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Bittgottesdienst für den Frieden am 14. November 2010
Predigt über Micha 4,1-5
Bittgottesdienst für den Frieden
 

Erstaunliches ist geschehen in diesem Jahr: Die Menschen haben die Straße wieder entdeckt. Die Straße als Versammlungsraum, die Straße als Ort, eine Botschaft zu verkünden: ´Wir entrüsten uns. Wir wollen etwas anderes als ihr da oben, ihr Politiker, ihr Banken, ihr Fonds und Großkonzerne. Wir nehmen nicht mehr schweigend hin, was ihr beschließt. Wir Bürgerinnen und Bürger nehmen jetzt selbst Verantwortung wahr für das Wohl unserer Stadt und unseres Landes, für das Wohl der Menschen, die hier leben. Denn ihr da oben nehmt diese Verantwortung nicht genügend wahr. Ihr seid Volksvertreter, aber ihr vertretet uns Bürgerinnen und Bürger nicht.`

In dem Wiederaufleben der Demonstrationen zeigt sich ein wachsendes Misstrauen der Bevölkerung gegenüber Politikern und Managern. Das Misstrauen hat handfeste Gründe. Es macht sich fest an gefährlichen und unsinnigen Großprojekten: Laufzeitenverlängerung der Atomkraftwerke, Tieferlegung des Stuttgarter Bahnhofs. Es macht sich fest an der wachsenden Armut in unserem Land, an der auseinander gehenden Schere zwischen Arm und Reich.

In der Friedensfrage ist es ruhiger geworden. Am Jahresanfang hat noch eine Äußerung der damaligen Ratsvorsitzenden Margot Käßmann für erheblichen Wirbel gesorgt. "Nichts ist gut in Afghanistan", hat sie gesagt. Ich will heute am Friedenssonntag die Worte noch einmal in Erinnerung zu rufen, die sie in ihrer Neujahrspredigt in Dresden gesagt hat:

"Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. Wir brauchen Menschen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut von Alternativen zu reden und mich dafür einzusetzen. Manche finden das naiv. Ich bin nicht naiv. Aber Waffen schaffen offensichtlich keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen. Vor gut zwanzig Jahren haben viele Menschen die Kerzen und Gebete auch hier in Dresden belächelt…."

Ja, vor 21 Jahren haben Menschen mit ihren Protesten auf der Straße den Fall der Mauer herbeigeführt, die Deutschland Ost von Deutschland West getrennt hat. Nun hat der Herr zu Guttenberg geäußert, dass Deutschland seine wirtschaftlichen Interessen notfalls auch mit Waffengewalt verteidigen müsse.

Seine Äußerung macht einmal mehr deutlich, dass nichts gut ist mit der Politik unserer Bundesregierung.
Die Botschaft von Käßmanns Predigt ist offensichtlich nicht angekommen, mehr Fantasie für den Frieden aufzuwenden, und ganz andere Formen zu entwickeln, Konflikte zu bewältigen.

Als Christen und als Kirche müssen wir darauf bestehen, dass mit Gewalt keine Konflikte gelöst werden können. Wir haben eine Vision zu verkünden. Die ist schon zweieinhalbtausend Jahre alt, aber immer noch weit von der Verwirklichung entfernt.

"Der Herr wird sein Wort ausgehen lassen. Er weist mächtige Völker zurecht und schlichtet ihren Streit. Dann schmieden sie aus ihren Schwertern Pflugscharen und aus ihren Speerspitzen Winzermesser. Kein Volk wird mehr das andere angreifen und niemand lernt mehr das Kriegshandwerk.
Jeder wird in Frieden bei seinen Feigenbäumen und Weinstöcken wohnen, niemand braucht sich mehr zu fürchten. Der Herr, der Herrscher der Welt, hat es gesagt."

Wenn die Menschheit nur hören würde, was Gott sagt! Es müsste niemand mehr hungern. Es müsste niemand mehr für einen Hungerlohn zu arbeiten. Es könnten alle in Wohlstand und Sicherheit leben. Schalom könnte sein, wirklicher Frieden, in dem es gerecht zugeht und alle genug haben. Genau das also, was die meisten Menschen auf der Erde sich wünschen.
Warum, so frage ich mich, ist es so schwer, dieses Ziel zu erreichen. Warum gelingt es der Menschheit nicht, die Vision des Propheten umzusetzen? Was hindert die Menschheit daran, Gerechtigkeit und Frieden auf der Erde zu schaffen?
Die Antwort auf diese Fragen heißt: Gier. Es ist die Gier, die zu Unfrieden und Ungerechtigkeit führt. Sie ist nach meiner Einschätzung die größte und verhängnisvollste Sünde unserer Zeit. Eine wirkliche Sünde. Denn sie sondert Menschen voneinander ab, sie trennt Menschen in Arme und Reiche, sie trennt Menschen von Gott.

