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Predigt am 17. Januar 2010
Römer 12,9-16

Eine ungewöhnliche Schlagzeile fiel mir am Dienstag Morgen in die Augen, als ich die Zeitung aufschlug: "Gott will keinen Krieg".
Von Gott ist sonst selten oder nie in der Zeitung die Rede. An eine fette Schlagzeile, in der Gott vorkommt, kann ich mich überhaupt nicht erinnern.
Die Unterzeile beschreibt genauer, worum es in dem Artikel geht: "Präses Schneider verteidigt Bischöfin Käßmann. Evangelische Kirche debattiert weiter über Afghanistan".
Margot Käßmann, die Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, hat in ihrer Neujahrspredigt ein paar Sätze gesagt, die manche Leute furchtbar aufgeregt haben. Grund der Aufregung war dieser Abschnitt, in dem sie über den Krieg in Afghanistan gesprochen hat:

Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. Wir brauchen Menschen, die ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut von Alternativen zu reden und mich dafür einzusetzen.
Denn Waffen schaffen offensichtlich keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen.

Am Dienstag haben wir im Männertreff über diese Aussagen gesprochen und waren einhellig der Meinung: Das entspricht voll und ganz dem Zeugnis der Bibel. Worüber regen sich Politiker bis hin zur Bundeskanzlerin so auf? Vielleicht nehmen sie Frau Käßmann übel, dass sie gesagt hat, was tatsächlich passiert. Lange haben Politiker versucht, das zu verschleiern. Am Anfang hieß es, dass unser Land am Hindukusch verteidigt wird. Das war für uns Normalbürger schwer vorstellbar, aber der damalige Verteidigungsminister hat es behauptet. Als fast jeden Tag in den Nachrichten zu hören war, dass da Menschen sterben, sprach man von "Kampfhandlungen", die es dort gäbe. Dann wurden im vergangenen September auf Befehl eines deutschen Befehlshabers 140 Menschen durch einen Bombenangriff getötet. Der neu ernannte Verteidigungsminister hielt das zunächst für angemessen, schnell hat er seine Meinung geändert. Jetzt spricht er von "kriegsähnlichen Zuständen". Dieser neuerliche Vertuschungsversuch hat es auf Platz zwei der Wörter des Jahres gebracht. Eigentlich müsste dieser Ausdruck ein "Unwort" des Jahres werden.
Frau Käßmann hat einfach nur festgestellt, was wir alle oder doch die meisten von uns im Fernsehen gesehen haben: "dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden."

Präses Nikolaus Schneider, der oberste Mann unserer Landeskirche, hat am Montag in seinem Bericht vor der Landessynode gesagt: In Afghanistan töten und sterben deutsche Soldaten. Im Namen des deutschen Volkes wird Krieg geführt, wenn auch nicht gegen die Armee eines Staates, so doch gegen Terrorgruppen der Taliban. Das ist uns allen in den letzten Wochen bewusst geworden, besonders nach dem von einem deutschen Oberst angeforderten Bombardement in Kundus.
Er stellt sich damit sehr deutlich an die Seite von Margot Käßmann. "Krieg soll nach Gottes willen nicht sein", sagt der Präses. Genau diesen Satz haben 1948 Kirchen aus aller Welt erklärt, als sie sich zur Gründung des Weltrates der Kirchen in Amsterdam trafen.
"Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein", so ist die Erklärung von Amsterdam überschrieben. Darin heißt es:
Die Rolle, die der Krieg im heutigen internationalen Leben spielt, ist Sünde wider Gott und eine Entwürdigung des Menschen. Die herkömmliche Annahme, dass man für eine gerechte Sache einen gerechten Krieg mit rechten Waffen führen könne, ist unter den heutigen Umständen nicht mehr aufrecht zu erhalten.
Das ist klar und eindeutig und - wie ich meine - im Sinne der Bibel. Die Zeitung hat das gut zusammengefasst: "Gott will keinen Krieg". Nach allem, was wir durch die Bibel von Gott wissen, ist das so. Er will es nicht, dass Menschen sich gegenseitig gewaltsam umbringen. Er will, dass die Menschen in Frieden zusammen leben.
Nun haben sich seit 1948 die Zeiten gewaltig verändert. Damals kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren sich die meisten Menschen einig, dass nie wieder Krieg von deutschem Boden ausgehen sollte. Im Westen Deutschlands gab es keine Soldaten und keine Rüstung mehr. Das änderte sich bald. Im November 1955 wurden die ersten Soldaten der Bundeswehr vereidigt. Die Wiederbewaffnung Deutschlands kann man im Nachhinein als Sündenfall der deutschen Geschichte ansehen. Inzwischen sind deutsche Soldaten längst wieder in Kriegseinsätzen. Alle bis zum letzten Jahr im Bundestag vertretenen Parteien halten das für normal. Unsere Kirchenoberen haben nun darauf hingewiesen, dass dies längst nicht normal ist, jedenfalls nicht vom Standpunkt der Bibel aus betrachtet.

