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Predigt zu Römer 5,1-5
28. Februar 2010 - Reminiszere
Haben oder hätten wir Frieden mit Gott?
 

Haben wir Frieden mit Gott, oder ist dieser Frieden etwas, das wir gern hätten und wonach wir suchen sollen?
Der Apostel Paulus schreibt: "Wir sind von Gott gerecht gesprochen aufgrund des Glaubens. Deshalb haben wir Frieden mit Gott." So oder ähnlich geben die meisten Bibelübersetzungen die Worte des Paulus wieder. Im griechischen Urtext findet sich aber eine Schreibweise, die ins Deutsche übersetzt so klingt: "Wir sind gerecht gesprochen, deshalb hätten wir Frieden mit Gott, deshalb sollten wir mit Gott Frieden haben oder wie die Bibel in gerechter Sprache schreibt: "So lasst uns mit Gott Frieden halten."

Es gibt nicht nur verschiedene Bibelübersetzungen. Es gibt auch von dem griechischen Text verschiedene Fassungen. Die meisten griechischen Fassungen überliefern den Satz im Konjunktiv: "Wir hätten Frieden mit Gott, wir könnten Frieden haben". Die meisten Bibelübersetzer und Ausleger haben sich aber für die andere Schreibweise entscheiden. Sie klingt ja auch schöner: "Wir haben Frieden mit Gott." Im Griechischen ist da nur der kleine Unterschied zwischen dem langen "O", dem Omega, und dem kurzen "O". Möglicherweise ist durch einen Hörfehler beim Diktieren aus dem kurzen ein langes "O" geworden oder umgekehrt, so erklären Bibelwissenschaftler die unterschiedliche Überlieferung.

Ich habe jetzt ein bisschen aus dem Studium geplaudert. Denn da lernt man, biblische Texte kritisch zu betrachten. Ich habe das erzählt, weil ich die unterschiedliche Lesart an dieser Stelle bezeichnend finde.

"Wir haben Frieden mit Gott." Das wird in der Kirche gern behauptet. Doch wer kann das ehrlichen Herzens von sich sagen? Wer von uns hat seinen Frieden mit Gott? Wer hadert nicht manchmal? Wer zweifelt nicht manchmal? Wer verliert nicht schon mal den Boden unter den Füßen, weil ihm der Glaube, das Vertrauen und die Hoffnung abhanden gekommen sind? Wer ist deshalb nicht schon mal verzweifelt, ganz und gar ohne Frieden mit Gott und mit sich selbst?

Wenn wir bedenken, was wir an Nachrichten in der vergangenen Woche gehört haben, müssen wir feststellen: Frieden mit Gott - davon sind auch die Kirchen weit entfernt. Beide, katholische und evangelische Kirche beherrschten die Nachrichten mit negativen Schlagzeilen. Wobei ich da deutlich unterscheide. Auf katholischer Seite sind Verbrechen geschehen. Furchtbare Verbrechen an Kindern.

Was unsere evangelische Kirchenfrau getan hat, ist dermaßen aufgebauscht worden, als wäre es ein Verbrechen. Es war aber keins. Es war ein persönliches Fehlverhalten, ein Straftatbestand, keine Frage. Mit ihrem Verhalten hat sie sich selbst und andere Menschen gefährdet. Aber zum Glück ist nichts passiert. Deshalb kann man zu Recht sagen kann: Es gibt Schlimmeres.

(Den folgenden Abschnitt habe ich aus der mündlich vorgetragenen Predigt gestrichen.
Der gewaltige Aufruhr in den Medien, der sich schnell auf die führenden Kirchenleute übertragen hat, steht in keinem Verhältnis zu dem Vergehen von Margot Käßmann. Es war eine Riesendummheit, die man ihr nicht zugetraut hätte, vielleicht auch eine Selbstüberschätzung oder schlichter Leichtsinn. Jedenfalls nicht so schwerwiegend, dass sie notwendiger Weise ihre Ämter niederlegen musste.
Sie hat es getan, weil es ihre Art ist, sich wie Martin Luther hinzustellen und zusagen: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders". Da ihr Ansehen schon seit der Kritik am Afghanistan-Krieg Schaden genommen hatte, sah sie nun für sich keinen anderen Ausweg mehr. Schade für sie selbst, schade für unsere Kirche.)

Wie dem auch sei, der Aufruhr um ihr Vergehen und ihre Person zeigt: Von wirklichem Frieden mit Gott sind wir auch in unserer evangelischen Kirche weit entfernt.

Darum finde ich, dass die andere, von fast allen Bibelübersetzungen übergangene Schreibweise unserer Wirklichkeit näher ist. "Wir sind von Gott gerecht gesprochen, deshalb könnten wir Frieden haben mit Gott, deshalb sollen wir Frieden mit Gott halten." Den Frieden mit Gott zu suchen, das ist unsere Aufgabe.

Es ist ein steiniger Weg dahin. Wirklich am Ziel, so vermute ich, sind wir, solange wir leben, nie. Paulus spricht von einem Dreischritt. Den müssen wir, solange wir leben, immer wieder gehen. Der Dreischritt geht so:
"Wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt,
Geduld aber Bewährung,
Bewährung aber Hoffnung".

Geduld - Bewährung - Hoffnung, das ist der Dreischritt, dem sich als vierter der Frieden anschließt: "Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden". Hoffnung schafft die Gewissheit, getragen zu sein, von der Liebe Gottes umgeben und erfüllt zu sein.

