zur Übersicht
Predigt am 24. Januar 2010
Johannes 14,1 - Jahreslosung
 

"Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich."

Eine Jahreslosung ist eine Art Wegweiser für das Jahr. Sie fasst mit einem Satz zusammen, woran Menschen sich halten können, wohin sie ihr Leben ausrichten sollen. Ein Wort, das uns begleiten soll in diesem Jahr.

"Jesus Christus spricht" - So beginnt die Losung. Leicht übergehe ich diesen Vorspruch. In der Frauenhilfe wies eine darauf hin. Vor dem eigentlichen Satz steht doch noch etwas. "Jesus Christus spricht". In der Tat, das lässt aufmerken, darauf sollten wir achten. Es ist ja nicht selbstverständlich. Es steht auch nicht im griechischen Urtext. Am Ende des vorigen Kapitels findet sich ein Zwiegespräch zwischen Jesus und Petrus. Das vierzehnte Kapitel setzt dann unmittelbar mit dem Satz Jesu ein, der als Jahreslosung ausgewählt worden ist. Die Kommission, die für die Auswahl zuständig ist, hat dem Satz Jesu die drei Worte vorangestellt: "Jesus Christus spricht". Es soll ganz klar sein, von dem die folgenden Sätze stammen.
Dieser Satz hat aber auch für sich selbst eine Bedeutung. Er ist im Präsenz formuliert, in der Gegenwarts-form. Jesus spricht, er hat uns hier und jetzt etwas zu sagen. Er spricht zu uns nicht als der Handwerkersohn aus Nazareth. Er spricht als der Christus. Das ist der Name, den er für uns als Glaubende hat. Wir glauben, dass dieser Jesus von Nazareth der von Gott gesandte Retter ist, der Messias, auf Griechisch eben: der Christus. Christus ist der Name, den Jesus nach Ostern bekommen hat, der Glaubensname. Dieser Name steht für den Auferstandenen. Der spricht zu uns durch den Heiligen Geist.
So haben ihn Menschen gehört, als Johannes vor mehr als neunzehnhundert Jahren sein Evangelium schrieb. So hören wir ihn heute.
Das bleibt festzuhalten: Worte, die wir von Jesus in den Evangelien lesen und aus den Evangelien hören, sind nicht Worte aus ferner Zeit. Es sind Worte, die hier und heute zu uns sprechen als Worte des Christus, der durch seinen Heiligen Geist unter uns lebt und wirkt.

Also lassen wir die folgenden Worte jetzt und hier zu uns sprechen: "Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich."
Erschrecken lässt uns vieles. Am Donnerstag habe ich in der Frauenhilfe die Losung zum Thema gemacht. Da fiel den Frauen als erstes das Erdbeben ein. Wie mit einem Schlag praktisch ohne Vorwarnung alles zusammenbricht, wie die Menschen da leiden nach dem furchtbaren Schlag, das ist erschreckend. Die Frauen haben alle den vergangenen Krieg erlebt. So wie jetzt auf Haiti sah es nach verheerenden Bombenangriffen aus. Allerdings haben selbst die Angriffe auf Dresden im Februar 1945 längst nicht so viele Menschenleben gefordert wie das Erdbeben. Historiker haben ermittelt, dass in Dresden vor 65 Jahren zwischen achtzehn- und fünfundzwanzigtausend Menschen umgekommen sind. Jetzt hören wir von weit über 100.000 Opfern.
Erschreckend finden die Frauen auch, dass die Gewalt in unserem Land und weltweit zunimmt. Ein Mensch, der mit seinem Laptop im Flughafengebäude verschwindet, löst einen Großalarm aus. Radio- und Fernsehnachrichten berichten von dem Vorfall und spekulieren darüber, ob hier ein neuer Terroranschlag vereitelt worden ist. So groß ist die Angst mittlerweile überall.
Wenn man Jugendliche fragt, was ihnen Angst macht, dann ist für sie Gewalt ebenfalls ein Thema. Ein Konfirmand zum Beispiel schreibt: "Wenn mich jemand mit nem Messer bedroht." Das Stichwort "Drohungen" steht auf einigen Zetteln der Konfirmandinnen und Konfirmanden.
Auch die Schule macht Angst. Ein Mädchen schreibt: "Weil ich nicht weiß, ob ich das alles schaffe mit den ganzen Arbeiten und wegen G 8." Gemeint ist damit die verkürzte Schulzeit in den Gymnasien von neun auf acht Jahre. Ein Junge hat Angst davor, schlechte Noten seinen Eltern zu zeigen.
Das Leben insgesamt macht manchen Angst und auch der Tod. "Angst macht mir", schreibt eine, "dass ich jeden Tag dem Tod näher komme." Eine andere: "Mir macht Angst, Menschen zu verlieren, die mir wichtig sind." Noch eine ähnliche Äußerung: "Ich habe Angst davor, dass meine Familie und meine Freunde sich verletzen, Unfälle haben oder jemand stirbt."