Hören wir noch einmal, was der Apostel Paulus schreibt:
"Vergeltet niemandem Böses mit Bösem.
Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
Wenn es möglich ist und so weit es an euch liegt,
haltet mit allen Menschen Frieden."
Christenmenschen sollen auf den Frieden bedacht sein. Das ist die klare Botschaft der Bibel, die eindeutige Botschaft Jesu. Frau Käßmann liegt vollkommen auf der Linie der Bibel, wenn sie sagt: Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen.
Menschen, die in der Friedensforschung tätig sind, weisen seit eh und je darauf hin, dass ein riesiges Ungleichgewicht besteht. Die Regierungen in aller Welt wenden weit mehr Mittel auf für Rüstung und Kriegführung als für die Förderung von friedlichen und gerechten Verhältnissen auf der Erde. Mehr Fantasie für den Frieden heißt auch mehr Mittel für die Förderung friedlicher Verhältnisse auf der Erde.
Von uns Christen kann und muss erwartet werden, dass wir klar und deutlich darauf hinweisen. Gott will keinen Krieg, Gott will Frieden auf Erden. Wer sonst, wenn nicht wir, soll das sagen? Die Friedensbotschaft Jesu immer und immer wieder von neuem verkünden, dafür sind wir als Christen da.
Politiker werfen Frau Käßmann vor, dass sie getan hat, was ihre ureigene Aufgabe ist. Als Frau an der Spitze unserer Kirche hat sie zu predigen, was im Sinne Jesu ist. Ihr vorzuwerfen, dass sie das tut, ist absurd. Das wirft ein Licht auf die Kritiker selbst. Sie, die Politiker wollen, dass der Krieg, den sie die Soldaten führen lassen, auch noch durch die Kirche gerechtfertigt wird. Die Kirche soll gleichsam ihren Segen dazu geben und sagen: Gegen die bösen Taliban hilft nur Gewalt.
Nur würde das die Botschaft Jesu in ihr Gegenteil verkehren. Die Römer, die zur Zeit Jesu herrschten, waren auch böse. Sie beuteten die Menschen in den unterworfenen Völkern und auch die Unterschicht im eigenen Land gnadenlos aus. Wer dagegen öffentlich Kritik übte, wurde ans Kreuz genagelt oder in den Arenen den Tieren zum Fraß vorgeworfen.
Jesus kannte die Logik des Krieges und der Gewalt: Jede Gewalt bringt neue Gewalt hervor. Das Fernsehen liefert uns täglich Bilder, die das bestätigen. Weil Gewalt nicht weiterhilft, hat Jesus strikt auf gewaltlose Maßnahmen des Widerstandes gesetzt. Durch eigene Friedfertigkeit den Gegner entwaffnen, das war seine Logik.
Paulus hat als treuer Bote seines Herrn diese Logik in den Nachbarvölkern Israels bekannt gemacht. Das Schreiben an die Christen in Rom ist eine Art Grundsatzpapier. Er fasst darin seinen Glauben, seine Theologie zusammen und entwirft eine Art Profil einer christlichen Gemeinde. Was Gemeinde ist und wie es in einer Gemeinde zugehen soll, das finden wir in den Versen, die für heute als Predigttext vorgegeben sind. Überschrift oder Leitmotiv ist die Liebe, die Christenmenschen im Umgang miteinander walten lassen sollen. Paulus schreibt:

