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Predigt zur Jubiläumskonfirmation
am 8. November 2009
Lukas 18,27
 

Liebe Jubilarinnen und Jubilare,

ein Gefühl wie damals bei der Einsegnung wird sich bei einigen von Ihnen eingestellt haben. Viele Erinnerungen werden wach an wichtige Ereignisse, die hier in dieser Kirche stattgefunden haben: Die Trauung, Taufe der Kinder, für die Diamantenen Konfirmanden die Goldkonfirmation vor zehn Jahren. Das ganze Leben seit der Konfirmation läuft noch einmal vor dem inneren Auge vorbei.
Unglaublich viel ist passiert in der ganzen Zeit. Allein die Spanne zwischen der Konfirmation unserer ältesten Jubilarin und dem Einsegnungsjahr unserer Goldkonfirmanden umfasst Geschehnisse, die Sie alle geprägt haben.
1934 ist unsere älteste Jubilarin konfirmiert worden, Gerda Aust, die vor kurzem ihr neunzigstes Lebensjahr vollendet hat. Am 22. März 1959 feierte ihr Sohn zusammen mit 62 anderen Mädchen und Jungen Konfirmation. Zwischen diesen beiden Jahren, 1934 und 1959, liegt eine Zeit voller Grausamkeiten, voller Angst und Schrecken. Die Zeit des Krieges hat Sie alle in der einen oder anderen Weise geprägt.
Die 1959 Konfirmierten haben keine bewusste Erinnerung mehr daran. Sie sind erst am Ende des Krieges geboren. Ihre Kindheit stand unter dem Zeichen des Wiederaufbaus. Im Konfirmationsjahr unserer Diamantenen Konfirmanden wurde die Bundesrepublik Deutschland gegründet, gleichzeitig die Deutsche Demokratische Republik. Seitdem gab es zwei deutsche Staaten. Vierzig Jahre lang war die Trennung in Ost und West Teil unseres Lebens. Morgen jährt sich zum zwanzigsten Mal der Tag, an dem diese Trennung zu Ende ging. Ich werde darauf nachher noch einmal zurückkommen.

1949, vier Jahre nach dem Ende des Krieges lagen noch Gebäude in Trümmern. Das Essen war knapp. Einer erinnert sich: "Für uns gab es nur eins. Wenn die Schule aus war, hieß es, Essen organisieren. Beim Bauern im heutigen Biegerpark haben wir geklaut, was wir kriegen konnten, Kartoffeln, Kappes, Eier, ganze Hühner und Enten." Ein anderer fügt hinzu: "Probleme hatten wir auch, an ordentliche Kleidung zu kommen. Wir mussten ja bei der Konfirmation alle im schwarzen Anzug erscheinen und die Mädchen im schwarzen Kleid oder Rock. Mir hat Pastor Pickert für die Konfirmation einen Anzug geliehen. Mittags hat es schwer geregnet. Als ich von der Kirche aus nach Hause kam, war die Hose drei Zentimeter eingelaufen."
Die Geschenke waren sehr bescheiden. Es gab Taschentücher und Sammeltassen, Töpfe für die Aussteuer und auch mal einen Fünfmarkschein. Das Konfirmationsessen bestand in Kartoffelsalat und Würstchen, zum Kaffee gab es selbst gebackenen Kuchen.
Das kirchliche Fest und die Familienfeier standen damals im Mittelpunkt des Konfirmationstages. Eine erinnert sich, dass die Konfirmation kurzfristig gefährdet war. Sie erzählt: "Drei Tage vor der Konfirmation hatten wir Generalprobe in der Kirche. Wir waren schon alle da, nur der Pastor nicht. Er kam zu spät. Da haben wir angefangen, durch die Kirche zu rennen. Einige von den Junges standen auf der Kanzel und rutschten von da aus das Geländer hinunter. Andere sprangen über die Bänke. Als der Pastor kam, herrschte ein wildes Durcheinander in der Kirche. Er war so wütend, dass er uns nicht konfirmieren wollte. Die Fürsprache von einigen Müttern konnte ihn schließlich gnädig stimmen. Die Konfirmation fand statt."
Dass mit dem Pastor nicht zu spaßen war, wusste auch ein anderer zu berichten. Damals gab es eine starke Konkurrenz zwischen den Altwanheimern und denen in der Rheinstahlsiedlung. An einem Nachmittag hatten sich die Wanheimer und die Rheinstürmer zu einem Fußballspiel verabredet. Der Pastor wunderte sich, dass im Unterricht nur die Mädchen anwesend waren. Schnell hatte er heraus, was der Grund war und wer als Rädelsführer hinter der ganzen Sache steckte. Nach dem Unterricht machte er sich sofort auf den Weg zu den Eltern des Burschen. Der bekam von seiner Mutter ein paar schallende Ohrfeigen. Damit war die Sache erledigt.
Die zehn Jahre später konfirmiert wurden, hatten noch ein Jahr Unterricht bei Pastor Pickert. Dann kam der junge Pastor Blank. Er übernahm die Gruppe. Helmut Blank hatte ein Herz für die Jugend, er war auch eine Zeit lang Jugendpfarrer im Kirchenkreis. Den Konfirmanden erlaubte er, im Gemeindehaus Tischtennis zu spielen. Das hatte einen Aufstand der alten Presbyter zur Folge. Die saßen damals noch auf der Presbyterbank hier vorne an der Wand. Von dort hatten sie alles im Blick. Es waren strenge ältere Herren. Da traute sich keiner von den Konfirmanden, in der Kirche
irgendeinen Blödsinn zu machen. Pastor Blank hatte am Anfang einige Kämpfe mit ihnen auszufechten. Neu bei ihm war auch, dass sich die Jungen und Mädchen ihren Konfirmationsspruch selber aussuchen durften.

