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Predigt am Reformationstag 2010
Römer 3,21-28
Allein durch Gnade - allein durch Glauben
 

Was macht unseren evangelischen Glauben aus? Was ist das Besondere daran? Im Männertreff haben wir uns diese Frage gestellt. Uns fiel zuerst ein, was zum Wesen der katholischen Kirche gehört und wir in der evangelischen Kirche nicht kennen.

Die wichtigsten Unterschiede sind: Die Marien-Verehrung und die Anbetung der Heiligen. Die Pflicht zur Beichte mit den Bußübungen, die geleistet werden müssen, um Vergebung der Sünden zu erlangen. Die Wandlung, der Glaube daran, dass sich beim Abendmahl Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandeln. Die Ordnung der Kirche von oben nach unten: ganz oben der Papst, darunter die Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe und ganz unten das Kirchenvolk, das nicht viel zu sagen hat. Der Papst hat laut katholischer Kirchenordnung die Vollmacht, unfehlbare Aussagen zu treffen über die Lehre der Kirche und das Leben der Gläubigen. Schließlich hat ein Konzil der katholischen Kirche im Jahr 1139 den Zölibat als Verpflichtung für alle Priester beschlossen. Eine unerträgliche Doppelmoral, zahlreiche Missbrauchsfälle und ein akuter Priestermangel sind Folgen dieses Gesetzes.

All dies hat Martin Luther in Frage gestellt, weil es von der Bibel her nicht zu begründen ist. Das Wort "reformieren" verbinden wir in der Regel mit Worten wie "erneuern" oder "zukunftsfähig machen", wie Leute sich ausdrücken, die fortschrittlich sein wollen. "Reformieren" heißt aber von der Bedeutung des Wortes her "zurück bilden". Martin Luther hat die Kirche zurück gebunden an ihren Ursprung, an die Bibel. Das macht unseren evangelischen Glauben als allererstes aus: Die hohe Wertschätzung der Bibel als Quelle und Richtschnur des Glaubens. Sichtbares Zeichen dafür ist Luthers Übersetzung der Bibel. Damit hat er dem Kirchenvolk die Bibel zugänglich gemacht. Bis zur Reformation wurden die Messen in lateinischer Sprache gelesen. Außer den Gelehrten wusste kaum jemand, was in der Bibel drinsteht. Martin Luther hat mit seiner kraftvollen, poetischen Sprache Zugang zu den Herzen der Menschen gefunden. Seine Bibelübersetzung prägt das Glaubensleben der Menschen bis heute. Bestimmte Bilder und Texte sind zum protestantischen Kulturgut geworden:
"Der Herr ist mein Hirte". "Es begab sich aber zu der Zeit". "Unser Leben währet siebzig Jahre und wenn´s hochkommt, so sind´s achtzig Jahre". Es gibt viele solcher Verse, die sich über die Jahrhunderte tief eingegraben haben in das gemeinsame Gedächtnis der Protestanten. Bei uns ist es üblich, dass einzelne Verse als Gedenksprüche bei bestimmten Anlässen mit-gegeben werden. Zu Taufe, Konfirmation, Trauung gibt es einen Spruch, der für die betreffenden Menschen oft eine besondere Bedeutung in ihrem Leben gewinnt. In all dem zeigt sich die besondere Wertschätzung der Bibel in unserer evangelischen Kirche.

Vieles, was in der Bibel steht, ist nicht unmittelbar verständlich. Deshalb genießt auch die Predigt in unserer evangelischen Kirche eine besondere Bedeutung. Denn hier geht es darum, die Botschaft der Bibel zu erklären und verständlich zu machen.
Das Wort der Heiligen Schrift und unser Leben heute miteinander versprechen, so hat es ein Theologe einmal genannt, das ist Sinn und Aufgabe der Predigt.

Also schauen wir uns das Wort einmal an, das für den heutigen Gottesdienst vorgegeben ist. Es ist ein Abschnitt aus dem Römerbrief. Der wiederum gehört zum Kern unseres Glaubens. Beim Studieren des Römerbriefes hat Luther die Entdeckungen gemacht, die zur Reformation der Kirche, zu einer Rückbesinnung auf ihren Ursprung und damit zu einer grundlegenden Erneuerung geführt haben.

Hören wir zwei Verse in der Sprache Martin Luthers:
"Es ist hier kein Unterschied: sie - die Menschen - sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhms, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienste gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist." Der Abschnitt schließt mit diesem Vers: " So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke allein durch den Glauben."
Allein durch Gnade, allein durch den Glauben - diese beiden Stichworte haben in Luthers Denken und Glauben eine Verwandlung bewirkt.
Bis dahin hatte er geglaubt, sich durch sein eigenes Tun bei Gott Anerkennung verschaffen zu müssen. "Wie kriege ich einen gnädigen Gott?" Diese Frage trieb ihn um.
Jetzt erkannte er, dass er selber Gott gar nicht gnädig stimmen muss. Denn Gott ist gnädig von seinem Wesen her. "Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte." Ein Psalmvers, der vielen Menschen geläufig ist.
Als Mensch, das erkannte Luther, bleibe ich immer hinter dem zurück, was Gott von mir will und in mir angelegt hat. "Denn sie sind allesamt Sünder". Auch wenn ich mich noch so sehr bemühe, ich schaffe es nie, ein vollkommener Mensch zu werden. Ich bleibe immer anderen etwas schuldig. Auch mir selbst bleibe ich etwas schuldig. Ich bleibe immer auch Gott etwas schuldig. Denn es kommt immer wieder vor, dass ich mich nicht seinen Weisungen entsprechend verhalte.

