherigen Lebensgeschichte. Da können Menschen hinter sich lassen, was sie sich selbst vorwerfen, was sie von anderen vorgeworfen bekommen, alle Schuld, alle Versäumnisse. Jesus steht für die Möglichkeit eines wirklichen Neuanfangs. Denn er verkörpert die grenzenlose Liebe Gottes, die Schuld vergibt und das Schwere leicht werden lässt.
Neu geboren werden aus dem Geist, das lässt sich demnach so verstehen: von Gott her einen neuen Anfang erhalten und sich auf seine Wirklichkeit einlassen.
Neben dem Wort "Geist" steht das Wort "Wasser". Das legt nahe, an die Taufe zu denken. Die Taufe ist für uns Christen der Ort, an dem die Geburt aus dem Geist geschieht. Da werden wir sozusagen in die Wirklichkeit Gottes hinein getaucht.
Die Taufe bedeutet zugleich Aufnahme in die Gemeinde. Deshalb gilt: Die Geburt aus dem Geist versetzt in die Gemeinschaft der Gemeinde. Die Gemeinde ist der konkrete Bereich, in dem ein Mensch wirklich von vorn anfangen darf. Denn hier ist er mit anderen Menschen zusammen, die alle im Licht der Wirklichkeit Gottes stehen und die deshalb einander mit Liebe und Nachsicht begegnen können. (Wengst, S. 132f)

Dem Nikodemus kann die Antwort Jesu nicht gefallen haben. Er wollte in Distanz zur Gemeinde bleiben. Deshalb ist er bei Nacht gekommen. Er wollte sich nur mal unverbindlich informieren. Jesus lässt ihn wissen: unverbindlich ist bei Gott nicht. Wo Gottes Wirklichkeit einen Menschen ergreift, da nimmt sie ihn in Anspruch.
Jesus drückt es in einem Bild aus: "Der Wind weht, wo er will; und du hörst sein Rauschen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. So verhält es sich mit jedem, der aus dem Geist geboren ist."
Menschen, die aus dem Geist geboren sind, die zur Gemeinde gehören, machen sich durch ihren Glauben und ihren Einsatz nach außen hin bemerkbar. So wie der Wind mit seinem Rauschen, ist auch eine Gemeinde wahrzunehmen durch ihr Dasein, den Umgang der Mitglieder untereinander und deren gemeinsames Tun.
Für Außenstehende ist es schwer oder gar nicht zu begreifen, warum Menschen sich in einer Gemeinde engagieren. Sie wissen nicht, woher der Wind weht.

Noch mal zurück zum Anfang. Sich wie neu geboren fühlen ist hin und wieder ein schönes und manchmal beglückendes Erlebnis.
Wovon Jesus spricht, ist allerdings kein Gefühl, sondern ein neues Bewusstsein von sich selbst, vom Leben insgesamt. Das Bewusstsein, zu Gott zu gehören, von seiner Wirklichkeit umschlossen zu sein. Daraus ergibt sich die Konsequenz ein neues Sein. Ein neues Sein als Mensch, der weiß, dass er im Licht der Liebe Gottes steht, und der das auch von anderen weiß und darum zur Mitmenschlichkeit bereit ist.

Im Sinne Jesu von oben her neu geboren werden, dazu braucht es keine Ratgeber, dazu muss man keine teuren Kuren auf sich nehmen und keine beschwerlichen Leistungen vollbringen. Es genügt eins: sich auf die Wirklichkeit Gottes einzulassen und davon bestimmen zu lassen. Je mehr man in einer Gemeinde zum Beteiligten wird, desto mehr spürt man das Wirken des Geistes, desto mehr spürt man die Wirklichkeit Gottes und fühlt sich darin getragen, aufgehoben und manchmal auch neu geboren.