Ich persönlich erschrecke, wenn ich die Entwicklung in unserem Land sehe. Ich erschrecke über die Unfähigkeit und Arroganz unserer Politiker. Am Donnerstag berichtete das Magazin "Panorama" über vierhundert Sparvorschläge in den Ministerien, mit denen die FDP Wahlkampf gemacht hat. Keinen einzigen davon hat sie nach der Wahl umgesetzt. Eine Staatssekretären antwortet dem Journalisten, der sie darauf anspricht: "Ach wissen Sie, was vor der Wahl gesagt wird." Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: "Aber wir halten alle unsere Versprechen." Mit einem Lächeln im Gesicht werden wir, das Wahlvolk, für dumm verkauft und belogen.

Was unser Land in die Krise gebracht hat, ist die Gier. Die Gier nach Geld, Macht und Geltung. Diese Gier hat ein Ausmaß angenommen, das erschreckend ist. Es scheint so zu sein: Je mehr einer hat, desto größer ist die Gier. Es wird nur langsam Zeit, dass wir den Klugschwätzern und denen, die mit ihren dunklen Anzügen und Krawatten das Wissen gepachtet zu haben scheinen, auf die Schliche kommen.

Ich merke: Wenn man dem Erschrecken Raum gibt, breitet es sich aus. Deshalb will ich nun auf den zweiten Teil der Losung schauen und den zu uns sprechen lassen: "Glaubt an Gott und glaubt an mich."
Was hilft mir gegen die Angst, was macht mir Mut? Konfirmandinnen und Konfirmanden habe ich gebeten, dazu ebenfalls etwas aufzuschreiben. Einige Antworten: "Mir macht Mut, dass ich viele Freunde habe und ich denen vertrauen kann. Außerdem, dass meine Familie für mich da ist." Familie und Freunde nennen einige. Ein anderes Mädchen schreibt: "Mut macht mir, dass ich Freunde und Familie habe, die mir helfen und mich unterstützen bei den Dingen, die ich nicht alleine tun kann." "Freundschaft, Vertrauen, Hilfe durch andere Menschen", schreibt ein Junge. Weitere Äußerungen: "Lob von anderen und der eigene Wille. Ziele, die ich mir setze. Geborgenheit, die ich erfahre."
Das können wir Erwachsenen wohl so unterschreiben. Den Menschen in Haiti jetzt zu sagen "Glaubt an Gott", das wäre ein Hohn. Da waren wir uns in der Frauenhilfe einig. Ihnen kann man nur helfen in ihrer gegenwärtigen Not durch das, was auch weltweit geschieht: Indem sie versorgt werden mit dem zum Leben Notwendigen.
Freunde, Familie, andere Menschen, die da sind, wenn man sie braucht - das ist wohl für alle das beste Hilfs- und Heilmittel gegen das, was uns Angst macht und erschrickt.
Jesus, der Christus, nennt ein weiteres Heilmittel: der Glaube. "Glaubt an Gott und glaubt an mich." In der Frauenhilfe sagten einige: Der Glaube ist doch wirklich oft der letzte Halt, den man hat. Der Glaube hilft, eine Krankheit durchzustehen. Der Glaube gibt Trost in der Trauer. Er schenkt Zuversicht, wenn man nicht mehr weiter weiß.