Der Spruch ist ja so etwas wie eine Mitgift fürs Leben. Ein gutes Wort, das einem sagt, woran man sich im Leben halten kann. Eine Wegweisung, die einem anzeigt, was man tun und was man lassen soll. Ein Segen, der einem Kraft und Mut gibt.
Für viele hat der Konfirmationsspruch eine große Bedeutung. Immer wieder mal erinnern sie sich daran und spüren dabei, wie von dem Spruch Stärkung und Zuversicht ausgehen.
So soll es auch sein mit dem Vers, den sich einige von Ihnen für die heutige Feier ausgesucht haben. Bei einem Vortreffen mit etwa zwanzig der heutigen Jubilare und Jubilarinnen äußerte einer die Idee, die Losung dieses Jahres als Gedenkspruch für diese Feier zu nehmen. Alle anderen fanden die Idee gut. So bekommen Sie nachher Urkunden überreicht mit diesem Vers:

"Was bei den Menschen unmöglich ist,
das ist bei Gott möglich."

Wir haben eine Geschichte dazu gehört, die dies anschaulich macht (Markus 9,17-27). Ein Vater bringt seinen Sohn, der von Kind an schwer krank ist, zu Jesus. Der Vater bittet Jesus: "Wenn du etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!" Offenbar glaubt der Vater selbst nicht so recht, dass seinem Sohn noch zu helfen ist. Aber er hat noch die eine vage Hoffnung: Vielleicht kann dieser Jesus helfen.