Aus eigener Kraft und Anstrengung komme ich nie dahin, dass ich mit mir zufrieden sein kann und dass Gott mit mir zufrieden ist. Er ist es aber, weil er gnädig ist.

Eigentlich müsste Gott uns verurteilen, weil wir uns jeden Tag auf die eine oder andere Weise schuldig machen. Aber Gott deckt die Schuld zu und spricht uns frei. Weil er gnädig ist. Er ist zufrieden mit uns, auch wenn uns manches nur halb gut statt ganz gut gelingt. Ja mehr noch: Auch wenn da etwas voll und ganz daneben war, wenn ich richtig Mist gemacht habe - Gott deckt die Schuld zu, weil er gnädig ist.
Das ist die befreiende Entdeckung Martin Luthers. Das Einzige, was nötig ist zu einem befreiten Leben, ist der Glaube. "So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke allein durch den Glauben." Weil er gnädig ist, spricht Gott uns frei von aller Schuld und erklärt uns zu Gerechten. Um vor Gott gut und gerecht zu sein, müssen wir mehr nicht tun, als dies zu glauben.

Eine unglaubliche Befreiung liegt in diesem Glauben: wir dürfen uns selber annehmen, wie wir sind, weil Gott uns annimmt. Wir dürfen mit uns selbst zufrieden sein, weil Gott mit uns zufrieden ist. Wir müssen uns nicht plagen mit Schuldgefühlen, weil wir dies oder jenes nicht richtig gemacht haben. Wir müssen uns nicht unter den Druck irgendwelcher Anforderungen stellen. Wir können und dürfen so leben, wie es unseren Möglichkeiten und Fähigkeiten entspricht.

Martin Luther hat aus dieser befreienden Erfahrung Konsequenzen gezogen, die zur Bildung unserer evangelischen Kirche geführt haben. Luther hat gesagt: Alles, was die Kirche den Menschen auferlegt, um sich Gottes Gnade zu verdienen, das alles gehört abgeschafft, weil es mit der Bibel nichts zu tun hat: Ablässe, die man kaufen konnte, um damit Vergebung der Sünden zu erlangen, Anbetung von Heiligen und Verehrung von Reliquien, Beichte und Bußübungen, der Papst, der sich als Mittler zwischen Gott und die Menschen stellt - all das hat Luther für überflüssig erklärt. Um Gottes Gnade zu erlangen, ist allein der Glaube notwendig und sonst nichts.

Im Männertreff haben wir festgestellt: Die Freiheit, die von diesem Glauben ausgeht, ist ein weiteres Kennzeichen unseres evangelischen Glaubens.
"Wir sind so frei" - das war das Motto des Jubiläums in diesem Jahr: Vierhundert Jahre Evangelische Kirche im Rheinland.

Unser Glaube ist ein aufgeklärter Glaube. Wir sind so frei, auch Aussagen der Bibel für falsch zu halten, wenn sie nicht mit der Verkündigung Jesu übereinstimmen. Wir sind so frei, uns von niemandem vorschreiben zu lassen, was wir zu glauben und zu denken haben. Richtschnur ist für uns einzig und allein die Botschaft der Bibel, so wie Jesus sie gelebt und ausgelegt hat.

Unsere Freiheit ist gleichzeitig unsere Verantwortung. Wenn uns kein Papst und kein kirchliches Gremium vorschreiben kann, was wir zu glauben und wie wir zu leben haben, dann müssen wir es selbst herausfinden. Das tun wir in Gemeinschaft. Im Gespräch miteinander, im gemeinsamen Hören auf die Bibel und im Austausch über das Gehörte versuchen wir herauszufinden, was Gottes Wort und Weisung uns heute sagen will.

Das geschieht auf verschiedenen Ebenen. Auf der Ebene der Gemeinde fängt es an. Die Gemeinden wiederum treffen sich mit ihren Abgeordneten im Kirchenkreis. Der Kirchenkreis wiederum schickt Abgeordnete in die Landessynode. So hat es die Synode, die 1610 hier in Duisburg getagt hat, beschlossen. Mit diesen Beschlüssen fand das reformatorische Freiheitsverständnis Eingang in die Ordnung der protestantischen Kirche, wie sie bis heute Gültigkeit hat.
Auf den verschiedenen Ebenen unserer Kirche vergewissern wir uns immer wieder neu, was Gottes Wort für uns heute ist.

Und dann bemühen wir uns, es als Gemeinde, als Kirchenkreis, als Landeskirche und als einzelne Christen in unserem Alltag umzusetzen.
Auch wenn uns das manchmal mehr schlecht als recht gelingt, vertrauen können wir darauf, dass Gott uns gnädig ansieht. Denn Gott ist treu, auf seine Güte ist Verlass. Wir sind so frei, im Vertrauen auf diesen Gott zu leben.