"Glaubt an Gott und glaubt an mich", sagt Jesus, als wenn das zwei verschiedene Dinge wären. Dabei hat Jesus den Glauben an Gott gelebt, mit seiner Person verkörpert. "Glaubt an mich", heißt also so viel wie: ´Glaubt daran, dass ich Gottes Wesen und Willen verkörpert habe.` Dem Satz der Jahreslosung schließt sich ein Gespräch Jesu mit den Jüngern an, in dem er genau dies sagt: "Wenn ihr erkannt habt, wer ich bin, werdet ihr auch meinen Vater erkennen." Wir sollen also glauben, dass in dem Tun und Reden Jesu Gott zu erkennen ist. Ganz besonders ist Gott zu erkennen im Leiden und Sterben Jesu und in seiner Auferstehung.
Gott, so hat es Dietrich Bonhoeffer geschrieben, ist bereit, das Leiden der Menschen und der ganzen Schöpfung mitzuleiden. Aber er ist nicht bereit, es dabei zu belassen. Er will Veränderung, er will, dass Leid beendet wird. Das hat er gezeigt durch die Auferweckung Jesu von den Toten.
Ohne diesen Glauben sähe die Welt anders aus. Ohne diesen Glauben wären wir arm dran. Ohne den Glauben gäbe es wohl keine Menschlichkeit auf der Erde.

Einen schönen Text dazu habe ich vor kurzem gelesen:

"Machen wir doch die Probe aufs Exempel,
das heißt, testen wir einmal ganz unverbindlich
den Gedanken,
wie denn eine Welt
ohne Auferstehung,
ohne Auferweckung,
ohne Aufstand gegen den Tod aussieht.

Jeder Anfang nutzlos,
weil sich Hoffnungen nicht lohnen,
weil das Ende vorgezeichnet ist.

Tagein, tagaus das gleiche:
Keine Perspektive.
Nur der Trott von gestern über heute nach morgen, aber kein Morgenrot in Sicht.

Und am Ende kein happy end.
Das wäre vielleicht auch zuviel verlangt.
Aber noch nicht einmal eine Aussicht,
nur ein Ende mit Schrecken und dahinter gar nichts.
Keine Gerechtigkeit für die Opfer,
die sich nicht wehren konnten,
die allein gelassen wurden.
Keine Versöhnung zwischen denen,
die sich nicht versöhnen konnten.
Kein Friede, der im Leben nicht zu schließen war.
Einfach nur das Ende.
Keine klitzekleine Auferstehung
in das Gedächtnis der Menschen der Welt.
Alle Spuren ausgelöscht."
(Thomas Laubach, Das kleine Buch zum Leben, S. 36)

Der Glaube gibt uns Menschen einen Halt und treibt uns zum Helfen an. An Jesus glauben heißt, in seinem Sinn tätig werden. Was Jesus getan hat, war ein Tropfen auf den heißen Stein. Er konnte die Verhältnisse in der Welt nicht ändern, die Mächtigen nicht vom Thron stoßen. Doch er konnte einzelnen Menschen helfen und ihre Not wenden. Durch sein Beispiel hat er gezeigt, dass jede kleine Hilfe sinnvoll und notwendig ist. Jede Hilfe wendet eine Not, macht die Welt um ein Leid ärmer.

Die große Hilfsbereitschaft, die im Moment in der ganzen Welt zu beobachten ist, zeigt, dass der Glaube lebendig ist. Gott hat uns Menschen ein Herz gegeben, das mitfühlt und mit leidet und zum Helfen bereit ist. Im Sinne Gottes wäre es, wenn die Menschheit nicht nur hilft, wenn eine akute Notsituation da ist, sondern anfinge, auch die Ursachen von Armut, Hunger und Obdachlosigkeit zu bekämpfen.
"Glaubt an Gott und glaubt an mich." Ich höre den Satz Jesu auch als einen Appell an uns: Schafft gerechte Verhältnisse auf der Erde. Glaubt nicht den Klugschwätzern, denen es nur um die eigene Macht und die Befriedigung der eigenen Geltungssucht geht. Vertraut vielmehr denen die Regierungsverantwortung an, die glaubwürdig für mehr Frieden und Gerechtigkeit eintreten. Und tut das auch selber. Jede und jeder Einzelne von uns kann einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass die Schöpfung bewahrt wird, gerechtere und friedlichere Verhältnisse geschaffen werden.
Die Folge wird sein: Je friedlicher und gerechter die Verhältnisse auf der Erde sind, desto geringer wird das, was uns in Angst und Schrecken versetzt.
Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich. Amen.