"Die Liebe sei ohne Falsch." So heißt es bei Luther. Eine neue Bieleausgabe übersetzt so: "Die Liebe soll echt sein, nicht geheuchelt." Und ein Ausleger des Römerbriefes schreibt: "Die Liebe soll kein Theaterspiel sein." Gemeint ist also: Nichts Aufgesetztes soll zwischen den Gemeindemitgliedern sein, sondern ehrliche, aufrichtige Freundlichkeit und Wertschätzung.

"Verabscheut das Böse, haltet euch an das Gute!
Geht miteinander herzlich und geschwisterlich um. Übertrefft euch gegenseitig darin,
einander Achtung und Wertschätzung zu erweisen.
Seid fröhlich als Menschen der Hoffnung,
seid standhaft in aller Bedrängnis,
lasst nicht nach im Gebet.
Sorgt für alle in der Gemeinde, die Not leiden.
Übt Gastfreundschaft.
Segnet, die euch verfolgen;
segnet, und flucht nicht.
Freut euch mit den Fröhlichen
und weint mit den Weinenden.
Seid alle miteinander auf Einigkeit bedacht."

Ein Idealbild. Aber so sollen Leitbilder ja auch sein. Sie sollen sagen, wo es hingehen soll, sie sollen die Richtung anzeigen.
Deutlich wird: Innerhalb der Gemeinde soll Frieden herrschen. Die Gemeinde soll darin ein Vorbild sein für die ganze Gesellschaft. Mein Eindruck ist, wir sind hier in Wanheim auf dem Weg, den Paulus vorzeichnet. Menschen, die hin und wieder mal die Gemeinde erleben, selber nicht aktiv darin tätig sind, bestätigen das von Zeit zu Zeit. Ein junger Mann sagte kürzlich: "In dieser Gemeinde ist ein guter Geist." Wir sind nicht perfekt, das ist klar. Aber manches von dem, was Paulus als Leitbild vor eine christliche Gemeinde hinstellt, geschieht auch bei uns in Wanheim.

Das Leitbild des Paulus hat zwei Teile. Im ersten geht es um das Innenverhältnis der Christen untereinander. Im zweiten geht es darum, wie sie sich gegenüber Menschen außerhalb der Gemeinde verhalten sollen.
Da stehend dann diese Sätze:
"Vergeltet niemandem Böses mit Bösem.
Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
Wenn es möglich ist und so weit es an euch liegt,
haltet mit allen Menschen Frieden.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden,
sondern überwinde das Böse durch das Gute."

Als Friedensstifter sollen Christen auch nach außen wirken. Das tun sie unter anderem dadurch, dass sie öffentlich für den Frieden eintreten und Politiker daran erinnern, dass Krieg kein Mittel der Politik sein kann und sein darf. "Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein", sagt Präses Nikolaus Schneider, "alles andere sind Kompromisse". Ich würde noch weiter gehen und sagen: Krieg ist auf jeden Fall das falsche Mittel, keine Lösung, sondern eine Verschärfung eines vorhandenen Problems.
Es gibt keinen anderen Weg zum Frieden als den, auf den Paulus hinweist: "So weit es an euch liegt, haltet mit allen Menschen Frieden. Überwinde das Böse durch das Gute." Das Böse lässt sich nicht ausrotten. Es steckt ja in uns Menschen drin, auch in jedem Einzelnen von uns. Wir alle sind fähig, Böses zu tun, und tun das auch oft genug. Leider. Auch in uns selbst können wir das Böse nur durch das Gute überwinden. Indem wir nachsichtig sind mit uns, bereit, uns selbst zu verzeihen.
Gott will keinen Krieg. Nirgendwo.
Und der Friede Gottes, der weit über alles Verstehen hinausreicht, möge wachen über eure Gedanken und euch in eurem Innersten bewahren. (Phil. 4,7)