Es klingt wieder so einfach, doch muss man von dem einen zum anderen Schritt erst einmal kommen.
Bedrängnis erfahren Menschen auf unterschiedlichste Weise.
Das kann eine Krankheit sein. Es kann der Tod eines geliebten Menschen sein. Es kann ein Problem sein, das einen bedrängt. Eine Klassenarbeit in einem Fach, das einem nicht liegt. Eine drohende Fünf auf dem Zeugnis. Es kann die Arbeitslosigkeit sein, in die einer nach dreißig treuen Dienstjahren in einer Firma plötzlich entlassen wird, der sich dann auch noch das dumme Geschwätz des FDP-Vorsitzenden anhören muss. Ich vermute, jede und jeder hier weiß, wie das ist, wenn einen etwas bedrückt und belastet.
Da könnte man verzweifeln. Da hat man das Gefühl: Ich halt das nicht mehr aus, ich kann nicht mehr. Da möchte man sich verkriechen, nichts mehr fühlen. Da spürt man vielleicht auch eine große Wut auf das, was einen so bedrückt und bedrängt.
Bedrängnis bringt Geduld, schreibt Paulus. Meine Erfahrung sagt: Na ja, so einfach geht das nicht, schon gar nicht von selbst, gleichsam automatisch, wie es hier klingt.
Leo Baeck ist einer, der große Bedrängnis erlitten hat, weil er Jude war. Er schreibt: "Einer der eigentümlichen Züge des jüdischen Wesens ist die Verbindung von Phantasie und Geduld. Ob das Leben in der Bedrängnis innerlich durchgehalten wurde, hing wesentlich davon ab, ob dieses beides in ihm lebendig blieb, die Geduld und die Phantasie: die Geduld, diese Widerstandskraft, die die Fähigkeit zu leben nicht aufhören lässt, und die Phantasie, die immer wieder und trotz allem eine Zukunft zeigt. Vielleicht hört ein Mensch erst auf, wenn er bloß die Vergangenheit und den Moment noch sieht. Beides muss da sein. Die Geduld richtet sich auf durch die Phantasie, und die Phantasie hat ihre Verbindung mit dem Leben des Tages durch die Geduld, ohne sie wäre sie ein bloßer Traum". (Gerhard Jankowski, die große Hoffnung, S. 119)
Also nicht hadern mit dem, was war und was ist, sondern sich ausmalen, was sein könnte, sich vorstellen, was das Leben an Schönem noch zu bieten hat - so kann Widerstandskraft wachsen, die durchhalten lässt in Bedrängnis.
Die Phantasie ist auch eine Art innere Flucht aus dem, was einen bedrückt und bedrängt. Sie schafft Abstand, lässt einen mit anderen Augen sehen.
Innerlich Abstand nehmen von dem, was einen belastet. Das hilft, sich ein wenig davon zu lösen.
Was auch immer hilft, sind andere Menschen, die das Leid mit einem teilen. Wenn man aussprechen kann, was einen bedrängt, wird es einem schon etwas leichter ums Herz.

Ich halte fest: Mit Phantasie, mit innerem Abstand, mit Hilfe von anderen Menschen kann aus Bedrängnis Widerstandskraft wachsen. So ist das Wort zu übersetzen, das in vielen Bibeln mit "Geduld" wiedergegeben wird.
"Die Widerstandskraft wiederum stärkt die Erfahrung, dass wir standhalten können. Die Erfahrung standzuhalten stärkt die Hoffnung." Und die Hoffnung gibt einen festen Halt.
Paulus hat das an sich selbst so erfahren. Er kennt Bedrängnisse zur Genüge. Ihm ist in allen Bedrängnissen die Kraft geschenkt worden durchzustehen. Daraus ist seine unerschütterliche Hoffnung erwachsen, dass Gott ihn jederzeit halten wird.

Dietrich Bonhoeffer hat diese Erfahrung ebenfalls gemacht. In seinem Bekenntnis heißt es:
"Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im Voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste
alle Angst überwunden sein."

Margot Käßmann hat am Ende ihrer Rücktrittserklärung gesagt: "Zuletzt: Ich weiß aus vorangegangenen Krisen: Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand. Für diese Glaubensüberzeugung bin ich auch heute dankbar."

Aus einer Krise, die man durchgestanden hat, kann Widerstandskraft für künftige Bedrängnisse wachsen und Hoffnung, gehalten zu sein, was auch geschieht.
Paulus schreibt: "In unserer Hoffnung werden wir nicht enttäuscht. Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen. Diese Gewissheit gibt uns Gott durch seinen Heiligen Geist."
Wir sind von Gott geliebte Menschen. Gott schätzt uns wert, seine Kinder zu sein. Weil das so ist, wird er uns nie und nimmer im Stich lassen. Er wird uns beistehen in allem, was geschieht und was uns widerfährt. In aller Bedrängnis wird er uns halten und hindurch tragen mit der Kraft seines Heiligen Geistes.
Wenn wir dies glauben können, dann haben wir wirklich Frieden mit Gott. Dann spüren wir, wie unser Herz fest und ruhig wird.
Aber das wird nie ein Dauerzustand sein. Deshalb, finde ich, sind beide Schreibweisen richtig. Von Gott aus gesehen, haben wir Frieden mit Gott. Er hat ja seine Liebe ausgegossen in unsere Herzen. Wir müssen diesen Frieden immer wieder suchen, uns immer wieder neu der Liebe Gottes vergewissern.

Und der Friede Gottes,
der weit über alles Verstehen hinausreicht,
möge über unsere Gedanken wachen
und uns in unserem Innersten bewahren. Amen.
(Phil. 4,7 nach NGU)