Warum hat die Regierung beschlossen, die Laufzeiten für die Atomkraftwerke zu verlängern? Weil die Stromkonzerne es wollen. Warum wollen es die Stromkonzerne? Weil deren Manager und Aktionäre ohne Ende Geld scheffeln aus den Atomkraftwerken.
Warum meint ein Bankmanager, der sowieso schon über zehn Millionen Euro pro Jahr kassiert, er müsste noch mehr haben? Weil es andere Manager gibt, die eben mehr bekommen. Und was ein anderer kriegt, das habe ich doch wohl auch verdient. So ist die Einstellung. Wofür jemand mehrere Millionen braucht, wird gar nicht gefragt.

Wenn jemand öffentlich solche Fragen stellt, heißt es sofort: Wir wollen hier keine Neiddebatte führen. Nein, das ist keine Neiddebatte, das ist eine Gierdebatte. Die müsste dringend in unserem Land und weltweit geführt werden. Denn diese Einstellung zieht sich durch alle Schichten: ´Was der oder jener hat, will ich auch haben.` Darauf habe ich auch einen Anspruch.
Ein im wahrsten Sinne des Wortes - unheimliches - Anspruchsdenken hat sich in unserer Gesellschaft breit gemacht. Jeder Mensch, der lebt und gesund ist, genug zu essen und zu trinken und anzuziehen hat, ein ordentliches Dach über dem Kopf und eine ordentlich bezahlte Arbeitsstelle - jeder, dem es so geht, könnte hoch zufrieden sein.
Zufriedenheit ist aber ein Fremdwort heutzutage. Ein Manager, der zufrieden damit ist, wenn er einen Gewinn von sechs, sieben oder acht Prozent erwirtschaftet, wird gefeuert. Der Gewinn muss mindestens zweistellig sein. So erwarten es Aufsichtsräte und Aktionäre der Banken und vieler Unternehmen.
Dieses Anspruchsdenken führt dazu, dass denen, die die Gewinne erarbeiten, niedrigste Löhne gezahlt werden.

Die Gier hat noch viele andere Gesichter. Die Gier, im Rampenlicht zu stehen. Die Gier nach Macht und Ansehen. Die Gier der Politiker, von denen, die über das große Geld verfügen, umschmeichelt zu werden.

Schon vor langer Zeit hat Gott den Menschen klar gemacht, dass die Gier das Hauptübel ist, vor dem sie sich hüten müssen. In der Reihe der Zehn Gebote heißt es zweimal: "Du sollst nicht begehren". "Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat." Damit sind alle anderen Gebote noch einmal auf den Punkt gebracht und zusammen gefasst. Denn töten, ehebrechen stehlen, schlecht über jemanden reden, den Ruhetag entweihen, alte Menschen im Stich lassen - all das hat ja auch etwas mit Gier zu tun.
Darum erklärt der Heidelberger Katechismus das Gebot so: "Es soll nicht die geringste Lust oder auch nur ein Gedanken gegen irgendein Gebot Gottes in unser Herz kommen. Sondern wir sollen jederzeit von ganzem Herzen aller Sünde feind sein und Lust zu aller Gerechtigkeit haben."

Persönlich können wir uns nur hüten vor jeder Art von Gier. Denn sie schlummert in jedem Menschen. Zufriedenheit einüben ist ein guter Weg dahin.
In unserer Gesellschaft müssen wir uns dafür stark machen, dass der Gier Grenzen gesetzt werden. Es kann und darf nicht sein, dass Einzelne immer und immer mehr für sich selber abzweigen. Es muss so sein, dass alle genug haben, um gut leben zu können.

Weil Politiker es allein nicht schaffen, der Gier Grenzen zu setzen, darum gehen Menschen auf die Straße.
Frieden kommt nicht von allein. Wir Menschen müssen ihn erarbeiten durch Arbeit an uns selbst und durch unseren Einsatz für das große Ganze. Viele Mutbürger und Mutbürgerinnen* braucht unser Land. Menschen, die Mitverantwortung übernehmen. Ich bin froh über die vielen, die in Gorleben demonstriert haben, die in Stuttgart demonstrieren, die an diesem Wochenende in vielen Städten demonstriert haben, auch die paar, die hin und wieder hier in Wanheim vor dem Tor der GNS demonstrieren.

Es ist an der Zeit, dass die Bewegung für mehr Frieden und Gerechtigkeit und für die Bewahrung der Schöpfung sich wieder deutlich bemerkbar macht. Wir Christen gehören dazu.

* Das Stichwort "Die Mutbürger" und einige Gedanken der Predigt sind dem gleichnamigen Artikel von Barbara Supp in Der Spiegel 42/2010 entnommen.