Situationen, die scheinbar aussichtslos waren, kennen Sie selbst aus Ihrem Leben. In diesen Tagen werden wir ständig daran erinnert, wie es früher war zwischen Ost und West. Eine dicke Mauer ging mitten durch die Stadt Berlin. Ein Stacheldrahtzaun mit einem breiten unbewachsenen Streifen davor zog sich durch die ganze Republik. Alle paar Meter stand ein Wachturm. Von dort aus beobachteten die Grenzsoldaten das Sperrgebiet. Sie hatten Schießbefehl und machten von der Schusswaffe Gebrauch, wenn jemand versuchte, über die Grenze zu fliehen. Es schien unmöglich, dass diese Grenze eines Tages verschwinden würde. Fest zu betoniert waren auch die Köpfe der Parteioberen und der Leute von der Staatssicherheit.
Doch dann standen eines Tages die Menschen auf aus ihrer Ohnmacht und ihrer Hoffnungslosigkeit. Sie waren es leid, sich ständig von oben gängeln und auf Schritt und Tritt überwachen zu lassen. Mit dem Rufe "Wir sind das Volk" wagten sie sich auf die Straße. Die Staatssicherheit versuchte mit aller Macht, die aufkeimenden Proteste zu unterdrücken. Doch der Wille, endlich frei zu sein, war so stark, dass die Menschen sich nicht mehr einschüchtern ließen.
So kam es zu der friedlichen Revolution in unserem Land. Eine Entwicklung, die bis dahin niemand für möglich gehalten hat. Wir Deutschen galten immer als gehorsames Volk, der Obrigkeit treu untertan, pflichtbewusst und fern von großer Aufmüpfigkeit. Das sind wir, glaube ich, auch immer noch. Aber damals vor zwanzig Jahren hatte die Geduld und Leidensfähigkeit ein Ende, die Not war so groß, der Drang nach Freiheit so stark, dass es kein Halten mehr gab. Von Woche zu Woche wurden es mehr, die auf die Straße gingen. Treffpunkt der Menschen waren die Kirchen. Sie luden Montag für Montag zu Friedensgebeten ein. Dort hörten sie die Friedensbotschaft Jesu. Diese weckte in ihnen die Hoffnung und den Mut, scheinbar Unmögliches möglich werden zu lassen.
Gott, so glaube ich, hat bei dem ganzen Geschehen kräftig mitgeholfen. Er hat seinen Geist gesandt, der Mut macht und Angst überwinden hilft. Er hat die Mächtigen ins Stammeln gebracht, dass sie am Ende dem Geschehen nur noch tatenlos zusehen konnten. Mit Gottes Hilfe ist das scheinbar Unmögliche möglich geworden. Solch eine Erfahrung gibt Hoffnung, auch im eigenen Leben auf die Hilfe Gottes zu vertrauen.

Ich habe einen Mann vor Augen, der war ganz unten, er lag buchstäblich im Dreck. Er war alkoholkrank, und es schien unmöglich, dass er loskam von seiner Sucht. Doch als er ganz unten angekommen war, hat er sich entschieden, seinem Leben eine Wende zu geben. Mit Hilfe seiner Frau, seinem Freundeskreis, mit Hilfe von Ärzten und Therapeuten hat er es geschafft, trocken zu werden und zu bleiben. Auch der Glaube hat ihm Kraft gegeben, sich von der Sucht zu lösen.

Es gibt viele Geschichten, die anders ausgehen, ich weiß. Aber es gibt eben auch diese, die bestätigen, dass bei mit Gottes Hilfe Dinge möglich sind, die nach menschlichem Ermessen und menschlicher Erfahrung unmöglich erscheinen. An solche Geschichten wollen wir uns halten. Sie machen Mut, in schwierigen Situationen nicht aufzugeben, sondern auf einen guten Ausgang zu hoffen.
Sie alle, besonders die 1949 und früher Konfirmierten spüren, dass das Leben und das älter Werden nicht leicht ist. Die Kräfte lassen nach. Es geht vieles nicht mehr wie früher, manches geht gar nicht mehr. Menschen um einen herum sterben. Mit der Zeit sind es immer weniger, die man von früher noch kennt. Um das alles zu verkraften, braucht man einen inneren Halt, Gelassenheit und Zufriedenheit mit dem bisher gelebten Leben. Manchmal besteht der Glaube in der schlichten Botschaft: ´Das Leben geht weiter.`

Vor ein paar Tagen habe ich mit einem Herrn gesprochen, der ist im vergangenen Jahr 79 geworden. Da meinte er, den achtzigsten würde er wohl nicht erleben.
Er fiel in eine tiefe Depression, sah alles nur noch schwarz. Jetzt war er wieder guter Dinge und feierte bestens gelaunt seinen achtzigsten Geburtstag.

Unweigerlich kommt es immer wieder mal zu einem Tief im Leben. Das kennt wohl jede und jeder. Die Jahreslosung macht uns Mut zu hoffen, dass jedes Tief einmal zu Ende geht und dann auch wieder ein Silberstreif am Horizont aufleuchtet. Denn bei Gott ist nichts unmöglich. Amen.